Lea's größter Weihnachtswunsch

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Lea's größter Weihnachtswunsch




Lea’s größter Weihnachtswunsch  weihnacht1

Im Kinderheim in der Münchner Sonnenstraße wurden die Tische gedeckt. Die ersten Schulkinder waren heimgekommen.
„Ah hier ist es schön warm“, meinte der zehnjährige Franz und rieb sich die Hände. „Draußen habe ich kalte Ohren bekommen.“
„Weichei“, zischte Paula.
„Bin ich gar nicht.“
„Doch bist du“, unterstützte Mandy ihre Freundin.
„Frau Müller, die Mädchen ärgern mich.“
„Hört auf damit. Franz, ruf die anderen und dann wird gegessen“, bestimmte die Erzieherin.
Zehn Kinder setzen sich an den Tisch, den Mandy und Paula für alle gedeckt hatten.
„Wo ist Lea?“, fragte Frau Müller. „Paula, geh sie holen. Dass sie immer eine Extraeinladung braucht.“
„Immer ich“, maulte Paula und ging in das Mädchenzimmer im ersten Stock.
„Sie ist nicht da!“, schrie Paula kurz darauf schon vom Treppenabsatz.
„Wie, sie ist nicht da? Wer ist mit ihr aus der Schule gekommen?“, fragte Frau Müller.
Die Kinder blickten sich an. Aber keiner hatte Lea gesehen.
„Wir fangen an, dann muss sie ihre Suppe eben kalt essen.“
Doch das Mädchen kam auch in der nächsten halben Stunde nicht ins Heim.
Frau Müller war sauer. Wütend griff sie zum Telefon. Zuerst fragte sie bei der Schulsekretärin nach.
Von ihr erhielt sie jedoch die Auskunft, dass Leandra Beier, so ihr vollständiger Name, die Schule pünktlich verlassen hatte. Demnach musste jetzt nach ihr gesucht werden.
Schnell informierte Frau Müller daraufhin auch den Heimleiter, Herrn Sommer.
„Leandra Beier, das ist doch das kleine dürre Mädchen, oder?“, fragte Herr Sommer die Erzieherin.
Frau Müller schnaufte und sprach: „Lea ist acht Jahre alt und eine Träumerin. Sie hat wenig Kontakt zu den anderen, bleibt meist für sich. Sie verschlingt jedes Buch, das sie erwischen kann. Sie konnte schon lesen, als sie zu uns kam. War das einzige Kind und seitdem ihre Eltern vor drei Jahren bei einem Autounfall ums Leben kamen, ist sie bei uns. Keine weiteren Verwandten.“
„Wie lange ist sie überfällig?“
„Fast zwei Stunden.“
„Dann verständige ich die Polizei.“

