Garudas Fall

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Garudas Fall

Beitrag von Ryrke am Mo 26 Dez 2016 - 16:39

Ihr Lieben,
ich bin immer noch nicht endgültig zufrieden damit, aber ich lade es trotzdem hoch, um die ein oder andere Meinung von euch einzuholen.
Wortfeld ist wahrscheinlich noch nicht an allen Stellen "märchenhaft", aber vielleicht kann da ein Lektor helfen Smile
Los geht's!

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Garudas Fall

Vor langer Zeit lebte eine Familie in einem fernen Land jenseits des europäischen Ozeans. Die Eheleute besaßen keine Reichtümer. Dennoch waren sie zufrieden mit dem, was sie hatten. Der Vater baute Reis an und die Mutter kümmerte sich um die Zwillinge. Um den Jungen machte sie sich keine Sorgen, aber um ihr Mädchen … man munkelte, in den Bergen gäbe es ein ebenso böses wie mächtiges Monster namens Garuda. Viele hatten bereits nach ihm gesucht, aber keiner fand je einen Hinweis auf seine Existenz. Der Legende nach erschien er jedes Jahr in Gestalt eines jungen Mannes, um eine der Jungfrauen mit sich zu nehmen. Die Mädchen wurden nie wieder gesehen.
Der Gedanke, dass dies ihrem Kind passieren könne, stach der Mutter ins Herz. Viele ihrer Nachbarinnen zerschnitten die Gesichter oder verstümmelten Gliedmaßen ihrer Töchter im Kleinkindalter, damit sie von Garudas Auswahl verschont blieben. Doch die sanftmütige Frau des Reisbauern brachte es nicht übers Herz, ihrem Mädchen so etwas anzutun.
So vergingen die Jahre. Der Sohn war bereits mit sechs Jahren viel mit auf dem Reisfeld, während die Tochter in ihrer eigenen Traumwelt voller Magie und Fabelwesen lebte. Sie lernte sogar lesen, obwohl das für Mädchen ihres Standes gar nicht vorgesehen war. Oftmals spannen sich die Märchen sogar in ihren Träumen weiter. Teilweise so real, dass sie aufwachte und erstaunt war, keine Hexen, Schlangenmenschen und sprechende Wurzeln  im Zimmer vorzufinden.
Am 8. Geburtstag der Zwillinge starb ihre Mutter an einer unbekannten Krankheit.
Nach einer Weile heiratete der Reisbauer abermals.
So wuchs die Zwillingsschwester über die Jahre zu einer ausgesprochenen Schönheit heran. Ihr pechschwarzes Haar glänzte in der Sonne und ihre mandelförmigen, braunen Augen blitzten schelmisch auf, wenn sie ihre geschwungenen Lippen neugierig schürzte. 
Schon bald kam ein wohlhabender Herr mit seiner Dienerschaft aus einer weit entfernten Stadt, um die Hand der Schönen zu erbitten. Schweren Herzens willigte der Vater ein.
Und so ging die junge Frau mit dem Fremden und seinem Gefolge. Als sie vor seinem riesigen Haus auf einem Berg ankamen, erstarrte sie. Über dessen Dach befand sich eine dunkle, unbewegliche Tuschewolke, als hätte sie ein Künstler genau dort hin gemalt.
„Das Haus hat Garudas Zeichen, es ist verdammt!“, rief sie entsetzt, drehte sich um und startete einen Fluchtversuch. Natürlich hatten ihr die verzauberten Gefolgsleute schnell den Weg versperrt. Garuda verwandelte sich daraufhin in eine gewaltige Mischung aus Adler und Mensch, breitete seine bedrohlich wirkenden Flügel aus, flog einen Schritt auf das Mädchen zu. „Woher kennst du mein Zeichen? Kannst du etwa lesen?“, fuhr er sie mit blechern klingende Stimme an.
Das Mädchen schwieg und wurde daraufhin unsanft ins Haus getragen.
Als die Tür mit einem Knall zuflog, lief es ihr kalt den Rücken hinunter. Wie Girlanden wanden sich Tentakel um das nahe gelegene Treppengeländer. Sie konnte nicht erkennen, ob es irgendwo einen Körper dazu gab. Düstere Orgel-Musik tönte leise im Hintergrund. Das Mädchen konnte in diesem Haus den Tod förmlich riechen. Es kam ihr vor wie ein großes Grab. Ihre Nackenhaare stellten sich auf.
