02 Teil 1-Mythen & Sagen / Das Gilgamesh Epos

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02 Teil 1-Mythen & Sagen / Das Gilgamesh Epos

Beitrag von Evelucas am Mi 12 Okt 2016 - 19:58




Vorwort

Ich heiße euch herzlich Willkommen in einer sehr weit zurück liegenden, völlig anderen Welt unseres literarischen Erbes. 
Eine Welt, die weder langweilig noch uninteressant ist, noch für uns sein sollte, sondern sich ganz im Gegenteil, höchst spannend, abenteuerlich und voller Wunder zeigt. 

Der erste Teil dieser kleinen Bildungsrunde beschäftigt sich daher gleich mal mit dem bisher ältesten, uns bekannten, literarischem Meisterwerk menschlicher Zivilisationsgeschichte.  Eine sagenumwobene Erzählung voller Mythen, die über viele Jahrhunderte (nein, sogar Jahrtausende) hinweg, stetig an die nächste Generation überliefert wurde, bis es der akkadische Schriftgelehrte namens Sin-leqi-unnini um ca. 1200 vor Chr., auf selbstgebrannten Lehmtafeln auch schriftlich festzuhalten entschied (in Keilschrift).


Er selbst nennt sogar eine Quelle, die bis in eine Zeit um 2600 vor Chr. zurück reicht, was genau jener sumerischen Epoche entspricht (zumindest einer sumerischen Königsliste aus dem Jahr 1800 vor Chr. zufolge), innerhalb dieser auch tatsächlich ein großer Kriegsheld und von den Göttern gesandter König namens Gilgamesh über Uruk regierte.

Dieses aussergewöhnliche Epos' stammt aus einer Zeit, als selbst das Pharaonenreich der Ägypther noch in den Kinderschuhen steckte, aus einem Gebiet, dass sich einst Mesopotamien nannte und dessen Ursprung einer Region namens Sumer zugeordnet werden konnte. Sumer markierte das südlichste Ende Mesopotamiens, zwischen den beiden Flüssen Euphrat und Tigris gelegen und umfasste somit ein Teilgebiet des heutigen Iraks. 

Dazu mal ein paar interessante Hintergrundinformationen ...

Was wir alle zumindest mal in der Schule über die Sumerer gelernt haben sollten beschränkt sich wohl am ehesten auf die Erfindung des "Rades".
Diesem Volk der frühesten Antike jedoch, haben wir noch weit mehr zu verdanken. 
Die Sumerer waren auch die Ersten, die begannen Kanalisationen zu bauen, um Wasser aus dem Euphrat als auch Tigris in ihre Städte, beziehungsweise in die Brunnen ihrer Städte zu leiten. Vor allem aber waren sie auch das erste, uns heute bekannte Volk, dass über eine eigene "Schriftsprache" verfügte. Um genau zu sein sogar über die erste und älteste uns heute bekannte "Keilschrift-Form". 
Ebenfalls auf die Sumerer geht auch die älteste epische Version jener Sintfluterzählung zurück, die wir heute nur noch in abgewandelter Form im alten Testament nachlesen können. Das Original wurde niedergeschrieben lange bevor es überhaupt ein "jüdisches" Volk gab bzw. ein solches erstmals geschichtlich erfasst wurde. Dem Original am treusten bleibt somit nur noch das "Gilgamesh Epos" (und daher auch ganz und gar nicht monotheistisch).
Von diesem Epos gibt es desweiteren auch noch Fragmente einer babylonischen und assyrischen Version sowie eine, wenngleich erst viele, viele Jahrhunderte später zusammengefügte, ägyptische Version (ebenfalls in Keilschrift). 
Auf Letztere griff sogar der griechische Dichter Homer als Inspirationsquelle für seine Ilias & Odyssee zurück.

Wie so viele Schriftsprachen begann wohl auch die sumerische Keilschrift als "Bildersprache", allerdings schon um ca. 4000-3500 vor Chr., die immer mehr und mehr abstrahiert wurde bis aus den Bildern Symbole wurden. Hinzu stieß dann noch eine vereinfachte "Symbolik" für Laute und schon war die erste "Schriftsprache" menschlicher Zivilisation geboren. 
Genutzt wurde die kulturelle Errungenschaft zuerst in den Bereichen des Handels, schon bald wohl auch zu rituellen Zwecken um Zaubersprüche, Bänne und Gebete der Priesterschaft an ihre sumerischen Götter festzuhalten. Schließlich wurde diese auch einer "Schriftgelehrten Schicht" im Dienste des Königs zugänglich gemacht, um in seinem Namen Kriegserklärungen, Waffenstillstände, Friedensabkommen oder Gesetzte zu formulieren und zu verlesen.
Das gemeine Volk selbst, war natürlich nicht befähigt diese zu lesen. In den sumerischen Lehreinrichtungen (Schulen waren ja damals noch nicht so deren Ding) wurde auch nicht das Lesen per se gelehrt. Den Kindern wurde jedoch vorgelesen, um sie darauf vorzubereiten, was es bedeutet gute Bürger der sumerischen Gesellschaft zu werden. Was man bisher über diese erste Hochkultur herausfinden konnte (wieder basierend auf anderen Keilschrift Fragmenten) ist, dass den Kindern insbesondere beigebracht wurde, mit welchen Göttern und Ritualen, Obrigkeiten usw. sie es in ihrem Leben zu tun bekommen werden und welche Bedeutung diese Götter bzw. welche Aufgaben erwähnte Rituale und Obrigkeiten in dieser Gesellschaft zu erfüllen hatten. Auch wurde den Kindern nicht vorenthalten mit welch anderen sumerischen Stadtstaaten sie gerade in kriegerische Auseinandersetzungen verstrickt waren, wer Freund, wer Feind ihrer Landesregion sei und welche Gesetzte sie unbedingt zu befolgen hätten (die natürlich alle von den Göttern gemacht wurden, dessen Sprachrohr die Priester sind). 
Und tatsächlich konnte auch ein sumerischer König (solange er den Thron nur ererbt hatte) nicht einfach Gesetze erlassen oder verabschieden, bevor diese nicht von der hohen Priesterschaft mit den Göttern besprochen und abgesegnet worden waren. Als einzige Ausnahme galt diesbezüglich ein König, der schon als "teils göttlich", "teils menschlich" betrachtet und dafür auch verehrt wurde. Dieser durfte auch Gesetze erlassen, die nicht alle mit der Priesterschaft abgesprochen sein mussten, so ja dadurch schon der König höchstselbst, als mit den "Göttern" verwandt betrachtet wurde.

Natürlich liegt es da auf der Hand, dass sehr viele Könige dieser Region ein großes Interesse daran hegten von göttlicher Abkunft zu sein. 
Es soll also nicht verwundern – man werfe einfach mal einen Blick in die erwähnte Liste der Königsfolge –, wie viele Stadtstaaten-Könige aus der Region, somit auch tatsächlich als zur Hälfte, einem Drittel oder Viertel, als Gott bezeichnet wurden. 
Erst ab einem nur Achtel-Gott gab es kein "göttliches" Anrecht mehr darauf, als Priester oder Herrscher aktiv werden zu dürfen. 
Für millitärisch höhere Positionen wurde man in solchem Falle dennoch bevorzugt behandelt. Diese Art, des von den Sumerern eingeführten Verständnisses für Herrscherhierachien zog sich bis in die babylonische, akkadische, assyrische, als auch ägyptische Kultur-Hochblühte hinein und wurde erst ab ca. 500 vor Chr. allmählich vom persischen Achämeniden-Reich und deren Herrscherprinzipien langsam abgelöst.

Wie man sich das also bestimmt recht gut vorstellen kann, galt natürlich auch König-Gilgamesh von Uruk (Uruk: eine der damals größten Städte, die bereits 30- bis zu 60.000 Bürger fasste), als Mann, der zu zwei Dritteln-Gott und einem-Drittel Mensch war. 
Zugleich galt er vor der Priesterschaft und dem eigenen Volk auch als umbarmherziger Tyrann, der keinen Spaß verstand, sondern ein verdammt schlechter Verlierer war und selbst beim Ballspiel aggressiv und gewalttätig mit seinen Gegenspielern verfuhr. 
Troztdem – so beschreibt es zumindest die Überlieferung – gelang es ihm bis zu seinem Lebensende und nach vielerlei (durchaus verdienten) Qualen, göttlichen Strafen und brutalen Kämpfen (sogar gegen die Götter höchstselbst) doch noch, sich zu einem "weisen" Landesvater zu mausern.
Genau davon erzählt das "Gilgamesh-Epos", dessen mythologisch-abenteuerliche Geschichte auch dazu diente, dem sumerischen Nachwuchs (den Schülern also) eine wichtige Lebens-Lektion zu erteilen.

Im nachfolgenden Artikel werde ich versuchen das Gilgamesh Epos für euch, so gut es geht in verständlicher Form nachzuerzählen. (Das Original wurde, wie Homers viel spätere Illias & Odyssee, nämlich in einer nur schwer verständlichen Versform erzählt)


Zuletzt von Evelucas am Di 25 Sep 2018 - 11:22 bearbeitet; insgesamt 15-mal bearbeitet

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Die bekanntesten Götter der Sumerer

Beitrag von Evelucas am Fr 14 Okt 2016 - 12:47

Vereinfachter Überblick der sumerisch/babylonischen Götterhierachie:

Anu=Himmelsgott (Hauptgottheit, jüngeren Quellen zufolge wird er auch nur An genannt))

Adad = der Wettergott (vermtl. erster Sohn des Anu)

Innana Ishtar (sumerischer Name)= die Venusgöttin (Tochter des Anu, im assyrischem und späteren babylonischem Raum nur noch unter dem Namen Ishtar geführt)

Erläuterungen zu Innana Ishtar:
Innana Ishtar war auch Stadtgöttin von Uruk, Kriegsgöttin und Schutzherrin der Huren und Dirnen. Diese hatten allerdings zumeist den Status weiblicher Tepelpriesterinnen inne, galten als im höchsten Maße anerkannte Bürgerinnen und wurden sogar mit mehr Rechten ausgestattet, als eine sumerische Ehefrau innerhalb dieser Gesellschaft. Somit ist deren gessellschaftliche Stellung als Frau, auch ganz und gar nicht mit dem sozialen Status unserer heutigen Prostituierten gleichzusetzen.

