Monatsstory / "Post aus der Vergangenheit"

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150217

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Monatsstory / "Post aus der Vergangenheit"




Post aus der Vergangenheit
von Sabine Siebert (muglsabine2016)

Es kam mit der Morgenpost: ein ganz normal aussehendes Paket in braunem Packpapier und verschnürt mit derber Doppelschnur. Es unterschied sich in nichts von den tausend anderen Paketen, wie sie die Postboten tagtäglich austrugen. Mit diesem aber hatte es eine besondere Bewandtnis – eine ganz besondere.

Neugierig betrachtete ich das Paket. Es hatte die Größe einer Zigarrenkiste. Das Papier war leicht vergilbt und der Absender nicht erkennbar. Viele Stempel kennzeichneten das Päckchen. Ein weiter Weg schien hinter ihm zu liegen. Wie kam ich, Elisabeth Richter, eine Hausfrau und Mutter zweier erwachsener Kinder, zu diesem Paket? Ich legte es auf den Küchentisch, holte eine Schere und öffnete es vorsichtig. Zum Vorschein kamen ein Brief und drei kleine Goldplättchen. Ich nahm ein goldenes Teil und betrachtete es. Wer hatte es mir geschickt? Ich las den Brief.

„Liebe Lissy, befinde mich vor einer der größten Ausgrabungsstätten in Kuschan mit russischen und afghanischen Archäologenkollegen. Wir haben ein paar wundervolle Entdeckungen gemacht und befinden uns derzeit an einem Grab von Tillya Tepe. Ich schicke Dir einige Goldplättchen, die das Totenkleid einer jungen Frau schmückten. Es wäre schön, wenn Du kommen und uns unterstützen könntest. Ich erwarte Dich und reserviere Dir ein Zimmer ab dem 18. Mai 1978.

Liebe Grüße Dein Onkel Tom“

Wieder und wieder las ich den Brief. Früher hatte mich der Bruder meiner Mutter zu kleinen Ausgrabungen mitgenommen. Das Suchen nach alten Relikten hatte mich fasziniert. Doch nach der Geburt meiner Tochter, Sylvia, fand ich einfach keine Zeit mehr für diese Dinge. Und als zwei Jahre später auch Felix geboren wurde, beschränkte sich alles, was von diesem Hobby noch übrig war, auf das Sammeln von Zeitungsberichten über derartige Ausgrabungen.

Wir hatten seit 1977 nichts mehr von meinem Onkel gehört. Doch nun erfuhr ich, dass er an einer der größten Ausgrabungen in Afghanistan beteiligt gewesen war? Ich las damals sogar von den Funden erinnerte mich allerdings nicht, in Verbindung damit auch von meinem Onkel gelesen zu haben. War mir da etwas entgangen, hatte ich die Berichte womöglich nur halbherzig überflogen? 
Ich stieg auf den Speicher.
In einem großen Koffer bewahrte ich die interessantesten Artikel über alle möglichen Ausgrabungen auf, und sie waren nach Jahreszahlen sortiert. Ich musste nicht lange suchen, schon hielt ich die Mappe mit den Ausschnitten betreffender Ausgrabung in den Händen.

Aus der frühen Periode von etwa 100 v. Chr. bis 100 n. Chr. war weder über Kuschan noch über Baktrien viel bekannt.
Die Wissenschaftler betitelten diesen Zeitabschnitt daher als die Dunkle Periode. Im Jahre 1978 konzentrierten Victor Iwanowitsch Sarianidi und ein Team von  Archäologen ihre Aufmerksamkeit auf eine Stelle in der Nähe der alten baktrischen Haupstadt Balkh, die von den Einheimischen auch Tillya Tepe, „Goldener Hügel“ genannt wurde. Das Team suchte in den zerfallenen Ruinen eines tempelartigen Bauwerkes. Dort fanden sie irgendwann eine kleine, goldene Scheibe, die in der Sonne eigentümlich glänzte. Es war das erste von mehr als zwanzigtausend Fundobjekten, allesamt zumeist aus Gold und Edelsteinen gefertigt, das sie dort entdeckten. Die Archäologen vermuteten, dass sie auf den Friedhof der HHHhh – *Herrscherfamilie eines Fürstentums der Kuschaner * – gestoßen waren.

