Ein neues Menschlein

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Ein neues Menschlein

Beitrag von Freigeist am Mo 5 Sep 2016 - 22:29

05.09.2016 -- 22:26:03
Ein neues Menschlein

Das Rennen
Der Startschuss fällt. Das Wettschwimmen beginnt. 70385421 Spermien schwimmen um ihr Leben. Jedes möchte das Erste sein. Denn nur den Schnellsten und Stärksten erwartet ein langes, schönes Leben. Niemand weiß, warum, aber sie wissen es einfach. Eines scheint einen besonders starken Lebenswillen zu haben. Es mobilisiert all seine Kraft, um an der Spitze mithalten zu können. Doch in diesem besonderen Rennen entscheidet nicht nur Kraft und Geschwindigkeit, sondern vor allem Ausdauer. Ziemlich schnell müssen sich die meisten Mitstreiter geschlagen geben. Knapp vor dem Ziel sind nur wenige übrig. Das Eine, welches ganz besonders aufgefallen ist, scheint der Favorit zu sein. Vor den Finalisten ist nun das heiß ersehnte neue Heim. Es hat keine Tür. Sie müssen also durch die Wand. Nur eines darf hinein. Die letzten Spermien kämpfen verbissen um den Sieg. Das Spermium 70385421 durchbricht als Erstes die Wand. Nach vier Wochen Probe wohnen hat es den Titel Embryo erhalten. Ab jetzt darf es in dem schönen, gemütlichen Haus bleiben.

Ein feines Plätzchen
Es ist ein komisches Gefühl, so viel Platz nur für sich alleine zu haben. Das neue Leben fängt an, sich ein weiches, angenehmes Plätzchen zu suchen. Nachdem es sich entschieden hat, macht es sich der Embryo bequem. Niemand weiß, dass er da ist. Er selbst hat auch keine Ahnung, wo er hier ist und was er hier soll. Aber er weiß, dass er hier hingehört. Lustig schaut er aus, wie eine Kaulquappe. Doch schon bald bekommt er kleine Knubbel am Körper und der Embryo wächst. Die Zeit vergeht. Die Knubbel haben inzwischen schon eine besondere Form angenommen. Sie haben sich zu Händchen und Füßchen entwickelt. Das kleine Wesen sieht schon wie ein Menschlein aus. Der Embryo ist einsam. Nun ist er schon lange hier und wurde noch immer nicht bemerkt. Das kann doch nicht das schöne, lange Leben sein, das die vielen Spermien einmal angestrebt und erhofft haben. Nichts ist los, außer, dass ab und zu ein heftiges Poltern und starkes Schaukeln zu spüren ist. Was ist denn das? Hier sind überall in den Furchen der Wand kleine Kügelchen. Das kleine Menschlein findet das sehr interessant und versucht sie zu fangen. Die Kügelchen verschwinden aber nach jeder Berührung in der Wand seiner Wohnung. Nach einigen Tagen sind alle weg. Was der Embryo nicht weiß, das waren die Hormone, die der Vermieterin sagen, dass jemand in ihr wohnt. Ihr gefällt das anscheinend nicht besonders gut. Sie ist sehr oft müde und muss sich übergeben. „Bald wird sie wissen, dass es mich gibt“, denkt der Winzling.[/h4]