Ea=Gott des Süßwassers (auch Gott der Gerechtigkeit und Harmonie. Zweiter Sohn des Anu)

Erläuterungen zu Ea:
Er ist jener Gott, der Utnapischtim (im alten Testament als Noah beschrieben), vor der alles Leben zerstörenden Sintflut warnt und dazu veranlasst eine "Arche" zu bauen um von jedem Tier ein Paar sowie seine "gute" Frau und sich selbst vor dieser Katastrophe in Sicherheit zu bringen. 

Enlil=Länderherr und Götterheld (könnte auch als Bruder es Anu gelten, dazu gibt es allerdings keine sicheren Quellen)

Erläuterungen zu Enlil:
Dieser Gottheit hatte das Land, das Reich der Menschen, die alles zerstörende Sintflut, lange vor Gilgamesh's Existenz in der Welt zu verdanken. Aus der Dichtung geht angedeutet hervor, dass es nie aller Götter Plan war, die gesamte Menschheit zu vernichten. Enlil, der innerhalb dieser Dichtung als gnadenloser und sich jähzornig über die Menschen ergrimmender Gott hervortut, geriet über die Menschen und dessen sündiger Lebensart zwischen Wollust und Wohlstand in Eifersucht und Zorn, dass er sich nicht an den ursprünglichen Plan hielt. Für die fast alle Menschen zerstörende Sintflut wird er daher zur Strafe, von den anderen Göttern vorübergehend in die Unterwelt verbannt. In diesem Sinne entspricht er wohl am ehesten jenem Charakterbild des verstoßenen Lucifers, Samael's, Belial's, Belzebub oder eben des Teufels, wie wir ihn heute aus der Bibel kennen. Nur das Enlil, auf Befehl von Anu, seine Zeit in der Unterwelt damit zu verbringen habe, den Unterschied zwischen "Gut und Böse" zu erlernen. Die bösen Seelen der Menschen durfte er in der Unterwelt via Folter bestrafen und auch solange dort festhalten, bis sie zu genüge für ihre Verbrechen gebüßt hatten. Die Guten jedoch, musste er ungehindert und unverletzt durch die Unterwelt ziehen und am Ende ihrer Reise das Tor zum weltlichen Paradies passieren lassen. Hielt er sich nicht an diese Regeln, erlitt Enlil selbst die Qualen der Folter an seinem eigenen göttlichen Leibe, die er an einer unschuldigen Menschenseelen in der Unterwelt vollzog. 

Sin=Mondgott (erster Sohn des Enlil) 

Schamash=Sonnengott (zweiter Sohn des Enlil)

Erläuterungen zu Schamash:
Innerhalb mancher Passagen scheint es fast so, als sei Gilgamesh tatsächlich Schamash's Sohn. Ähnlich, wie später Alexander der Große als Sohn des Zeus oder Zarathustra als gesandter Sohn des Lichtgottes "Mithra", bzw. Jesus Christus als Sohn des neutestamentarischen christlichen Gottes verehrt wurde. Welche Gottheiten aber nun (es könnten auch gleich zwei gewesen sein) wirklich die Vaterrolle für Gilgamesh inne hatten,  geht leider nicht so klar aus dem Epos hervor. Darüber hätte die Beschwörung, die Gilgamesh's Mutter (Ninßun) an den Sonnengott Schamash, im Sinne einer Fürbitte richtet, wohl mehr Aufschluss geben können, jedoch fehlen in der epischen Dichtung leider sehr viele Verse in dieser Passage. Die erhaltenen Fragmente liefern darüber leider keine genaueren Informationen.  

Aruru= Die große Göttin (vermtl. Anu's Göttergemalin, eine Naturgöttin)

Erläuterungen zu Aruru:
Sie ist so etwas wie die "Muttergöttin" der Sumerer. Sie erschafft auf Anu's Befehl hin Enkidu aus Lehm und Erde, sowie aus anderen Naturalien. Seiner ursprünglichen Bestimmung entsprechend, solle er Gilgamesh's Tyrannei, gegen die Bürger von Uruk, beenden.

Die wichtigsten Protagonisten des Epos':

Gilgamesh=König von Uruk (seine Herrschaftzeit wird zwischen 2750-2600 vor Chr. angesiedelt)

Erläuterungen zu Gilgamesh: 
Gilgamesh wird beschrieben als zwei Drittel Gott/ein Drittel Mensch, von überirdischer Kraft, Vitalität und Größe (elf Ellen lang sein Wuchs: Was, entsprechend dem mesopotamischem Ellen-Maß nach ca. der Größe eines 5 1/2 m hohen Mannes gleichkäme). 
Weiters wird er in manchen Quellen sogar mit "hell leuchtendem Haar" (von einer Farbe in Shamasch's Sonne) oder in der Farbe "leuchtendem Feuers" beschrieben. Manchmal wird er auch im Ganzen als "leuchtender Riese" betitelt. Also "groß" und "blond" oder mit "kupferfarbenem" Haar, was darauf hindeutet, dass er offensichtlich auch als Exot unter den "Menschen" des sumerischen Reiches gesehen wurde. Schenkt man den mythischen Quellen Glauben, könnte auch der klingende Name Gilgamesh, darauf zurück zuführen sein. (Gilga- strahlend, leuchtend, feurig, flammend und mesh- Haar, Haupt, Kopf)

Enkidu=Eigenname (ein Halb-Mensch/Halb-Tier Mann)
Erläuterungen zu Enkidu: 
Eigentlich wird Enkidu von den Göttern erschaffen und geschickt, um der Tyrannei des Gilgamesh Einhalt zu gebieten. Das gelingt ihm auch, allerdings anders, als erwartet. Gilgamesh und Enkidu werden nämlich zu innigen Freunden, vielleicht sogar zu Liebenden, was damals absolut nichts aussergewöhnliches war. Doch so ganz klar, geht dies nicht aus dem Epos hervor. Gilgamesh räumt seinem neuen Wegbegleiter allerdings Rechte ein, die sowohl auf eine gemeinschaftliche Herrschaft hin-, als auch auf eine partnerschaftliche Beziehung zueinander verweisen.

Ninßun= Gilgamesh's Mutter (menschliche Geliebte des Sonnengottes Schamash und Adad)

Die wichtigsten mythologischen Sagengeschöpfe des Epos'

Chumbaba=Ein Monster und Günstling des Gottes Enlil
Er ist der Wächter des Zedernwaldes (an der Grenze zu Elam "persisches Gebiet" gelegen im heutigen Iran), der zugleich auch als seine Heimat gilt. Ein schreckliches Monster das alle Menschen aus Sumer fürchten. Als Gilgamesh dieses mit Hilfe von Enkidu zum Kampf fordert und besiegt, erzürnt Gilgamesh den Gott Enlil. Ein Ereignis, dass sich Innana Ishtar später – als ihre Verführungskünste an Gilgemesh abprallen – zuerst zum Anlass nimmt, um Anu davon zu überzeugen, den Himmelsstier über das Land wüten zulassen. Als auch dieser von den Gefährten besiegt wird, macht sie sich Enlils Wut zu Nutze, um Enkidu von einer unheilbaren Krankheit heimsuchen zu lassen.

Der Himmelsstier
Diese blindwütig zerstörerische Figur, zumindest innerhalb dieser Sage, diente den Sumeren bzw. in der babylonischen Kultur, offensichtlich auch als Symbol für Naturkatastrophen wie Sandstürme, Hagel und sintflutartige Verwüstungen. Laut der Gilgamesh Dichtung untersteht dieser allerdings dem Befehl des Himmelsgottes Anu. Nach Chumbabas Tod wünscht Enlil Rache an dem Herrscherpaar zu üben. Anu und die anderen Götter wollen sich diesem Wunsch jedoch nicht anschließen. Da tobt die kurz zuvor von Gilgamesh zurückgewiesene Innana Ishtar, stellt sich auf Enlils Seite und spricht wüßte Drohungen aus, die Anu so ängstigen, dass er, um seine Götter-Tochter wieder zu besänftigen, doch den Stier vor den Toren Uruk's über die Felder wüten lässt.

Utnapischtim und Frau 
Ein von den Göttern gesegnetes, ehemals menschliches, nun jedoch den Göttern fast gleichgestelltes Paar. Ihnen beiden gelang es Dank Ea, Enlils Sintflut zu überleben, woraufhin beiden ein "ewiges Leben" in einem paradiesähnlichem Tal, am Ende der Welt und zu Füßen der ihm gut gesinnten Götter geschenkt wurde. Dazu wäre noch zu sagen, dass das Paradies in der sumerischen Glaubenstradition immer ein "weltliches Tal" war, wenngleich eines, dass sich am Ende der ihnen bekannten Welt befand. Allerdings auch ein ebenso schwer zu erreichendes Tal, welches am anderen Ende eines unendlich tiefen Meeres (dem Meer des Todes) lag, dass nur mit der Hilfe eines dem "Antwort-Suchenden" gutgesonnenen Fährmannes zu überqueren ermöglicht wurde, so auch nur dieser die speziellen Ruder (auch die "Steinernen" genannt) bedienen kann. Berührt ein Mensch das Wasser dieses Meeres, wäre dieser sofort des Todes.  


