07 Adventkalenderbuch, Leseproben

Vorheriges Thema anzeigen Nächstes Thema anzeigen Nach unten

280217

Beitrag 

07 Adventkalenderbuch, Leseproben







So macht die Adventzeit richtig Spaß!
24 Texte mit 24 Titelbildern illustriert.

Veröffentlichung voraussichtlich: Okt./ Nov. 2017


Zuletzt von Evelucas am So 20 Aug 2017 - 17:04 bearbeitet; insgesamt 6-mal bearbeitet

_________________
ich mag die Stimmen in meinem Kopf ebenso, wie deren geilen Ideen und die Hoffnung die aus ihnen spricht.  Suspect  sunny  I love you
avatar
Evelucas
Admin
Admin

Anzahl der Beiträge : 838
Punkte : 2540
Anmeldedatum : 27.11.14
Alter : 40

http://schreib-elan.forumieren.net

Nach oben Nach unten

Diesen Eintrag verbreiten durch: Lesezeichen erzeugenDiggRedditDel.icio.usGoogleLiveSlashdotNetscapeTechnoratiStumbleUponNewsvineanzeigenYahooSmarking

07 Adventkalenderbuch, Leseproben :: Kommentare

avatar

Beitrag am Di 28 Feb 2017 - 20:41 von Evelucas

03. Weihnachten und Schwefelhölzer



Nour irrte durch die Straßen einer ihr unbekannten Stadt. Der eisige Wind blies ihr Schneeflocken ins Gesicht und die ausgefransten Handschuhe hielten ihre Finger nicht warm. Sie  konnte noch immer nicht begreifen, wie sie überhaupt die Flucht hierher hatte überleben können. Nur ihr Bruder Said hatte es außer ihr noch geschafft. Ihre Eltern waren unterwegs aufgehalten und zurück nach Syrien geschickt worden. Said und sie hatten sich währenddessen versteckt gehalten und waren dann einfach darauf los gerannt. Wie durch ein Wunder gelang es ihnen, tatsächlich die Grenze so zu überqueren. Aber jetzt waren sie hier in dieser kalten, fremden Stadt und suchten nach Essen.
„Am besten suchen wir getrennt“, hatte ihr Bruder gesagt. 
„Dann finden wir vielleicht eher etwas.“
Nour knurrte der Magen. Die Vierzehnjährige wusste nicht, wann sie das letzte Mal eine warme Mahlzeit gegessen hatte. Die Straßen, bis eben noch hektisch und überfüllt, leerten sich allmählich. Fast überall schmückten bunte Lichter Fenster und Türen. Über den Straßen hingen sogar leuchtende Sterne. 
Nour hatte keine Ahnung warum das hier so war, sie wunderte sich jedoch gleichermaßen darüber, wie es sie auch faszinierte. Es war sogar sehr schön, denn es vertrieb die Dunkelheit und tröstete sie damit ein Stückweit über ihre Angst vor dieser ganz neuen, doch vor allem ihr noch völlig fremden Welt hinweg. Wenn doch nur der schreckliche Hunger und diese unerbittliche Kälte nicht wären.
Frierend rieb sie ihre Hände aneinander, als das nicht viel bewirkte, schlang sie stattdessen die Arme um ihren Oberkörper. 
Doch sie war nun mal zu dünn, und ihr Körper inzwischen zu ausgezehrt von den vielen Strapazen der letzten Wochen und Tage auf der Flucht. 
Viel Wärme konnte sie in diesem Zustand nicht mehr für sich produzieren. 
Schnell versuchte sie sich abzulenken und konzentrierte sich nunmehr auf die vielen erleuchteten Fenster, hinter diesen sie mehr Wärme erahnte.
An einem sehr großen dieser Fenster blieb sie schließlich stehen, in der Hoffnung es könne vielleicht auch für sie genug Wärme nach draußen abgeben und wagte zugleich einen neugierigen Blick ins Innere. 
Sie sah einen reich gedeckten Tisch, glänzendes Besteck, dampfendes Essen und drum herum eine ganze Familie sitzen. Vater, Mutter und drei Kinder. Fünf zufriedene, lachende Gesichter beim Essen. Schon rebellierte auch Nour's Magen wieder. Da schloss sie für einen Moment ihre Augen und stellte sich vor, wie schön es wäre mit an diesem Tisch zu sitzen. 

