Nachtleben

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250617

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Nachtleben




Nachtleben
Evelucas

Längst waren in allen Häusern die Lichter erloschen. Unzählige Gassen in vollkommene Finsternis getaucht.
Ratten huschten umher, überquerten die verlassenen Straßen. Vereinzeltes Hundegebell schlug an und ein bisschen Katzenjammer greinte hier und da durch die Dunkelheit. 
Ein von hohem Alter gebeugter Mann, heruntergekommen, in Lumpen und oft sturzbesoffen, schlurfte dicht an kalte Hausmauern gedrängt, eine düstere Seitengasse hinunter. 
In dieser Nacht war er nicht besoffen, sondern verdammt nüchtern.
Stetig flatterte sein verklärter Blick über den alten Flachmann in seiner Hand, nur um dann aus nervösen Augen wieder die täuschende Idylle dieser Nacht zu durchdringen. 
»Die ruhigen Nächte sind am gefährlichsten«, murmelte er zu sich selbst. 
Seit drei Tagen und Nächten, nur von kurzen Unterbrechungen begleitet, schlich er auf der Suche nach Nahrhaftem, wieder einmal durch diese unzähligen engen, schmutzigen Gassen. Auch solche von denen die meisten Leute nichts wussten.
Der alte Flachmann war sein einziges Hab und Gut. Auch sein einziger Trost, sofern dieser mit genügend Alkohol vollgetankt war. Ob nun Bier, Wein, Wodka oder sonst irgendein Fusel, war ihm egal. Er nahm, was er kriegen konnte. 
Am wirkungsvollsten war Schnaps, viel Schnaps. Der wärmte so wunderbar von innen und ließ ihn zumindest mal für ein bis zwei Nächte wie ohnmächtig schlafen. Da war ihm der Hunger auch egal. 
Diese Woche war wieder eine dieser ganz miesen Verräter. 
Kein Alkohol für ihn und zu Essen auch nichts. Nur Wasser, das er sich hier und da hatte erbetteln können. Wiederholt wurde er deshalb von schmerzhaften Krämpfen geschüttelt. Seine Hände zitterten heftiger und öfter als sonst. Sein Magen protestierte gnadenlos gegen die Leere. Manchmal fühlte sich das an, als verklumpe dieser inwendig zu einem sauren Knoten. 
Doch auch der kranke Rücken und das Rheuma in seinen schwächelnden Gliedern quälten ihn mehr denn je, so ganz ohne Betäubung. 
Kam er nicht bald an etwas Essbares oder hochprozentigen Alkohol, stand es ziemlich schlecht um ihn.
Fast hätte er bei diesem Gedanken bitter gelacht.
Als ob das noch irgend Jemanden interessieren würde. 
Er verstand ja noch nicht einmal selbst, warum er an diesem erbärmlichen Dasein festhielt. Von welchem Nutzen war er denn schon? Welcher Mensch war jemals oder ist überhaupt von Nutzen?
»Lässt wieder mal den Philosophischen raushängen?«, sagte er da zu sich selbst und schmunzelte über sein Elend.
»Muss wohl am Alter liegen«, beschloss er dann und nahm einen kräftigen Schluck Wasser aus seinem Flachmann, während er sich den malzigen Geschmack seines genehmsten Whiskys vorstellte. 
Lange her, als er sich den zuletzt leisten konnte.
Ebenso jene Zeit, als er noch Teil dieser Kartenhausgesellschaft war. Teil dieses erbärmlichen Wolkenschlosses, indem jetzt nur noch die anderen wohnten – natürlich mit Ausnahme der Beiden, die mit ihm gemeinsam die Heimatgasse teilten. 
Zwei bis drei Quadratmeter pro Kopf, gleichmäßig aufgeteilt in Schlaf- und Essplätze.
Selten das da untereinander geteilt wurde, beziehungsweise, irgendwas geteilt werden konnte. 
Auf gute Nachbarschaft sollte man bei denen aber auch nicht zählen.
Da war Marie, die auch »dumme Elster« genannt wurde. Nicht von ihm, nur von diesem anderen Kerl. Den er selbst wiederum »Nazi Alf« nannte. So ganz bei Sinnen waren die nicht. 
