Poldine muss zum Arzt / Sabine Siebert

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170917

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Poldine muss zum Arzt / Sabine Siebert




Poldine muss zum Arzt
by Sabine Siebert

Es war einmal eine kleine Dampflok, mit Namen Poldine. Sie war stark und schnaufte jeden Tag mit vier Wagen um den Chiemsee. Wenn sie dampfte, wackelte ihr roter Schal, der an ihrem blankgeputzten Schornstein flatterte. Sah sie Kinder, lachten ihre Kulleraugen. Sie liebte ihre Arbeit und noch mehr ihren Freund, den Lokführer Leopold, den sie liebevoll Poldi nannte. Im Sommer, wenn die Sonne heiß vom Himmel brannte, zuckelte Poldinchen gemächlich am Wasser entlang. 
Trödelte sie sehr, streichelte Poldi sie und flüsterte ihr ins Ohr: „Fahr schneller, sonst kommen die Kinder zu spät in die Schule.“

Dann schniefte Poldine laut und spurtete los. Dass die kleine Lok ganz schnell flitzen konnte, zeigte sie, wenn der Radfahrer Theo auf der Straße fuhr. Sie sauste schnell und erreichte den Bahnhof fünf Minuten vor der Ankunftszeit. Hatte sie Theo besiegt, strahlte sie übers ganze Gesicht. So ging es tagein und tagaus.
Eines Tages zuckelte Poldinchen wieder am See entlang und obwohl Theo auf der Uferstraße radelte, wurde die kleine Lok nicht schneller. Sie schniefte und ratterte, doch den Radfahrer holte sie nicht ein. 
Am Abend sagte Leopold: „Poldinchen, ich glaube, du bist krank. Du röchelst ganz laut und deine Nase läuft. Du musst zum Doktor.“    
„Ich bin nicht krank“, erwiderte Poldine trotzig. „Wenn ich mich morgen ausruhe, dann geht es mir wieder besser.“
Doch es ging ihr am nächsten und auch am übernächsten Tag nicht gut.
„Du wirst abgeholt und zum Lokdoktor nach Nürnberg gebracht“, erklärte Leopold. „Dort machen sie dich ganz schnell gesund und dann fahren wir wieder um unseren See.“
„Nein“, bettelte Poldinchen.
Doch da half kein Bitten und Betteln, am nächsten Morgen wurde die kleine Lok an eine große, rote Lok gekuppelt und ab ging es nach Nürnberg.
„Warst du schon bei dem Doktor?“, fragte Poldinchen die große Lok.
Doch die summte nur und antwortete nicht. Erst am Abend erreichten sie Nürnberg. Und Poldine kam in eine große Halle.
Am Morgen öffnete sich das Hallentor und zwei Männer in dunklen Arbeitsanzügen traten ein. Das waren der Lokdoktor und sein Assistent. 

„Schon wieder eine alte Lok“, sagte der Ältere mit einem Blick auf Poldine.
„Was ihr wohl fehlt?“, fragte der Jüngere.
„Haben wir gleich“, sagte der Doktor. Er trug einen großen Hammer mit langem Stil. Mit dem klopfte er an den Rädern und Stangen herum.
„Aua“, schrie die kleine Lok.
Doch die Männer hörten ihre Schreie nicht.
„Was fehlt dir, kleine Lok?“, fragte der Assistent.
Poldine antwortete nicht. Sollte der Doktor doch selbst suchen. 
Auch an den kommenden Tagen konnten sie die Krankheit nicht finden.

Zuhause am See wartete derweil der Lokführer Leopold auf seine Poldine. Er rief in Nürnberg an und erfuhr, dass die Lok noch krank war. Leopold nahm sich einen Tag Urlaub und fuhr in die Werkstatt. Als Poldine ihn erkannte, strahlten ihre Kulleraugen.
„Poldi, du bist hier!“, begrüßte sie ihn aufgeregt.
„Ja, Poldinchen. Ich habe gehört, du bist noch immer krank und da wollte ich dich besuchen. Hast du dem Doktor nicht gesagt, was dir wehtut?“
„Nein“, antwortete die Lok. „Der Doktor ist nicht nett. Er hat überall an mir herumgeklopft.“
„Aber Poldinchen, das muss er doch. Dann hört er, wo die Krankheit sitzt. Wenn du mit ihm sprichst, macht er dich schnell gesund und wir fahren nach Hause.“
„Dann sag ihm, dass meine Rohre verstopft sind. Deshalb bekomme ich keine Luft.“

Als Leopold kurze Zeit später mit dem Lokdoktor zurückkehrte, sagte dieser: „Hätte man mir doch sagen können. Das haben wir gleich.“ Er pustete die Rohre durch. Es kam viel Schmutz heraus. Poldine nieste zweimal kräftig und dann konnte sie wieder durchatmen. Bald darauf machten sich Leopold und sein Poldinchen auf den Heimweg. Sie fuhren die ganze Nacht und die kleine Lok schnaufte so fröhlich wie früher. Als die beiden am nächsten Tag wieder um den See fuhren, winkten ihnen alle Kinder zu und Poldine überholte den Radfahrer Theo mühelos.

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