Indessen war Lea auf dem Münchner Hauptbahnhof angekommen. Sie hatte ihre Reise gut geplant und wusste, dass sie den Zug nach Hamburg nehmen musste. Denn diese Stadt lag im Norden, und sie wollte ganz weit in den Norden, bis zum Nordpol. Dort lebte der Weihnachtsmann. Lea wollte ihren Weihnachtswunsch persönlich abgeben. Zweimal hatte sie ihm schon geschrieben. Lea glaubte fest an den Weihnachtsmann und sie wusste, dass ihre Post an ihn verloren gegangen sein musste, denn er hatte ihren Wunsch bisher nicht erfüllt. Als sie in den großen, weißen Zug einstieg, bekam sie Bauchschmerzen. Es plagte sie das schlechte Gewissen, denn sie wusste, dass sie mit ihren acht Jahren eine Fahrkarte benötigte. Aber sie hatte dafür kein Geld. Langsam ging sie durch den Wagen und suchte sich einen Platz. Ein Fensterplatz wäre schön. In der letzten Reihe fand sie einen freien Sitz. Sie nahm ihre Schultasche ab und holte ihren Bären heraus.
„Schau Pu, da kannst du rausgucken.“
Der Waggon füllte sich.
„Ob hier wohl noch jemand zum Weihnachtsmann will?“, dachte Lea laut.
Der Zug setzte sich in Bewegung und über Lautsprecher begrüßte sie jemand auf der Fahrt nach Hamburg über Ingolstadt, Würzburg und Hannover.
Sie verließen den Bahnhof und am Fenster zogen schneebedeckte Bäume, Straßen und Wiesen vorbei. Lea und Pu blickten hinaus. Bald war das Mädchen eingeschlafen.
Lea bemerkte deshalb auch nicht die Frau, die sich inzwischen zu ihr gesetzt hatte und sie eindringlich betrachtete.
Der Zug fuhr schnell und innerhalb kurzer Zeit hatte er sich bereits viele Kilometer von München entfernt.
Als der Schaffner zur Fahrscheinkontrolle kam, schlief das kleine Mädchen noch immer.
Die Frau neben Lea zeigte ihre Fahrkarte. Der Zugbegleiter nahm an, dass die beiden zusammengehörten und weckte das Mädchen deshalb auch nicht.
In Nürnberg dann, stieg die Frau jedoch schon wieder aus.
Lea erwachte, als ein alter Mann fragte, ob der Platz neben ihr noch frei sei. Sie nickte.
Doch als der Zugbegleiter zu einer erneuten Fahrscheinkontrolle kam, fragte er Lea verwundert: „Aber wo ist denn deine Mutti?“
„Tot.“
Der Mann wurde kreidebleich.
„Aber Kind, sie saß doch eben noch hier, wo jetzt der Herr sitzt.“
„Das war nicht meine Mutti.“
„Wer begleitet dich?“
„Niemand.“
„Aber du kannst doch nicht alleine reisen. Wo willst du denn überhaupt hin?“
„Zum Nordpol.“
Der alte Mann neben ihr lachte laut.
„Alle Achtung, haste dir wat vorjenommen“, schnaufte er vergnügt.
„Zeig mir mal deinen Fahrschein“, bat der Schaffner.
„Ich habe keinen.“
„Wie heißt du?“
„Lea.“
„Gut. Ich bin Michael Ferber und jetzt gehen wir zu meinem Chef und klären das.“
Amüsiert sagte Leas Nachbar: „Wat kosten dat? Ick zahl die Karte für die Kleene.“
„Vielen Dank, aber das geht leider nicht“, lehnte Ferber ab.
„Komm Lea, lass uns gehen.“
Lea nahm ihre Schultasche und Pu, dann folgte sie dem Mann. Sie musste jetzt ganz tapfer sein. Doch dabei kämpfte sie mit den Tränen.
Im Dienstabteil wartete der Zugchef. Herr Ferber sprach mit ihm. Dann ging er mit Lea ins Nachbarabteil.
„Möchtest du einen Kakao?“
Lea nickte.
Herr Ferber bat eine Kollegin, das Getränk zu bringen.
Wenige Minuten später erschien der Zugchef.
„Ich habe mit der Polizei gesprochen. Das Kind wird schon vermisst. Sie haben uns gebeten, das Mädchen nach München zu bringen. Einer von uns muss mit ihr in Würzburg umsteigen und sie zurückbringen. Kannst du übernehmen, Michael?“
„Ja, natürlich mache ich das.“
Lea hatte kaum die Tasse geleert, da erreichten sie schon den Bahnhof Würzburg.
„Wir beide fahren nach München zurück. Dort vermissen sie dich schon. Wenn wir uns beeilen, schaffen wir den Gegenzug.“
Lea war unendlich traurig. Sie würde nicht zum Nordpol kommen und ihr Weihnachtswunsch sich wieder nicht erfüllen.
Es blieb ihr nichts anderes übrig, als dem Schaffner zu folgen.