Marie, vermutlich schizophren – so zumindest würde man dass, was mit ihr nicht stimmte, wohl in psychologischen Fachkreisen benennen – liebte ihre sieben Sachen über alles, die sogar wichtige Namen trugen.
Es durften auch nie mehr als sieben Sachen sein. Und auch nicht weniger, dass machte sie nervös.
Immer wenn sie ein neues, völlig wertloses Objekt auf der Straße fand, musste ein Anderes entsorgt werden. Folglich erbte das Neue, den Namen des Entsorgten.
Daher nannte sie der »Nazi Alf« eben auch »dumme Elster«. 
Dumm vor allem, da sie scheinbar nicht mehr als diese sieben Namen kannte.
Drei ihrer fragwürdigen Schätze jedoch, wechselte sie nie aus. 
Da war dieses rostige Pferdedings. Einst das Mundstück eines Pferdegeschirrs. 
Diesem hatte Marie den Namen Friedrich Nietzsche verpasst. 
Dann war da noch ein braunes, uraltes Apothekerfläschchen, das noch halb mit einer undefinierbaren Flüssigkeit gefüllt und mit einem, von schmutzigen Abdrücken übersäten, so wie völlig zerfransten Aufkleber versehen worden war, auf dem in ziemlich alten Lettern: »Curare«, stand. 
Das hieß Immanuel Kant.
Das Dritte war ein dünnes Buch mit dem Titel »gute Gedanken, gute Reden, gute Taten«. 
Dieses hatte Marie mit dem Namen »Zarathustra« bedacht. 
Er selbst war vermutlich der Einzige in der Heimatgasse, der sogar einen Zusammenhang zwischen diesen Sachen und erwähnten, namhaften Philosophen herstellen konnte. Allerdings hatte er keine Ahnung, woher Marie diese Zusammenhänge bekannt sein könnten. Man wusste nicht viel über sie. Und fragte man nach ihrer Herkunft oder dem Grund, dessentwegen sie auf der Straße lebte, erhielt man zur Antwort nur wirres Zeug, wenngleich von einer gewissen Logik, die halt auch nur Marie verstand.
Doch wehe dem, der eines dieser drei für sie so wichtigen Dinge einfach an sich nahm. Da konnte Marie plötzlich richtig wild werden.
Einmal ging sie sogar mit einem Messer auf Nazi Alf los. Rammte ihm das Ding fest in den Oberschenkel. Hat ganz schön geblutet, doch zum Glück war die Verletzung nicht tief. 
Er half Nazi Alf sogar dabei diese zu versorgen. 
Gern hatte er es nicht getan. Immerhin wäre fast sein gesamter Fusel dafür draufgegangen. Und dann schwatzte der Kerl auch noch ständig über seinen geliebten Führer, der bald schon wieder von den Toten auferstehen würde, um endlich seine Pläne zum Wiederaufbau eines germanischen Atlantis zu vollenden. 
Nazi Alf, so behauptete der jedenfalls von sich, wäre dann Hitlers neuer Architekt, um diese Welt in ein rassereines, neues Zeitalter, allein den Ariern bestimmt, zu verwandeln. 
Erst nachdem er Nazi Alf mit den schroffen Worten – »Halts Maul du Trottel, die Arier sind in Wahrheit Perser und Atlantis nur die ideologische Antwort des antiken Platons auf Homers Ilias« – zum Schweigen brachte, wurde dieses ganze Theater wieder erträglicher.

Plötzlich unterbrach splitterndes Glas die Ruhe der Nacht.
Der Obdachlose hielt abrupt inne, presste sich rasch an die Hausmauer am Eck einer anderen schmalen Gasse, fernab der Straßenbeleuchtung, und versuchte sich Unsichtbar zu verhalten. 
Eine Alarmglocke schrillte, Polizeisirenen erklangen. 
Dann blendete ihn für einen Augenblick sogar das Scheinwerferlicht, eines an ihm vorbei rasenden Polizeiwagens. 
Kurz darauf zerriss ein explodierender Schuss die Nacht.
Der alte Mann erschrak, da ließ ihn ein stechender Schmerz in der linken Brust zusammenfahren.