Zuletzt von Evelucas am Di 25 Sep 2018 - 12:09 bearbeitet; insgesamt 11-mal bearbeitet

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Vorgeschichte des Epos

Beitrag von Evelucas am Sa 15 Okt 2016 - 12:01

Das Gilgamesh Epos, Vorgeschichte

Alles beginnt mit einer Vorhersehung der Priester von Uruk.
Es wird berichtet, dass in uralter Zeit, allerdings schon nach der Sintflut, der Herrscher Enmekar von seinen beratenden Wahrsagepriestern gesagt bekommt: "Wenn deine Tochter mal ein Kind gebiert, so wird es auch dieses sein, welches dich deines Königtums berauben wird".

Darüber geriet der König in höchste Angst und beschloss die Tochter in den Turm seines Schlosses zu sperren, wo sie rund um die Uhr bewacht werden solle.
Auf das sie, solange er lebte, für immer eine Jungfer bliebe.
Was der alte König jedoch vergaß, es handelte sich hierbei um eine "Vorhersehung", was gleichzusetzen war mit "von göttlicher Bestimmung".
Einer solchen Bestimmung kann man nicht entfliehen. Ebensowenig konnte Enmekar seine Tochter vor den Göttern verstecken.
Es kam also, wie es laut der Vorsehung eben auch kommen musste.
Ninßun wurde entjungfert, empfing das Kind eines Niemands, von dem nur sie wusste, wer er tatsächlich war, und gebar es im Geheimen. 
Lange konnte es danach aber nicht mehr geheim bleiben. Als die Wächter schlussendlich mitbekamen, dass das Unmögliche passiert war, gerieten sie, aus Furcht vor des Königs Zorn in Panik, entrissen Ninßun ihr Neugebornes und warfen den Knaben vom Turm.
Ein *Adler erspähte es jedoch mit scharfen Augen und nahm es auf seinen Rücken*, ehe dieses Kind auf dem Boden aufschlug.
Er trug es in einen Palmgarten und setzte es dort ab.
Schließlich entdeckte es auch der Gärtner des Palmgartens, ein fleißiger und guter Mann, von starkem Herzen. Schnell gewann er das Kindlein lieb, nahm es an sich, nannte den Knaben fortan Gilgamesh und zog ihn heran.
Jahre später – inzwischen war aus dem Knaben ein Mann geworden, der alle anderen Männer der Stadt um Ellen überragte – kam Unruhe in seine Seele. Er sehnte sich nach Abenteuern, Ruhm und nach Heldentaten. Schweren Herzens ließ er seinen Vater, den Gärtner, dem er sein Leben zu verdanken hatte zurück und zog somit als Söldner hinaus in den Krieg, gegen König Enmekar von Uruk, der inzwischen so uralt war, das selbst seine eigenen Bürger aufgehört hatten die Jahre zu zählen.
So begab es sich nun, erneut entsprechend der göttlichen Vorsehung, das Gilgamesh, dem König Enmekar und Vater seiner Mutter, tatsächlich das Königtum entriß. Die Vorhersehung und damit auch das Schicksal des alten Königs Enmekars, hatte sich also nun doch durch Gilgamesh erfüllt, indessen das Schicksal des neuen, jungen Königs von Uruk, König Gilgamesh, noch in den Sternen stand.

*Der Adler repräsentierte in akkadisch-altbabylonischer Zeit stets einen Boten der Götter, so auch bei den Sumerern, für die der Adler sogar eine der vielen "köperlichen Hüllen" des Sonnengottes "Schamash" höchstselbst darstellte. Demnach kann man die Szene, als der Säugling vom Adler gerettet wurde, auch als eine Metapher dafür betrachten, dass Gilgamesh von diesem Tage an in die Fürsorge des Sonnengottes Schamash gegeben wurde, der von da an über ihn wachte. Das wiederum kann als Indiz dafür gewertet werden, dass es sich bei Gilgamesh tatsächlich um "Schamash's Sohn" handeln könne.* 


Zuletzt von Evelucas am Di 25 Sep 2018 - 12:39 bearbeitet; insgesamt 6-mal bearbeitet

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Tafel Eins

Beitrag von Evelucas am Sa 15 Okt 2016 - 18:29

Das Gilgamesh Epos - Erste Tafel

Nachruf auf den großen König:
In diesem wird zu Anfang der Dichtung alles zusammengefasst, was Gilgamesh je gemacht hat.
Im ersten Teil dieses Nachrufes wird ihm nachgesagt, dass er alle Meere kannte und jegliches wußte. Das er das Dunkelste durchschaute aber auch viel Weisheit besaß, sowie Kenntnis von so vielen Dingen. Er hatte Verwahrtes, wie Verborgenes erblick und Kunde von der Sintflut gebracht. 
Damit ist gemeint, dass er ihm Zuge seines Lebens über die legendäre Sintflut – die das menschliche Geschlecht und dessen Gesellschaft von Grund auf veränderte – mehr erfahren habe, als je ein König vor ihm. 
Ausserdem habe er Wege befahren, die auch keiner vor ihm je zu betreten gewagt hätte und war dabei einmal matt und dann wieder frisch. 
Damit wiederum ist gemeint, dass er seinem Volk Fortschritt gebracht hat, oft scheiterte und daran fast zerbrach, aber dennoch auch wieder neuen Mut fasste, um wieder neuen fortschrittlichen Wegen zu folgen. 
Und all seine Mühsal habe er dann auch noch in Stein gemeißelt.

Im zweiten Teil dieses Nachrufs wird dann ganz im besonderen die Mauer um Uruk-Gart (damit ist die Stadt Uruk als Zentrum seines Reiches gemeint) gelobt, die Gilgamesh erbauen ließ. 
Detailliert wird auch beschrieben, wie mächtig, wie strahlend, robust, wie einzigartig und wie sicher dieses Bauwerk dem sumerischem Volke erschien, da es auch hier niemals zuvor etwas vergleichbar Erhabenes, je zu Gesicht bekommen habe. Daher endet auch dieser zweite Teil des Nachrufes mit der Vermutung, es können daher nur die "sieben Weisen" (damit sind wohl die sieben wichtigsten Götter für Uruk gemeint) den Grundstein für diese nun "heilige" Mauer gelegt haben.

Im dritten Teil dieses Nachrufes, werden dann insbesondere Gilgamesh's ganz persönlichen Vorzüge nochmals in den Vordergrund gerückt. Dazu gehört auch, welcher Gott ihn so vollkommen und herrlich geschaffen und ihm auch seine Manneskraft (und damit ist nicht Gilgamesh's Muskelkraft gemeint) gab. Und wieder wird hier als erstes Schamash, der Sonnengott genannt. Gilgamesh's Heldensinn wiederum, wird als von Adad (also dem ersten Sohn des Anu)vererbt dargestellt. Und so wird auch in diesem letzten Teil des Nachrufes Gilgamesh's Größe von elf Ellen und die breite seiner gewaltigen Brust von neun Spannen beschrieben, ebenso auch seine zwei Teile die von göttlicher Abkunft sind, während sein dritter Teil der eines Menschen ist. 
Die beiden göttlichen Teile könnten in diesem Sinne somit auch gleich auf "zwei" göttliche Väter verweisen, die wiederum auf Schamash und Adad zurückgehen würden, während der menschliche Teil von Ninßun selber kommt.

Damit allerdings enden die Lobpreisungen auf Gilgamesh auch schon, stattdessen beginnt nun die rückblickende Erzählung über Gilgamesh, als er nach dem Sieg über Enmekar, seine Herrschaft über Uruk antrat. Schon ändert sich auch der Ton wider aller Lobpreisungen auf den neuen König. 
Denn am Anfang seiner Herrschaft, steht zuerst mal ungeschminkte Kritik und der Jammer eines sich zutiefst verängstigt und unterdrückt fühlenden Volkes.

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Zuletzt von Evelucas am Fr 15 Sep 2017 - 12:25 bearbeitet; insgesamt 3-mal bearbeitet

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Tafel eins

Beitrag von Evelucas am So 16 Okt 2016 - 14:05

Immer neue Jammergebete erreichen die Himmelsgötter. Gilgamesh trotzt dem Willen des Volkes bei Tag und Nacht. Tagsüber bedient er eine riesige Trommel, die er selbst sich hat erbauen lassen. Einprägsam und gewaltig erklingen seine Trommelschläge über dem Land. Mit ihrer Hilfe treibt er alle Männer der Stadt ohne Pause an, die Stadtmauer zu erbauen. Weder die Frauen noch deren Kinder lässt er zu den Männern. Stattdessen verschließt er die Tore zur Stadt, so das Niemand aus der Stadt hinaus und ebensowenig in die Stadt hinein kann, solange die Mauer nicht fertig ist. 
Er bezichtigt die Männer als Faul, viel zu langsam und lässt nur die heiligen Tempelpriesterinnen dreimal am Tage zu ihnen, um sie mit Proviant zu versorgen. Auch Nachts, lässt er die Männer nicht in die Stadt hinein, nicht in ihre eigenen Betten, nicht in den Schoß ihrer Familie zurückkehren. Selbst nachts gönnt er ihnen kaum Ruhepausen, sondern bedient die Trommel, um die erschöpften Männer immer weiter und weiter voranzutreiben.
Auch den Priestern von Uruk trotzt er in allen Facetten. Er nimmt deren Rituale und Gebete nicht ernst und verweigert ihnen jeglichen Respekt. So auch in Hinblick darauf, seine königlichen Pflichtrituale zu erfüllen, um die Götter von Uruk gnädig zu stimmen.
Indessen tüftelt er zusammen mit vielerlei Gelehrten an Plänen für moderneres Gerät, um den Bau der Mauer noch schneller voranzutreiben. 
Und er tut noch viel Schlimmeres.
Nachts beschläft er sämtliche Frauen der Stadt, zwingt sie in die Untreue gegenüber ihren Männern und droht ihnen, so sie sich ihm zu verweigern wagen, deren Grundversorgung einzustellen, die sie nur ihm, dem großen König zu verdanken hätten, solange die Männer bis zur Vollendung der Mauer, ihre Felder nicht bewirtschaften konnten.
Die Einsprüche der Priester, die ihn stetig daran zu erinnern bemüht sind, er möge seine Manneskraft doch vielmehr an den heiligen Tempelhuren erprüfen, womit er zugleich auch der Stadtgöttin Innana Ishtar Ehre machen würde, ignoriert er stur. Aus Zorn, da die Priester es sich erlaubten seine Macht und Herrlichkeit gegenüber den Göttern in Frage zu stellen, geht er sogar noch weiter und erlässt ein Gesetz, das ihm das königliche Recht einräumt, die jeweils immer erste Nacht mit jeder jungfräulichen Braut zu verbringen. 

