01 Schatten über Wounded Knee - oder was Annie Spotted Elk erzählt

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01 Schatten über Wounded Knee - oder was Annie Spotted Elk erzählt





Mai - 2012

Wind streicht sachte über das hohe, gelbgrüne Gras. Wilde Blumen mit gelben und hellblauen Blüten wiegen sich sanft in der Brise. Die Sonne erleuchtet rings um mich herum die Prärie. In der Ferne schimmern die seltsam unheimlich anmutenden Hügel der Badlands.
Ich befinde mich in der Pine Ridge-Reservation in South Dakota, dem wilden Land der Oklala-Lakota.
Der Friedhof trübt sofort meinen Indianer-Enthusiasmus, sowie die Bettelei der Frau mit den angeblich fünf Kindern. Enttäuschung macht sich breit.
»Was ist los mit eurem Stammesstolz?« Meine Frage ist an niemand bestimmten gerichtet. Ich spreche mit dem Wind. Oder doch nicht?
»Stolz macht nicht satt ...«, flüstert mir jemand leise zu.
»Die Frau hat wirklich fünf Kinder. Sie hat kein Licht in ihrem Haus.«
Mein Blick schweift ringsherum und bleibt an meinem Freund hängen, der außerhalb des kleinen Friedhofes am Wounded Knee steht. Nein, er hat nichts gesagt. Aber wer dann? Verwirrt sehe ich mich um. Ein milder Luftzug streicht über meine Wangen.
»Du kannst mich nicht sehen ...«
Mein Blick schweift über das wogende Meer des silbrig schimmernden Grases.
»Ich kann dich aber hören. Wer bist du?«
Ein kurzes Schweigen, dann ein leises Lachen.
»Ich bin Annie Spotted Elk.«
Kurzes Überlegen meinerseits, dann nicke ich bedächtig.
»Aus der Spotted Elk-Familie. Ihr seid ein großer Clan. Einer von euch war der große Häuptling ‚Spotted Elk oder Bigfoot, wie auch immer.« Den Namen hatte ich schon öfters gehört. Er war dabei, als das Massaker stattfand.
Ich überlege eine Weile, dann beschließe ich, mit diesem Geist zu diskutieren. So einfach will ich es den Indianern nicht machen.
»Okay, dann hat sie kein Licht, aber sie hat Kinder, sie ist jung genug um sich zusammenzunehmen und zu versuchen, etwas aus ihrem Leben zu machen. Wieso sind diese Kinder nicht in der Schule? Schulabschluss ist gut, dann hat man etwas, worauf man bauen kann.«
»Worauf sollen sie denn bauen? Sag es mir! Worauf? Auf den Alkohol? Sie leben in eine der ärmsten Gegenden von Amerika.«
»Keine Entschuldigung, tut mir leid, aber ihr habt Schulen! Nutzt sie einfach!«
Darauf folgt ein leises, etwas spöttisches Lachen. Ich ärgere mich ein bisschen darüber, doch entgegne nichts.
»Kennst du denn unsere Schulen?«
Ich schüttle mit dem Kopf.
»Nein, aber es reicht zu wissen, dass ihr welche habt.«
»Meinst du? Ich sag dir was über unsere Schulen. Die Grundschule wurde im Vorjahr geschlossen, weil die Sicherheitsvorkehrungen nicht mehr gegeben waren. Elektrische Leitungen galten als gefährlich, die Sprinkleranlage funktionierte nicht, und wir hatten kein Geld um die notwendigen Vorkehrungen zu treffen. Die Mittelschule hat bauliche Schäden, da kommen bereits Schlangen und Erdhörnchen durch den Boden. Als die Schule gebaut wurde, enthielten Baumaterialien unter anderem Asbest. Jetzt tritt durch die Bauschäden Asbeststaub aus.«
Ich überlege, was ich dazu sagen soll, während mein Blick zufällig an einem der kleinen Grabsteine hängenbleibt. Als ich den Grabstein näher inspiziere, mache ich eine Entdeckung..
»Annie Spotted Elk, das bist wohl du! Geboren 1967, gestorben: 1984.« Sie wurde nur 17 Jahre alt!
»Überrascht?«
»Du bist so jung gestorben«, stelle ich entsetzt fest.
»Ich bin freiwillig so jung gestorben. Für mich gab es keine Zukunft.«
Fassungslos starre ich auf den Grabstein.
»Du bist freiwillig gestorben?«
»Ja, freiwillig und mit Bedacht« , haucht die Geisterstimme.
Betroffenes Schweigen macht sich breit. Suizid! Eine Siebzehnjährige hat sich einfach umgebracht, mit Bedacht.
Wieso macht man sowas?
»Ich bekam mit fünfzehn ein Kind. Hatte keine Arbeit, lebte bei meinen Eltern und fünf Geschwistern in einer kleinen Spanholzhütte. Amerikanisches Fernsehen aber nicht genug zu essen. Reine Ironie, nicht wahr? Ich wusste nicht, was ich tun sollte.«
»Aber was ist mit dem Kind? Wie konntest du es hier zurücklassen?«
Der Wind streicht um meine Beine, ich sehe eine umgefallene Plastikvase mit einer Plastikblume darin. Vorsichtig stelle ich sie auf. Mein Blick auf die Inschrift dieses Grabsteines lässt mich erneut erstarren: Joyce Spotted Elk, geb. 1982, gestorben 1984.
»Sie starb in meinen Armen an Masern. Kurz darauf folgte ich ihr über den großen Fluss.«
Tränen treten in meine Augen. Ein Kind stirbt in unserer Zeit einfach so an Masern. Ich schlucke.
»Aber deine Eltern – konnten sie nicht helfen?«
Traurigkeit liegt in der Geisterstimme.
»Meine Mutter war nicht fähig mir zu helfen, sie konnte sich nicht mal selbst helfen.« Für wenige Sekunden schweigt die Geisterstimme, ehe sie leiser weiterspricht.
»Weißt du, was Methamphetamine sind?«
Ich nicke. Speed, Drogen. Erschüttert überdenke ich nochmal mein Vorurteil.
»Und dein Vater war ...?« Ich unterbreche meinen Satz, doch sie antwortet leise.
»Alkoholiker, er hat mich geschlagen. Meine Brüder, meine Schwestern und meine Mutter. Sie waren beide zu betrunken, zu süchtig um uns in die Schule zu schicken, um uns zu erziehen. Ich habe täglich gehofft, dass jemand kommt, und mich mitnimmt, mich von hier fortbringt. Doch ihr kommt nicht um uns zu holen, um zu geben. Ihr kommt, weil ihr etwas von uns wollt.«