Obwohl sie schnell ausgestiegen und die Treppen zum nächsten Bahnsteig hoch gelaufen waren,  war ihnen der Zug vor der Nase weggefahren. Nun mussten sie auf den nächsten warten. Mittlerweile war es dunkel geworden und in der Bahnhofshalle blinkten die Weihnachtsbeleuchtungen. Herr Ferber war mit Lea vor die Tür getreten.
„Schau Lea, da oben ist die Burg.“ Mit dem Finger zeigte er auf die vielen Lichter auf dem Berg.
„Lebt dort ein Burgfräulein?“, wollte Lea wissen.
„Nein nicht mehr.“ Herr Ferber schmunzelte.
„Weißt du, was wir jetzt machen?
Das Mädchen schüttelte den Kopf.
„Dann lass dich überraschen.“
Ferber nahm Lea bei der Hand und gemeinsam gingen sie auf den Bahnhofsvorplatz. Dort standen einige Weihnachtsbuden.
Es roch nach frisch gebrannten Mandeln und Tannennadeln.
„Hast du schon gegessen, Lea?“
„Nein.“
„Dann musst du Hunger haben, genau wie ich.“
Sie spazierten zu einem Stand mit Bratwürsten.
„Magst du so eine?“
„Hm. Ja.“
Ferber kaufte zwei Bratwürste in der Semmel, die sich die beiden schmecken ließen. Sie schauten sich die Auslagen an, bewunderten den feinen Christbaumschmuck und die handgemalten Weihnachtskarten. Bevor sie wieder zum Bahnsteig gingen, schenkte Ferber Lea noch eine Packung Lebkuchen.
Als der Zug am Bahnsteig einfuhr, waren beide durchgefroren. Sie freuten sich auf ein warmes Plätzchen.
Zärtlich drückte Lea ihren Bären an sich und flüsterte: „Du musst keine Angst haben, Pu. Wir fahren jetzt wieder zu den anderen. Frau Müller wird zwar mit uns schimpfen, aber das geht auch vorbei.“
„Du Lea, was wolltest du am Nordpol?“
„Den Weihnachtsmann besuchen. Ich wollte ihn bitten, mir meinen Wunsch zu erfüllen.“
„Was wünschst du dir denn?“
„Eine richtige Familie, die mich lieb hat und die ich lieb habe.“
„Bist du schon lange im Heim?“
„Seit meine Mama und mein Papa einen Unfall hatten. Da war ich fünf und jetzt werde ich bald acht.“
„Hast du keine Tanten oder eine Oma?“
Traurig schüttelte sie den Kopf.
„Ich weiß, dass meine Eltern nie wieder zu mir kommen können, weil sie als Engel im Himmel sind. Aber ich hätte den Weihnachtsmann gebeten, mir eine neue Familie zu schenken. Doch so große Kinder will niemand. Adoptiert werden nur Babys. Einmal war ich bei einer Pflegefamilie.“ Lea stockte.
„Was war dann?“, fragte Ferber behutsam.
Es war eine Familie mit zwei eigenen Kindern. Aber weil ich nicht brav war, musste ich wieder ins Heim.“
„Was ist passiert?“
Erst war alles schön. Aber ganz oft mussten wir uns ausziehen und der Mann hat uns fotografiert. Das fand ich doof und habe es der Frau vom Jugendamt erzählt. Noch am selben Tag kam ich wieder ins Heim. Seitdem hat mich niemand mehr gewollt. Ich hätte das eben nicht sagen dürfen.“
„Doch das war richtig. Wenn du die Wahrheit gesagt hast, dann war es richtig.“
„Natürlich war das wahr.“ Lea’s Augen funkelten, sie setzte sich kerzengerade hin und blickte Ferber fest in die Augen, ehe sie ihren Bären wieder fest an sich drückte und schließlich aus dem Zugfenster blickte. Rasant zog die Landschaft davor an ihren Augen vorbei.
Ferber tat das Mädchen leid, es hatte offensichtlich viel mitgemacht. Wie es schien hatte es das Schicksal bisher nicht gut mit ihm gemeint.
Nachdenklich betrachtete er das Mädchen und dachte bei sich, wie gut er und seine Familie es im Vergleich zu ihr doch hatten.
Inzwischen war Lea erneut eingeschlafen.
Die Stunden vergingen und schließlich rollte der Zug in den Münchner Hauptbahnhof ein.
Als Ferber und Lea ausstiegen, warteten schon zwei Polizisten und Frau Müller am Prellbock.
„Da bist du ja“, begrüßte Frau Müller das Kind. „Wir haben uns Sorgen gemacht. Warum bist du nur weggelaufen?“
Lea schwieg trotzig.
„Können wir gehen?“, fragte Frau Müller die Polizisten.
„Ja. Es ist alles geklärt. Wenn Sie uns begleiten, Herr Ferber, können wir das Protokoll erstellen.“
Frau Müller ergriff Leas Hand. Die Kleine drehte sich um und winkte zum Abschied Ferber zu. „Auf Wiedersehen.“
Auch Ferber winkte ihr zu.