Nach abertausenden Tagen und Nächten, erhören die Götter von Uruk endlich die Klagegebete des Volkes. Endlich entscheiden sie, dagegen etwas unternehmen zu müssen. Und so befiehlt der Himmelsgott Anu, seiner Gemahlin und Naturgöttin Aruru, ein Geschöpf von reinem Herzen zu erschaffen, dass sich Gilgamesh's wüster Wildheit, seiner Kraft und seinem Eigensinn zumindest Ebenbürtig erweist, um sich der Tyrannei dieses Königs entgegenzustellen.
Aruru erschafft daraufhin aus Lehm und Erde Enkidu mit einem starken Herzen, dass so rein und unschuldig ist, wie das eines Tieres. 
Sie schenkt ihm die Kraft von Anu's Himmelsstier, bepelzt ihn mit Haaren am ganzem Leib und versieht ihn mit wallendem Haupthaar gleich dem eines Weibes. Weder Land noch Leute soll er kennen, und sie bekleidet ihn mit einem Pelz, der jenem gleicht, wie ihn auch Sumukan (Gott der Tiere) trägt. Auch frisst er mit den Gazellen das Gras und versammelt sich mit allem Wild des Waldes vor der Tränke. Immer ist er dabei allen Tieren, ob nun im Wasser, am Lande oder am Himmel gutgesinnt – die ihn ja auch großzogen.
Zugleich besitzt Enkidu aber nicht nur die Kraft gleich dem Himmelstier des Anu, sondern auch die Intelligenz eines Menschen, wenngleich er solchen noch nie zu Gesicht bekam. Bald erlangt er Kenntnis über alles in der Natur. Und so sorgt er unter den Jägern für vielerlei Ärgernis, die jedoch über seine Wildheit und übermächtige Kraft so in Angst geraten, dass sie sich ihm nie in den Weg zustellen wagen. 

Enkidu hingegen beschützt mit dem Herzen eines Kindes der Natur, seine tierischen Gefährten. 
Heben die Jäger Jagdgruben aus, so schüttet er sie sofort wieder zu. Spannen die Jäger ihre fast unsichtbaren Netze, sei es nun im Wasser oder an so mancher Lichtung an Land, zerstört er sie einfach. Spürt Enkidu die Fremden Jägersgeschöpfe nahen, warnt er das Wild, damit es sich rechtzeitig in Sicherheit bringen kann. 

Der Sohn eines alten, ja vermutlich sogar des weisesten Jägers der Zupft, erspäht den gewaltigen Tiermann als erstes. Anfangs kann er nicht glauben was er da zu Gesicht bekommt und wagt es kaum seinem Vater davon zu erzählen. Erst als auch andere Jäger von seltsamen Begebenheiten berichten, sowie von einem unheimlichen Geschöpf in den Bergen, der Steppe und des Waldes, wagt er von seiner Beobachtung zu sprechen.
Da wird der alte Jäger hellhörig, weiß aber sofort Rat, wie man diesen wilden Mann zähmen könne. Auch weiß er von den Klagen der Bürger in Uruk und vermutet so zurecht, das es nur dieser wilde Mann sein könne, den die Götter sandten um dem tobenden König Gilgamesh endlich Einhalt zu gebieten. Er hält seinen Sohn nun dazu an, in die Stadt zu gehen um dem König vom Wildmann zu berichten. Dieser soll ihm schließlich eine Dirne aus dem heiligen Innana Ishtar Tempel leihen. Sie soll der junge Jäger in die Steppe und zur Tränke führen, um ihr den wilden Mann zu zeigen. Danach soll die Tempelhure ihn verführen, auf dass sie ihn zähme und dem Menschengeschlecht gleichstelle. Danach wird ihn das Wild verlassen, da es ihm nicht länger Vertrauen schenken kann. Sobald die Dirne den Wildmann auf diesem Wege zivilisiert hat, soll sie ihn in die Stadt führen, damit er als einziger der dies vermag sich Gilgamesh entgegenstellt. Denn nur aus diesem Grund wurde er ja von den Göttern gesandt.

Gesagt getan.
Der Sohn des weisen Jägers macht sich auf den Weg nach Uruk. Drei Tage wandert er von den Bergen ins Tal, durch die Wälder und über Steppen, gelangt an einen Fluss (vermutlich Tigris) und trifft dort auch auf einen Fischer der ihn über den Fluß bringt und vor Uruk-Gart absetzt. Dieser Fischer warnt ihn jedoch auch davor, sich besser nicht als Bürger von Uruk zu bezeichnen, da der König sonst auch ihn aus der Stadt raus und zu den anderen Männern von Uruk schickt, um ihn zum Mauerbau zu verdammen. Genau aus diesem Grunde, so der Fischer, hat auch er schon seit Wochen die Stadt nicht mehr betreten, sondern entschieden lieber unter freiem Himmel an den Ufern des Flusses, vor der Stadt zu verweilen. Solange bis der Tyrann mal müde genug würde, um seinen despotischen Sturm gegen die eigenen "Mannen" zu unterbrechen.
Damit wird dem jungen Jäger nun bewusst, wie gefährlich es für ihn werden könne, in die Stadt zu gelangen solange Gilgamesh tobt. Desto klarer wird ihm aber auch, von welchem Wert die Botschaft vom Wildmann ist, die er dem König zu überbringen hat. Insbesondere von welch göttlichem Wert und Ausmaß der Auftrag seines weisen Vaters ist, damit auch den Bürgern von Uruk wieder mehr Gerechtigkeit widerfahre.
Unter vielerlei Anstrengung gelingt es ihm dennoch, zuerst die Wachen vor dem Stadttor und dann die Priester von der Wichtigkeit seiner Botschaft zu überzeugen. 
Letztlich findet er somit seine Verbündeten, die ihn endlich zu Gilgamesh höchstselbst zu führen, um diese wichtige Nachricht und Fürbitte dem göttlichen König zu überbringen.
In der Dichtung wiederholt der Jägersjüngling natürlich immer wieder, worum es geht und wie wichtig sein Auftrag sei, um auch den Bürgern von Uruk wieder Frieden zu verschaffen, auf das der Wille der Götter geschehe. Nur vor Gilgamesh natürlich nicht. 
Tatsächlich fühlt sich Gilgamesh in seinem Machtumfang wirklich bedroht, als ihm der junge Jägerssohn von der Herrlichkeit und unsagbaren Kraft des Wildmannes –"gleich dem Himmelsstier oder den Festen des Anu"– berichtet. Zugleich ist er aber auch neugierig und hofft nun auf einen Gegner, der ihm endlich mal ebenbürtig sein könne. Daraufhin beauftragt er sogar die höchststehende aller Tempelpriesterinnen, den jungen Jäger in die Wildnis zu begleiten, um den Wildmann zu zähmen. Dennoch gibt er sich eher herablassend und arrogant, als ob er die Kraft oder mutmaßliche Bedrohung gar nicht wirklich ernst nehmen würde, die von diesem Wildmann ausgeht. Natürlich trügt der Schein.
Und so lässt Gilgamesh den Jägersohn mit der Tempeldirne – und seiner königlichen Zusicherung für freies Geleit – wieder von Dannen ziehen.
Erneut dauert es drei Tage, bis der junge Jäger mit der Tempelpriesterin an den Ort zurückkehrt, von dem aus er aufgebrochen war, um das Schicksal von Uruk unter König Gilgamesh entsprechend dem Willen der Götter zu wandeln.
Zwei Tage verstecken sie sich dann in der Nähe der Tränke, bis ihnen endlich der Wildmann erscheint. 
Da fordert der junge Jäger die Tempeldirne nun auf, ihres Amtes zu walten.
Schon tritt sie aus ihrem Versteck hervor, entblößt ihre Brust und setzt dazu an den Wildmann nach allen Regeln der Kunst zu verführen. 
Und das gelingt ihr auch bravourös.
Im Moment da sich Enkidu ihr hingibt, belegt sie ihn mit einem Liebesbann, der ihn sechs Tage und sieben Nächte lang hoffnungslos wolllüstig an sie fesselt. Als er danach wieder in sein altes Leben an der Seite des Wildes zurückkehren will, muss er allerdings feststellen, dass er diesem fremd geworden war. Es vertraut ihm nicht mehr sondern flieht. Da erlebt Enkido zum ersten Mal, welch tiefschürfende Folgen sein Handeln für sein bisheriges Leben hatte. Traurig, zutiefst getroffen und verletzt, kehrt er also zu seiner Verführerin zurück.
Da erst beginnt seine Ausbildung zum Menschen.
Die Tempeldirne lehrt ihn, was es bedeutet unter Menschen als Mensch zu leben, wäscht und kleidet ihn ein. Mit Hilfe der Jäger bringt sie ihm bei, wie man richtig speist, also auch Fleisch zu sich nimmt und Rauschtrank genießt. Sie lehrt ihn die Weisheit der Götter, menschliche Moral und klärt ihn auf über gesellschafliche Pflichten und Rechte. Schlussendlich erzählt sie ihm dann auch vom Leid der Bürger in Uruk, von deren Jammer und Unterdrückung, der sie alle unter Gilgamesh's Herrschaft hilflos ausgeliefert sind, so sich ihm Niemand in den Weg zu stellen wagt, da es auch Niemand, noch nicht mal der größte und stärkste Kämpfer des Heeres, mit Gilgamesh's göttlicher Naturgewalt aufnehmen könne.

