Nachtleben

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250617

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Nachtleben
Evelucas

Längst waren in allen Häusern die Lichter erloschen, unzählige Gassen in vollkommene Finsternis getaucht. Ratten huschten umher, überquerten die verlassenen Straßen. Vereinzeltes Hundegebell schlug an und ein paar streunende Katzen greinten jammervoll in die Dunkelheit hinein. 
Ein vom hohen Alter gebeugter Mann, heruntergekommen, in Lumpen und oft auch sturzbesoffen, schlurfte aus einer Seitengasse, dicht an die Hausmauern kalter Wohnblöcke gedrängt, durch diese selten stille Nacht. Heute war er leider nicht besoffen, sondern verdammt nüchtern.
Stetig flatterte sein verklärter Blick über den alten Flachmann in seiner Hand, nur um dann aus nervösen Augen die täuschende Idylle der Finsternis zu durchdringen.
»Die Ruhigen sind am gefährlichsten«, murmelte er zu sich selbst. Seit drei Tagen und Nächten, von nur kurzen Ruhephasen begleitet, schlich er auf der Suche nach Nahrhaftem durch die unzähligen engen, schmutzigen Gassen.
Der alte Flachmann war sein einziges Hab und Gut. Auch sein einziger Trost, sofern dieser mit genügend Alkohol vollgetankt war. Ob nun Bier, Wein, Wodka oder sonst irgendein Fusel, war ihm egal. Er nahm, was er kriegen konnte. 
Am wirkungsvollsten war Schnaps, viel Schnaps. Der wärmte so wunderbar von innen und ließ ihn zumindest mal für ein bis zwei Nächte wie ohnmächtig schlafen. Da war ihm der Hunger auch egal. 
Diese Woche war wieder eine dieser ganz miesen Verräter. 
Kein Alkohol für ihn und zu Essen auch nichts. Nur Wasser, das er sich hier und da hatte erbetteln können. Wiederholt wurde er deshalb von schmerzhaften Krämpfen geschüttelt. Seine Hände zitterten heftiger und öfter als sonst. Sein Magen protestierte gnadenlos gegen die Leere. Manchmal fühlte sich das an, als verklumpe dieser inwendig zu einem sauren Knoten. 
Doch auch der kranke Rücken und das Rheuma in seinen schwächelnden Gliedern quälten ihn mehr denn je, so ganz ohne Betäubung. 
Kam er nicht bald an etwas Essbares oder hochprozentigen Alkohol, stand es ziemlich schlecht um ihn.
Fast hätte er bei diesem Gedanken bitter gelacht.
Als ob das noch irgend Jemanden interessieren würde. 
Er verstand ja noch nicht einmal selbst, warum er an diesem erbärmlichen Dasein festhielt. Von welchem Nutzen war er denn schon? Welcher Mensch war jemals oder ist überhaupt von Nutzen?
»Lässt wieder mal den Philosophischen raushängen?«, sagte er da zu sich selbst und schmunzelte über sein Elend.
»Muss wohl am Alter liegen«, beschloss er dann und nahm einen kräftigen Schluck Wasser aus seinem Flachmann, während er sich den malzigen Geschmack seines genehmsten Whiskys vorstellte. 
Lange her, als er sich den zuletzt leisten konnte.
Ebenso jene Zeit, als er noch Teil dieser Kartenhausgesellschaft war. Teil dieses erbärmlichen Wolkenschlosses, indem jetzt nur noch die anderen wohnten – natürlich mit Ausnahme der Beiden, die mit ihm gemeinsam die Heimatgasse teilten. 
Zwei bis drei Quadratmeter pro Kopf, gleichmäßig aufgeteilt in Schlaf- und Essplätze.
Selten das da untereinander geteilt wurde, beziehungsweise, irgendwas geteilt werden konnte. 
Auf gute Nachbarschaft sollte man bei denen aber auch nicht zählen.
Da war Marie, die auch »dumme Elster« genannt wurde. Nicht von ihm, nur von diesem anderen Kerl. Den er selbst wiederum »Nazi Alf« nannte. So ganz bei Sinnen waren die nicht. 
Marie, vermutlich schizophren – so zumindest würde man dass, was mit ihr nicht stimmte, wohl in psychologischen Fachkreisen benennen – liebte ihre sieben Sachen über alles, die sogar wichtige Namen trugen.
Es durften auch nie mehr als sieben Sachen sein. Doch auch nicht weniger, dass machte sie nervös.
Immer wenn sie ein neues, völlig wertloses Objekt auf der Straße fand, musste ein Anderes entsorgt werden. Folglich erbte das Neue, den Namen des Entsorgten.
Daher nannte sie der »Nazi Alf« eben auch »dumme Elster«. 
Dumm vor allem, da sie scheinbar nicht mehr als diese sieben Namen kannte.
Drei ihrer fragwürdigen Schätze jedoch, wechselte sie nie aus. 
Da war dieses rostige Pferdedings. Einst das Mundstück eines Pferdegeschirrs. 
Diesem hatte Marie den Namen Friedrich Nietzsche verpasst. 
Dann war da noch ein braunes, uraltes Apothekerfläschchen, das noch halb mit einer undefinierbaren Flüssigkeit gefüllt und mit einem, von schmutzigen Abdrücken übersäten, so wie völlig zerfransten Aufkleber versehen worden war, auf dem in ziemlich alten Lettern: »Curare«, stand. 
Das hieß Immanuel Kant.
Das Dritte war ein dünnes Buch mit dem Titel »gute Gedanken, gute Reden, gute Taten«. 
Dieses hatte Marie mit dem Namen »Zarathustra« bedacht. 
Er selbst war vermutlich der Einzige in der Heimatgasse, der sogar einen Zusammenhang zwischen diesen Sachen und erwähnten, namhaften Philosophen herstellen konnte. Allerdings hatte er keine Ahnung, woher Marie diese Zusammenhänge bekannt sein könnten. Man wusste nicht viel über sie. Und fragte man nach ihrer Herkunft oder dem Grund, dessentwegen sie auf der Straße lebte, erhielt man zur Antwort nur wirres Zeug, wenngleich von einer gewissen Logik, die halt auch nur Marie verstand.
Doch wehe dem, der eines dieser drei für sie so wichtigen Dinge einfach an sich nahm. Da konnte Marie plötzlich richtig wild werden.
Einmal ging sie sogar mit einem Messer auf Nazi Alf los. Rammte ihm das Ding fest in den Oberschenkel. Hat ganz schön geblutet, doch zum Glück war die Verletzung nicht tief. 
Er half Nazi Alf sogar dabei diese zu versorgen. 
Gern hatte er es nicht getan. Immerhin wäre fast sein gesamter Fusel dafür draufgegangen. Und dann schwatzte der Kerl auch noch ständig über seinen geliebten Führer, der bald schon wieder von den Toten auferstehen würde, um endlich seine Pläne zum Wiederaufbau eines germanischen Atlantis zu vollenden. 
Nazi Alf, so behauptete der jedenfalls von sich, wäre dann Hitlers neuer Architekt geworden, um diese Welt in ein rassereines, neues Zeitalter, allein den Ariern bestimmt zu verwandeln. 
Erst nachdem er Nazi Alf mit den schroffen Worten – »Halts Maul du Trottel, die Arier sind in Wahrheit Perser und Atlantis nur die ideologische Antwort des antiken Platons auf Homers Ilias« – zum Schweigen brachte, wurde dieses ganze Theater wieder erträglicher.