Die Formalitäten waren schnell erledigt. Ferber meldete sich bei seinem Einsatzleiter.
„War wohl `ne aufregende Sache?“, begrüßte ihn dieser.
„Kann man wohl sagen. Das geht an die Substanz.“
„Geh nach Hause. Das war es für heute für dich. Bis Morgen dann.“
Gedankenversunken ging Ferber  zur S-Bahn. Er wartete auf die S 2 nach Petershausen.
In Dachau stieg er aus. Ein kalter Wind streifte ihn. Um den Kopf freizubekommen, entschied er sich für den fünfzehnminütigen Fußweg. Immer wieder dachte er an Lea.
Als er schließlich die Wohnungstür öffnete und kurz darauf sein Zuhause betrat, begrüßte ihn seine Frau verwundert.
„Was denn? Du bist schon hier? Ist was passiert?“
„Ach Helga, war das ein Tag“, antwortete er nur und gab seiner Frau einen Kuss.
Helga kannte ihren Mann nur zu gut und merkte daher sofort, da stimmte irgendwas nicht.
„Ich koche uns einen Tee und dann reden wir.“
Ferber nickte.

Zehn Minuten später saßen sie im Wohnzimmer und schlürften heißen Heidelbeertee.
„Was war denn los?“, begann Helga schließlich.
Und da sprudelte es aus Michael nur so heraus.
Er erzählte von dem kleinen Mädchen und wie er zuerst dachte, dass sie zu dieser Frau gehörte.
Als er von Lea berichtete, wurde seine Stimme ganz weich. Still und heimlich hatte sich dieses Kind gar schnell in sein Herz geschlichen.
Erst zwei Stunden später gingen die Eheleute ins Bett.
Michael wälzte sich lange hin und her, ehe er endlich Schlaf fand. Doch selbst im Traum erschien ihm Lea noch und bat ihn, sie zum Nordpol zu begleiten. Sie hatte Pu verloren und fühlte sich schrecklich allein. Sie streckte ihm ihre Hand entgegen, doch er konnte sie nicht erreichen.
Schweißgebadet fuhr er schließlich wieder aus dem Schlaf.