Schockiert von solch Ungerechtigkeit, doch noch viel mehr darüber entsetzt, dass der König sich auch noch das alleinige Recht herausnimmt mit jeder junfräulichen Braut, die erste Nacht zu verbringen, beschließt er die Tempeldirne in die Stadt Uruk zu begleiten, um diesen Herrscher zum Zweikampf zu fordern.

****

Indessen leidet Gilgamesh in der Stadt Uruk schon an Alpträumen. Er zumindest empfindet sie als solche.
Gleich nach seinem ersten Traum sucht er besorgt seine traumkundige Mutter Ninßun auf.
Er erzählt ihr, wie er sich selbst von stolzgeschwellter Brust mit seinen Mannen scherzend voran schreiten sah, als sich plötzlich die Sterne des Himmels um ihn herum sammelten und das Werk Anu's auf ihn herab stürzte (gemeint ist hier vermutlich ein Meteorstein der Gilgamesh in seinem Traum niederstreckt). 
Weiter beschreibt er, wie er versucht hätte den "Stein" von sich fort zu heben, der ihm jedoch zu schwer war. Dann hätte er versucht ihn eben nur zu bewegen, um sich zu befreien, doch auch dies misslang. Daraufhin hätte sich plötzlich das ganze Land um den "Meteorstein" versammelt. Letzterem küssten seine Mannen sogar die Füße. Da hätte er sich endlich mit aller Kraft dagegen gestemmt und die Männer ihm doch noch geholfen. Danach hätte er den "Stein" hochgehoben und zu ihr (also Ninßun) gebracht. 

Ninßun beruhig Gilgamesh, deutet seinen Traum als ein Zeichen dafür, dass "der in der Steppe Geborene" ihm ein guter Freund werden würde, der ihm, Gilgamesh, noch viel Freude bereiten wird (das kann man jetzt natürlich deuten wie immer es einem beliebt). Das seine Männer die "Füße" des Meteorenstein's küssten, erklärt Ninßun ihrem Sohn als Symbol dafür, dass er den Wildmann zuerst umarmen und dann zu ihr führen würde. Denn dieser "Stein" sei Enkidu, der ihm ein treuer Freund werden würde, um ihm aus der Not zu helfen. Sie sagt, er sei der stärkste Mann im Land, gewaltig an Kraft, gleich der "Feste" des Anu.
Zitat: "Wie über einem Weib hast du über ihm geraunt ...", (Quelle; Reclam "Das Gilgamesh Epos", deutschsprachige Ausgabe von 1978). "... er aber wird dich immer wieder erretten".

Diese Worte beruhigen Gilgamesh tatsächlich, also legt er sich wieder schlafen. Doch da folgt auch schon der nächste beängstigende Traum. Und wieder sucht Gilgamesh seine Mutter Ninßun auf.
Diesmal erzählt er ihr von einer unheimlich aussehenden Axt, die er auf einer Straße hatte liegen sehen. Auch hier hatte sich das Volk drumherum versammelt. Doch dann war er plötzlich froh sie gefunden zu haben und raunte über ihr wie über einem Weib. Danach hätte er diese an sich genommen und an seine Seite angelegt.

Wieder beruhigt Ninßun ihren Sohn. Sie erklärt ihm, dass es sich bei dieser Axt um einen Mann handle, den er sehr lieb gewinnen würde. Um Enkidu, wieder. Dafür aber verschweigt sie ihm zugleich, dass er sich bis dahin zuerst mal einem für Gilgamesh völlig ungewohnt schwerem Kampf stellen muss.

Da nun entspannt sich Gilgamesh endgültig, verspricht Ninßun diesen Freund ihr gleichzustellen und dann mit ihm zu ihr zu kommen. 
Weiters sagt er noch zu seiner Mutter: "Auf Befehl des großen Beraters Enlil, möge er eintreffen. Einen Freund möchte ich gewinnen, einen Berater. Und du deutest mir die Träume von ihm!"

*erste Tafel-Ende*


Zuletzt von Evelucas am Fr 15 Sep 2017 - 12:29 bearbeitet; insgesamt 5-mal bearbeitet

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Tafel zwei

Beitrag von Evelucas am So 27 Nov 2016 - 23:34

Das Gilgamesh Epos – 2. Tafel

Wieder zurück bei Enkidu, hat ihm die hohe Tempeldirne inzwischen alles Tierhaar vom Körper gewaschen und als Mensch gekleidet. Nach Speis und Trank, insbesondere Rauschtrank, ist Enkidu's Wesen gelöst und entspannt. Sie genießen nochmals eine leidenschaftliche Liebesnacht. Damit nun ist Enkidu's Verwandlung vom Tiermann zum Menschen abgeschlossen. Doch auch der Liebesbann der Tempelpriesterin hiermit aufgehoben. Dennoch bleiben sie noch zusammen, wie Mann und Frau. Tage und Wochen vergehen. Enkidu wurde inzwischen auch von den Hirten entdeckt und sogleich zum Wächter über ihr Vieh ernannt. Geradezu jede Nacht erschlägt Enkidu nun die Wölfe und Löwen, die das Vieh bedrohen und lässt auch die Jäger wieder ihren Jagdpflichten nachkommen.
Eines Morgens dann ist es plötzlich vorbei mit der einträchtigen Ruhe im Wald und der Steppe. Denn während Enkidu und die Tempeldirne, wiedereinmal in der Nähe der Tränke, sich weiteren Liebesakten hingeben, kommt plötzlich ein Bote aus der Stadt Uruk angerannt. Zuerst reagiert Enkidu noch ärgerlich und will einfach nur dass der Laufbursche wieder verschwindet.
Stattdessen nimmt sich aber nun die Tempeldirne dessen Anliegen an und da erfährt Enkidu, dass seine Zeit, sich Gilgamesh nun endlich entgegenzustellen, vollends gekommen war.
Gar aufgeregt berichtet ihm der Bote aus der Stadt, dass schon alles für eine große Hochzeit vorbereitet worden war. Festspeisen seien bereits in Vorbereitung für das Hochzeitshaus. Es sei jedoch Gilgamesh, der nun die erste Nacht mit dieser jungfräulichen Braut verbringen würde, während dem Manne nur eine Pause vergönnt sei, um das Hochzeitszeremoniell zu begehen. Danach werde dieser von Gilgamesh sogleich wieder zu den anderen Mannen zurückgeschickt, um den Mauerbau erneut aufzunehmen, während der König in dieser Nacht das Lager mit der frischgebackenen Braut dieses Mannes zu teilen bezwecke. Es sei also nun an der Zeit, das Enkidu komme, um das Volk von Uruk endlich von solcherlei Schande zu befreien.
Da erblasst Enkidu vor Wut und macht sich auch sogleich auf, mit dem Boten voran und der Dirne hintennach, um schnellst möglich in die Stadt Uruk zu gelangen.
Einen ganzen Tag lang plus eine Nacht, marschiert er großen und schnellen Schrittes ohne Schlaf durch und gönnt auch seinen Begleitern keine Ruhepause, bis er am Morgen der genannten Hochzeit endlich in die Stadt gelangt.
Vor dem Haus des Brautpaares angekommen, erspäht er sogar mehrere Opfergaben für Gilgamesh, die ihm von den Bürgern offenbar dahingestellt worden waren, um ihn einerseits gnädig zu stimmen und andererseits vielleicht doch auch noch von seinem unmoralischem Vorhaben abzubringen.

Wütend wie ein Stier zerstört Enkidu die heiligen Gaben, die solch ein König doch gar nicht verdient habe. Dann verbarrikatiert er sich breitbeinig vor dem Tor des Hauses, haart dort nochmal einen ganzen Tag und in grollender Geduld dem König mit seiner falschen Braut.
Erst als die Dämmerung hereinbricht taucht Gilgamesh mit der Braut des anderen Mannes und in Begleitung der gesamten Hochzeitsgesellschaft an diesem Tor auf. 
Er sieht das Chaos der ihm erbrachten, nun aber zerstörten Gaben, hört so auch das Getuschel der Bürger von Uruk in seinem Rücken und ist darüber nicht sonderlich erfreut. Als sein Blick gleich dahinter auch Enkidu erspäht, ahnt er jedoch schon, welcher Mann da nun vor ihm steht. Auch erkennt er sofort Enkidu's unbändige Kraft und Entschiedenheit, bewundert seinen geradezu vollkommenen Anblick und erschrickt sogar vor dessen wilden Blick. Doch so wird ihm auch erst  an dieser Stelle bewusst, das Enkidu nun nicht als Freund, sondern noch Feind zu ihm gekommen ist. Und trotzdem Gilgamesh nicht umhin kommt, von Enkidu für solchen Mut, sich ihm hier alleine in den Weg zu stellen, ganz klar beeindruckt zu sein, kann er es dem Mann unmöglich durchgehen lassen, seine Herrschaft als göttlicher König von Uruk, in diesem Ausmaß herabzuwürdigen.
Und so lässt Gilgamesh ab von der unglücklichen Braut, um sich dem Kampf mit Enkidu zu stellen, versucht ihn jedoch zuvor noch mit Schimpf und Tadel davon zu überzeugen, dem König von Uruk aus dem Weg zu gehen. 
Enkidu reagiert darauf, indem er nun seinerseits Gilgamesh für seine Tyrannei dem eigenen Volke gegenüber tadelt, sowie ihn auch dreist für seine Unfähigkeit kritisiert, dem Volk auch ein vorbildlich und weiser, als auch gerechter sowie guter König zu sein. Denn welchen Sinn könne all seine Göttlichkeit schon groß erfüllen, solange es unter seiner Herrschaft keine Gnade gäbe und es ihm ebenso an der menschlichen Fähigkeit zu mehr Mitgefühl ermangele.