Dieser Schmerz stammte jedoch nicht von einer Pistolenkugel. Oh nein, dieser Schmerz kam von Innen und schnitt sich wie die scharfe Klinge eines glühenden Messers durch Butter, immer tiefer in sein schwaches Herz. 
Mit schmerzverzerrtem Gesicht gelang es ihm dennoch, sich ein Stück aufzurichten. Doch seine Lungen brannten bei jedem Atemzug.
Da begann es auch noch zu nieseln.
In stark gebückter Haltung verließ er sein finsteres Versteck und wankte über die autoleere Straße, um schnellst möglich in sein heruntergekommenes Zuhause zu gelangen. 
Es war eigentlich nicht mehr weit bis zur Heimatgasse, doch für ihn fühlten sich die paar Meter an, wie eine Ewigkeit. 
Innerhalb von Sekunden wurde aus dem Nieselregen ein ausgewachsener Schauer und plötzlich fegte auch noch heftiger Wind über die leeren Straßen. Harte Tropfen peitschten ihm ins Gesicht und durchweichten schnell seine zerlumpte Gewandung.
Nur noch ein kleines Stück, sagte er sich. Gleich ist es geschafft. 
Als er den aufgeweichten Riesenkarton erreichte, leuchtete sein Gesicht aschfahl, als wäre er nochmals um mindestens zwanzig Jahre gealtert.
Mit unterdrückten Tränen in seinen Augen, sank er keuchend, stöhnend und äusserst erschöpft auf sein bescheidenes, mittlerweile völlig durchnässtes Lager nieder. 
"Nur einbisschen Schlaf", murmelte er wirr vor sich her. "Das wird schon wieder", redete er sich benommen ein. 
Inzwischen tropfte es von allen Seiten auf ihn ein, davor schützte auch die alte zerschlissene Decke nicht, die er sich bis zum Kinn hochzog. Unbarmherzig kroch ihm Kälte und Nässe durch seine Kleidung bis unter die Haut.  
Schon fuhr erneut dieser grausame Stich durch seine Brust, ein Schweißausbruch folgte und wieder bekam er keine Luft. 
"Zu eng, alles viel zu eng", jammerte er wispernd und zerrte heftig an seinem schmutzigen, längst ausgeleiertem Hemdkragen herum. Doch das Atmen wurde nicht leichter. Unruhig, fast panisch wälzte er sich herum, hoffnungslos darum bemüht, eine bequemere Position einzunehmen, die zumindest etwas Linderung versprach. Doch dieser Schmerz, dieser schreckliche Schmerz gewährte ihm keine Pause.
Er begann lauter zu klagen und bald zu heulen.
Da kniete plötzlich Nazi Alf, wie aus dem Nichts vor ihm und starrte mit finsterer Mine auf ihn herab.
"Herrgott, du erbärmliches Muttersöhnchen, hör auf zu flennen!", brüllte er mit wutverzerrter Fratze. "Stirb zumindest wie ein richtiger Mann. Hast mir sonst ohnehin nur Schande gebracht, wegen dieser bolschewistischen Suffhure!"
Tatsächlich verstummte der Obdachlose abrupt.
Was redete der alte Faschist da für Stuss!, dachte er noch.
Plötzlich holte der aber aus um auf ihn einzuschlagen, da ertönte jedoch ein hysterischer Aufschrei.
"Geh weg von ihm, du verdammtes Monster! Weg von ihm, du elendigliches Nazischwein!", brüllte eine wutentbrannte weibliche Stimme. "Ihn machst du nicht kaputt!"
Marie?, wunderte sich der Obdachlose. Was zum Teufel geht hier vor sich?
Da stürzte sich Marie auch schon wie eine Furie auf Nazi Alf. Es gelang ihr sogar ihn von dem verwirrten Bettler wegzuzerren.
Kurz darauf war sie es, die sich nun über ihn beugte. Ihr Blick völlig irre, ihre Mine jedoch voll mütterlicher Sorge.
"Ganz ruhig, mein Kleiner. Keine Angst, er wird dir nichts mehr tun. Nie wieder. Versprochen", wisperte sie völlig verstört sowie mit Tränen in ihren geweiteten Augen auf ihn ein, rutschte näher an seinen Kopf und bettete denselben in ihrem Schoß. 