Ich ließ das Blatt wieder sinken. Nein, ich hatte nichts übersehen oder überlesen. Der Name meines Onkels wurde in diesem Bericht tatsächlich nicht erwähnt. Doch ich wusste, dass er bereits früher mit Victor Iwanowitsch Sarianidi gearbeitet hatte. Warum aber, sofern er bei diesem Fund wirklich nicht dabei gewesen war, hätte er lügen sollen, als er diesen Brief an mich schrieb? Und mich dann auch noch dorthin einladen sollen? Da stimmte doch etwas nicht.
Es schien, als hätten die Beiden einen überwältigenden Fund gemacht. Und Onkel Tom wollte mich offensichtlich dabei haben.
Allerdings lag das mittlerweile zweiunddreißig Jahre zurück. Und vor ebenso vielen Jahren, war auch unser Kontakt zu ihm abgerissen. Seit damals hatten wir nichts mehr von ihm gehört, wussten nicht, wo er steckte, oder ob er überhaupt noch lebte.
Konnte all das wirklich nur Zufall sein?
Noch mit diesem Gedanken im Kopf, verließ ich den Speicher wieder.
Was würde meine Mutter sagen?
Ich musste sie anrufen. Schon griff ich zu meinem Handy, wählte ihre Nummer und wartete.
Es dauerte nicht lange, bis sie sich am anderen Ende der Leitung auch meldete.
„Hallo Mama, hier ist Lissy. Ich muss dir was Umwerfendes erzählen“, begrüßte ich sie.
„Hallo Lissy, was ist denn los? Du klingst so aufgeregt.“
„Ja, stell dir vor, heute kam ein Päckchen bei mir an, das mehr als drei Jahrzehnte unterwegs war.“
„Wie bitte? Das klingt aber mysteriös. Und von wem ist es?“, fragte sie mich.
„Du wirst es kaum glauben, von Onkel Tom.“
Plötzlich Stille am anderen Ende und dann. "Was?"
Meine Mutter schien verwirrt.
„D ..., du meinst von meinem Bruder, deinem Onkel, also von Thomas?“ Jetzt klang ihre Stimme schrill.
„Ja doch! Ist das zu fassen?“, rief ich voller Freude.
„Oh mein Gott!", reagierte sie ungläubig. "Und was war drin? Wo kommt es her?“
„Ein Brief und drei goldene Plättchen", antwortete ich sofort bereitwillig. "Onkel Tom war offensichtlich bei den Ausgrabungen in Afghanistan dabei. Wird aber nirgends erwähnt.“
„Aber, wie kann dass sein? Wir haben doch seit Jahren nichts mehr von ihm gehört.“
„Ich weiß. Kann es selbst kaum glauben. Doch dieser Brief ist ganz sicher von ihm, und er läd mich darin ein, ihm zu helfen.“
„Aber dort ist doch Krieg.“
„Ja, Mama, heute. Aber Onkel Tom war vor zweiunddreißig Jahren dort.“
„Glaubst du, dass er noch lebt?“, für einen Augenblick hörte sich Mama's Stimme an, als würde sie gleich brechen.
„Ich weiß es nicht“, antwortete ich ziemlich leise. Bei diesem Gedanken fühlte sich auch meine Kehle plötzlich rau und trocken an.
Sofort bemühte ich mich darum meine Stimme wieder besser in den Griff zu bekommen.
„Doch ich würde nur zu gerne seinen Spuren folgen“, ergriff ich dann wieder das Wort mit gefestigterer Stimme. „Wenn er noch lebt, möchte ich ihn zumindest noch einmal wiedersehen oder wenigstens wissen, was mit ihm passiert ist.“
"Grund Gütiger, Lissy! Ich kenne diesen Ton. So klingst du immer sobald du irgendetwas Gefährliches planst".
Ich schwieg. Scheinbar etwas zu lange.
"Lissy? Bist du noch da?"
"Oh ähm ..., aber ja doch", hörte ich mich sofort sagen.
"Lissy, mach bloß nichts Unüberlegtes, ja? Versprich es mir", forderte meine Mutter da. 
„Ach Mama, mach dir meinetwegen bloß keinen Kopf. Ich pass schon auf mich auf", versuchte ich sie etwas zu beruhigen. Wohl weißlich, dass sie sich damit nicht zufrieden geben würde. Daher fügte ich auch gleich hinzu:"Muss jetzt auflegen, da ist gerade noch Jemand an der Türe, melde mich dann später noch mal. Tschüß.“
"Aber ..., LISSY!", tönte es da nochmal durch den Hörer. Dann aber hatte ich die Verbindung auch schon unterbrochen.

Es ärgerte mich, für meine Mutter derart leicht durchschaubar zu sein. Denn tatsächlich war während des Gesprächs in mir ein Plan gereift. Ich wollte nach Afghanistan. Natürlich nicht unbedingt zu dieser Fundstätte, denn dort herrschte derzeit wirklich das Chaos.
Ich wollte vielmehr in Kabul mit meinen Nachforschungen beginnen. Die Botschaft sollte mein erstes Ziel sein. Wenn mein Onkel noch lebte, so könnte ich ihn mit deren Hilfe dort auch aufspüren. Und sollte er gestorben sein, fänden wir so zumindest Gewissheit darüber. Ich musste meine Familie irgendwie von dem Vorhaben überzeugen. Ein schwieriges Unterfangen.