Als er am kommenden Tag zur Dienststelle kam, begrüßten ihn die Kollegen mit den Worten: „Hallo Babysitter!“
An seinem Spind hing eine Anzeige: „Findelkinder können bei Michi Ferber abgegeben werden!“
Kopfschüttelnd nahm er den Zettel ab.
Er versuchte sich auf seine Arbeit zu konzentrieren, was ihm sogar ganz gut gelang.
Doch als er dann eine kleine glückliche Familie im Abteil sitzen sah, fiel ihm Lea sogleich wieder ein.
Was sie wohl gerade trieb?, fragte er sich im Stillen und: Ob sie sehr schlimm ausgeschimpft worden war?
Als der Zug kurz darauf Würzburg erreichte, glaubte er den Duft von Mandeln und Tannengrün zu riechen.
Seine Fahrt ging aber noch weiter bis Kassel.
Dort verbrachten er und sein Team dann eine kurze Pause, ehe sie alle wieder die Rückreise nach München antraten.
Während die drei Kollegen scherzten, wirkte Ferber jedoch abwesend.
Die Gedanken an Lea ließen ihn einfach nicht mehr los.
Auch in den darauf folgenden Nächten träumte er wieder und wieder von ihr. Und jedes Mal versuchte er darin ihre Hand zu fassen und schaffte es wieder nicht.
Er musste unbedingt noch mal mit seiner Frau darüber sprechen.

Sonntagmorgen war es dann endlich soweit.
Er hatte Semmeln geholt und als er nach Hause kam, duftete es bereits nach frisch gebrühtem Kaffee.
Kaum saßen die Eheleute am Frühstückstisch zusammen, platzte es auch schon aus Michael heraus.
„Helga, mir will das kleine Mädchen einfach nicht mehr aus dem Kopf.“
Helga musterte ihn besorgt.
„Wie kann ich dir helfen?“
„Wollen wir die Kleine mal gemeinsam besuchen?“
Helga runzelte ihre Stirn.
„Und was soll das bringen?“
Michael zuckte seine Schultern.
„Nun ja, du könntest sie kennen lernen. Ich glaube sie würde dir gefallen.“
Da dämmerte Helga langsam, was das alles sollte.
„Aber Michael, wir haben zwei erwachsene Söhne. Das ist unsere Familie“, stellte sie daher mal gleich klar.
Michael nickte.
„Ja, ich weiß. Aber früher haben wir uns doch immer auch noch ein Mädchen gewünscht, nicht wahr?“, erwiderte er.
Helga gefiel die Richtung immer weniger, in die sich dieses Gespräch inzwischen entwickelte. Sie spürte regelrecht, wie dadurch die Situation langsam zu eskalieren drohte.
„Ja, aber es hatte eben nicht sein sollen. Also was soll das hier eigentlich? Du denkst doch wohl nicht ernsthaft daran, dieses Kind in Pflege zu nehmen?“
Darauf sagte Michael jetzt nichts, wich ihrem wachsamen Blick allerdings aus.
Damit bestätigte er ihren Verdacht also nur. Und es schien ihm auch noch bitterernst zu sein.
„Herrje Michael, gehts noch? Ich meine überleg doch mal“, legte Helga da nun nach. „Wir haben bereits zwei erwachsene Kinder, leben unser Leben. Da passt doch schon längst kein kleines Mädchen mehr hinein.“
„Wir könnten sie aber dennoch mal besuchen, oder?“, konterte Michael erneut.
Seine Frau seufzte aufgebracht.
„Aber damit weckst du doch nur Hoffnungen in der Kleinen, die sich am Ende nicht erfüllen werden. Nicht wenn es nach mir geht. Also, Nein. Das will ich nicht. Ende der Diskussion.“
Damit war die Sonntagsstimmung dahin. Verärgert stand Helga auf und räumte den Frühstückstisch ab.
Ferber jedoch ging die Sache noch immer nicht aus dem Kopf. Auch nicht an den Tagen danach.

