03 Eine Reise zum sagenumwobenen Alatsee

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080817

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03 Eine Reise zum sagenumwobenen Alatsee




Eine Reise zum sagenumwobenen Alatsee


Vor zwei Jahren hörten wir von einem Bekannten vom romantischen Alatsee. Ein Restaurant am See, das auch Übernachtungen anbot, sollte für einen stressfreien Aufenthalt sorgen. Die Besitzer hatten sich auf ihre überwiegende Kundschaft – Wanderer und Radler – eingestellt, boten Mehrfachzimmer mit gemeinsamer Dusche auf dem Gang. Das war nicht so unser Ding, deshalb reservierten wir eines der zwei Zimmer, die über Schlaf- und Wohnbereich sowie über ein eigenes Bad verfügten. An einem Montagmorgen im Mai starteten wir. Ein kurzes Stück über die Autobahn und ab Augsburg ging es auf der Bundesstraße 17 weiter. Eine romantische Strecke. Schon bald sahen wir die Berge auftauchen. Wir kamen dann am Pfaffenwinkel und Steingaden vorbei. Von diesen Orten hatte ich in den mittelalterlichen Romanen „Die Henkerstochter“ und „Die Henkerstochter und der schwarze Mönch“ von Oliver Pötzsch gelesen. Am liebsten hätte ich eine Pause eingelegt und die Schauplätze besichtigt. Doch wir fuhren weiter, kamen am Ort Schwangau vorbei, dort wo die Schlösser Neuschwanstein und Hohenschwangau stehen.

 

Weiter ging es durch die Stadt Füssen Richtung Weißensee.


Vor der Bushaltestelle mussten wir links abbiegen. Die Straße führte am Parkplatz Weißensee Ost vorbei. Danach verwandelte sie sich eher in eine enge Schotterpiste. Das empfand ich jedenfalls so und hoffte, dass uns kein Fahrzeug entgegenkommen und ich irgendwo ausweichen müsste.  Die Straße gewann schnell an Höhe. Am Ende befand sich ein Parkplatz. Dort begannen verschiedene Wanderwege. Doch wir wollten zum einzigen Hotel am See und durften deshalb den - na sagen wir mal – Wanderweg befahren. Plötzlich sah ich oder besser gesagt der Beifahrer den grünen See. Ganz friedlich lag er da.


Hinter ihm erhoben sich majestätisch die Berge. Ihre Kuppen spiegelten sich im glasklaren Wasser. Doch zum Schauen sollte uns später noch Zeit bleiben. Zuerst brachten wir unsere Sachen ins Hotel.



Wir wurden freundlich empfangen und gönnten uns den ersten Kaffee im Allgäu auf der geräumigen Restaurantterrasse. Es war Mittagszeit und  mächtig was los. Wir bekamen einen kleinen Tisch unterm Sonnenschirm. Nach dieser Stärkung ging es aufs Zimmer. Alles sehr familiär. Zuerst betraten wir den Wohnbereich, mit Couch, Schrank, Fernsehgerät und einem voll gefüllten Bücherregal. Da hätten wir unseren Lesestoff glatt zu Hause lassen können. Als nächstes der Schlafraum mit einem Doppelbett, Nachtschränkchen und einem geräumigen Kleiderschrank. Den Abschluss bildete ein kleines Bad mit Dusche und WC. Es gab sogar eine Dachterrasse, die nur leider nicht benutzbar war. Wir waren trotzdem sehr zufrieden. Da das Restaurant Montagabend und dienstags geschlossen war, bot die Belegschaft an, uns für den Abend etwas herzurichten. Doch das konnten wir getrost ablehnen, denn die Stadt Füssen lag nur wenige Kilometer entfernt. Füssen wollten wir uns ohnehin ansehen, also konnten wir den Bummel mit dem Essen verbinden. Doch zuerst einmal wollten wir zum See.