Da stürzen sich die Beiden nun wie wilde Stiere aufeinander. Gilgamesh versucht an Enkido vorbei, durch das Tor zu gelangen, doch Enkido erlaubt es nicht. Der König prallt gegen seinen Kontrahenten, der sich ihm wie eine Mauer aus härtestem Stein entgegenstellt und zurückwirft. 
Da packen sich die Beiden und zwingen sich gegenseitig in die Knie, zerschmettern Türpfosten und lassen Wände aus Stein erbeben. Sie rangen und ringen, ihre Beine treten und schlagen, ihre Fäuste schmettern und barsten.
Zutiefst schockiert über die geradezu zerstörerische Wucht dieses Kampfes, dem sich diese zwei vor Kraft strotzenden Männer hingeben, und voller Furcht vor der göttlichen Urgewalt, die offensichtlich beider Männer Natur zu sein schien, flieht die Hochzeitsgesellschaft und zerstreut sich in alle Winde.
Der Kampf der Beiden geht allerdings erbarmungslos weiter, bis spät in die Nacht hinein. 
Neues Publikum versammelt sich in sicherem Abstand, um in großes Staunen versetzt dem Kampf beizuwohnen. Zuerst kommen die Wachen vor dem Tor herbeigeeilt, es folgten die arbeitenden Männer von der Mauer, die seit Wochen nicht mehr die Stadt hatten betreten dürfen, nun aber die Gelegenheit nutzen, um durch die inzwischen nicht mehr bewachten Tore zu strömen.
Bauern, Soldaten, Müller, Schreiner, Schmiede und all die anderen, die seit Beginn des Mauerbaus, auf Befehl des Königs, ihren eigenen Aufgaben nicht länger hatten nachkommen können. 
Sie alle rühren keinen Finger um Gilgamesh in diesem Kampf beizustehen, stattdessen toben sie zu Gunsten Enkidu.
Erst da erkennt Gilgamesh, dass sein eigenes Volk, seine Wachen, Arbeiter, die Bauern, ja sogar die meisten Hohepriester, nicht ihm, sondern dem wilden Naturmann zu Ehren herbeigeeilt sind, in der Hoffnung dieser könne sie aus Gilgamesh's Tyrannei erretten.
Gilgamesh muss an seinen ersten Traum denken, indem all seine Männer dem Sternenstein die Füße küssen, anstatt ihm die Königsehre zu erweisen.
Das verletzt Gilgamesh so sehr, dass er in wilden Zorn gerät. Endlich gewinnt er für einen Moment wieder Überhand in diesem Kampf, doch die Männer der Stadt verstummten erneut. Keiner von ihnen ist geneigt, den eigenen König anzuspornen. Schon droht Gilgamesh ihnen allen mit dem Tode ihrer Königsuntreue wegen. Gilgamesh hat seine Lektion also noch immer nicht gelernt.
Wieder wendet sich das Blatt somit gegen ihn.
Enkidu gewinnt erneut die Führung in diesem Kampf und wird wieder von allen Männern angespornt.
So geht das noch die ganze Nacht und sogar den gesamten nächsten Tag dahin. 
Keiner der Beiden jedoch besiegt den Anderen.
Gilgamesh erkennt in seiner unbändigen Not und Erschöpfung dafür langsam, wie wenig ihm seine Kraft, seine göttliche Abstammung und sein Königtum von Nutzen ist, ohne Volk, das hinter ihm stehen sollte. Endlich begreift er, wie vergänglich und zerbrechlich seine Macht und Stärke als König ist, solange ihn sein eigenes Volk, seiner Gnadenlosigkeit wegen fürchtet und hasst, deswegen aber auch zugleich niemals zu schätzen verstehen wird. Es sei denn ihm gelänge auch, deren Vertrauen zu gewinnen, was allerdings niemals durch Gewalt gewonnen werden könne.
Der Kampf bleibt indessen weiterhin ohne Sieger, bis auch die nächste Nacht hereingebrochen ist. 
Inzwischen drohen Beide der Muse der Erschöpfung zu erliegen. Da endlich ist des Königs Zorn verraucht.
Er beschließt diesen Kampf zu beenden, selbst wenn er sich dafür nun freiwillig zum Verlierer küren müsse.
Und so sinkt er vor Enkidu in die Knie.
Eine Geste, die nun auch sein Volk, zum allerersten Mal, als eines Königs wahrhaft würdig anerkennt.
Gilgamesh bittet seinen Kontrahenten, das Kriegsbeil zu begraben und ihm, dem König von Uruk, seine Forderungen darzulegen.
Weiters erklärt sich Gilgamesh sogar bereit, Enkidu seiner Mutter Ninßun, als königlichen Berater gleichzustellen, um mit der Hilfe seiner Weisheit einen neuen Weg zu schaffen, seine königliche Herrschaft für die Zukunft und auch zum Wohle des eigenen Volkes gerechter zu gestalten. Als Freunde, als Brüder, als Partner.

So kam es dann auch.
Doch die Liste der Forderungen von Enkidu war lang.
Zu allererst forderte er Gilgamesh auf, vor versammeltem Volke und der Priesterschaft, auf sein königliches Recht der ersten Nacht, mit jeder jungfräulichen Braut zu verzichten.
Als nächstes verlangte er Schichtdienste für die Arbeiter an der Mauer einzuführen. Denn jeder Mann der Stadt, sollte immer auch ein Anrecht darauf haben, seinem eigenen Geschäfte nachgehen zu dürfen. Auch mehr Ruhezeiten für die Arbeiter galt es einzuführen, damit die fleißigen Männer ihren familiären Pflichten wieder nachkommen konnten, insbesondere dem Zeugen von Söhnen und Töchtern. 
Die Tore der Stadt sollten ebenfalls wieder geöffnet werden, um den Handel wieder anzukurbeln. Ein besonders breiter und tiefer Kanal, sollte ausserdem um die ganze Stadt herum angelegt werden. Einerseits um damit wieder die brach liegenden Felder  bewirtschaften zu können, und andererseits auch Uruk's Feinde vor etwaigen Angriffen abzuschrecken, solange die zum Schutze der Stadt gedachte neue Mauer noch nicht fertiggestellt ist.
Die unverschämteste Forderung Enkidu's war aber Jene, dass auch der König höchstselbst am Bau der Mauer beteiligt sein sollte. Schon deshalb, da er dank seiner übernatürlich göttlichen Kraft, die Arbeit von mindestens fünfzig seiner stärksten Männer ersetzen könne, um den Mauerbau voranzutreiben. Und auch Enkidu selbst verspricht an des Königs Seite daran mitzuwirken, so nur seine Kraft, auch der des Gilgamesh ebenbürtig sei.
Da küssten sich die Beiden und schlossen Freundschaft.
So beschwerlich es Gilgamesh auch schien, sich all diesen Forderungen, als König von Uruk würdig zu erweisen, beginnt er sich dennoch mit seinen engsten Vertrauten, so wie mit der Priesterschaft darüber zu beraten und auszutauschen. Von diesem Tage an auch immer dabei, Enkidu.
Auch der Mutter Ninßun wurde Enkidu schließlich vorgestellt, die Anfangs zwar sehr über Enkidu's wilden Anblick erschrak, allerdings schnell den weisen Einfluss des wilden Mannes, auf ihren jähzornigen und oft von Gewalt getriebenen Sohn erkannte.
Es entwickelte sich eine enge und sehr innige Freundschaft, somit auch zwischen diesen Beiden.
Bald kam es, dass nun nicht mehr Gilgamesh allein herrschte, sondern sich die Herrschaft von Uruk mit Enkidu, gleich einem königlichen Paar, sogar teilte.
Unter Anleitung dieser zwei innigen, mächtigen Freunde, erblühte Uruk dafür zu neuem Leben.

Eine Zeit des Aufschwunges, regen Handels, so wie der Bau- und Ingeneurs-Kunst aus Uruk, leitete zu jener Zeit für ganz Sumer, tatsächlich eine neue Ära der menschlichen Entwicklungskultur und Zivilisationsgeschichte ein. Damit einher gingen auch vielerlei Friedensbündnisse mit anderen, bis dahin verfeindeten Stadtstaaten Mesopotamien's, wie heute auch vielerlei archäologische Belege zeigen.

Genau genommen leitete die Gilgamesh Ära ( um ca. 2600 vor Christ die Geburt, also noch lange vor unserer Zeitrechnung), schon im heutigen Irak die Epoche, beziehungsweise den Beginn der Antike ein. Hier also wurde der Grundstein für alles gelegt, was dann erst Jahrhunderte später, im Kern auch unsere heute europäische Kultur und Gesellschaft noch ausmacht.

Als der Mauerbau auf diese Weise – auch aufgrund von noch vielerlei Arbeitern aus anderen, nun mit Uruk befriedeten Stadtstaaten – äusserst erfolgreich voran getrieben werden konnte, erkennen die Bauingenieure jedoch bald ein neues Problem.
Inzwischen hatte die Mauer eine Höhe und Ausbreitung erlangt, die nicht mehr allein aufgrund der Kraft, der übereinander geschichteten und selbst gebrannten Lehmsteine aufrechterhalten werden konnte. Zuerst wurden dadurch noch mehr Wachtürme zu den Bauplänen hinzugefügt, um dieser zusätzliche Stabilität zu geben. Dazu allerdings benötigten die Baumeister auch mehr Stützbalken, Pfosten und Säulen, um das gewaltige Bauwerk einsturzsicherer zu machen. Das dafür geeignetste, als auch bekannteste Material war Zedernholz. Dieses konnte aber nur aus dem Zedernwald herbeigeschafft werden, der sich in einer weit entlegenen Region von Uruk's Grenzgebiet befand und von einem abgrundtief bösen und verhassten Monster namens Chumbaba bewacht wurde.

