14 Späte Rache

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240817

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14 Späte Rache




Eva von Kalm
Späte Rache

Wieder und wieder ging er seine Aufzeichnung durch, blätterte durch die vergilbten Seiten, die von der starken Beanspruchung und den Flecken, die im Laufe ihres Lebens darauf gekommen waren, schon starr wurden. Er las nicht mehr, was er einst darauf gekritzelt hatte, alles was dort stand, wusste er in und auswendig, konnte er nachts herunterbeten, selbst wenn er um drei aus dem Schlaf geweckt würde. Wenn er um drei Uhr nachts denn überhaupt jemals schlafen würde. Das war genau die Zeit, die er in seinem kleinen Kämmerchen verbrachte, auf dem alten schweren Stuhl aus dunklem Holz wippend, unruhig eine Zigarette nach der anderen  rauchend. Der fade Lichtschein einer Schreibtischlampe erhellte das Zimmer gerade eben so sehr, dass er mit Mühe und Not die Zeilen entziffern könnte, wenn er es denn gewollt hätte.  Vor vierzig Jahren hatte er sich das kleine Büchlein mit dem schwarzen Ledereinband gekauft, damals noch von seinem Taschengeld, das sehr mager ausgefallen war. Geld war bei seinen Eltern immer Mangelware gewesen. Nicht lange nach diesem Tag, an dem er sich in dem kleinen Tante-Emma-Laden das Buch besorgt hatte, war er ausgezogen, hatte eine Lehre angefangen und sein eigenes Geld verdient. Wie lange lag das schon zurück, kaum konnte er sich an seine Lehrjahre erinnern. Noch weniger an die Zeit danach, als er neben der Arbeit noch ein Studium der Wirtschaftslehre abschloss. Aber an diesen einen Tag, als er, damals noch ein schmächtiges langgezogenes Jüngelchen, den Tante-Emma-Laden betrat und sich unter dem ganzen Krimskrams das kleine schwarze Buch herausfischte, an diesen Tag konnte er sich erinnern, als wäre es gestern gewesen.  Haarklein wusste er bis ins letzte Detail wie er sich abends vor seinen Schreibtisch gesetzt  und die damals noch schneeweißen Seiten seines Buches aufgeschlagen hatte. Er wusste, dass der Stift in seiner Hand ein roter Füller gewesen war, der mit dunkelblauer Tinte schrieb. Die Tintenkleckse zierten noch heute die allererste Seite, auf die er mit zittriger Hand ein einzelnes Wort geschrieben hatte. Einen Namen. Rolf. Wie jede Nacht legte sich der Mann mit den dunklen Haaren, die mittlerweile durch einige Silbersträhnen aufgehellt wurden, wieder ins Bett, nachdem er seinen Plan Stück für Stück im Geiste durchgegangen war. Doch heute Nacht war sein letzter Gedanke ein anderer als all die langen Nächte zuvor. Als er sich in dieser Nacht wieder neben seine Frau legte, die an die seltsamen Gewohnheiten ihres Mannes schon seit Jahren gewöhnt war, war sein letzter Gedanke vor dem Einschlafen: Heute.
Der Tag begann wie jeder andere, keiner merkte, dass sich die Welt heute anders herum drehen würde. „Dr. Schmidt, das Auto steht bereit“, erklärte seine Sekretärin, mit der großen Akte in der Hand. Er nahm die Akte, steckte sie in seine schwarze lederne Tasche und bedankte sich mit einem kurzen Kopfnicken.  Das schwarze Auto wartete mit seinem Fahrer schon vor der Tür. Zu wichtigen Terminen ließ er sich immer fahren, nicht, weil er selber zu aufgeregt gewesen wäre oder etwas in der Richtung, sondern um sein Gegenüber zu beeindrucken. Genau wie der schwarze Anzug mit der schlichten Krawatte die er trug strahlte der Chauffeur Macht aus. Und Macht war genau das, was er besaß. 
An diesem Tag betrat er dennoch mit leichter Nervosität, die ihm nicht einmal der Mensch, der ihn am besten kannte, angemerkt hätte, das Gebäude in dem Rolf arbeitete. Es war ein großes Gebäude, wie es einer bekannten und großen Firma zustand und er meldete sich am Empfang. Statt auf eine Richtungsanweisung reagieren zu müssen war er wichtig genug, dass man ihn abholte. Ein schmächtiger Mann betrat die Halle und schaute sich unsicher um. Er war durch die Glastür gekommen, die ins Treppenhaus führte und trug einen dunkelblauen Anzug mit einer absolut schlecht ausgesuchten bunten Krawatte. Das schmächtige Männlein sah ihn schließlich neben dem Empfang stehen und eilte auf ihn zu. „Dr. Schmidt?“, fragte er mit nervöser Stimme, die rechte Hand zur Begrüßung ausgestreckt, mit der linken unsicher an seiner Jacke nestelnd. „Richtig.“ Den Händedruck beantwortete er fest und kurz, damit klar war, wer hier das Sagen hatte. Mein Gott, wie lange hatte er hierauf gewartet. Der schmächtige Mann mit der bunten Krawatte führte ihn in ein Büro, in dem ein großer runder Tisch stand, an dem vielleicht sechzehn oder achtzehn Personen Platz gehabt hätten. Er bedankte sich und das Männlein verschwand, offensichtlich froh, sich aus dem Staub machen zu können. Er setzte sich hin und bereitete seine Papiere so vor, dass er sie seinem Erzfeind gleich unter die Nase würde reiben können, natürlich höchstprofessionell. Als wäre dieses hier niemals etwas Persönliches. Nur ein Versicherungsfall wie jeder andere. Während er wartete spielte sich die Szene von damals noch einmal vor seinen Augen ab. Es war als würde er sich selbst dabei zusehen.

- Leseprobe Ende -







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