02 Rette einen Engel, Leseprobe

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240817

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02 Rette einen Engel, Leseprobe




Eva von Kalm
Rette einen Engel
... und werde selbst gerettet ...

Ziemlich verloren stand sie mitten in der Stadt. Um sie herum wirbelten Menschen wie Blätter im Wind, oder Schneeflocken in einer von diesen kleinen Glaskugeln, in die mal eine Stadt, mal nur ein Weihnachtsmann hinein gebastelt worden war. Es ging hin und her, ein einziges Chaos, kaum möglich sie zu beobachten, alles war so ungeordnet, durcheinander. Verloren, so fühlte sie sich, obwohl sie das niemals erwartet hätte. Besorgt spielte sie mit ihren Händen in den Taschen. Ob man es ihr ansah? Keiner schien sie zu beobachten, aber bestimmt starrte man sie an, wunderte sich über sie, redete. Verstohlen schob sie mit einer Hand die langen blonden Haare vor ihr Gesicht. Wenigstens war es Tag, da fiel sie nicht so auf. Wohin jetzt? Von hier unten sah alles so anders aus.
 
Mark stand am Rand des ganzen Trubels und wartete. Worauf? Er wusste es nicht, es war ihm einfach, als müsste er hier sein. Oder vielleicht auch, als hätte er keinen anderen Ort an dem er jetzt sein könnte. Wo sollte er auch hin, an einem Tag wie diesem? Einem grauenvollen, tristen und herzzerbrechenden Tag. An einem Tag, an dem seine Eltern endgültig beschlossen hatten, das es keinen Sinn mehr machte, eine dreißig Jahre währende Ehe noch aufrecht zu erhalten. Gerade eben waren sie vom Anwalt gekommen, seine Mutter hatte ihn kurz benachrichtigt, informiert über ihr offizielles Scheitern. 
Er hörte die Worte noch in seinen Ohren nachklingen, wie sie mit ihrer hellen, vor Aufregung leicht piepsigen Stimme sagte: „Es ist geschafft, Mark. Endlich bin ich frei.“ 
Es fehlte nicht viel, da hätte er sich an Ort und Stelle alleine bei diesem Gedanken fast übergeben. 
Frei? Nach dreißig Jahren Ketten oder was? Wofür, wenn nicht für die Liebe, sollte man denn sonst kämpfen, leben. Aber wer weiß, vielleicht sah er das ja mit seinen zweiundzwanzig Jahren einfach zu, hm, idealistisch? Utopisch? Bessere Worte fielen ihm dafür gerade nicht ein. 
Also stand er hier, am Rand des Wahnsinns, am Rand des Weihnachtsmarktes, auf dem sich Menschen aneinander drängten, anschrien, weil man sich sonst nicht hörte. Er beobachtete die Menschen mit Kennerblick, sah solche, die glücklich Hand in Hand gingen und andere, die sich nichts mehr zu sagen hatten. 
Obwohl er immer noch das Gefühl hatte, dass hier und heute etwas Besonderes geschehen sollte, spielte er mit dem Gedanken zu gehen. Nicht, dass er eine Idee gehabt hätte, wohin. Zuhause war gerade echt der letzte Ort, an dem er jetzt sein wollte, doch er würde schon ein Plätzchen für die Nacht finden.
In dem Augenblick, da er sich umdrehte, sah er sie plötzlich im Augenwinkel. Eine überirdisch hübsche Frau, die gerade von mehreren Leuten niedergerannt und zu Boden gedrängt wurde. In Sekundenschnelle eilte er zu ihr, kämpfte sich durch die Massen, schob, drängelte und schubste alle anderen wild aus dem Weg. Endlich am Ziel warf er sich schützend über die verängstigte Frau am Boden, die fast zu Tode getrampelt worden wäre. 
„Alles wird gut“, flüsterte er ihr zu und kam nicht umhin, ihr in diese Augen zu schauen, die von keiner Farbe waren, die er jemals zuvor in den Augen eines anderen Menschen gesehen hätte. Sie leuchteten golden, strahlten wie hellgleißendes Licht. 
Kurze Zeit später bildete sich schließlich ein Kreis um sie herum und die Tritte der Menschen wurden weniger. 
Jetzt erst konnte Mark wieder richtig durchatmen, sich aufrichten und auch der Frau auf die Beine helfen. 
„Es ist alles in Ordnung!“, rief er in die Menge. „Gehen Sie weiter, es ist alles gut!“ 
Er drängte sich, die Frau jetzt fest an der Hand, durch den Zuschauerring an den Schaulustigen vorbei. Besorgt blickte er um sich, wollte sicherstellen, dass ihr nicht noch mehr Leid geschah. Am Rande des Marktes hielt er inne und musterte sie zum ersten Mal richtig, von oben bis unten – und wäre beinahe erstarrt, so schön war sie. 
Sie lächelte und sagte mit warmer, weicher und liebevoller Stimme: „Danke!“ 
Mark wurde rot, so viele Gedanken schossen ihm durch den Kopf, auch solche, für die er sich gerade ein wenig schämte.

- Leseprobe Ende -




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