"Ich werde gut für dich sorgen, viel besser als je zuvor. Frei von ihm. Wirst wieder ganz gesund. Der Freund wird uns helfen, aber psst, nichts sagen. Psst, das bleibt unser kleines Geheimnis, ja?"
Fürsorglich strich sie ihm die Haare aus der Stirn, küsste ihm ein paar Wassertropfen fort und lächelte, während sie ihn aus riesengroßen, leuchtenden Augen ansah, deren fiebriger Glanz von Irrsinn erfüllt waren.
"Oh du mein kleiner Liebling. Sieh mal hier. Ich habe richtig gute Medizin für dich".
Und schon hielt sie das Fläschchen mit der Curare Aufschrift in der Hand und entfernte den Stöpsel mit ihrem Mund. 
"Hier mein kleiner Liebling, trink das. Schmecken tuts grauslich, aber danach wirst du gut schlafen, mein Schatz. Richtig gut schlafen. Keine Schmerzen, ohne Angst. Schön träumen wirst du und erst erwachen, wenn alles wieder gut ist, mein kleiner Schatz. Nicht mehr hier, sondern in einem viel schöneren Leben. Kannst mir vertrauen. Alles wird gut sein."
Dann setzte sie ihm dieses braune Fläschchen an die Lippen und zwang ihn dazu, alles auszutrinken. Es war ekelhaft, extrem bitter und beinahe hätte er sich übergeben. Fühlte sich allerdings selbst dafür inzwischen zu schwach.
Was zur Hölle macht sie mit mir? Was soll das!
Schon war die Tortour vorbei und Marie lächelte wieder aus diesen verklärten, irrsinnigen Augen auf ihn hinunter.
"Erinnerst du dich noch, was ich dir über Friedrich Nietzsche erzählt habe? Als ihm dieses arme Pferd so leid tat, dass von dem bösen Kutscher geschlagen wurde? Bestimmt hätte er dem Tier auch mit Medizin helfen können. Immanuel Kant hat's auch geholfen, das er besser Schlaf und so viele gute Gedanken in den Kopf bekam. Gedanken, die Zarathustra vor ganz langer Zeit schon hatte. Oh mein kleiner Liebling, solche Gedanken, die wünsche ich dir jetzt auch".
Der Obdachlose starrte sie nur hilflos an. Er verstand kaum ein Wort von dem was sie sagte, begriff aber dennoch irgendwie, was sie damit zu verstehen geben wollte. Hinzu spürte er langsam die Wirkung von diesem Zeug, was auch immer es war. Tatsächlich ließen die Schmerzen in seiner Brust etwas nach, sogar seine Glieder erschlafften, trotzdem er wusste, dass sie ihm nicht eingeschlafen waren. Selbst die Kälte und Nässe dieser grässlichen Nacht spürte er nicht länger. Er wurde müde, extrem müde. Ein kleines Bisschen verzerrt, sah er immer noch Maries verdrecktes Antlitz mit diesen riesengroßen Augen zwischen den vielen, verstaubten und wirren Haarsträhnen hindurch schimmern.  
Gerade holte sie die alte Pferdetrense namens Nietztsche und dieses dünne Buch mit dem Titel "gute Gedanken, gute Reden, gute Taten" hervor.  Die Trense schob sie ihm unter die eine Hand, mit den Worten – "Weißt du es noch, dein Glücksbringer?" – und das seltsame Buch in die Andere.
"Und das hier, um dich an dein Versprechen zu erinnern. Du weiß schon, was wir abgemacht haben, sobald wir frei sein werden, ja? Philosophie studieren hast du versprochen. Und Versprechen muss man halten. Bald kannst du das alles machen. Ohne Hitlerjugend, überhaupt keine solchen Zwänge mehr. Da wo wir hingehen, ist alles anders. Ganz anders. Wirst schon sehen".
Inzwischen konnte er diese Worte kaum noch verstehen, Maries beruhigende Stimme schien immer weiter abzutriften, sich zu entfernen. Verwandelte sich in einen seltsamen Singsang, wie die einer Mutter, die ihr krankes Kind in den Schlaf wiegte.
Langsam verschwamm ihr Gesicht vor seinen Augen.