Laut einer älteren Version des Epos' befand sich dieser Wald zehntausend Doppelstunden (Sin-leqe-uninnini machte daraus allerdings viel weniger Doppelstunden) von Uruk entfernt. Das dumme daran, nie hatte je ein Mann, weder der Stärkste noch Schwächste unter ihnen, einen Kampf um Chumbabas Wohnsitz überlebt.

Im Epos wird Chumbaba wie folgt beschrieben:
"... sein Brüllen ist Sintflut, Feuer sein Rachen, sein Hauch ist der Tod.
 ... Stark ist er und schlummert nimmer. Adad (die Wettergottheit der Sumerer) ist mit ihm".

In neueren Versionen ist dann auch noch von:
Feuersbrunst und sintflutartigen Gewitterstürmen, wie sie kaum ein Mensch überleben könne, die Rede.

Enlil (also jene Gottheit die sich einst für die Sintflut verantwortlich zeichnete und seit jeher mit Inanna Ishta in einer Art Liebes- und Verführungsbündnis stand), hat Chumbaba angeblich zum Schrecknis für die Menschen bestimmt, um den Zedernwald vor ihnen zu schützen.
Wer in diesen Wald vom Berge hinabsteigt, den packt als erstes die Lähmung. (vermutlich aus Angst)

Aus diesem Grund raten also sowohl die Priester, wie auch Enkidu, Gilgamesh davon ab, Mann um Mann ins Verderben zu schicken.
Da entschied Gilgamesh, es nur mit einer Axt als Helfer, alleine mit dem Monster des Zedernwaldes aufzunehmen. Das wiederum konnte Enkidu nicht zulassen, denn es war auch seine Pflicht, als des Königs engster Vertrauter und liebender Freund, ihn vor Unglück zu bewahren.
Doch Enkidu war trotzdem nicht wohl dabei. Er kannte die Wälder noch aus seiner Zeit als Wildmann, erinnerte sich noch mit Schrecken daran, wie selbst das Wild stehts einen großen Bogen um diesen Wald machte. So auch an das Grauen des brüllenden Monsters, an den lähmenden Schrecken, den dieses Gebrüll schon mal über ihn brachte, so wie an die siedende Hitze, die wie ein Schutzwall den Zedernwald umgab. Und an diesen Hauch des Todes, der ihn einst beinahe selbst erstickt hätte.
Und doch, um Gilgamesh vor diesem oder noch schlimmeren Schrecken zu bewahren, wollte er mit ihm ziehen.
Als dann auch noch alle weiteren Einwände der Priester, die nicht nochmal Enlil's Zorn über die Menschen heraufzubeschwören wünschten, von Gilgamesh in den Wind geschlagen wurden, machte sich das aussergewöhnliche Herrscherpaar auf den Weg zu den Waffenschmieden.
Äxte und Schwerter, Knäufe mit Griffen sowie Bogen und Köcher ließen sie anfertigen.
Zugleich kündigte Gilgamesh selbstsicher an, zum Neujahrsfest (dieses fand bei den Sumerern zu Frühlingsanfang statt) mit einer Zeder im Gepäck, wieder hierher zurückzukehren.

*zweite Tafel Ende*


Zuletzt von Evelucas am Fr 15 Sep 2017 - 12:56 bearbeitet; insgesamt 8-mal bearbeitet

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Tafel drei

Beitrag von Evelucas am So 5 März 2017 - 14:01

Das Gilgamesh Epos, 3. Tafel

Bevor die Beiden aufbrachen, ließen sie sich noch von den Ältesten segnen. Diese ermahnten Gilgamesh dazu seiner Kraft nicht zu trauen, nur da seine Augen erleuchtet seien. Er solle sich daher besser vor unnötigem Risiko hüten.
Enkidu aber kenne den Weg, weiß von den Tücken und  Zugängen zum Zedernwald. Er solle daher voran gehen, um seinen Freund zu schützen.
Gilgamesh's Wunsch, lebend und mit einer Zeder im Gepäck zurückzukehren, würden die Ältesten an Schamasch in ihren Gebeten stetig weitergeben und auch Lugalbanda (Gilgamesh's persönlicher Schutzgott), möge ihm beistehen. Im Flusse Chumbabas solle er seine Füße waschen, stet's darauf achten das sein Schlauch genug reines Wasser habe. Einen Teil davon solle er Schamasch als Opfergabe darreichen und dabei auch immer Lugalbanda gedenken.
Und Enkidu möge den Freund vor Dummheit, Überstürzung oder Hochmut bewahren, so wie es seine Pflicht sei.
So übergaben die Ältesten Gilgamesh rituell in Enkidu's Obhut, auf das er ihn ihnen lebend wiederbringe.

Im Anschluss machten sich die Beiden Hand in Hand noch auf um sich zusätzlich von Ninßun, der königlichen Mutter segnen zu lassen. Sie berichteten ihr von dem gefährlichen Vorhaben, den bösen Recken Chumbaba zu erschlagen, um damit auch jegliches Böse, was Schamasch ebenso verhasst sei wie ihnen, zu tilgen und Frieden dem Land zu bringen. Auch von den noch unbekannten Pfaden, die Gilgamesh nun zu begehen hätte, um sich diesem Kampf zu stellen, ohne zu wissen, welcher Art dieser sein möge.
Ninßun sprach natürlich auch ihren Segen über die Beiden aus, war jedoch zutiefst bekümmert. 
Bevor sie sie allerdings ziehen ließ, bereitete sie auch noch ein aussergewöhnliches Ritual für Enkidu vor.
Das sogenannte "Ankindungsritual".
Laugenkraut nahm sie ein und legte ein rituelles Gewand, samt kostbarem Tempelschmuck, Gürtel und Königsmütze an.
Wasser aus Schalen sprengte sie auf die Erde und Staub, ehe sie mit Enkidu und Gilgamesh hinter sich, die Treppen zum Söller erklomm, dessen Dach erreichte und Schamasch ein Weihrauchopfer erbrachte.
Schließlich sprach sie mit erhobenen Armen geradezu vorwurfsvoll zu Schamasch, dass er ihr einen im Herzen so ruhelosen Sohn geschenkt habe und berichtete dem Sonnengott von diesem gefährlichen Vorhaben, nur um für ihn, das Böse aus dem Lande zu tilgen.
Sie forderte Schamasch auf, am Tage Gilgamesh's Weg zu schauen, also über ihn zu wachen. Und verlangte insbesondere von Sin (dem Mondgott), allen Wächtern der Nacht anzubefehlen, ihren Sohn zu beschützen.
Das tat sie wohl auch noch in Hinblick auf viele andere Wächter und Götter, zum Schutze ihres Sohnes. 

Leider klafft an dieser Stelle des Epos' eine lange Lücke von mindestens 92 Versen, was es schwer macht genaueres darüber zu berichten.
 
Dann allerdings formulierte sie auch ihre letzte und wichtigste Forderung an Schamasch, in einer Beschwörung. Dabei handelte es sich nun um eine Art "Adoptionskundgabe". 
Dafür häufte sie Weihrauch um sich, rief dann Enkidu an ihre Seite und sagte zu ihm.

Zitat aus dem Epos: "Enkidu, starker, nicht meinem Schoß entsprossest du. Nun aber sprach ich zu dir mit den Tempeloblaten des Gilgamesh. (eine Tempeldienerklasse, deren Angehörige von den Eltern der Gottheit geweiht wurden.) Den Gottesbräuten, Geweihten und Tempeldienerinnen."
Dann legte sie ihm ein geweihtes Kleinod um den Hals und formulierte weiter: "Die Gottesbräute nahmen dich auf und die Gottestöchter mögen dich nun auferziehen, als Schmamash's Sohn." 

Leider fehlen auch hier wieder viele Verse, die dieses Ritual bis zum Ende beschreiben. Es gibt allerdings Hinweise auf anderen Keilschrifttafeln, die mehr den Alltag innerhalb der sumerischen Gesellschaft beschreiben. Darunter auch etwaige Taufrituale, die in Verbindung mit diesem "Ankindungsritual" auch bei Waisenkindern vorgenommen wurden. Dieses Taufritual folgte nahezu demselben Zeremoniell, wie auch wir es heute aus der Kirche kennen, wenn unsere eigenen Kinder getauft werden. Nur eben etwas heidnischer angelegt und daher mehreren Göttern zu Gunsten vollzogen. Daher liegt die Vermutung nahe, dass dies auch hier, in Verbindung mit Enkidu so beschrieben worden war.

Diese dritte und eben leider unvollständige Tafel des Epos (wie es noch mehrere geben wird) endet vermutlich mit dem Aufbruch zum Zedernwald der Beiden, die wohl wie bei einer Prozession und in Begleitung aller Priester der Stadt, der Mutter Ninßun, den Heeresmannen und der gesamten Bürgerschicht, bis zum Tor begleitet werden. Schon da heraus erkennt man, welchem, aus Sicht der sumerischen Gesellschaft in Uruk, großem und gefährlichem Abenteuer sich dieses aussergewöhnliche Königspaar da zu stellen entschlossen hat.

*dritte Tafel Ende* 


Zuletzt von Evelucas am Fr 15 Sep 2017 - 12:54 bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet

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Tafel vier

Beitrag von Evelucas am Do 14 Sep 2017 - 18:36

Das Gilgamesh Epos, 4. Tafel

Das fehlende Ende der dritten Tafel beschreibt vermutlich auch den ersten Teil der Wanderung, ehe die beiden den Fuß des Zedernberges erreichen. Ab der vierten Tafel sind die Beiden bereits im Aufstieg begriffen. Eine Besteigung die mehrere Tage in Anspruch nimmt.
Wie viele genau lässt sich nicht so ganz aus den erhaltenen Bruchstücken nachvollziehen. Beschrieben werden zwanzig Doppelstunden, ehe sie einen Imbiss zu sich nehmen. Weitere dreißig Doppelstunden später begeben sie sich zur Abendrast (die Doppelstunde ist am ehesten ein Wegmaß von c.a. 10,8 Kilometer).
Ab hier beginnen auch Gilgamesh's Träume. Vom ersten Traum, bis hin zu diesem Zeitpunkt, als er Enkidu bereits davon erzählt hat, klafft leider wieder eine Lücke im Epos. Erst bei Enkidu's Deutung dieses Traumes setzt der Text dann wieder ein.

