01 Lichtenstein - Burg oder Schloss?

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01 Lichtenstein - Burg oder Schloss?




Lichtenstein – Burg oder Schloss?


Nachdem ich von unserem Ausflug auf die Schwäbische Alb total begeistert berichtete, kam die Anfrage unserer lieben Admin, ob ich euch mit auf die Reise nehme würde. Natürlich gerne!
Doch bevor ich euch nach Lichtenstein mitnehme, machen wir einen kurzen Ausflug zum Uracher Wasserfall. Bad Urach ist ein kleines nettes Städtchen in Baden-Württemberg. Rings um den Ort laden Wanderwege für jeden Geschmack ein. Ihr könnt einen kurzen Trip oder eine zehn Kilometerwanderung machen, ganz wie ihr wollt. Wir hatten uns für den Uracher Wasserfall entschieden. Auf dem Parkplatz hinter der Bahnstation beginnt der Weg. Er führt an Weiden mit braunen, schwarzen und gefleckten Kühen und Kälbern vorbei. Wir gehen über eine kleine Holzbrücke und von nun an geht es an einem munter gurgelnden Bächlein entlang. Auf der einen Seite Wiesen, auf der anderen ein Wald. Das Wasser springt über kleine und große rundgewaschene Steine.

Fast unmerklich steigt der  Wanderweg an und das glasklare Wasser fällt nun auch mal einen Meter tief. Plötzlich erblicken wir durch eine Baumlücke in der Ferne den Wasserfall.


Unser Schritt wird schneller, denn nun wollen wir ihn auch aus der Nähe betrachten. Das Wasser fließt unruhiger und der Höhenunterschied wird größer. Und dann nach der nächsten Wegbiegung sehen wir den Wasserfall, der sich ca. dreißig Meter in die Tiefe stürzt. Andächtig blicken wir aufs Wasser, suchen uns eine Bank und lassen die Atmosphäre auf uns wirken. Die Sonne scheint durch das Blattwerk der Bäume und wirft einen Zauber über den Wasserfall. Lichtspiegelungen, Gischt und glasklares Wasser spielen mir einen Streich und in meinen Gedanken tanzen Nixen unter dem Wasserfall. Kaum bewege ich mich, verändert sich der Blickwinkel. Anstelle der tanzenden Nixen, glaube ich aus der Höhle unter dem Wasserfall weißen Atem zu erkennen. Lebt dort der Eisdrache?


Stufen führen seitwärts am Wasserfall nach oben. Eine Bank in einer kleinen Nische lädt zum Verweilen ein. In Baumstämme, die im Wasser liegen, haben junge Burschen den Namen ihrer Liebsten geritzt. Jetzt sind wir dem Wasser ganz nah und Wassertropfen treffen mein Gesicht. Über einen Anstieg geht es nach oben. Angekommen. Hier, wo sich ein munteres Bächlein in die Tiefe stürzt, machen wir eine Rast. Die schwäbische Bedienung reicht uns kühle Getränke. Hier halten wir es aus. Blicken auf den Wasserfall und den Wald. In der Ferne sind Burgen zu erkennen. Die Zeit bleibt stehen, aber leider nur in unseren Gedanken.

Bevor wir wieder hinabsteigen, muss ich das stille Örtchen aufsuchen. Den Schlüssel gibt es am Kiosk. Das Häuschen befindet sich vierzig Meter weiter im Wald. Neben der Toilette stehen Wassereimer und an der Wand prangt ein Schild, das den Besucher bittet, zum Spülen selbst das Wasser aus dem Bach zu holen. So geht das mit der Selbstbedienung. Wir machen uns an den Abstieg und bewundern abermals das tosende Wasser. Eigentlich ist der Wasserfall von unten noch beeindruckender als von oben. Auf dem Rückweg sehen wir nicht nur Vögel. Ein ganz junger Marder läuft über den Wanderweg. Weil mein Mann das Tierchen nicht gesehen hat, tut uns der Marder den Gefallen, dreht um und überquert nochmals den Weg. Bei einer Tasse Kaffee im Biergarten am Parkplatz halten wir nochmals inne und denken an die zauberhaften Wasserstrahlen zurück.

Unsere Reise geht weiter. Das morgige Ziel heißt Schloss Lichtenstein. Deshalb haben wir uns ein Zimmer im Hotel „Forellenhof Rössle“ reserviert. Die Fahrt von Bad Urach nach Lichtenstein führt durch grüne Wiesen und sanfte Hügel. Na gut, vielleicht hätte ich doch lieber die Straße für die Lkw’s nehmen sollen. Aber jetzt fahren wir über Serpentinen. Das sieht zwar gigantisch aus, aber dem Auto scheint es nicht so gut zu gefallen. Schalten ist angesagt. Wir fahren und fahren durch die Orte mit den wundersamen Namen. Nach unserer Beschreibung müssten wir doch schon längst da sein. An den Ortsschildern war bereits Gemeinde Lichtenstein aufgeführt. Irgendetwas stimmt nicht. Jetzt sind wir schon wieder auf der Landstraße und schwups geht’s durch einen Tunnel. Eine Tankstelle. Die freundliche Mitarbeiterin erklärt mir, dass es keinen Ort Lichtenstein gibt, sondern dass es drei Ortsteile sind. Unser Hotel befindet sich im Ortsteil Honau. Ups, da sind wir also vorbeigefahren. Alles halb so schlimm, gewendet und zurück zum Hotel. Wir werden freundlich empfangen und aufs Zimmer begleitet. Unser Zimmer ist sehr schön und vom Balkon haben wir einen Blick aufs Schloss.