»Was wollen wir, Annie? Sag es mir. Was glaubst du, wollen wir?«, frage ich mit leisem Protest in der Stimme.
»Ihr wollt einen Indianer kennenlernen. Am liebsten einen Medizinmann. Ihr wollt in einen unserer Clans aufgenommen werden, wollt euch entschuldigen, weil ihr euch schuldig fühlt. Vielleicht wollt ihr auch helfen oder ihr wollt einfach einen Indianernamen. Einige wollen an unseren Zeremonien teilnehmen, doch eines habt ihr alle gemeinsam: Ihr wollt etwas von uns!«
»Ja, das stimmt«, lege ich nun auch los. »Ich will etwas von Wounded Knee wissen, will sehen, wo ihr lebt, aber ihr, ihr wollt auch etwas von uns«, füge ich ruhig, aber bestimmt hinzu. »Ihr wollt unser Geld, Mitleid. Ihr wollt, dass wir eure Armut erkennen, damit wir euch etwas geben! Doch ihr wollt so wenig wie möglich dafür tun! Also seid ihr nicht besser als wir. Ich habe vielleicht mehr Geld, aber ich spare zwei-drei Jahre, damit ich hierher kommen kann. Ich bin aus Europa. Das ist weit. Es ist mein Wunsch, hierher zu kommen, um euer Reservat zu sehen, etwas von dem Massaker zu hören und ich bin bereit, dafür auf andere Sachen zu verzichten. Ich bin klarerweise auch bereit, etwas dafür zu zahlen. Ich kaufe immer eure Handwerkskünste. Schmuck, Traumfänger, Puppen. Irgendwas, weil ich weiß, dass ihr dafür etwas tut und es euch zugutekommt. Aber hier in diesem Teil eures Landes – hier weiß ich nicht genau, was ihr tut. Ihr zeigt uns nur die Schattenseite. Das ist mir ehrlich gesagt zu wenig.«
Mein Blick schweift über den einsamen Friedhof. Nachdenklich starre ich wieder auf die pinkfarbene Plastikblume auf dem Grab. Nicht einmal richtige Blumen stellen sie her.
»Diese Blumen welken niemals«, spricht Annie zu mir, als ob sie meine Gedanken liest »Und sie kosten fast nichts.«
Gut, das leuchtet mir ein. Der Punkt geht an sie. Es beruhigt mich irgendwie, weil es den Anschein erweckt, dass doch nicht nur Gleichgültigkeit und Resignation vorherrschen.
»Es hilft den Lebenden nicht, Geld auf diesen Friedhof zu lassen. Sie haben keines und wir weilen nicht mehr unter ihnen. Also nutzen uns echte Blumen auch nichts mehr.«
»Aber wieso bettelt ihr? Ihr habt Wounded Knee. Ihr habt ein Museum und ein Visitorcenter. Wieso ist es nicht offen? Es könnte ja jemand da drinnen stehen und uns etwas verkaufen. Ihr könntet Wounded Knee abzäunen und Eintritt verlangen, so wie es die Weißen am Little Big Horn gemacht haben.«
»Wir könnten, glaubst du? Nein, wir können nicht. Es gibt kein Geld für Zäune, kein Geld, um etwas herzustellen, was man im Visitorcenter verkaufen könnte. Und Little Big Horn ist deswegen ein State-Park geworden, weil weiße Männer bei dieser Schlacht ums Leben gekommen sind. Aber wir hier haben kein Geld für all diese Materialien. Und die Weißen vergessen uns, oder nehmen uns noch mehr.«
»Noch immer? Aber ich dachte, ihr bekommt Förderungen, Wiedergutmachungen. Ist das falsch?«
»Wir bekommen Förderungen, doch es reicht nicht. Das meiste fließt in die großen Reservate im Südwesten. Dort, wo die ganze Welt hinfindet. Grand Canyon, Aches, Monument Valley – ja, dort hat man was davon. Da fließt Geld wie ein wasserreicher Fluss, doch wir hier, wir haben nur Wounded Knee. Wenige hegen ein großes Interesse daran, ein Massengrab zu besichtigen. Clinton hat seinerzeit damit angefangen unsere Gelder zu kürzen, aber Präsident George W. Bush hat unsere Förderung sofort um viele Millionen gekürzt. Wir sind die Vergessenen, wir spüren es am deutlichsten.«
»Okay, aber dennoch, eine Frage bleibt offen: Wieso stellt sich keiner Ende Mai in dieses Museum hinein und berät uns Frühtouristen? Dazu gehört nur ein Schlüssel und die Person, die da drinnen steht – freiwillig natürlich, mit der Hoffnung, etwas Geld zu machen. Besser als betteln, oder?«
Annie schweigt, überlegt scheinbar. Dann nach einer ganzen Weile antwortet sie.
»Darauf kann ich nur sagen: Wer hat die Kraft, diesen Schlüssel zu suchen, ihn zu finden und dann hier aufzusperren? Um Geld bitten, geht immer, bei allen Touristen, im Sommer wie im Winter.«
»Ja, stimmt schon, aber betteln schreckt ab – verkaufen nicht. Ich bin Tourist und ich bin Mensch. Ich kaufe, wenn mir etwas sinnvoll erscheint. Jedes Mal bin ich dafür, immer, und immer wieder, aber Bettlern weiche ich aus. Ich mach einen großen Bogen um sie. Mir tut es im Herzen weh, wenn ich lese, wie viele Kinder hier sterben, wie viel Jugendliche Suizid begehen, aber Annie, ich denke, ihr könnt noch, wenn ihr wollt. Unter euch 21.000 Einwohnern – wahrscheinlich seid ihr sogar weit mehr als das, muss es nur Einen geben, einen Einzigen der sich darum kümmern will, dass etwas hier passiert. Denn dann bewegt sich was. Vielleicht bin ich blauäugig, vielleicht sehe ich auch nur Möglichkeiten, die ihr nicht mehr erkennt. Ihr mit der hohen Kindersterblichkeitsrate, mit euren Alkoholikern, euren geschlossenen Schulen und euren nicht genügend vorhandenen Ressourcen. Aber ehrlich: Wo ein Wille, da ein Weg. Das ist meine Meinung.«
Darauf folgt nachdenkliches Schweigen.
»Auf Wiedersehen, Annie Spotted Elk«, flüstere ich. »Es war interessant, mit dir zu sprechen und ich verstehe euch jetzt etwas besser, aber Resignation ist keine Option, so seh ich das nun mal. Tut mir leid! Leben kann Scheiße sein, aber es kommt immer darauf an, wie ihr diese Scheiße verkauft.«
Ich will nicht mehr hören, was ihr dazu einfällt und gehe leisen Schrittes davon.



