01 Schatten über Wounded Knee - oder was Annie Spotted Elk erzählt

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01 Schatten über Wounded Knee - oder was Annie Spotted Elk erzählt

Beitrag von A.C.Greeley am Di 31 März 2015 - 18:25


Mai - 2012

Wind streicht sachte über das hohe, gelbgrüne Gras. Wilde Blumen mit gelben und hellblauen Blüten wiegen sich sanft in der Brise. Die Sonne erleuchtet rings um mich herum die Prärie. In der Ferne schimmern die seltsam unheimlich anmutenden Hügel der Badlands.
Ich befinde mich in der Pine Ridge-Reservation in South Dakota, dem wilden Land der Oklala-Lakota.
Der Friedhof trübt sofort meinen Indianer-Enthusiasmus, sowie die Bettelei der Frau mit den angeblich fünf Kindern. Enttäuschung macht sich breit.
»Was ist los mit eurem Stammesstolz?« Meine Frage ist an niemand bestimmten gerichtet. Ich spreche mit dem Wind. Oder doch nicht?
»Stolz macht nicht satt ...«, flüstert mir jemand leise zu.
»Die Frau hat wirklich fünf Kinder. Sie hat kein Licht in ihrem Haus.«
Mein Blick schweift ringsherum und bleibt an meinem Freund hängen, der außerhalb des kleinen Friedhofes am Wounded Knee steht. Nein, er hat nichts gesagt. Aber wer dann? Verwirrt sehe ich mich um. Ein milder Luftzug streicht über meine Wangen.
»Du kannst mich nicht sehen ...«
Mein Blick schweift über das wogende Meer des silbrig schimmernden Grases.
»Ich kann dich aber hören. Wer bist du?«
Ein kurzes Schweigen, dann ein leises Lachen.
»Ich bin Annie Spotted Elk.«
Kurzes Überlegen meinerseits, dann nicke ich bedächtig.
»Aus der Spotted Elk-Familie. Ihr seid ein großer Clan. Einer von euch war der große Häuptling ‚Spotted Elk oder Bigfoot, wie auch immer.« Den Namen hatte ich schon öfters gehört. Er war dabei, als das Massaker stattfand.
Ich überlege eine Weile, dann beschließe ich, mit diesem Geist zu diskutieren. So einfach will ich es den Indianern nicht machen.
»Okay, dann hat sie kein Licht, aber sie hat Kinder, sie ist jung genug um sich zusammenzunehmen und zu versuchen, etwas aus ihrem Leben zu machen. Wieso sind diese Kinder nicht in der Schule? Schulabschluss ist gut, dann hat man etwas, worauf man bauen kann.«
»Worauf sollen sie denn bauen? Sag es mir! Worauf? Auf den Alkohol? Sie leben in eine der ärmsten Gegenden von Amerika.«
»Keine Entschuldigung, tut mir leid, aber ihr habt Schulen! Nutzt sie einfach!«
Darauf folgt ein leises, etwas spöttisches Lachen. Ich ärgere mich ein bisschen darüber, doch entgegne nichts.
»Kennst du denn unsere Schulen?«
Ich schüttle mit dem Kopf.
»Nein, aber es reicht zu wissen, dass ihr welche habt.«
»Meinst du? Ich sag dir was über unsere Schulen. Die Grundschule wurde im Vorjahr geschlossen, weil die Sicherheitsvorkehrungen nicht mehr gegeben waren. Elektrische Leitungen galten als gefährlich, die Sprinkleranlage funktionierte nicht, und wir hatten kein Geld um die notwendigen Vorkehrungen zu treffen. Die Mittelschule hat bauliche Schäden, da kommen bereits Schlangen und Erdhörnchen durch den Boden. Als die Schule gebaut wurde, enthielten Baumaterialien unter anderem Asbest. Jetzt tritt durch die Bauschäden Asbeststaub aus.«
Ich überlege, was ich dazu sagen soll, während mein Blick zufällig an einem der kleinen Grabsteine hängenbleibt. Als ich den Grabstein näher inspiziere, mache ich eine Entdeckung..
»Annie Spotted Elk, das bist wohl du! Geboren 1967, gestorben: 1984.« Sie wurde nur 17 Jahre alt!
»Überrascht?«
»Du bist so jung gestorben«, stelle ich entsetzt fest.
»Ich bin freiwillig so jung gestorben. Für mich gab es keine Zukunft.«
Fassungslos starre ich auf den Grabstein.
»Du bist freiwillig gestorben?«
»Ja, freiwillig und mit Bedacht« , haucht die Geisterstimme.
Betroffenes Schweigen macht sich breit. Suizid! Eine Siebzehnjährige hat sich einfach umgebracht, mit Bedacht.
Wieso macht man sowas?
»Ich bekam mit fünfzehn ein Kind. Hatte keine Arbeit, lebte bei meinen Eltern und fünf Geschwistern in einer kleinen Spanholzhütte. Amerikanisches Fernsehen aber nicht genug zu essen. Reine Ironie, nicht wahr? Ich wusste nicht, was ich tun sollte.«
»Aber was ist mit dem Kind? Wie konntest du es hier zurücklassen?«
Der Wind streicht um meine Beine, ich sehe eine umgefallene Plastikvase mit einer Plastikblume darin. Vorsichtig stelle ich sie auf. Mein Blick auf die Inschrift dieses Grabsteines lässt mich erneut erstarren: Joyce Spotted Elk, geb. 1982, gestorben 1984.
»Sie starb in meinen Armen an Masern. Kurz darauf folgte ich ihr über den großen Fluss.«
Tränen treten in meine Augen. Ein Kind stirbt in unserer Zeit einfach so an Masern. Ich schlucke.

Wenn ihr mehr über das tragische Schicksal der Annie Spotted Elk und ihre Familie erfahren wollt. So könnt ihr das in unserem Forum unter dem folgenden Link nochmal ganz genau nachlesen.
(Link): Was Annie Spotted Elk erzählt ...



Zuletzt von A.C.Greeley am Sa 7 Okt 2017 - 19:06 bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet
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Re: 01 Schatten über Wounded Knee - oder was Annie Spotted Elk erzählt

Beitrag von Evelucas am Di 7 Apr 2015 - 18:38

Und immer wieder, wenn ich das lese. Kommen mir die Tränen. Ein Reisebericht der besonderen Art. Ich liebe ihn, so wie er mich erschüttert. Schön das er jetzt auch hier zu lesen ist. Wink Neutral sunny I love you

Danke A.C. Greeley

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