An Stelle dessen tat sich gar unverhofft vor ihm der Himmel auf. 
Dann verlor er sein Bewusstsein. 
Als er wieder erwachte, lag er plötzlich allein auf weiter, grüner Flur.
Sonnenlicht blendete und erwärmte ihn zugleich von innen heraus.
Wo war sein Pappkarton hin? Wo der Regen, sein nasses Lager? Wo seine Heimatgasse, Marie und Nazi Alf? 
Da fühlte er mit einem Mal etwas, dass er schon lange nicht mehr empfunden hatte. 
Er dachte angestrengt nach, suchte das passende Wort dafür.
Geborgenheit, fiel ihm plötzlich ein.
Da nun trat ein stolzes Lächeln auf seine Lippen. Vergessen war der Pappkarton, die Heimatgasse oder die schizophrene Marie. Nazi Alf sowieso, für den empfand er ohnehin immer nur Verachtung.
Hier war es viel schöner.
Er entschied noch eine Weile zu bleiben, verschränkte seine Arme hinter dem Kopf und schloss für einen Augenblick zufrieden seine Augen.
Da kamen plötzlich diese Bilder. Erinnerungen stürmten auf ihn ein. Doch sie erschreckten ihn nicht mehr, sondern zogen einfach an seinem Geist vorüber. Wie ein TV-Thriller, der eigentlich nur so nebenbei über den Fernsehbildschirm flimmerte. Nur dass er selbst den Kameramann mimte.

Da war nun das wutentbrannte Gesicht seines Vaters, der sich in brauner Uniform, mit einer Hakenkreuzschleife am Arm gerade vor ihm aufbäumte, so wie seine Hand, die sich gerade zu einer Faust ballte und zu einem vernichtenden Hieb ausholte. Ein Hieb, der seinem Sohn gelten sollte. 
Doch etwas Merkwürdiges passierte stattdessen. Denn sein Vater führte nicht zu Ende, wozu er angesetzt hatte.
Es weiteten sich nur seine Augen. Taumelnd wandte er sich dann einer Person zu, die gerade hinter ihm stand. 
Erst jetzt erblickte der Obdachlose auch das Küchenmesser im Rücken des Vaters, dessen Griff genauso aussah, wie der von Maries Messer, dass sie einmal Nazi Alf in den Oberschenkel gerammt hatte. Und da war so viel Blut. Im nächsten Augenblick drohte sein Vater sogar auf die Person zu kippen, die jetzt vor ihm stand.
Zwei Arme mit zarten Händen versuchten jedoch verzweifelt den Sterbenden, schweren Körper mit aller Kraft von sich fort zu schieben. Kurz darauf brach der Vater leblos zur Seite weg und schon hatte der Obdachlose einen freien Blick auf die zierliche Frau dahinter. 
Mama?, schoss ihm da überrascht.
Angestrengt zog die jetzt das Küchenmesser aus dem Rücken des Vaters, nur um dann von Neuem, immer und immer wieder auf denselben einzustechen. Unzählige kleine Blutstropfen wurden hochgeschleudert und einige landeten sogar auf dem Gesicht des Bettlers.
Ein kurzer Filmriss entstand. Dann beugte sich seine Mutter über ihn.
Ihr Antlitz wirkte blass, es klebte überall Blut an ihren Wangen und in den Haaren. Doch sie lächelte beruhigend auf ihn hinunter, bettete seinen Kopf in ihrem Schoß, strich ihm zärtlich einige Haare aus der Stirn und übersäte sein Gesicht mit verzweifelten Küssen. 
Auf einmal wurde alles noch seltsamer, als er nun wieder Maries wirren Worte von zuvor durch sein Gehirn rauschen hörte. 
Jedes einzelne davon wiederholte sich. Doch diesmal kamen diese Worte aus dem Munde seiner Mutter. Doch nicht nur das, was sie gerade zu ihm sagte, auch was sie sonst noch mit ihm tat, stimmte jetzt bis ins kleinste Detail mit allem überein, was Marie zuvor tat. Die Sache mit der ekelhaften Medizin ebenso, als auch die Geschichte mit der seltsamen Pferdetrense, bis hin zu diesem dünnen Buch, kurz bevor er weg geschlafen war und auf dieser wunderschönen Wiese wieder zu sich kam. 