 „Macht sie für die Willkommenszeremonie fertig.“
Der Adlermensch stampfte die Treppe hoch.
Statt einer mitleidslosen Behandlung, ließ die Gefolgschaft Garudas das Mädchen los und stob in alle Richtungen davon. Sie stand auf einmal
ganz allein in dieser dunklen Gruft. Zwischen den Orgel-Musik-Takten nahm sie zischende Stimmen wahr.  Als sie ihnen nachging, kam sie zu einer Kochstube. In der Küche fand sie Nagas, halb Mensch–halb Schlange, die geschäftig etwas zubereiteten. Sie wusste aus ihren Büchern, dass Nagas Garudas Erzfeinde waren, daher musste es eine tiefe Demütigung sein, hier arbeiten zu müssen. Einer der Schlangenwesen kam auf sie zu und schaute sie aufmerksam an. Dieser Blick traf sie direkt ins Herz. Sie wusste auf einmal, dass sie vor einem Verbündeten stand. Jene wachen Augen wirkten vertraut.
„Du bist das Wesen aus meinen Träumen“, flüsterte die junge Frau.
Der Naga nickte hielt einen Finger an die Lippen und zog sie schlängelnd in einen angrenzenden Vorratsraum.
„Ich hatte bei deiner Geburt die Eingebung, dass das Adlermonster dich eines Tages auswählen würde. Daher bin ich dir in deinen Träumen erschienen, um dich vorzubereiten. Du musst die Herrschaft Garudas ein für alle Mal beenden. “
„Wie soll ich das anstellen, wenn er sogar euch Nagas zu Knechten machen kann?“
„Er hat ein kleines, aber wirksames Geheimnis: Die Amrita, ein zähflüssiges Elixier, was ihm seine Kräfte verleiht und ihn zudem unsterblich macht. Er trägt es in einem Fläschchen um seinen Hals. Du kannst es ihm abnehmen, solange er schläft. Aber auf keinen Fall darfst du selbst davon trinken, versprichst du mir das?“
Der Naga holte ein Fleischmesser, welches er ihr in die Hand drückte. „Das wirst du brauchen. Ich kann leider nicht mitkommen; ein Naga, der den Küchenbereich verlässt, zerfällt sofort zu Staub. Garudas Kammer ist am Ende der großen Wendeltreppe. Und nimm' dich vor deinen Vorgängerinnen in Acht. Ihr Grab ist ebenfalls da oben.“
Die junge Frau fröstelte, schlich aber tapfer mit beiden Händen am Griff des Messers zur Wendeltreppe. Die Tentakel versuchten, sie aufzuhalten. Ihre Schläge glichen Peitschenhieben. Immer, wenn die Haut Kontakt mit ihnen hatte, brannte es fürchterlich.
Nach den ersten drei Kurven tauchte ein Merlion auf. Die Mischung aus Meerjungfrau und Löwe wollte das Mädchen überreden, nicht ganz nach oben zu steigen, sondern auf seiner Etage zu verweilen. Er versprach ihr und ihrer Familie
Reichtum. Unterstreichend stieß er die Tür hinter sich auf. Dahinter glänzten Unmengen an Gold und Silber. Sie dachte an ihre zufriedene, glückliche Kindheit ohne materielle Schätze und dass ein einzelner Mensch doch nicht alles ausgeben könne. So ging sie entschlossen weiter.
„Das wird dir noch leidtun!“, rief der gekränkte Merlion hinter ihr her.
Auf der nächsten Etage versuchte ein roter Oni mit schwarzen Hörnern sie zum Bleiben zu überreden. „Ich kann dir und deiner Familie Land mit Bediensteten schenken.“ Sie überlegte und stellte fest, dass ihr Vater mit einem Reisfeld genügend für alle produzieren konnte und dass ein einzelner Mensch doch nicht mehr als eine Tasse Reis am Tag essen kann. Tapfer stieg sie weiter.
„Das wird dir noch leidtun!“, rief der gekränkte Oni hinter ihr her.
Wieder ein paar Windungen höher traf sie auf Tanuki, einen Marderhund, der ihr ein Haus mit vielen Zimmern schenken wollte, wenn sie nur auf seiner Etage verweilte. Sie überlegte und dachte an ihre gemütliche kleine Hütte. Ihr fiel auf, dass ein einzelner Mensch sich doch nur in einem Zimmer aufhalten könnte – und stieg couragiert weiter.
„Das wird dir noch leidtun!“, rief der gekränkte Tanuki hinter ihr her.