Nachwort:
Die Pine Ridge Reservation im Südwesten South Dakotas ist das achtgrößte Reservat der USA, vor allem aber auch das ärmste. Pine Ridge ist ein Sinnbild für die Probleme, die in vielen Reservaten der Staaten entstanden sind.  
Hier treten sie so gehäuft und einprägsam auf, dass es zu einem traurigen Ausdruck der Schattenseiten des Lebens vieler amerikanischer Ureinwohner geworden ist.
Der Besuch dort führt uns in eine fremde Welt, in der niemand so recht zu wissen scheint, welcher Feind hinter der nächsten Ecke lauern könnte. Dennoch finde ich, der allergrößte Feind ist die Resignation und der verlorene Indianerstolz, den ich aus dem Südwesten und auch aus den Reservaten Oklahomas noch in lebhafter Erinnerung habe.
Ich rate allen, die dort hinkommen und die sich betroffen anhand der deutlich erkennbaren Armut fühlen, zu spenden, und zwar an die richtigen Konten. Weiteres finde ich, können wir, wenn wir dort schon Urlaub machen, ohne weiteres etwas aus dem zertifizierten Indianerhandwerk kaufen, wie Schmuck, Traumfänger oder diverse Web- und Knüpfarbeiten. Denn das ist der richtige Weg ihnen wirklich zu helfen und einen beträchtlichen Teil der dort vorherrschenden Korruption zu umgehen.


Zuletzt von A.C.Greeley am Sa 7 Okt 2017 - 19:06 bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet
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Beitrag am Di 7 Apr 2015 - 18:38 von Evelucas

Und immer wieder, wenn ich das lese. Kommen mir die Tränen. Ein Reisebericht der besonderen Art. Ich liebe ihn, so wie er mich erschüttert. Schön das er jetzt auch hier zu lesen ist. Wink Neutral sunny I love you

Danke A.C. Greeley

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