Da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen.
Alle Verwirrung, die noch vor dieser Nacht sein von Alkohol durchtränktes Gehirn beherrschte, löste sich plötzlich in Nichts auf.
Mit sintflutartiger Gewalt schlugen die tosenden Wellen seines gesamten Leben's jetzt über ihm zusammen und er erinnerte sich wieder. An alles.

Sein Leben! Es war nicht immer so verpfuscht gewesen, wie in diesen letzten traurigen Jahren seiner Obdachlosigkeit.
Er hatte etwas daraus gemacht. Wie er es seiner Mutter einst versprach, hatte er Philosophie studiert, wurde Professor an der Uni und unterrichtete bald andere Studenten. Immer in der Hoffnung, diese ebenfalls dorthin zu bringen, mehr aus ihrem Leben zu machen, statt sich von menschenverachtenden Ideologien vereinnahmen zu lassen, wie es sein Vater einst tat bis er sich vollkommen von seiner Familie entfremdete. Seine Mutter zu schlagen begann, die sich dass gefallen ließ, nur um ihn, ihren einzigen Sohn, zumindest davor zu bewahren.
Seine geliebte Mutter war in jungen Jahren eine südländische Schönheit gewesen. Eine Roma Prinzessin aus gutem Hause. Als Balletttänzerin erntete sie viel Anerkennung in ihrem Land und hatte schon bald genug Geld zusammen, um in die Staaten auswandern und dort ein Studium beginnen zu können. Da lernte sie bald seinen Vater kennen, dem sie Jahre später wieder zurück nach Europa folgte.
Sie lebten glücklich, bis er sich dem Nationalsozialistischem Regime unter Hitler anschloss. Aus tiefster Überzeugung sogar. Von Hermann Hess höchst selbst bekehrt. Von da an wollte er sich, aufgrund der niederen Rassenabstammung der Mutter, nur noch scheiden lassen. Diese war bereits mit ihm schwanger, und als kurz darauf auch noch Hitler und Hess verhaftet wurden, überlegte es sich sein Vater nochmal anders. Der Anfang vom Ende, für diese Ehe.
Als nun diese Gedanken und Bilder wieder verpufften, traten neue an deren Stelle.
Da nun zog seine verpfuschte Kindheit, im Schatten der Tyrannei seines Vaters an ihm vorüber. Es folgte seine viel bessere, vaterlose Jugendzeit in den Staaten. Highschool, College und die Universität. Er als Studierender der Philosophie. Lernen, Party, Lesen, viel Lesen. Stunden um Stunden die er in der Bibliothek verbracht hatte. Seine Karriere, die gesamte berufliche Laufbahn bis zum anerkannten, ja sogar hoch geehrten Professor. Und seine glückliche, wenngleich kinderlose Ehe.
Doch schon folgte auch der bittere Augenblick seines Zusammenbruch’s und Absturzes, als er alles verlor.
Von Neuem durchlebte er seine Verhaftung, damals schon über fünfzig, und wie man ihn, nach einem nur sehr kurzen Gerichtsprozess auch schon in eine psychiatrische Anstalt einweisen ließ, aus der er jedoch bald entfliehen konnte.
So begann sein neues, unsichtbares Leben auf der Straße, im Schatten dieser illusorischen Kartenhausgesellschaft.
Auch diese Bilder verschwammen jetzt zu einem einzigen, leuchtenden Einheitsbrei.
Und noch immer war kein Entsetzen in ihm. Nur Akzeptanz, eine tiefe, aussergewöhnlich großartige Akzeptanz. Mein Leben, nur eines von Vielen. Nichts besonderes, nur das eines entlarvten Verrückten, der sich mal einen Philosophen nennen durfte und dem Whiskey nicht abgeneigt war. Bis er den Mann tötete, der seinem Vater an Grausamkeit in Nichts nachstand, aber das Pech hatte, Professor an derselben Universität gewesen zu sein, an der auch sein Mörder unterrichtete.
Er, der treue Ehemann, anerkannter Professor der Philosophie, Mörder, Verrückter, jetzt heimatloser Toter. Wieder nur einer von Vielen.