Entdeckt
Nach weiteren endlosen Tagen wird es hell in der Mietwohnung.
Der Embryo findet das nicht angenehm und ist ein wenig ängstlich.
Er hört, wie eine Stimme sagt: “Schön. Sie bekommen ein Baby, sie werden bald Mutter sein.“
Das Menschlein weiß, dass es entdeckt wurde, und hat erfahren, dass es ein Baby ist. Die Vermieterin heißt Mutter, das weiß es jetzt auch.
Es freut sich darüber und hofft, dass das Leben hier ab jetzt spannender werden wird.
Plötzlich macht sich eine unangenehme Stimmung breit.
Irgendetwas stimmt nicht, das spürt das Menschlein.
„Freut sich denn niemand, dass es mich gibt? Ist sie so sehr überrascht, dass sie Mutter ist?“ fragt es sich.
Es ist kalt geworden in dem sonst so gemütlichen Heim.
„Vielleicht freut sie sich später, wenn sie sich beruhigt hat“ hofft es.
Wieder vergehen viele Tage. Keine schöne Zeit für das Menschlein. Die Mutter freut sich noch immer nicht über ihr Baby. Das fühlt das kleine Wesen. Es hat, außer der Mutter, noch immer niemand erfahren, dass es existiert. An diesem Tag spürt es, dass etwas anders ist. Laute Stimmen, Unruhe und unangenehmen Lärm hört das Menschlein. Es wird laut gestritten und Dinge fallen um.
„Und dass du es weißt, ich bin schwanger von dir, du Mistkerl!“
Die andere Stimme, die viel tiefer ist, als die der Mutter schreit: „Das ist sicher nicht von mir, du Schlampe!“
Dann, ein lautes beängstigendes Geräusch. Die Tür wurde heftig zugeschlagen. Das Menschlein zittert vor Angst. Es ist endgültig kein Geheimnis mehr, dass es das Baby gibt. Es spürt aber, dass sich noch immer niemand darüber freut. Es hofft trotzdem, dass das noch kommen wird.
Schwere Zeiten
Wieder kommt Licht in das Zuhause des Menschleins. Es hat Angst. Jemand drückt auf seinen kleinen Körper.
Kurze Zeit später hört es eine fremde Stimme sagen: “Es ist zu spät. Das Kind ist schon zu groß. Sie hätten viel früher kommen sollen.“
Das Baby fühlt die Wut und Enttäuschung seiner Mutter. Es hat verstanden, dass es keine gute Nachricht für seine Mutter ist. Es fühlt die Unruhe, Verzweiflung und Ablehnung, es weiß aber nicht, warum das so ist.
„Warum freut sie sich nicht, dass ich schon groß bin?“, fragt sich das Menschlein. Es ahnt nicht, dass gerade über sein Schicksal entschieden wurde. Seine Mutter ist an einen unangenehmen Ort gegangen, an dem es unerträglich laut ist. Das Menschlein kennt diesen schrecklichen Ort schon. Viele Stimmen und laute, hämmernde Töne spürt und hört das Menschlein. Es schmeckt, dass die Mutter etwas ekelhaft Scharfes trinkt. Es ist schon oft so gewesen, dass sie hier hingegangen ist. Auch, dass sie ekelhafte Getränke trinkt. Sie raucht auch sehr viel. Dem Menschlein ist dann schwindlig und es fühlt sich sehr krank. Dieses Mal ist es aber noch viel schlimmer. Seine Mutter bleibt sehr lange dort. Ihr Baby ist müde, es hat hunger und es geht ihm schlecht. Sie nimmt jedoch keine Rücksicht auf das zarte Leben in sich.
Endlich, sie geht nach Hause. Sie wankt und kann nicht mehr aufrecht stehen. Sie übergibt sich. Zu Hause angelangt spürt das Menschlein einen heftigen Schlag, seine Mutter ist umgekippt und unsanft in das Bett gefallen. Sie schläft ein. Dem Baby geht es sehr schlecht. Das erste Mal wünscht es sich, dass es das Wettschwimmen damals nicht gewonnen hätte. Es hat sich so sehr auf das angeblich schöne Leben gefreut. Das sollte doch die Belohnung für den Sieg sein. Das Menschlein ist zutiefst traurig und enttäuscht. Es hat verstanden, dass sich seine Mutter noch immer nicht freut, dass sie ein Baby in sich hat.
„Wie ist es, wenn man lieb gehabt wird?“, fragt sich das Menschlein. Das würde es gerne wissen.
Es ist schon einige Tage her, dass das Baby etwas Nahrhaftes bekommen hat. Die Mutter isst nur Sachen, die das Menschlein nicht mag.
[justify]Chips, Burger, Pommes, Tiefkühlpizza, alles was keine Arbeit macht und für das Menschlein nicht gut ist. Deshalb ist ihm auch immer kalt und es ist ständig müde. Im Gegensatz zu früher, als noch niemand ahnte, dass hier ein Menschlein wohnt, will es sich nicht mehr bemerkbar machen. Es ist ganz ruhig und bewegt sich kaum. Obwohl es das gerne tun würde.
Es denkt bei sich: „Wenn ich ganz still und brav bin, vielleicht hat sie mich dann einmal lieb."

