08 Der Totengräber, Leseprobe

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240817

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08 Der Totengräber, Leseprobe




Eva von Kalm
Der Totengräber

„Dad! Was machst du denn da?“ Schockiert stand der sehr sportliche Junge da und sah seinen Vater an, konnte die Augen nicht von ihm abwenden, obwohl er das so sehr wollte. Ekel stieg in ihm auf wie Galle die Speiseröhre hinaufklettert, wenn man sich wieder und wieder erbricht. Aber da war nichts in ihm, wovon er sich hätte übergeben können. Das hier war keine Krankheit, kein physisches Gefühl, das hier wurde allein davon ausgelöst, was er in diesem Augenblick sah. Und er wusste mit absoluter Klarheit, dass es zwar das erste Mal war, dass ER es sah, aber garantiert nicht das erste Mal, dass ES passierte. Schließlich fand sein Magen doch noch Erbarmen und leerte sich schlagartig aus. Sein Vater kam näher und jetzt starteten bei seinem Sohn endgültig alle Urinstinkte. Er drehte sich auf dem Absatz um und rannte, so schnell er konnte. Er war schnell, er trainierte, seit er laufen konnte. Nie wäre ihm in den Sinn gekommen, dass er es für etwas anderes als Goldmedaillen nutzen würde. Bis jetzt.
 
Als Nick morgens keuchend aufwachte, fragte er sich, ob das Grauen der letzten Nacht nicht doch einfach nur ein Albtraum gewesen war. Er fragte es sich nicht nur, er wünschte es sich flehentlich; verbissen kaute er auf seiner Unterlippe herum. Vorsichtig stand er auf und musste feststellen, dass er nicht seine Schlafsachen trug, sondern eine Jogginghose und ein langärmliges Shirt. Seine Hose war mit braunen Flecken übersät, Erde, in der er letzte Nacht gekniet hatte. Noch bevor sein Gehirn schaltete und es ihm mit absoluter Klarheit bewusst wurde, dass es kein Traum gewesen war, hatten seine Knie nachgegeben und er stürzte zu Boden.
Von dem Lärm geweckt erschien sein Vater in der Tür. Nick zuckte zurück, kroch so schnell es ging in die hinterste Ecke seines leider ziemlich chaotischen Zimmers, in dem zum Ausweichen nicht viel Platz war. An Aufstehen war nicht zu denken, das Adrenalin, das ihm letzte Nacht die Kraft gegeben hatte, zu rennen, versagte jetzt und ihm war nur schwach und schwindelig zumute. „Bleib weg!“, keuchte er mühsam hervor. Sein Vater stand immer noch in der Tür. Er sah ganz normal aus, wie immer. Ein hochgewachsener Mann, schlank und sportlich wie sein Sohn, selbst einmal Marathonläufer gewesen. Das ehemals schwarze Haar schimmerte grau und befand sich auf dem Rückzug, guckte man von oben sah man schon eine deutlich sichtbare runde kahle Stelle auf seinem Hinterhaupt. Seine Augen blickten freundlich grau-blau unter den dichten Augenbrauen und hinter der dunklen Brille hervor. Nick begriff es nicht, da stand sein Vater, so wie er ihn kannte. Der freundlichste Mann der Welt war er für ihn gewesen, liebevoll. Vor allem in der langen Zeit des Siechtums seiner Mutter war er der starke Fels der Familie gewesen. Während andere Teenager große Probleme mit ihren Eltern hatten, war Nick immer stolz darauf gewesen, wie gut seine Beziehung zu seinen Eltern und insbesondere zu seinem Vater war. Bis zur letzten Nacht hatte er fest daran geglaubt, dass sein Vater keiner Fliege etwas zu leide tun könne - und Nicks Mutter liebte wie keinen anderen Menschen auf der Welt.
 
„Bitte“, flehte sein Vater nun mit leiser Stimme. „Lass es mich dir erklären.“ Nick schüttelte den Kopf, das war das einzige was er an Bewegung nach wie vor zu Stande brachte. „Geh“, stieß er hervor. „Verschwinde aus meinem Leben, am besten auch aus deinem, du widerwärtige Kreatur. Was bist du nur?“ Er wollte es nicht wissen, am liebsten hätte er die Augen vor der Wahrheit verschlossen. Doch auf der anderen Seite war er neugierig und musste es wissen, was denn auch sonst, es war doch sein Vater? „Ich bin Totengräber, das weißt du doch!“, antwortete sein Vater immer noch leise, zurückhaltend, doch mit fester Stimme. „Als ich das letzte Mal mit dir über deinen Beruf redete, habe ich noch geglaubt, dass du den Menschen hilfst, ihre letzte Ruhestätte zu finden“, warf Nick ihm wütend vor. Langsam stützte er sich aus der unangenehm hilflosen liegenden Position auf und kam in die Hocke. Weiter schaffte er es noch nicht und er hielt sich an dem großen Kleiderberg in der Ecke seines Zimmers fest, den er da seit Wochen auftürmte.
„Das tu ich“, bestätigte sein Vater. „Ach, und was bitte war das letzte Nacht?“

- Leseprobe Ende -







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