11 Nachtleben, Leseprobe

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240817

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11 Nachtleben, Leseprobe




Evelucas
Nachtleben

Längst waren in allen Häusern die Lichter erloschen. Unzählige Gassen in vollkommene Finsternis getaucht.
Ratten huschten umher, überquerten die verlassenen Straßen. Vereinzeltes Hundegebell schlug an und ein bisschen Katzenjammer greinte hier und da durch die Dunkelheit. 
Ein von hohem Alter gebeugter Mann, heruntergekommen, in Lumpen und oft sturzbesoffen, schlurfte dicht an kalte Hausmauern gedrängt, eine düstere Seitengasse hinunter. 
In dieser Nacht war er nicht besoffen, sondern verdammt nüchtern.
Stetig flatterte sein verklärter Blick über den alten Flachmann in seiner Hand, nur um dann aus nervösen Augen wieder die täuschende Idylle dieser Nacht zu durchdringen. 
»Die ruhigen Nächte sind am gefährlichsten«, murmelte er zu sich selbst. 
Seit drei Tagen und Nächten, nur von kurzen Unterbrechungen begleitet, schlich er auf der Suche nach Nahrhaftem, wieder einmal durch diese unzähligen engen, schmutzigen Gassen. Auch solche von denen die meisten Leute nichts wussten.
Der alte Flachmann war sein einziges Hab und Gut. Auch sein einziger Trost, sofern dieser mit genügend Alkohol vollgetankt war. Ob nun Bier, Wein, Wodka oder sonst irgendein Fusel, war ihm egal. Er nahm, was er kriegen konnte. 
Am wirkungsvollsten war Schnaps, viel Schnaps. Der wärmte so wunderbar von innen und ließ ihn zumindest mal für ein bis zwei Nächte wie ohnmächtig schlafen. Da war ihm der Hunger auch egal. 
Diese Woche war wieder eine dieser ganz miesen Verräter. 
Kein Alkohol für ihn und zu Essen auch nichts. Nur Wasser, das er sich hier und da hatte erbetteln können. Wiederholt wurde er deshalb von schmerzhaften Krämpfen geschüttelt. Seine Hände zitterten heftiger und öfter als sonst. Sein Magen protestierte gnadenlos gegen die Leere. Manchmal fühlte sich das an, als verklumpe dieser inwendig zu einem sauren Knoten. 
Doch auch der kranke Rücken und das Rheuma in seinen schwächelnden Gliedern quälten ihn mehr denn je, so ganz ohne Betäubung. 
Kam er nicht bald an etwas Essbares oder hochprozentigen Alkohol, stand es ziemlich schlecht um ihn.
Fast hätte er bei diesem Gedanken bitter gelacht.
Als ob das noch irgend Jemanden interessieren würde. 
Er verstand ja noch nicht einmal selbst, warum er an diesem erbärmlichen Dasein festhielt. Von welchem Nutzen war er denn schon? Welcher Mensch war jemals oder ist überhaupt von Nutzen?
»Lässt wieder mal den Philosophischen raushängen?«, sagte er da zu sich selbst und schmunzelte über sein Elend.
»Muss wohl am Alter liegen«, beschloss er dann und nahm einen kräftigen Schluck Wasser aus seinem Flachmann, während er sich den malzigen Geschmack seines genehmsten Whiskys vorstellte. 
Lange her, als er sich den zuletzt leisten konnte.
Ebenso jene Zeit, als er noch Teil dieser Kartenhausgesellschaft war. Teil dieses erbärmlichen Wolkenschlosses, indem jetzt nur noch die anderen wohnten – natürlich mit Ausnahme der Beiden, die mit ihm gemeinsam die Heimatgasse teilten. 
Zwei bis drei Quadratmeter pro Kopf, gleichmäßig aufgeteilt in Schlaf- und Essplätze.
Selten das da untereinander geteilt wurde, beziehungsweise, irgendwas geteilt werden konnte. 
Auf gute Nachbarschaft sollte man bei denen aber auch nicht zählen.