Genau eine Woche nach diesem Vorfall hatte er schließlich frei.
Seine Frau war gerade auf einer Weihnachtsfeier, und so kam es, dass er wider aller Uneinigkeiten den Entschluss fasste, Lea dennoch zu besuchen.
Längst wusste er, wo sich das Kinderheim befand.
Auf dem Weg dorthin kaufte er sogar noch einen kleinen dunkelbraunen, weichen Bären mit einer roten Schleife.
Am Kinderheim angekommen, klingelte er schließlich und eine junge Frau öffnete ihm die Tür.
„Sie wünschen?“
„Ich bin Michael Ferber und wollte Leandra Beier besuchen.“
„Sind Sie ein Verwandter?“
„Nein. Ich habe sie nur letzte Woche im Zug kennen gelernt.“
„Ach so, Sie haben die Ausreißerin zurückgebracht. Das war gut, aber sehen können Sie Lea nicht.“
„Wieso nicht? Ist sie krank?“
„Nein, aber wir haben Vorschriften. Besuche nur nach Vorankündigung und Zustimmung der Heimleitung sowie des Vormundes.“
„Können Sie keine Ausnahme machen? Ich habe nur heute frei“, bat Ferber.
„Ich weiß nicht. Aber ich könnte den Heimleiter fragen.“
„Oh ja, dann bitte tun Sie das.“
Kurze Zeit später erschien Herr Sommer.
„Guten Tag Herr Ferber. Kommen Sie bitte herein. Danke, dass Sie uns Lea wiedergebracht haben.“
Er führte den Zugbegleiter in sein Büro.
„Kann ich das Mädchen sehen? Bitte.“
„Eigentlich geht das nicht.“
„Bitte, ich habe ihr einen Bären mitgebracht.“
Herr Sommers Blick fiel auf das Plüschtier in Ferber's Armen. Dann seufzte er nachgiebig.
„Also gut. Ausnahmsweise. Aber nur für zehn Minuten hier in meinem Büro.“
Ferber atmete erleichtert auf, als Herr Sommer das Mädchen schließlich rufen ließ.
Als sich ein paar Minuten darauf die Tür  wieder öffnete und Lea ihn erblickte, lief sie ihm fröhlich entgegen und umarmte ihn.
„Ich wusste, dass du kommst“, flüsterte sie.
„Geht es dir gut?“
Lea nickte.
„Ich habe dir was mitgebracht. Da hat Pu Gesellschaft, wenn du in der Schule bist.“
„Danke. Dankeschön.“
Freudestrahlend drückte sie den Bären an sich.
„Wie geht es in der Schule?“, fragte Ferber.
„Ganz gut.“
„Bist du wieder in die Stadt gefahren, wo wir auf dem Christkindlmarkt waren?“
„Nein. Ich bin nur durch Würzburg gefahren.“
So plauderten sie noch ein wenig, bis der Heimleiter auf eine Verabschiedung drängte.
„Wann kommst du mich wieder besuchen?“
Der Heimleiter räusperte sich: „Aber Lea.“
„Schon gut. Ich weiß“, sagte das Mädchen schnell.
„Ich weiß es noch nicht“, meinte Ferber da. „Machs gut Lea.“
Die Kleine drückte ihn zum Abschied ganz fest.
„Und vielen Dank für den Bären.“
Als Ferber wieder auf der Straße stand, wusste er nicht, was mit ihm los war. Er wollte nur sehen, ob es dem Mädchen gut ging.
Doch dieses Wiedersehen hatte ihn dennoch völlig durcheinander gebracht.
Er musste einfach nochmal mit Helga sprechen.
Auf dem Rückweg kaufte er schließlich einen großen Strauß Nelken, Helgas Lieblingsblumen und wappnete sich für ein weiteres schwieriges Gespräch. 

Diese berührende Geschichte verdient es einfach, zu Ende gelesen zu werden.
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Zuletzt von Evelucas am Di 24 Jul 2018 - 15:16 bearbeitet; insgesamt 21-mal bearbeitet (Grund : Überarbeitung)
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Lea's größter Weihnachtswunsch :: Kommentare

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Beitrag am Mo 25 Dez 2017 - 16:10 von Evelucas

Ich hätte mir wirklich keine schönere oder berührendere Weihnachtsgeschichte für dieses Jahr vorstellen können.
Ein echter Hoffnungsmacher für alle Waisen- und Heimkinder, selbst in unserer westlichen Welt.

GLG. Evelucas

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