In Gedanken klopfte Nour bereits an diese Türe. Sah schon vor sich, wie ihr die Mutter dieser Familie öffnete und mit einem ganz lieben "Hallo" (dieses Wort kannte Nour ja bereits in der fremden Sprache) begrüßte. 
"Ich Nour", erklärte sie dann in ihrer Vision, zeigte auf ihren leeren, knurrenden Bauch und faltete ihre Hände zu einem höflichen "Bitte". Da ließ die Frau sie in ihrer Vorstellung auch sofort ins warme Innere eintreten, setzte sie zu den anderen an den Tisch und freute sich, dass Nour mit ihnen gemeinsam speiste. In ihrer Fantasie konnte Nour den herrlich duftenden Braten mit dem dampfgegarten Gemüse sogar richtig schmecken, spürte regelrecht, wie das warme Essen auf ihrer Zunge zerging, langsam ihre Kehle hinabglitt und Bissen für Bissen ihren leeren Magen füllte.

Plötzlich wurde ihr schmächtiger Körper von einer eiskalten Windböe erfasst, die sie beinahe von den Füßen riss. Das Traumbild verschwand. 
Danach brachte sie nicht mehr den Mut auf, wirklich zu klopfen. Und so schlurfte sie einfach weiter, zog sich immer tiefer zurück in die verlassenen Gässchen dieser Stadt. Immer kälter wurde es um sie herum, ihr Jäckchen wärmte schon lange nicht mehr und ihre Zähne klapperten unkontrolliert aufeinander. Dennoch hielt sie schließlich an einem weiteren Fenster inne. Wagte auch hier einen längeren Blick hinein und ließ ihren Gedanken wieder freien Lauf.

Was für ein schöner Baum. Und wieder diese vielen Lichter, auch so viel kleines rotes Spielzeug darauf. Kugeln über Kugeln, im ersten Haus von vorhin war der Baum nicht so schön geschmückt. Auch waren da nicht so viele Geschenke darunter, wie hier. Und da, ein Kamin, wie lustig das Feuer darin tanzte und in so vielen warmen Farben loderte. Bestimmt wäre es richtig schön warm, jetzt genau davor zu sitzen.

Vielleicht sollte sie ja hier zu klingeln versuchen? Sie brauchte doch auch sonst gar nicht mehr, nur dieses bisschen Wärme. Nur ganz kurz.
Um mehr zu sehen und ihre Chancen auf Hilfe besser abwägen zu können, rückte Nour ein Stück näher an das Fenster heran, legte ihre eiskalten Hände auf die Fensterscheibe und hoffte wieder, dass die Wärme des Kaminfeuers da drinnen vielleicht auch ihre inzwischen tauben Finger durch das Glas hindurch wieder etwas aufwärmen könne. Dann presste sie auch Nase und Stirn gegen das Fensterglas. 
Schon bald sah sie auch hier eine nett scheinende, nur etwas kleinere Familie rund um einen Tisch mit dampfendem Essen sitzen. Da war ein kleines Mädchen mit blonden Zöpfen und grünen Schleifen im Haar. Dann noch ein scheinbar etwas älterer Junge mit Hornbrille sowie Kappe, und schlussendlich noch die Eltern, ganz typische Erwachsene. Von Nour aus betrachtet, saßen sie alle genau am anderen Ende des Raumes. 
Da plötzlich wurde sie von einem der Kinder entdeckt. 
Es war der Junge. Aufgeregt zupfte dieser sofort seinen Vater am Ärmel und zeigte mit dem Finger auf Nour. 
Doch ehe diese noch hätte reagieren können, stand der Vater des Hauses schon am Fenster, direkt vor ihr. Er wirkte riesig, fast einschüchternd, würdigte sie aber keines Blickes, stattdessen zog er mit einem groben "Wratsch", das sogar Nour hören konnte, einfach die Vorhänge zu. Fest entschlossen, dieses fremde, schmutzige, frierende und offensichtlich auch hungernde Mädchen in der Kälte da draußen, einfach zu ignorieren.
Damit war klar, hier brauchte sie ihr Glück auch nicht versuchen. Traurig wandte sie sich also auch von diesem Fenster wieder ab und schlurfte davon.