Erst jetzt öffnete der Obdachlose seine Augen wieder. Ein friedlicher Blick lag darin. Er bereute nichts.
Ohne es zu bemerken hatte er sich auch schon aufgesetzt. Und immer noch befand er sich auf dieser weitläufigen Grasweide.
Doch der Himmel am Horizont, über und seitlich von ihm, war plötzlich verschwunden.
Da war auch keine warme Sonne mehr, stattdessen war der Himmel selbst zu einer geworden. Ein alles erleuchtender, erfüllender, ihn umarmender und einladender Fixstern.
Aller Schmerz war dahin, er fühlte sich großartig, kam hoch, rannte von geradezu jugendlichem Übermut bis an den Rand dieser seltsamen, neuen Welt und sprang sogleich darüber hinaus in den glorreichen Abgrund.
Schon war er wieder zum Kind geworden, das jetzt geradewegs in den Armen seiner Mutter landete. 
"Geschafft, mein kleiner Liebling. Endlich geschafft!", rief sie freudig aus. 
"Wir sind jetzt da angekommen, worauf wir unser Leben lang unweigerlich zusteuerten.
Denn unsere Gedanken, Reden und Handlungen im Leben, beeinflussen nur, ob es früher oder später passiert! Und wie wir letztlich in den Herzen anderer Menschen in Erinnerung bleiben.“
"Gilt das auch für Papa?", wollte die kindliche Seele des Obdachlosen da nun wissen.
Da lachte Marie aus vollem Herzen.
„Aber ja, mein kleiner Liebling. Allerdings nicht an diesem Ort. Wir leben hier als Erinnerung in den Herzen all jener Menschen fort, die uns einst schätzen und lieben lernten. Einen Ort wie diesen, gibt es für Papa nicht. Er haust jetzt unter den anderen Kreaturen, an die man sich nur voll Kummer, Gewalt, Leid und Qualen erinnert. Vor ihm sind wir hier sicher. Jetzt und für immer, bis in alle Ewigkeit ...“

Indessen herrschte auch in der Heimatgasse unheimliche Stille. Ebenso schnell wie er begonnen hatte, war der Regen nun wieder verklungen.
Kein Blatt rührte sich, kein Nachttier trieb noch sein Unwesen. Selbst die Ratten schwiegen. Ein seltsamer Frieden lag über der City.
Am anderen Ende der Stadt, spähte auch schon die Sonne vorsichtig über den Horizont.
Langsam tauchte sie den Himmel in ein zartes Rosa, färbte ihn bald orange, dann gold und erstrahlte letztlich in leuchtendem Weiß.
Ein neuer Tag war heran gebrochen.
Mit ihm erwachte auch diese Stadt zu neuem Leben, vertrieb das Grauen der Nacht und verdrängte alle Finsternis – oder tat zumindest so als ob.
Kirchenglocken läuteten den Sonntagsgottesdienst ein, Vorhänge wurden aufgezogen, Fenster geöffnet und Bettdecken ausgeschüttelt. Erste Menschen eroberten auf dem Weg zur Kirche, in hübsche, seriöse Kostüme gezwängt die Straßen zurück. Belebten den Ort, grüßten bekannte Gesichter und tauschen sich über Nichtigkeiten aus.
Doch keiner von ihnen entdeckte den, in seiner durchnässten Kleidung verendeten alten Mann, dessen lächelndes Gesicht unter dem völlig aufgeweichten Kartondach hervorlugte und mit leeren Augen in den selben Himmel starrte. Und zwar immer noch eingehüllt in diese schäbige graue Decke und mit einem inzwischen fast schwarzen Blutfleck auf der Brust, genau dort, wo sich sein Herz befand. 
Nein, ihn entdeckte nur der Universitätshauswart, dessen Schlafzimmerfenster direkt auf jene kleine, erbärmliche Heimatgasse hinaus ging, in der sonst nur Mülltonnen herumstanden. Er hatte auch die Polizei verständigt, die nun mit einem einzigen Wagen leise vorfuhr. Langsam, um nur bloß keine Aufmerksamkeit zu erregen.
Mit im Wagen saß auch der Notarzt.