Einziger kleiner Wermutstropfen, der Turm wird renoviert und deshalb von einem Baugerüst verdeckt. Aber das ist zu verschmerzen. Das Abendessen nehmen wir im Hotel. Es ist noch immer warm und wir setzen uns an einen Tisch auf der Terrasse direkt an einem Bach. Die Auswahl an Gerichten erstreckt sich von Fisch über vegetarisch bis auf Fleisch von der Weide -alles natürlich schwäbischer Küche. Die Auswahl fällt nicht leicht. Essen und Wein bekommen von uns höchste Zustimmung. Ich probiere sogar noch ein leckeres Dessert – ein Dreierlei. Die Bedienung immer ansprechbar, aber nicht aufdringlich. Der Restaurantbesuch rundet unseren wundervollen erlebnisreichen Tag ab. Das Hotel ist echt empfehlenswert, hat mir sogar meine Schuhe nachgeschickt, die ich vergessen hatte.

Am nächsten Morgen frühstücken wir auf dem Balkon und haben unser nächstes Ausflugsziel im Visier. Eine kurze Autofahrt bringt uns zum Schlossparkplatz. Eine Ritterfigur grüßt unterhalb des Schlossberges die Besucher. Jetzt geht es den Hügel hinauf und wir betreten durch das Westtor die Anlage.

Hinter dem Tor befindet sich das Kassenhäuschen. Das Schloss ist in Privatbesitz, kann mit einer Führung besichtigt werden. Wir haben Glück, die nächste Führung beginnt bald und findet auch für nur sechs Besucher statt.
Über die Zugbrücke gelangen wir in den Burghof.


Hier wird uns die Frage gestellt, ob es sich um eine Burg oder ein Schloss handelt. Auf den ersten Blick können wir Laien das nicht mit Bestimmtheit sagen. Aber die nette Schlossführerin weiht uns in die Geschichte ein. 1388 entstand eine der wehrhaftesten Ritterburgen des Mittelalters. 1802 ließ der König von Württemberg auf den Festen der verfallenen Ritterburg ein Forsthaus errichten. Der Urgroßvater des jetzigen Schlossbesitzers, Wilhelm Graf von Württemberg, späterer Herzog von Urach, erwarb 1840 das Forsthaus und ließ es wieder bis auf die Grundmauern der Ritterburg abtragen. Dann ließ er das Schloss, welches Wilhelm Hauff in seinem Roman Lichtenstein, als Märchenschloss beschreibt, aufbauen.
Somit gehören die Grundmauern bis zum ersten Stock zu einer Burg, alle weiteren Stockwerke sind ein Schloss. Besonders gut erkennbar ist das an den Mauern. Während im ersten Stockwerk die Mauern noch zwei Meter dick sind, haben sie in den oberen Stockwerken nur normale Mauerstärke. Der Graf war ein Liebhaber des Mittelalters und ein Sammler von Waffen, Kelchen und anderen Gegenständen aus dieser Zeit, die im Schloss ausgestellt werden. Während einer Führung sind die Waffenhalle, Kapelle, Trinkstube, Ahnensaal und Rittersaal zu besichtigen. Am ersten Sonntag im Monat kann man im Rahmen einer exklusiven  Führung auch die oberen Stockwerke besichtigen. In den Räumen ist das Fotografieren untersagt. Zuerst betreten wir die Waffenhalle. Bis in die Halle ragt die Spitze des Felsens, auf welchem die Burg erbaut wurde. Der Fels gab ihr auch den Namen. Er ist aus weißem Jura, also ein heller Stein. Früher sagte man zu hellem Stein auch lichter Stein und daraus ergab sich Lichtenstein. Wir befinden uns 250 Meter über dem Echaztal. In der Waffenhalle befindet sich die Sammlung mittelalterlicher Rüstungen und Waffen des Grafen. An der Wand hängen Donnerbüchsen, Feuersteinflinten, Radschlossgewehre und Pulverhörner. Auch eine kleine Kinderrüstung und die Rüstung, die sich der Graf für eine Hochzeit anfertigen ließ, sind zu sehen. Wir erfahren auch, warum Ritterrüstungen heute keinen Schutz bieten würden, denn eine Kugel geht voll durch die Rüstung. Das sieht man an der ausgestellten Rüstung. Außerdem waren die Rüstungen sehr schwer. Da musste ein Mann schon sehr athletisch sein, wenn er ohne fremde Hilfe auf sein Pferd wollte.