Da war Marie, die auch »dumme Elster« genannt wurde. Nicht von ihm, nur von diesem anderen Kerl. Den er selbst wiederum »Nazi Alf« nannte. So ganz bei Sinnen waren die nicht. 
Marie, vermutlich schizophren – so zumindest würde man dass, was mit ihr nicht stimmte, wohl in psychologischen Fachkreisen benennen – liebte ihre sieben Sachen über alles, die sogar wichtige Namen trugen.
Es durften auch nie mehr als sieben Sachen sein. Und auch nicht weniger, dass machte sie nervös.
Immer wenn sie ein neues, völlig wertloses Objekt auf der Straße fand, musste ein Anderes entsorgt werden. Folglich erbte das Neue, den Namen des Entsorgten.
Daher nannte sie der »Nazi Alf« eben auch »dumme Elster«. 
Dumm vor allem, da sie scheinbar nicht mehr als diese sieben Namen kannte.
Drei ihrer fragwürdigen Schätze jedoch, wechselte sie nie aus. 
Da war dieses rostige Pferdedings. Einst das Mundstück eines Pferdegeschirrs. 
Diesem hatte Marie den Namen Friedrich Nietzsche verpasst. 
Dann war da noch ein braunes, uraltes Apothekerfläschchen, das noch halb mit einer undefinierbaren Flüssigkeit gefüllt und mit einem, von schmutzigen Abdrücken übersäten, so wie völlig zerfransten Aufkleber versehen worden war, auf dem in ziemlich alten Lettern: »Curare«, stand. 
Das hieß Immanuel Kant.
Das Dritte war ein dünnes Buch mit dem Titel »gute Gedanken, gute Reden, gute Taten«. 
Dieses hatte Marie mit dem Namen »Zarathustra« bedacht. 
Er selbst war vermutlich der Einzige in der Heimatgasse, der sogar einen Zusammenhang zwischen diesen Sachen und erwähnten, namhaften Philosophen herstellen konnte. Allerdings hatte er keine Ahnung, woher Marie diese Zusammenhänge bekannt sein könnten. Man wusste nicht viel über sie. Und fragte man nach ihrer Herkunft oder dem Grund, dessentwegen sie auf der Straße lebte, erhielt man zur Antwort nur wirres Zeug, wenngleich von einer gewissen Logik, die halt auch nur Marie verstand.
Doch wehe dem, der eines dieser drei für sie so wichtigen Dinge einfach an sich nahm. Da konnte Marie plötzlich richtig wild werden.
Einmal ging sie sogar mit einem Messer auf Nazi Alf los. Rammte ihm das Ding fest in den Oberschenkel. Hat ganz schön geblutet, doch zum Glück war die Verletzung nicht tief. 
Er half Nazi Alf sogar dabei diese zu versorgen. 
Gern hatte er es nicht getan. Immerhin wäre fast sein gesamter Fusel dafür draufgegangen. Und dann schwatzte der Kerl auch noch ständig über seinen geliebten Führer, der bald schon wieder von den Toten auferstehen würde, um endlich seine Pläne zum Wiederaufbau eines germanischen Atlantis zu vollenden. 
Nazi Alf, so behauptete der jedenfalls von sich, wäre dann Hitlers neuer Architekt, um diese Welt in ein rassereines, neues Zeitalter, allein den Ariern bestimmt, zu verwandeln. 
Erst nachdem er Nazi Alf mit den schroffen Worten – »Halts Maul du Trottel, die Arier sind in Wahrheit Perser und Atlantis nur die ideologische Antwort des antiken Platons auf Homers Ilias« – zum Schweigen brachte, wurde dieses ganze Theater wieder erträglicher.

Plötzlich unterbrach splitterndes Glas die Ruhe der Nacht.
Der Obdachlose hielt abrupt inne, presste sich rasch an die Hausmauer am Eck einer anderen schmalen Gasse, fernab der Straßenbeleuchtung, und versuchte sich Unsichtbar zu verhalten.

- Leseprobe Ende -







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