Die letzte Kreatur, die sie traf, war der Flusskobold Kappa, er versuchte sie mit dem attraktivsten jungen Mann, den sie je gesehen hatte in sein Zimmer zu locken. Die aufmerksamen Augen des Jünglings erinnerten sie an den Naga aus der Küche und beinahe strauchelte sie. Das Mädchen holte tief Luft. Obwohl ihr Herz schmerzte, stieg sie unbeirrt weiter.
„Das wird dir noch leid tun!“, rief der gekränkte Kappa hinter ihr her.
Noch mehr Tentakel, Stufen und wachsende Erschöpfung brachen über sie herein. Kurve um Kurve um Kurve. Die Treppe nahm kein Ende. Als die junge Frau schon kaum noch steigen konnte, erreichte sie mit letzter Kraft die oberste Plattform. Sie musste kurz auf der letzten Treppenstufe ausruhen. Augenblicklich gesellten sich einige nahezu durchsichtige, junge Mädchen mit schwarzem Haar und rosiger Haut neben sie. Sie schauten sie aus ihren großen Augen an, berührten ihre Kleidung und ihr Haar, aber sagten nichts. Bei jeder Annäherung spürte das Mädchen die eisige Kälte, die von den Geistern ausging. Sie schauderte und sprang auf.
Eine Weile stand sie vor Garudas Kammer. Endlich schaffte sie es, langsam die Klinke nach unten zu drücken. Im Schlaf sah er wieder aus, wie ein junger Mann. Sie schlich zu dem Trugbild. Die Geister folgten ihr. „Trink davon, dann wirst du stärker und kannst uns retten!“, flüsterten sie im Chor. „Trink! Und gib uns auch etwas. Wir erledigen ihn gemeinsam!“
Geschickt schnitt sie das Lederband mit der Amrita-Essenz durch. Kaum hatte sie das Fläschchen in den Händen, kamen die anderen Schemen näher auf sie zu. „Trink!“
„Nein!“
Sie nahmen ihr die Essenz ab und stritten sich markerschütternd um den Zaubertrank. Jedes wollte davon nippen, in der Hoffnung auf zurückgegebenes Leben.
Von dem Krawall erwachte Garuda. Das Mädchen musste handeln. Sie entriss den anderen das Elixier, eilte zum Fenster. Ihre Hände zitterten so sehr, dass es ihr nicht gelang, den Verschluss zu öffnen. Sie hämmerte mit der Hand gegen das Glas, es half nichts. Schließlich goss sie das Fläschchen bis auf den letzten Tropfen auf den Boden aus.
Garuda, seiner Kräfte beraubt, alterte rasant. Er wirkte zunehmend schwächer. In einem verzweifelten Versuch stürzte er sich auf das Mädchen. Panisch sprang sie zur Seite, sodass der mächtige Vogel nicht schnell genug reagieren konnte. Er krachte durch das geschlossene Fenster und fiel mit vielen Splittern in die Tiefe. Sein Krächzen verhallte in der Bergschlucht hinter dem Haus. Die Geistermädchen lösten sich eines nach dem anderen vor den Augen der jungen Frau in Luft auf.
In der Küche zerschellten die magischen Fesseln der Nagas und Garudas Gefolgsleute waren plötzlich wieder normale Menschen, die sich wunderten, wie sie in dieses Haus gekommen waren. Sogar die Tentakel an der Treppe verschwanden auf mystische Weise.
Während das Mädchen noch verdutzt in Garudas ehemaliger Kammer stand, kam ein junger Mann mit wachsamen Augen. Er rief ihr freudig zu:„Danke, dass du den Versuchungen der Fabelwesen widerstanden und uns alle befreit hast. Die echten Nagas sind bereits geflohen. Wir sollten auch schleunigst hier raus.“ Er nahm sie an die Hand und sie rannten zusammen die vielen Stufen hinunter, vorbei an leeren, verfallenen Etagen. Der illusorische Zauber des Hauses war gebrochen. Selbst die düstere Wolke über dem Bau hatte mit Garudas Untergang das Weite gesucht. Als sie ein Stück vom Haus entfernt waren, fiel es laut polternd in sich zusammen.
Der junge Mann, der kein Nage mehr war, nahm seine hübsche Retterin zur Frau und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende.
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Re: Garudas Fall