In der Kapelle wurde sonntags für die herzogliche Familie die Heilige Katholische Messe gelesen. Im Sternenhimmel an der Decke befinden sich die „sieben Freuden Mariens“, auf den Konsolen an der Wand die zwölf Apostel. Die beiden Bildtafeln rechts und links vom Altar wurden von Michael Wolgemut gemalt, dem Lehrmeister Albrecht Dürers. Das Sonnenlicht fällt durch eine rote Glasscheibe und beleuchtet die geschnitzten Holzfiguren. Das Bild „Der Tod Mariens“ gegenüber dem Altar wird auf 1420 datiert, der Maler ist nicht bekannt und wird in der Kunstgeschichte als Meister von „Schloss Lichtenstein“ genannt. Von unserer Begleiterin erfahren wir, dass das Bild zu einem noch größeren Gemälde gehörte, das in mehrere Teile getrennt wurde und wir noch die Originalfarben sehen. Das Bild wurde noch nie restauriert. Weiter geht es zur Trinkstube. Ausnahmsweise dürfen heute auch wir Frauen diese betreten. Früher war die Anwesenheit einer Frau in der Trinkstube strengstens untersagt. Hier wurde nach der Jagd das eine oder andere Gläschen konsumiert und wenn ein entsprechender Pegel erreicht war, trat der Jäger auf die Kanzel und berichtete von seinem großen Erfolg. Nach jedem Glas wurde der Eber noch gewaltiger. Trinksprüche zieren die Wände des Raumes. Auf den Konsolen verschiedene Trinkgefäße. Das größte Glas hängt unter der Decke. Es ist ein Champagnerglas von 1,93 m. Damit entspricht es der Größe des Grafen. Das Glas bekam er von seiner Frau zur Hochzeit geschenkt, weil er so gerne Champagner trank. Wie er jedoch aus dem Glas getrunken hat, bleibt sein Geheimnis.

Über eine Treppe gelangen wir in den Ahnensaal – jetzt sind wir im Schlossteil -. Über Wand und Decke erstreckt sich ein Stammbaum mit 24 Generationen aus dem Württembergischen. Zwei der Bekanntesten sind Graf Eberhard im Bart, erster Herzog von Württemberg und Gründer der Universität Tübingen und Herzog Ulrich von Württemberg, der grausam und unbeliebt war und von dem die Geschichte Wilhelm Hauffs handelt.

Der letzte Raum dieser Besichtigungstour ist der Rittersaal, der größte Saal im Schloss und benannt nach den zehn bekanntesten schwäbischen Rittern, welche an der Wand hängen- ups natürlich nur die Gemälde von ihnen. Der Saal dienste als Speise – und Konferenzzimmer. Nach dem Essen schob man den Tisch in die Nische und es konnte getanzt werden. Die Musik kam durch ein goldenes Gitter an der Wand, hinter dem sich eine Galerie mit dem Musikzimmer befindet. Hier findet man auch interessante Dokumente aus verschiedenen Epochen sowie Fotos der früheren Schlossherren.

Die Tour endet mit der Betrachtung des Bildes des berühmten „Schütze vom Lichtenstein“, das sich im Treppenhaus befindet. Egal an welcher Stelle ich stehe, der Schütze zielt immer auf mich. Durch den Burghof und über die Zugbrücke verlassen wir das Schloss. Jetzt nehmen wir uns Zeit, um die gesamte Anlage zu besichtigen. Hier gibt es die wunderbarsten Fotomotive.


Die Außentürme der Anlage wurden nach den vier Töchtern von Herzog Wilhelm benannt: Augusten-, Marien-, Mathilden- und Eugenienturm. Der Hauptturm des Schlosses trägt den Namen seines erstgeborenen Sohnes Wilhelm, die Bastion im Garten den Namen des zweiten Sohnes Karl. Im Marienturm befindet sich eine kleine Kapelle, in der man sich trauen lassen kann.


Eine Sammlung historischer Kanonen ist im Augustenturm zu sehen. Der Mathildenturm ist Bestandteil des Gerobaus, darin befindet sich das Standesamt.


Das Gebäude auf der rechten Seite ist der sogenannte Fürstenbau, in dem sich eine französische Bibliothek und die Wohnung des jetzigen Herzogs und dessen Familie befinden.


Übrigens war es Graf Wilhelms größter Wunsch, Herzog zu werden. Und kurz vor seinem Tod wurde dieser erfüllt und er wurde Herzog von Urach.
Wir streifen noch durch die Schlossanlage und den anschließenden Wald und genießen den wundervollen Ausblick über das Tal.


Hier gibt es auch ein Hauff Denkmal und eine Darstellung der verschiedenen hier vorkommenden Gesteine.

Wir haben zwei erlebnisreiche Tage auf der Schwäbischen Alb verbracht.
Vielleicht hast du jetzt auch Lust auf einen Ausflug bekommen?

Dann wünsche ich schon heute viel Spaß.

Viele Grüße Sabine

Quellen: Internet, Schlossprospekt


Zuletzt von Evelucas am Do 7 Sep 2017 - 12:23 bearbeitet; insgesamt 17-mal bearbeitet (Grund : Fotos eingefügt)

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