15 Den Fahrschein bitte!, Leseprobe

Vorheriges Thema anzeigen Nächstes Thema anzeigen Nach unten

240817

Beitrag 

15 Den Fahrschein bitte!, Leseprobe




Annis McFinley
Den Fahrschein bitte!

Müde lehnte sich Janine an das Fenster. In der Scheibe spiegelte sich das Gesicht des jungen Mannes wider, der ihr gegenübersaß. Gerade hatte er eine Dose Bier aufgemacht. Ungeniert setzte er diese an die Lippen und trank, ehe er sich zufrieden zurücklehnte.
Vor Janines Augen entstand das Bild eines funkelten Weines in einem hübschen Glas. Der Arzt hatte ihr gesagt, dass es nur eine Frage der Zeit wäre, bis das Bild weichen würde, aber wenn sie sich konzentrierte, so richtig, dann konnte sie ihn wieder schmecken, den Merlot, der ihre Zunge benetzte, ihren Gaumen zum Kribbeln brachte. 
Das Gespräch mit dem Therapeuten hatte sie geschlaucht. Ob sie tatsächlich irgendwann aufhören würde, an den Unfall zu denken? Dr. Linden meinte, sie mache Fortschritte, doch sie hatte das Gefühl auf der Stelle zu treten. 
Möglicherweise würde das Bild von dem Wein irgendwann verschwinden, aber die Erinnerung an dem warmen, weichen Geschmack, der sie komplett erfüllte, sie in trügerischer Sicherheit davontrug und ihre Wahrnehmung verschleierte, würde garantiert ewig anhalten.
Resigniert starrte sie durch die staubigen Scheiben hinaus auf graue Felder und kahle Bäume. Wo war nur die Lebendigkeit hin? Keine Rehe, die dem gefrorenen Boden Nahrhaftes entlockten, oder Hasen, die mit ihren weiten Sprüngen über die Felder jagten. Nicht einmal Frau Holle erbarmte sich und bedeckte diese einsame, kalte Welt mit einem Mantel der weißen Pracht. 
Alleine der Raureif hatte sich mit seinem eisigen Weiß um die nackten Äste der Bäume geschlungen. Wie lange, skelettierte Finger erstreckten sie sich zum blauen Winterhimmel empor – als ob auch sie um Hilfe rangen, so wie sie. 
Fröstelnd schlug sie die Arme um ihren Oberkörper.
»Ihren Fahrschein bitte.« 
Die tiefe Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Verwirrt starrte sie in die Augen eines älteren Kontrolleurs, der sie geduldig musterte.
»Wie? Oh, ja, einen – einen Moment.« 
Zerstreut kramte sie in ihrer Tasche. Es dauerte, bis sie endlich ihre Streifenkarte zwischen den klammen Fingern ertastete. Rasch zog Janine den Fahrschein heraus und reichte ihn dem Mann.
Stirnrunzelnd unterzog er die Karte einer genaueren Kontrolle, ehe er sich räusperte.

- Leseprobe Ende -







_________________
ich mag die Stimmen in meinem Kopf ebenso, wie deren geilen Ideen und die Hoffnung die aus ihnen spricht.  Suspect  sunny  I love you
avatar
Evelucas
Admin
Admin

Anzahl der Beiträge : 840
Punkte : 2542
Anmeldedatum : 27.11.14
Alter : 40

http://schreib-elan.forumieren.net

Nach oben Nach unten

- Ähnliche Themen
Diesen Eintrag verbreiten durch: Lesezeichen erzeugenDiggRedditDel.icio.usGoogleLiveSlashdotNetscapeTechnoratiStumbleUponNewsvineanzeigenYahooSmarking

 
Befugnisse in diesem Forum
Sie können in diesem Forum nicht antworten