Beitrag von Gast am So 1 Jan 2017 - 16:36

Hi!

Ich habe für diesen Text neulich versehentlich eine negative Stimme abgegeben, weil ich dachte, ich würde dadurch die Schrift verkleinern. Schön doof! Ich möchte die Forumsleitung darum bitten, meine Stimme zu neutralisieren.

In eine positive Stimme umwandeln kann ich sie leider nicht. Die Geschichte ist nett und weitgehend im Stil eines Märchens erzählt, weshalb das Thema "Es war einmal" sicher gut eingefangen wurde. Aber für Kinder zwischen drei und sieben ist die Geschichte zu schwierig und teilweise auch zu krass. Dass Eltern ihren Mädchen die Gesichter verstümmeln, würde ich meinen Kindern nicht vorlesen, wenn ich welche hätte. Auch die kindgerechte Sprache fehlt mir. Europäischer Ozean, schelmisch, illusorisch, stob - es ist doch eher ein Märchen für Erwachsene als für Kinder. Als solches aber gar nicht schlecht.

Frohes neues Jahr! Smile

Thekla

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Re: Garudas Fall

Beitrag von Ryrke am Mo 2 Jan 2017 - 14:17

Hallo Thekla,

danke für deinen Kommentar.
Das mit den Wortfeldern habe ich ja weiter oben schon angemerkt, das fällt mir sehr schwer, da ich keine eigenen Kinder bisher habe.
Aber bei der anderen Sache wollte ich noch etwas loswerden: eines der wesentlichen Bestandteile von Märchen ist Grausamkeit. Oder findest du es normal, dass der Wolf die Großmutter frisst oder die Kinder die Hexe in den Ofen werfen? Ich finde schon, dass das eventuell hineingehört. Nur weil das anders beschrieben ist, ist es nicht weniger grausam.

Viele Grüße und ein gesundes neues Jahr!
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Re: Garudas Fall

Beitrag von Drita1 am Mi 25 Jan 2017 - 14:42

Ein kurzes Hallo von Drita,

Ich finde diese Geschichte wirklich gut geschrieben, würde sie aber auch nicht unbedingt einem Kind zwischen drei und sieben vorlesen. Schon Kindern so ab acht-zehn. Ältere können das ja auch schon selber tun, wenn sie es wollen.

Was Altersbegrenzungen in der Literatur und so weiter angeht, ist es aber immer schwer den "pädagogisch richtigen Weg" zu finden.

Die herangezogen Märchenbeispiele hier, hinken daher auch im Vergleich. Denn es handelt sich um Märchen von den "Gebrüdern Grimm". Und diese wurden einst für "Erwachsene" geschrieben, nicht für Kinder.

Die späteren Fassungen, die dann auch für Kinder etwas "anders beschrieben" wurden (was sehr wichtig war, da die auch damals sonst als für "Kinder nicht angebracht" tituliert worden wären), dienten an vorderster Front als "Erziehungsgeschichten" entsprechend der gängigen Erziehungsregeln des neunzehnten Jahrhunderts. Würden diese Märchen erst heute, auf dieselebe Weise niedergeschrieben werden, gingen sie nicht mehr als "Kindergeschichten" durch.

"Garudas Fall" passt daher auch für mich besser ins "Fantasy-Mystery-Genre" für Jugendliche. Dort aber dafür sogar ganz weit vorne in der Reihung.

Lg. Drita
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Re: Garudas Fall

Beitrag von Ryrke am Sa 28 Jan 2017 - 13:58

Danke.

Das ist nicht nur eine interessante Antwort, sondern auch ein ganz tolles Lob!
Ich habe wieder etwas gelernt Smile

LG!
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