Fräulein Anastasia Regenwurm / Eva von Kalm

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170917

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Fräulein Anastasia Regenwurm / Eva von Kalm




Fräulein Anastasia Regenwurm
by Eva von Kalm

Es war einmal ein wunderhübsches Mädchen, dessen liebste Beschäftigung es war vor ihrem Spiegel zu stehen und sich stundenlang anzusehen.
Ihre Geschwister verstanden sie einfach nicht. 
"Anastasia", sagten sie, "du bist verrückt. Warum gräbst und buddelst du nicht mit uns? Wir haben so viel Spaß. Der Frühling ist da, die Erde ist weich und wir müssen doch unser Anwesen verschönern."
"Aber ihr seid ganz schmutzig", beschwerte sich Anastasia und putzte sich die Erde herunter, die ihre Geschwister mitgeschleppt hatten. Diese zogen kopfschüttelnd von Dannen.
Das war doch einfach kein angemessenes Verhalten für einen Regenwurm. Auch Anastasia's Eltern konnten das Verhalten ihrer Tochter nicht verstehen. Doch als sie einsehen mussten, dass Anastasia nicht umzustimmen war, schlossen sie sich den anderen an, die schon angefangen hatten, Anastasia nur noch Fräulein Anastasia zu nennen und ihr meist aus dem Weg gingen.
Vor allem von ihrem Zimmer, in das sich Anastasia einen unterirdischen See als Spiegel hat anlegen lassen, hielten sie sich fern.

So kam es, dass Anastasia daran gewöhnt war, alleine zu sein, so auch an jenem schicksalhaften Tag, als sich das Blatt - und die Erde - plötzlich wendete.

Es war einer dieser Frühlingstage, an denen es draußen schon richtig warm ist und Anastasia sich über ihr kühles Zimmer freute. Sich gemütlich reckend und streckend, stand sie natürlich auch an diesem Morgen wieder vor ihrem Spiegel, um sich fein säuberlich den Dreck der Nacht abzuputzen .
So ein Wasser-Spiegel, war da schon recht praktisch.
Man konnte sich darin selbst bewundern und sich währenddessen sogar waschen.
Plötzlich aber kräuselte sich die Oberfläche des Sees. Kleine Wellen zogen ihre Kreise und Anastasia horchte auf.
Da - ein leises Plopp. Es wiederholte sich. Was war da los? 

Besorgt lief sie an ihrem Spiegelsee entlang auf und ab, suchte nach der Ursache. Da hörte sie ein lautes Wusch, Wasser spritzte und schon wurde sie von einem Schwall Schlamm getroffen. Ihr Blick flog nach oben.
Da traute sie ihren Augen kaum. Denn an ihrer Decke breitete sich gerade ein großes Loch aus.
Plötzlich kam da auch noch so ein komisches Eisendings hindurch. Sie musste sogar zur Seite springen, um davon nicht getroffen zu werden.
„Mama!“, schrie sie erschrocken.
Dann flitzte sie durch die Gänge zu ihrer Familie.
Im Hauptwohnraum angekommen gab es ein großes Gewusel, die ganze Familie lief schon schreiend durcheinander.
„Fritz!“, hielt Anastasia ihren älteren Bruder auf. „Was ist passiert?“ 
Zitternd und stotternd sagte er: „Urururgroßvater Willi, er, ihn, ich mein, ihn hat‘s erwischt.“
Erschrocken hielt Anastasia die Luft an.
„Das Eisendings?“, flüsterte sie. 
„Genau. Menschen!“ 
„Was machen wir denn jetzt?“, fragte sie ihn noch, aber Fritz war schon wieder fort.
So ein Mist, es half doch nicht einfach kopflos durch die Gegend zu rennen.
Anastasia fasste in Windeseile einen Entschluss. Unbemerkt von ihrer restlichen Familie bohrte sie sich einen Weg nach oben und landete genau neben dem großen Eisendings, das schon wieder in die Erde gestoßen wurde.
Da war er: Ein wahrer Riese, genauso, wie ihre Oma ihr die Menschen immer beschrieben hatte. Doch ehe sie sich's versah, wurde sie auch schon in die Luft gehoben.
Einen Augenblick lang wurde ihr schlecht.
So durch die Luft gewirbelt zu werden, hinterließ ein ziemlich dumpfes Gefühl im Bauch. 
Plötzlich hörte sie ganz seltsame Geräusche.
Ein tiefes Grollen, das sie nicht verstand. Fräulein Anastasia war aber ziemlich schlau und merkte daher bald, dass dieser Mensch da mit ihr sprach. Wenn sie ihn doch nur verstehen könnte. Oder er sie. 
Sie versuchte es: „Hey, du großer Mensch. Setz mich wieder auf den Boden!“
Der Mensch reagierte nicht.
Verzweifelt probierte sie es noch einmal.
„Du zerstörst unser Zuhause, großer Mensch. Das ist nicht so schlimm, wir können von vorne buddeln, aber bitte, lass uns doch leben!“ 