Der Alatsee ist ein meromiktischer See, also ein stehendes Gewässer, in dem die vertikale Wasserzirkulation nicht über das ganze Tiefenprofil stattfindet. Der See wird von Grundwasser gespeist, das nach Osten über den Faulenbach durch Obersee und Mittersee in den Lech abfließt.
Er liegt sechs Kilometer westlich von Füssen, in einer schluchtartigen Senke nur etwa 80 Meter nördlich des Falkensteinkamms, ist 490 Meter lang (Ost-West) und bis 290 Meter breit. Seine Fläche misst zwölf Hektar, und er ist maximal 32,1 Meter tief.


In 15 bis 18 Meter Tiefe weist der Alatsee eine leuchtend rote Schicht von Purpur-Schwefelbakterien auf. Oberhalb ist der See sauerstoffreich, darunter fast sauerstofflos. Trotz des Sauerstoffmangels und der giftigen Stoffwechselprodukte der Purpur-Schwefelbakterien wurde wiederholt beobachtet, dass sich Fische direkt in die Schicht begeben haben bzw. offensichtlich unversehrt wieder daraus hervorkamen. Auch wurden sauerstoffbenötigende Lebewesen wie Süßwasserpolypen darin gefunden, ebenso Kolonien verschiedener Bakterienarten, die unter normalen Bedingungen nicht nebeneinander existieren können. Blutender See wird das Gewässer genannt. An einigen Tagen im Jahr schimmert die Oberfläche in einem rötlichen Ton. Für manche ist das romantisch, auf andere wirkt es eher furchterregend.

Zuerst umrundeten wir ihn, im Schlenderschritt brauchten wir eine Dreiviertelstunde. Der Blick auf den See war wunderbar entspannend. Wasservögel konnten wir nicht entdecken. Ob das an seiner außergewöhnlichen Wasserbeschaffenheit lag? Der Wanderweg um den See führte ein Stück durch den angrenzenden Wald. Am Wegesrand standen interessante Bäume. Manche schienen Gesichter zu haben, andere hatten Löcher, die sich im Baumstamm zu einer Höhle ausweiteten. Und in meiner Phantasie konnte ich die Baumgeister sehen, die  sich  ihre Behausungen gemütlich eingerichtet hatten. Natürlich sind sie nur in mondhellen Nächten auf einer ganz bestimmten Lichtung zu sehen. Ach sorry, ich schweife ab, wollte euch doch vom See erzählen. Die Baumgeister gehören zu einer anderen Geschichte.


Also um den See ranken sich verschiedene Geschichten. Im zweiten Weltkrieg hatten Luftwaffentechniker auf und im Alatsee mit Unterwassermodellen der Focke-Wulf Ta 154 Aerodynamik Versuche durchgeführt. Im See findet man noch heute große Eisenstangen und -gestelle, die dafür benutzt wurden. Unbewiesenen Gerüchten zufolge wurden gegen Ende des Zweiten Weltkrieges Goldschätze der Deutschen Reichsbank, die zuvor auf Schloss Neuschwanstein gelagert worden waren, auf dem Grunde des Alatsees versenkt. In den Fünfziger und Sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts ließen sich Schatzsucher anlocken. Sie bargen aber nur Waffen, den Schatz fand bisher keiner. Im See darf man heute nicht mehr tauchen. Sondergenehmigungen werden nur für wissenschaftliche Zwecke erteilt. Diese Gerüchte und die militärtechnischen Versuche haben sogar das Autorenteam Michael Kobr und Volker Klüpfel zu ihrem Allgäu-Krimi „Seegrund“ der Reihe Kommissar Klüftinger inspiriert.

Wir gingen in diesen Tagen jedenfalls häufig am See spazieren. Aufgrund der Lage des Sees in einer engen Schlucht ergeben sich häufig starke Windströmungen, die zu Verwachsungen und Verkrüppelungen an Bäumen führen, die der Phantasie viel Spielraum geben. Wir sahen den Mutigen zu, die sich mit einem Seil schaukelnd von einem Baum in den See plumpsen ließen. Die Wassertropfen spritzten hoch und die Fische zogen sich verärgert zurück. Manchmal hockten wir uns auch auf ein Bankerl und ließen die Seele baumeln. Dann dachte ich an die regionalen Mythen und Sagen, die sich um den See ranken. Fabelwesen sollen dort hausen sowie Gespenster umgehen.

