12 Frèdèric, Leseprobe

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240817

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12 Frèdèric, Leseprobe





Eva von Kalm
Frédéric

Ich sah Frédéric schon von weitem, als ich den Weg zum Ufer hinunter ging. 
Wie immer saß er im Schatten der Weide und wartete auf mich. Er konnte ja auch den ganzen Tag nicht viel anderes tun, seitdem er sich vor einigen Monaten, bei der Arbeit das Bein gebrochen hatte. Und er würde verkrüppelt bleiben, denn für Menschen wie ihn, gab es in diesem Land keine behandelnden Ärzte. 
Als er mich hörte, drehte er den Kopf und lächelte dieses umwerfende Lächeln. Als würde gerade die Sonne aufgehen. Es war ein Lächeln, von dem ich wusste, dass es nur für mich bestimmt war. Dabei funkelten seine dunkelbraunen Augen. Er blieb sitzen.
Ich gesellte mich dazu, rückte ganz nah an ihn heran, küsste ihn und spürte auch die kratzigen Stoppeln auf seiner Haut. Er hatte sich ein paar Tage nicht rasiert. 
Frédérics braungebrannte Haut, seine leuchtenden, dunklen Augen und die beinahe schwarzen Haare unterschieden sich deutlich von meiner hellen Haut, meinen blauen Augen und blonden Haaren. 
Ich dürfte eigentlich gar nicht hier sein. Würden meine Eltern davon erfahren, wäre die Hölle los. 
Na und, mir doch egal. Ich liebte ihn. 
Innerlich trotzend küsste ich ihn deshalb gleich nochmal.
"Wie war es in der Schule, chérie?", fragte er. 
Ich schnitt eine Grimasse. 
"So gut?", spöttelte er. 
Ich grinste. 
"Und wie! Wir hatten heute die erste Stunde Fortpflanzungskunde." 
Ich ließ das Wort einfach zwischen uns stehen und durch die Luft schwingen. Er musterte mich prüfend.
Frédéric ging schon lange nicht mehr zur Schule. Ab seinem zwölften Lebensjahr war er vom Staat schon zur Arbeit gezwungen worden. 
Ich hingegen war sechszehn und hatte noch drei Jahre Schule vor mir. 
Ein Eignungstest würde dann darüber entscheiden, welches Studium ich danach zu absolvieren hätte, um in einem bestimmten Bereich arbeiten zu dürfen, oder zu können.
"Fortpflanzungskunde?", unterbrach Frédéric meine Gedanken. 
Ich nickte.
"Ja wir wurden heute darüber belehrt, wie wichtig die korrekte Fortpflanzung für den Staat sei. Wie das am Besten von statten zu gehen hat und so." 
Immer noch sah ich große Fragezeichen in seinen dunkelbraunen Augen. Schokoladig. Hmmm. 
"Ja, weil weißt du, dafür braucht man eigentlich gar nicht Mann und Frau." Absichtlich strengte ich mich nicht mehr an, korrektes Deutsch zu reden. 
Korrekt nervt, korrekt ist Scheiße. Alles im Leben musste korrekt sein. Und über nichts hat man zu entscheiden. Freier Wille? Wofür denn, den bestimmte ohnehin der Staat.
Frédéric runzelte die Stirn. 
"Du meinst, kein Sex? Das wäre aber schade." 
Er lachte und ich wurde ein wenig rot. 
Dabei war das alles eigentlich überhaupt nicht lustig. 
"Nein. Ich wusste es bisher nicht, ich habe nur Gerüchte gehört. Aber es ist so. Wenn wir Frauen zwanzig sind, entnehmen Sie uns Eizellen, die werden befruchtet und Leihmüttern eingesetzt. Wenn wir unsere Ausbildung abgeschlossen, einige Jahre gearbeitet haben und heiraten – natürlich nur unter unsresgleichen – bekommen wir vom Staat ein Baby zugewiesen. Oder zwei, drei, manchmal auch vier, je nachdem wie gut wir verdienen. Darum müssen wir uns dann kümmern." 
"Verstehe." Frédéric schwieg eine Weile. 
"Aber immerhin hättest du dann ein Kind oder sogar mehrere."
"Was meinst du?", fragte ich ihn. 
"Wir kriegen gar keine«, erklärte er. 
Fassungslos starrte ich ihn an.
»Was, aber ...«, ich suchte nach Worten, »... heißt das, es gibt keine Kinder unter euch?«
Frèdèric nickte traurig.
»Wo denn? In unserem Sklavenviertel? Dachtest du etwa der Staat lässt zu, dass sich unser schlechtes Blut vermehren kann? Ausländer? Fremde? Schau mich an! Dunkel, südländisch, braune Augen. Ich und meinesgleichen entsprechen nicht dem staatlichen Ideal«.
"Aber ...,  wieso lebst du dann?", fragte ich naiv.
Frèdèric lächelte traurig, kopfschüttelnd.
"Meine Eltern bekamen mich verbotener Weise. Haben mich versteckt. Doch als ich acht war, spürten sie uns auf.« Er schluckte. »Und dann ...", er redete nicht weiter. 
Das war auch gar nicht nötig. Ich verstand auch so. Mein Magen zog sich zusammen. Natürlich sprach man darüber nicht offen mit meiner Generation. Doch ich hatte schon Gespräche über Ausländerverfolgungen belauscht und mir heimlich Bilder davon angesehen. Ich wusste, wie diese Menschen gejagt und abgeschlachtet worden waren. Ich dachte aber auch, dass solche Zeiten längst hinter uns lägen. Dumm. Wie konnte ich nur so dumm sein?
"Wir müssen fliehen, Frédéric. Ich weiß, ich kann kein Französisch, aber du kannst es. Lass uns über die Grenze fliehen. Lass uns untertauchen. Ich liebe dich. Ich will mit dir zusammen sein." 
Er sah mich an. 
"Ma chérie." Zärtlich strich er mir über die Haare. "Wie soll das gehen?"

- Leseprobe Ende -







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