Enkidu erklärt Gilgamesh (Zitat, aus der Fassung Reclam, 1978): "Der Gott, mein Freund den du sahst und zu dem wir hinziehen ist nicht der Wildstier! Fremdartig ist alles an ihm. Den Wildstier den du sahst ist Schamasch, der Beschützer! In der Not wird er unsere Hand ergreifen. Und der mit Wasser dich tränkte, ist dein Gott Lugalbanda (Gilgemesh's persönlicher Schutzgott), der dir Ehre erweist.
Auf diese Weise beruhigt Enkidu Gilgamesh, der inzwischen jede Nacht über seinen schlafenden Gefährten wachte. Dieser Traum allerdings, war nur der Erste aus einer Reihe von Träumen, die Gilgamesh bald Nacht für Nacht heimsuchten und ängstigten, je näher sie dem Zedernwald kamen.
Bei Tagesanbruch zogen sie weiter.
Wieder werden zwanzig Doppelstunden beschrieben, ehe sie erneut einen Imbiss zu sich nehmen und danach erneut dreißig Doppelstunden, bevor sie sich zur Abendruhe begaben.
Es folgt der zweite schlafraubende Traum von Gilgamesh. Und auch diesen erzählt er Enkidu.
Diesmal hatte er sich und Enkidu auf der Spitze eines Berges stehen sehen, als dieser plötzlich einstürzte.
Wieder beruhigt Enkidu ihn mit seiner Traumdeutung und erklärt Gilgamesh: "Mein Freund, der Berg den du sahst, dass war der Zedernberg und sein Einsturz verheißt nichts anderes, als dass wir Chumbaba besiegen werden. Wir werden ihn ergreifen und töten. Und seine Leiche aufs Feld werfen!"
Die nächsten zwanzig und dann wieder dreißig Doppelstunden folgen.
Mit Blick auf die untergehende Sonne gruben die Beiden einen Brunnen. Und da Gilgamesh, dank Enkidu's Traumdeutung nun doch eher auf ein weiteres positives Omen in Form eines weiteren Traumes hoffte, bat er den Berg nun sogar darum, während Enkidu derweil das Lager für die Nachtruhe vorbereitete.
Dann erbringt Gilgamesh sogar noch ein Mehlopfer für die ihn schützenden und über ihn wachenden Götter.

Die hier erneut auftretende, längere Textlücke beschreibt zwei weitere Träume von Gilgamesh und dessen Deutung, von denen nur wenige Reste erhalten geblieben sind. Das ist insofern schade, da inzwischen so manche Geschichtsforscher, aufgrund des Aufbaues dieses Epos' sogar vermuten, dass diese Träume mehr Rückschlüsse auf die Herkunft weiterer biblischer Textpassagen über Moses zugelassen hätten. Manche Forscher äusserten auch schon den Verdacht, dass viele dieser Textlücken sogar willkürlich hergestellt worden waren. Insbesondere nachdem dieses Epos, älter als die Bibel, aufgrund seiner noch folgenden und sehr detaillierten Beschreibung der Sintflut, die kirchlich religiöse Lehre des Christentums und Judentums, im neunzehnten Jahrhundert ziemlich erschütterte. Denn bis zum Fund dieses Zwölf-Tafel-Epos', galt die Tora ( die ersten fünf Bücher Moses und somit auch Teil des alten Testament's), noch als einzig wahres Wort Gottes. Danach selbstverständlich nicht mehr.
Doch wie auch immer, zumindest ließen auch diese Textreste darauf schließen, dass die letzten beiden Traumdeutungen von Enkidu ebenfalls positiver Natur waren.

Die üblichen Doppelstunden folgen erneut, ehe sich die Beiden wieder zur Nachtruhe begaben.
Auch die Bitte um einen weiteren Traum und das Mehlopfer tauchen hier wieder auf.
Gilgamesh legte sich Schlafen, seinen Kopf gebettet in Enkidu's Schoß.
In dieser Nacht allerdings schreckt er wesentlich früher als sonst hoch. 
Kalkweiß im Gesicht, noch gelähmt vor Angst und voller Schrecken, erzählt er seinem Freund erneut von einem fürchterlichen Traum.
"Mein Freund, den Traum den ich sah, dieses Mal ist er wirklich schrecklich. Der Himmel schrie in ihm und die Erde brüllte. Ein schreckliches Unwetter kam über uns und kalte Finsternis ging daraus hervor. Ein Blitz flammte auf und Feuer schlug aus dem Berg empor. Doch die Wolken verdichteten sich noch und dann regnete es Tod. Schließlich schwand auch noch die letzte Helligkeit, als das Feuer wieder erlosch. Als Glut fiel es nieder bis nur noch Asche davon blieb."
Dieses Mal gab es auch von Enkidu plötzlich keine positive Traumdeutung mehr, denn auch ihn ließ dieser Traum jetzt erschaudern.
Wie vor dem Aufbruch aus Uruk  in dieses Abenteuer, erinnerte sich Enkidu auch jetzt wieder daran, wie es ihm einst erging, als er schon mal diesem Berg und seinem magischen Zaun rund um den Zedernwald – der von einer Art Zauberpforte verschlossen gehalten wurde – zu nahe gekommen war.
So auch an Chumbabas Schreckensgebrüll gleich einer Sintflut, an seinen Rachen aus Feuer und seinem Hauch voller Tod. Daraus nun schloss Enkidu, das sie bereits sehr nahe der Pforte zum Zedernwald waren und Chumbaba ihre Anwesenheit bereits entdeckt habe, weswegen er höchstselbst Gilgamesh im Traum erschienen sein müsse, um sie Beide nun herauszufordern.
Dies nun erschreckt Gilgamesh noch mehr, als seine Träume. So sehr, dass er daher sogar mit dem Gedanken spielt besser aufzugeben.
"Mein Freund, lass uns besser wieder hinabsteigen und am Felde uns neu beraten."

Der nun folgende Teil aus dem Epos ist sehr stark zerstört. Man glaubt aus den Fragmenten trotzdem folgendes zu erkennen:
Enkidu überredete Gilgamesh, sich nicht schon jetzt und dann auch noch so derart kampflos dem Monster zu ergeben. Er erinnert ihn an die anderen Träume, die  dennoch positiver Natur waren und einen Sieg voraussahen. Vermutlich erwähnt Enkidu auch, dass Chumbaba's böses Wesen ausserdem von derselben manipulativen Natur sei, wie sich auch schon Enlil einst zeigte, als er die anderen Götter einst manipulierte, ehe er die Sintflut über das menschliche Geschlecht brachte. Es könne sein, dass Chumbaba, nachdem er sie Beide schon nahe seines Zedernwaldes entdeckt hatte, Gilgamesh daher beabsichtigt eine solch schreckliche Traumversion sandte, um ihn abzuschrecken. Dieser Traum könnte also eine reine Willensprobe an Gilgamesh sein, um seinen Willen zu brechen. Zugleich sei dass aber dann auch ein Zeichen dafür, wie sehr sich selbst Chumbaba vor ihnen fürchtete. Warum sonst sollte er, der sich normalerweise für unbesiegbar hielt, es überhaupt nötig haben, sie Beide noch vor dem Kampf abschrecken zu wollen.
Und so überzeugt Enkidu Gilgamesh schlussendlich davon, nicht aufzugeben, sondern viel mehr das Gegenteil davon zu tun und stattdessen erst recht bis zum Gipfel des Berges, auf dem der Zedernwald steht, vorzudringen.
Wieder von neuem Mut erfüllt, befolgt Gilgamesh diesen Rat.
Gemeinsam erklommen die Beiden also den Gipfel des Berges und landen kurz darauf tatsächlich direkt vor der Zauberpforte zum Zedernwald. Dort werden sie aber zuerst von Chumbabas Wächter empfangen, der sich ihnen mit sieben Zaubermäntel bekleidet entgegenstellt (gemeint ist damit wohl, dass dieser Wächter sie mit sieben furchteinflößenden Zaubern in die Flucht zu schlagen versucht). Doch es gelingt den Beiden den Wächter zu überwältigen.
Als Enkidu kurz darauf jedoch staunend die strahlende Zauberpforte berührt, befällt nun plötzlich ihn eine geheimnisvolle Schwäche.

Ab hier setzt der Text nun wieder vollständiger ein:
"Mein Freund, lass uns nicht in den Wald eintreten! ... meine Hände sind plötzlich wie gelähmt."
Da ist es nun an Gilgamesh – ermutigt durch den Sieg über Chumbabas Wächter – Enkidu wieder vom Gegenteil zu überzeugen.
"Mein Freund, handle doch nicht so kurz vor dem Ziel derart schwach. Lass dich nicht forttreiben von Chumbabas faulem Zauber. Nicht solange du des Kampfes kundig bist. Vergiss den Tod! Geh furchtlos mit mir gemeinsam voran. Dann wird auch die damit einhergehende Schwäche wieder von dir fallen und die Lähmung deiner Hände sogleich verschwinden. Glaube an dich, an mich und vertraue auf die Hilfe all jener Götter, die uns stet's wohl gesonnen waren und noch sind. Deshalb lass uns jetzt eintreten und zusammen gegen Chumbaba's Übel kämpfen. Denn so, trieb dich doch auch dein eigenes Herz an, sich diesem Kampfe zu stellen."
Und kaum da Gilgamesh diese Worte gesprochen hatte, aktivierten sich damit auch seine göttlichen Anteile und Kräfte in ihm selbst.
Die Pforte zum Zedernwald öffnete sich, sie traten ein und plötzlich stand auch die Zeit still.

– vierte Tafel Ende – 


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