Plötzlich durchbrach splitterndes Glas die Ruhe der Nacht.
Der Obdachlose hielt abrupt inne, presste sich rasch an die Hausmauer am Eck einer anderen schmalen Gasse, fernab der Straßenbeleuchtung, und versuchte sich Unsichtbar zu verhalten. 
Eine Alarmglocke schrillte, Polizeisirenen erklangen. 
Dann blendete ihn für einen Augenblick sogar das Scheinwerferlicht eines an ihm vorbei rasenden Polizeiwagens. 
Kurz darauf zerriss ein explodierender Schuss die Nacht.
Der alte Mann erschrak, da ließ ihn ein stechender Schmerz in der linken Brust zusammenfahren.
Dieser Schmerz stammte jedoch nicht von einer Pistolenkugel. Oh nein, der kam von Innen und schnitt sich wie die scharfe Klinge eines glühenden Messers durch Butter, immer tiefer in sein schwaches Herz. 
Mit schmerzverzerrtem Gesicht gelang es ihm dennoch sich ein Stück weit aufzurichten. Aber seine Lungen brannten bei jedem Atemzug.
Da begann es auch noch zu nieseln.
In stark gebückter Haltung verließ er sein finsteres Versteck und wankte über die autoleere Straße, um schnellst möglich in sein heruntergekommenes Zuhause zu gelangen. 
Es war eigentlich nicht mehr weit bis zur Heimatgasse, doch für ihn fühlten sich die paar Meter an, wie eine Ewigkeit. 
Innerhalb von Sekunden wurde aus dem Nieselregen ein ausgewachsener Schauer und plötzlich fegte auch noch heftiger Wind über die leeren Straßen. Harte Tropfen peitschten ihm ins Gesicht und durchweichten schnell seine zerlumpte Gewandung.
Nur noch ein kleines Stück, sagte er sich. Gleich ist es geschafft. 
Als er den aufgeweichten Riesenkarton erreichte, leuchtete sein Gesicht aschfahl, als wäre er nochmals um mindestens zwanzig Jahre gealtert.
Mit unterdrückten Tränen in seinen Augen, sank er keuchend, stöhnend und äusserst erschöpft auf sein bescheidenes, mittlerweile völlig durchnässtes Lager nieder. 
"Nur ein bisschen Schlaf", murmelte er wirr vor sich her. "Das wird schon wieder", redete er sich benommen ein. 
Inzwischen tropfte es von allen Seiten auf ihn nieder, davor schützte auch die alte zerschlissene Decke nicht, die er sich bis zum Kinn hochzog. Unbarmherzig kroch ihm Kälte und Nässe durch seine Kleidung bis unter die Haut.  
Schon fuhr erneut dieser grausame Stich durch seine Brust, ein Schweißausbruch folgte und wieder bekam er keine Luft. 
"Zu eng, alles viel zu eng", jammerte er wispernd und zerrte heftig an seinem schmutzigen, längst ausgeleiertem Hemdkragen herum. Doch das Atmen wurde nicht leichter. Unruhig, fast panisch wälzte er sich herum, hoffnungslos darum bemüht, eine bequemere Position einzunehmen, die zumindest etwas Linderung versprach. Doch dieser Schmerz, dieser schreckliche Schmerz gewährte ihm keine Pause.
Er begann lauter zu klagen und bald zu heulen.
Da kniete plötzlich Nazi Alf, wie aus dem Nichts vor ihm und starrte mit finsterer Mine auf ihn herab.
"Herrgott, du erbärmliches Muttersöhnchen, hör auf zu flennen!", brüllte er mit wutverzerrter Fratze. "Stirb zumindest wie ein richtiger Mann. Hast mir ohnehin nur Schande gebracht, wegen dieser bolschewistischen Suffhure!"

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Leseprobe Ende

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