Er und die zwei Polizisten stiegen aus, traten an den leblosen Körper heran. Der Doktor besah sich den alten Mann nur kurz und bestätigte seinen Tod.
"Jep, eindeutig tot".
"Danke", entgegnete einer der beiden Polizisten.
"Eines natürlichen Todes ist der aber nicht gestorben. Schaut euch diese Stichverletzung da an. Was is dem passiert?", spekulierte der andere Polizist.
"Stimmt, wird wohl ein Fall für die Mordkommission werden“, bestätigte der Erste wieder.
Da gesellte sich allerdings der Hausmeister dazu und schüttelte nur traurig seinen Kopf.
"Nö, dass war kein Mord, eher Selbstmord. Dacht mir schon, dass so etwas mal mit ihm passieren würde. Der hatte nicht alle Tassen im Schrank. Als er noch hier als Professor tätig war, fand er über einen anderen Professor heraus, dass der mit Nazis was am Hut hatte. Das meldete er sofort dem Rektor. Daraufhin wurde der andere Professor von der Ehrenliste für besondere, universitäre Verdienste gestrichen, aber nicht gefeuert. Der da bekam dann die Ehrung und wurde von da weg vom Ander’n schlimm schikaniert. Irgendwann plapperte er dann komisches Zeug vom Geist seiner Mutter, die den Familientyrannen tötete, seinen Vater, wenn sie verstehen was ich meine. Auch so’n scheiß alter Nazi. Verfolgte den armen Kerl in seinen Träumen. Irgendwann trieb es der andere Professor zu weit und der da brachte ihn ums Eck. Schlimme Sache, kam ins Irrenhaus. Geschlossene Anstalt und so. Schon Jahre her. Ist von dort trotzdem bald geflohen, tauchte wieder hier auf. Hat eigentlich Niemandem sonst etwas angetan. Nur ein armer Irrer halt. Führte komische Selbstgespräche. Imaginäre Freunde. Eine davon hieß Marie, einen anderen nannte er Nazi Alf. Rammte sich mal selbst ein Messer ins Bein, als er mit sich selber stritt. Nur um es dann mit seinem Fusel zu desinfizieren und wieder zu versorgen. Ziemlich heftig. Wie gesagt, sonst hat er Niemanden was getan. Behielt ihn aber im Auge. Also wenn sie mich fragen, hat sich der selbst ums Eck gebracht. Wollte wohl den imaginären Nazi Alf töten und hat sich dabei selbst umgebracht".
Die beiden Polizisten und der Notarzt konnten nicht fassen, was sie da für eine merkwürdige Geschichte zu hören bekamen.
"Warum zum Teufel haben sie das nie der Polizei gemeldet?"
Der Hausmeister zuckte nur seine Schultern. 
"Wozu? Damit er wieder im Irrenhaus gelandet wäre. Nö. Der da war kein Schlechter, kein Böser. Fühlte sich auf der Straße hier wohler. Ihn hat nur die Schikaniererei des anderen damals fertig gemacht. Wollte ihm nicht auch noch die letzte Freude nehmen. Der Andere war ein echter Verbrecher. Ein ganz Übler seiner Sorte. Hat den Tod verdient, wenn sie mich fragen." 
Als er daraufhin drei entsetzte Blicke von den Anderen kassierte, winkte er allerdings nur ab.
"Ach was soll's, sie verstehen’s ja doch nicht", fügte er dann hinzu, wandte sich ab und verschwand hinter einer der Türen, die ihn offensichtlich wieder in seine Hausmeisterwohnung führte.
Ratlos starrten sich die Polizisten zuerst gegenseitig, dann den Notarzt und schließlich wieder den rätselhaften Leichnam vor sich an.
"Verfluchtes Nachtleben", murmelte da der eine Polizist wieder.
„So ist es oft“, entgegnete der Notarzt da. „Stark gestörte Persönlichkeiten sind lebendig Gefangene, einer solchen, nie endenden Nacht.“
"Hm ...", meldete sich da auch der andere Polizist grüblerisch „… wenn die aber nun von tödlichem Ausgang war, brachte sie ihm vielleicht doch wieder Licht“.
Da blickte der Arzt auf und musterte den Polizisten prüfend.
„Vielleicht, wer weiß das schon?“

Ende

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