Hätte sie ihn verstehen können, wäre ihr da nun Folgendes zu Ohren gekommen: „Och, du kleiner Willi Wurm ...", und es hätte sie bestimmt geärgert, einfach für einen Willi gehalten zu werden. "Ich will dir nicht weh tun, aber ich muss mein Blumenbeet in Ordnung halten. Was mach ich denn jetzt mit dir? Ach, ich setz dich einfach da hinten hin. Da bin ich nämlich schon fertig.“
Und schon wurde sie auch wieder auf den Boden gesetzt, nur eben nicht dort, von wo sie hergekommen war.
Allerdings roch sie die frische Erde, nur keiner ihrer Familie hatte einen Wohnraum hier.
Zitternd - immerhin war all das doch ganz schön aufregend für so einen kleinen Regenwurm - saß sie eine Weile nur starr da, bevor sie sich überhaupt traute, in diesen komplett fremden, neuen und frischen Boden hineinzukriechen, wo es angenehm kühl sowie auch ein bisschen feucht war.
Anastasia aber fand keine Ruhe.
Denn da war noch ihre Familie!
Sie wollte sie retten, ihnen helfen! Doch wie nur?
Erst da fiel es ihr auf einmal auf: Hier war die Erde ruhig. Kein Grollen, kein Erdbeben, kein Eisendings.
Da kam ihr auch schon die rettende Idee!
Jetzt zeigte sich endlich der wahre Mut des Fräuleins Anastasia.
Hurtig machte sie sich ran, sich unter der Erde wieder zurück zu ihrem alten Zuhause zu buddeln.
Es dauerte gefühlte Stunden, doch dann endlich hatte sie es geschafft.
Immer noch krochen, schoben und wanden sich ihre Verwandten kopflos durch die Gegend.
Der Eine oder Andere, saß aber auch nur in irgend einer halbwegs sicheren Ecke herum und weinte bitterlich.
Anastasia erfasste das gesamte Chaos mit einem Blick.
Dann stellte sie sich auf einen kleinen Erdhügel, holte tief Luft und rief: „Ruhe alle zusammen! Stehengeblieben!“ 
Ihre Familie horchte auf und hielt inne.
„Ihr müsst alle mit mir kommen. Ich habe einen sicheren Ort entdeckt, wo es keinen Menschen und auch kein Eisendings gibt!“
Erstaunt kamen alle vorsichtig näher.
Doch leider, ausgerechnet in diesem Augenblick, stieß erneut das große Eisendings durch die Erddecke herunter und hätte Anastasia beinahe aufgespießt. Erschrocken schrieen mehrere Familienmitglieder hysterisch auf und schon ging das heillose Durcheinander von vorne los.
„Nein! Stop!“, brüllte Anastasia da erneut. „Ihr müsst mit mir kommen!“
Da kam ihr kleiner Bruder, der, wie ihr Urururgroßvater, auch Willi hieß, zu ihr und flüsterte: „Du gehst vor, ich schick sie dir hinterher, ja?“
Erleichtert darüber, wenigstens einen Helfer gefunden zu haben, der gerade nicht so kopflos herumirrte, stimmte sie hastig zu.
Mit vereinten Kräften und etwas Ruhe, schafften es die Zwei also tatsächlich, ihre ganze Familie doch noch in Sicherheit zu bringen.
Und siehe da, noch am selben Abend traten plötzlich ihre drei Brüder, die beiden Schwestern, ja und selbst ihre Eltern an sie heran.
„Du hast uns heute das Leben gerettet und dafür wollen wir dir von ganzem Herzen danken", sprach da ihr Vater für alle.
Auf einmal verlegen, wusste Anastasia zuerst gar nicht was sie darauf sagen sollte, da wurde sie aber auch schon von ihrer ganzen Familie in die Arme geschlossen.
Erschöpft aber glücklich, setzten sie sich gleich danach alle zusammen und legten für Urururgroßvater Willi eine Gedenkminute ein.
Jeder erzählte seine liebsten Geschichten von ihm.
Abschließend sagte Anastasia's Mutter: „Willi war ein alter Wurm, mit einem wundervollen Leben. Möge er nun im Himmel weiterhin über uns wachen, wie er es schon hier unten immer getan hat.“
Schließlich aber gähnten die jüngeren Geschwister schon heftig und so gingen sie alle bald schlafen.
Auch Anastasia.

Doch von diesem Tag an änderte sich einiges.
Noch immer war Anastasia darauf bedacht, sich sauber zu halten, aber anstatt sie deshalb auszulachen, halfen ihr die Geschwister jetzt sogar dabei, auch in ihrem neuen Raum, so einen tollen Spiegelsee für sie anzulegen.
Und wenn sie jetzt "Fräulein Anastasia" zu ihr sagten, klang es auch gar nicht mehr spöttisch, sondern wirklich liebevoll.
Und so wurde sie für immer und ewig als Heldin gefeiert.

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