Unvorsichtige Wanderer wurden in den See gezogen und in Erdspalten gelockt.  Einheimische glauben, dass man durch Erdspalten in der Umgebung bis nach Österreich gelangen könnte. Weil immer wieder in der Vergangenheit Menschen verschwanden und große Mengen an Fischen starben, gilt der See bis heute bei der einheimischen Bevölkerung als verrufener Ort. Diese Todesfälle sind jedoch höchstwahrscheinlich auf freiwerdenden Schwefelwasserstoff zurückzuführen.

Nun, an diesen sonnendurchfluteten Tagen, die wir an diesem wunderschönen See verbrachten, geschah nichts dergleichen. Abends saßen wir als einzige Gäste alleine auf der Terrasse. Der See glitzerte, ein Specht hämmerte unermüdlich auf einen Baumstamm und in der Abenddämmerung schrie ein Käuzchen. Ein einsamer Frosch sang sein Liebeslied am Ufer des Sees. Die Fische machten sich über den Herzensbrecher lustig und sprangen ausgelassen aus dem Wasser um sich anschließend mit einem ordentlichen „Platsch“ ins Wasser fallen zu lassen. Idylle pur.

Doch in der letzten Nacht vor unserer Abreise sollte sich das ändern. Wir hatten den See ein letztes Mal umrundet und dunkle Wolken über den Bergen kündigten einen Wetterumschwung an. Als wir uns aufs Zimmer zurückzogen, trommelten bereits die ersten Regentropfen gegen die Fensterscheiben.
Bald zog ein Gewitter auf. Mit Blitzen und krachendem Donner lockte es einen Kumpanen herbei. Es sah aus, als ob der Donnergott Thor persönlich seinen Hammer gegen die Felswände schlagen würde. Dort wo er auf Stein traf, stoben gellende Blitze auf.  Über den See legte sich ein feiner fast durchsichtiger Nebel, hinter dem sich Gestalten regten. Langsam bewegten sie sich.
Plötzlich zerrissen die Schwaden und es zeigten sich die drei verwunschenen Frauen, die damals versuchten, die Ritter in die Tiefe des Sees zu locken. So kämpften sie um ihre Erlösung. Ihre Stimmen waren ein einziges Wehklagen.

Sie streckten ihre Arme aus und riefen nach den Männern. Der Nebel umschmeichelte die Frauen  und irgendetwas zog sie in die Tiefe. Ein greller Blitz zuckte auf und in seinem Licht gewahr ich ein Wesen mit einem Drachenkopf, Zacken auf dem Rücken und einem langen Schwanz. Die Augen glühten, von  schwarzen Schuppen perlten die Tropfen. Ein Donnerschlag erschütterte die Erde. Ich erschrak und fiel dann in den Tiefschlaf.

Als ich am nächsten Morgen erwachte und die Fenster öffnete, strömte ein leichter Schwefelgeruch in den Raum. Der See lag jetzt ganz ruhig und das Licht der aufgehenden Sonne brachte ihn zum Glitzern. Als wir kurze Zeit später den Frühstückraum betraten, begrüßte uns die Frühstücksfee des Hauses und berichtete, dass ein Blitz in einen der Bäume gefahren war und ihn von innen hatte ausbrennen lassen. Solche Unwetter wären um diese Jahreszeit nicht ungewöhnlich. Aber ansonsten wäre nichts passiert. Ich behielt meine Beobachtungen lieber für mich.
Und selbst, währedn ich euch heute davon berichte, bin ich mir noch immer nicht sicher, ob ich diese Wesen in jener Nacht wirklich gesehen oder mir nur meine Sinne einen Streich gespielt haben.
Solltet ihr einmal den Alatsee selbst besuchen wollen, könnt ihr euch ein eigenes Bild machen. Bis dahin genießt die Fotos vom See.



Quelle: Wikipedia
Fotos: privat von Karl-Heinz Siebert

muglsabine2016
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