Zuletzt von Evelucas am Mi 1 März 2017 - 18:12 bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet

Nach oben Nach unten

avatar

Beitrag am Mi 1 März 2017 - 18:09 von Evelucas

06. Der Seemann


Jan sah auf seine Uhr. „Einundzwanzig“, flüsterten die Zeiger ihm zu und er wusste, wenn er jetzt nicht ging, könnte es zu Hause recht ungemütlich werden. Sein Vater mochte es gar nicht, wenn er abends länger draußen blieb. Doch er rührte sich nicht vom Fleck. 
Der Zwölfjährige saß an seinem Lieblingsplatz, einem Versteck in der großen Bucht, in der die Frachtschiffe von Norden kommend hielten, um Waren von hier weg mit dem Zug in den Süden weiter zu transportieren. Dieses verborgene Plätzchen hatte er hinter zwei großen Containern, die nie bewegt wurden und in einem rechten Winkel zueinander standen, für sich entdeckt. 
Ein schmaler Spalt zwischen ihnen erlaubte ihm sogar einen freien Blick aufs Meer und den garstigen kalten Wind zu dieser Jahreszeit, hielten die blauen Riesen auch noch ab. 
Nichtsdestotrotz hielt eine dunkelgraue Bommelmütze seine Ohren noch zusätzlich warm, so wie ein paar dicke Handschuhe seine Finger und eine gut gefütterte Winterjacke seinen Oberkörper. 
Ausserdem steckten seine Füße in dicken Wollsocken und robusten, braunen Stiefeln. Letztere hatte ihm sein Vater erst letztes Jahr von seinem schmalen Gehalt gekauft. 
Während Jan so dasaß schickte er mit jedem Atemzug ein paar Dunstwölkchen in die sternenklare Winternacht hinaus. 
Abend für Abend kehrte er über den gesamten Dezembermonat immer wieder hierher zurück, so wie er das auch letztes Jahr schon getan hatte. Letztes Jahr wartete er aber vergebens. Dieses Jahr spürte er jedoch regelrecht, dass es anders ausgehen würde. Und so saß er nun schon den fünften Abend in Folge hier, obschon er dadurch weiterhin großen Ärger mit seinem Vater heraufbeschwor.
Eigentlich war sein Vater ein liebenswerter Mensch. Auch war ihm völlig klar, warum Jan das immer wieder machte, doch er sorgte sich einfach um seinen Jungen. Jan konnte das auch verstehen – blieb aber trotzdem weg.
Fasziniert blickte der Junge wieder in den sternenklaren Himmel. Die letzten paar Nächte hatten sich ihm nicht so ungetrübt präsentiert. Heute war es ganz anders und diese Tatsache ließ sein Herz schneller schlagen, da er darin ein vielversprechendes Zeichen zu sehen glaubte. 
Kurz darauf beobachtete er zwei Schiffe, große Frachter, die in den Hafen einfuhren. 
Dann tauchten mehrere warm eingepackte Männer am Kai auf. Ein riesiger Kran rollte schwerfällig heran, Seeleute  liefen geschäftig umher, füllten Papiere aus und bereiteten alles vor, um die Container komplikationslos zu verladen. 
„Anita“ stand in imposant leuchtenden, weißen Lettern auf dem vorderen Schiff. Dahinter lugte die etwas keinere „St. Emmerslein“ gerade mal so hervor. Ein Schiff, das Jan schon öfter hier gesehen hatte und von dem er inzwischen wusste, dass es aus Dänemark kommend, regelmäßig in diesem Hafen einkehrte. 
Sonst passierte gerade nichts Aussergewöhnliches. Die Position der Zeiger auf Jans Uhr ermahnten ihn allerdings erneut, dass es für ihn an der Zeit war, endlich nach Hause zu gehen, er blieb dennoch sitzen.
Sein Vater behauptete oft von ihm, er sei zum Fischen geboren. Sonst unruhig wie ein kleiner Floh, am Wasser jedoch stundenlang in nur einer Position verharrend. 
Das allerdings, worauf Jan Tag ein, Tag aus hier stur weiter hoffte, würde erst zu noch späterer Stunde passieren, dann, wenn selbst die letzten Hafenarbeiter von hier verschwunden waren. Und so verharrte der Junge weiterhin still, dort in seinem kleinem Versteck.
In Gedanken sah er seinen Vater vor sich, der Zuhause bestimmt schon ruhelos umherstapfte. Nervös von einem Raum in den nächsten wechselte und wieder zurück, bis er abermals jeden Quadratmeter des bescheidenen Heims abgegangen war. Jedoch wissend, dass er die Polizei nicht verständigen musste. Denn Jan kam immer nach Hause.

>Leseprobe Ende≤



Adventkalenderbuch vorbestellen ...
___________________________________________

Nach oben Nach unten

Vorheriges Thema anzeigen Nächstes Thema anzeigen Nach oben


 
Befugnisse in diesem Forum
Sie können in diesem Forum nicht antworten