Nur wenige Tage später war es mir dennoch gelungen sie alle zu versammeln.
Und trotz ihrer vernünftigen Gegenargumente, rückte ich nicht von diesem Vorhaben ab. Nach unendlich scheinenden, unvermeidlichen Diskussionen, hatte ich mich endlich durchgesetzt.
Dem folgten jedoch noch acht lange Wochen Vorbereitungszeit, bevor diese Reise ins Ungewisse auch wirklich losgehen konnte. 
Doch jetzt endlich, saß ich mit meinem Sohn Felix im Flieger und wir hoben ab nach Kabul in Afghanistan.
Den gesamten Flug über, beschäftigte mich allerdings nur ein Gedanke: Würden wir wirklich eine Spur zu Onkel Tom finden? 


* Quellenverzeichnis: „Wunder der antiken Welt“ *


An diesem Text wurde von unserem Lektoren-Duo ein einfaches Lektorat durchgeführt. Fehler oder etwaige andere Unstimmigkeiten können trotzdem nicht vollends ausgeschlossen werden. Unser Korrekturteam freut sich daher immer auf Hinweise und Vorschläge dazu.

Vielen Dank.

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Monatsstory / "Post aus der Vergangenheit" :: Kommentare

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Beitrag am So 25 Jun 2017 - 15:52 von Evelucas

Hallihallo an alle Leser, Member und natürlich auch Autoren!

Endlich, nachdem diese Rubrik schon sehr lange besteht, haben wir es jetzt geschafft, euch auch hier die erste Shortstory für den Juli 2017 zu präsentieren.
Wie natürlich jedem hier eindeutig auffällt, scheint es sich hierbei allerdings um eine Geschichte zu handeln, deren Ende noch offen bleibt.

Nun haben wir uns überlegt, ob es nicht eine ganz tolle Idee wäre, aufbauend auf diesem Text, wieder einmal ein kleines Sommerspiel in unserer offenen Foren-Rubrik "Freestyle-Schreibspielplatz" zu starten.

Dazu dachten wir uns daher, eventuell mal euch Member und anderen Autoren diesbezüglich zum Zug kommen zu lassen, um diese Story weiter zu schreiben und zu einem ansprechenden Ende zu bringen.

Die überzeugendste Version würde einem einfachen Lektorat unterzogen, und dann hier in unserer Lesestube, gleich an den derzeit vorhandenen Anfang drangehängt werden.

Im Laufe des nächsten Jahres machen wir dann ein kleines dünnes Büchlein daraus, dass wir über unseren Shop veröffentlichen könnten.
Ein Exemplar erhält natürlich unsere Hauptschöpferin und ein Weiteres, Der- oder Diejenige, für dessen erzählende Weiterführung und dessen Ende, die meisten Leser-Wertungen abgegeben wurden. 

Das können wir aber natürlich nur machen, sofern auch die Schöpferin dieser spannenden Erzählung, damit einverstanden ist?

Also liebe Sabine,
... jetzt bist du am Zug, was hältst du von dieser Idee, würde dir das gefallen?

GLG.
Evelucas & das restliche SchreibElan-Team

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Beitrag am So 25 Jun 2017 - 19:22 von muglsabine2016

Liebe Evelucas, liebe Mitstreiterinnen und Mitstreiter,

mir gefällt die Idee sehr gut. Gerne stelle ich den Text als Anfangsstory zur Verfügung und bin schon heute sehr gespannt, was euch dazu einfällt.

Also auf geht's!
Ich wünsche euch viel Spaß und viele Ideen.

L.G. Sabine

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Beitrag am So 25 Jun 2017 - 19:28 von Evelucas

Na wunderbar, dann werde ich schon mal den Thread in der zuvor genannten Rubrik, mit kleiner einführender Erklärung eröffnen.

Vielen lieben Dank Sabine. Ich freue mich und hoffe das unsere Member und anderen Autoren so zahlreich wie möglich mitmachen.

GLG. Evelucas

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Beitrag am So 25 Jun 2017 - 19:40 von Adaira86

Hallo zusammen!

Ihr seid so toll fleißig! Herzlichen Glückwunsch zu dieser großartigen Arbeit! Und schöne Idee!

Lieben Gruß
Adaira

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Beitrag am So 25 Jun 2017 - 20:37 von Evelucas

Hallihallo Adaira! Very Happy

Jööööhui! Wie schön auch von dir mal wieder etwas zu hören. cheers sunny

Auch deine Anastasia Regenwurm-Story, für unseren Kindergeschichten-Lesestubenbereich, ist bereits in Bearbeitung und folgt dann vermutlich gleich in der nächsten Runde. Laughing 

Danke für's Lob.

Wir bemühen uns, wie du ja weißt, all unsere Foren-Hochzeiten immer schön Stück für Stück unter Dach und Fach zu kriegen.

GLG. Evelucas

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Beitrag am Mo 26 Jun 2017 - 18:25 von Adaira86

Huhu!
Ja hab gesehen, dass es bei der Regenwurmgeschichte losgegangen ist Smile
Bin, wie ja Anfang des Jahres schon erwartet, dieses Jahr ziemlich ausgelastet. Hab in den letzten zwei Monaten quasi keine Zeile mehr verfasst...

LG

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