Schöne Zeiten
Die Mutter hat sehr lange geschlafen. Es geht auch ihr nicht gut. Sie hat starke Kopfschmerzen und ihr ist wieder übel.
Dem Baby geht es noch viel schlechter. Es spürt, dass die Mutter hunger hat, und freut sich, endlich etwas zu bekommen. Sie öffnet den Kühlschrank, nimmt ein Bier und trinkt es. Dazu raucht sie. Sie sitzt nur da. Sie raucht. Sie ist glücklich und zufrieden, während sie raucht. Für diesen Moment. Dem Menschlein geht es immer schlechter. Stille. Lange Stille. Das Menschlein hört ein Klopfen. Wieder und wieder klopft es. Die Mutter bemerkt es offensichtlich nicht. Die Tür geht auf und es steht eine fremde Frau im Zimmer. Das Menschlein kennt die Stimme nicht. Es hat wieder Angst. Sie versucht, mit der Mutter zu sprechen. Sie reagiert nicht. Sie ist noch immer benommen vom Alkohol und dem "Glücklichrauchen".
„Ihre Ärztin hat mich verständigt, weil sie nie zur Kontrolle gekommen sind.“
Die Mutter will nichts hören und ist sehr unfreundlich zu der netten Frau.
„Kommen sie, wir werden ihnen und ihrem Baby helfen. Im Mutter-Kind Heim sind sie beide gut aufgehoben. Wir sorgen für sie, bis sie es selbst können.“ Das Menschlein spürt zum ersten Mal Wärme und Zuneigung. Nicht von seiner Mutter, sondern von der Fremden Frau mit der sanften Stimme. Die Mutter geht, noch immer benebelt, mit. Im Heim angekommen, gibt es das erste Mal seit sehr langer Zeit etwas richtig gutes zu essen. Endlich! Das Menschlein fühlt sich immer besser und genießt das seltene, angenehme Gefühl.
Die beiden sind nun schon einige Tage im Heim. Dort geht es ihnen sehr gut, und die Mutter lernt langsam, mit der Situation umzugehen. Das Baby spürt, dass jemand sanft über den Babybauch seiner Mutter streicht. Es ist nicht die Mutter, sondern eine liebe Betreuerin, die der Mutter hilft. Das Baby fühlt sich wohl. Zum ersten Mal, fühlt es so etwas Schönes. Es freut sich und zappelt fröhlich mit den zarten Händchen und Füßchen. An der Oberfläche vom Bauch der Mutter kann man das sogar sehen. Jetzt spürt es sogar die Mutter, wie sie ihre Hand sanft auf ihren Bauch und damit auch auf ihr Baby legt.
Das Menschlein ist glücklich. „Endlich, sie hat mich lieb“, denkt es.
Wieder sind mehrere Wochen vergangen, seit die beiden im Mutter-Kind Heim wohnen. Das Menschlein nennt seine Mutter jetzt Mama. Sie haben eine schöne Zeit miteinander. Es ist warm und kuschlig, sie bekommen immer gutes Essen und alle gehen freundlich miteinander um. Auch laute, unangenehme Geräusche sind hier nicht zu hören. Das Menschlein weiß, dass es so wie es ist, richtig und gut ist. Es hofft, dass es so bleibt, dieses schöne Leben.[/h4]

Kampf
Mama liegt mit ihrem Baby gemütlich im Bett. Sie sehen fern und es ist ruhig. Plötzlich springt sie auf, öffnet hastig das Fenster und klettert in das Freie. Draußen ist es eisig kalt. Das Menschlein erschrickt. Es fühlt etwas, das es schon kannte. Es ahnt, dass wieder schwierige Zeiten anbrechen. Mama ist beim Hinausklettern hingefallen, dem Menschlein hat es sehr weh getan. Es klopft und strampelt vor Schmerz im Bauch seiner Mama. Sie aber läuft vom Haus weg und kümmert sich nicht um ihr Kind. Mit jedem Schritt, der schon sehr schwerfällig ist, wird das Baby heftig durchgeschüttelt. Es hat nicht mehr viel Platz und schlägt deshalb immer wieder an Mamas Rippen und anderen Hindernissen an. Es versucht, sich irgendwo festzuhalten. Die Nabelschnur scheint die Rettung zu sein. Das Menschlein kann noch nicht gut greifen und rutscht immer wieder ab. Die Nabelschnur schlingt sich um den kleinen Körper. Das Menschlein bekommt große Angst und tritt, klopft und strampelt panisch gegen den Bauch der Mutter. Es hat Todesangst.
So schnell diese Unruhe und solche Panik aber gekommen sind, so schnell waren sie auch schon wieder vergangen. Sie sind wieder in dem Lokal angekommen, das das Menschlein schon sehr gut kennt.
Mama trinkt genussvoll harten Alkohol. Sie fühlt sich glücklich und zufrieden. In diesem Moment.
Mama macht einen genussvollen Zug von ihrem Joint. Sie fühlt sich glücklich und frei. In diesem Moment.
Das Menschlein hingegen kann sich nicht mehr bewegen. Die Nabelschnur hat es gefesselt. Nie ist es ihm schlechter gegangen als jetzt. Doch der Mutter ist das egal.
Für sie zählt nur, Hauptsache sie ist glücklich, zufrieden und frei. In diesem Moment.
Das Menschlein hasst dieses Lokal, diese Stimmen, die unerträgliche Musik und den ekelhaften Geschmack von Alkohol, Nikotin und Haschisch. Es versucht sich zu drehen und zu winden, um sich aus der Nabelschnur zu befreien.
Nur langsam gelingt es ihm, sich herauszuwinden, aber dann hat es das Menschlein endlich geschafft. Es hat sich befreit, fühlt sich aber jetzt unglaublich erschöpft.
Die Mama, die ab jetzt wieder Mutter heißt, hat den Kampf ihres noch ungeborenen Kindes gespürt, doch es ist ihr egal. Das Menschlein ist schon fast fertig gewachsen und kann deshalb alles viel besser wahrnehmen.
Es hört, wie die Mutter mit jemandem über die Schwangerschaft spricht.
„Ich hasse das Kind. Ich habe es abtreiben lassen wollen, aber es war schon zu spät dafür. Jeder will mir erklären, dass ich mich auf das Kind freuen soll und dass es ein Geschenk ist, ein Kind zu haben. Für mich ist es ein Klotz am Bein. Ich will es nicht haben.“
Das Menschlein weiß, das diese bösen Worte gegen ihn gerichtet sind. Wie schon so oft ist es wieder sehr traurig und hat große Angst vor dem Tag, an dem es geboren werden wird.
Das Gegenüber der Mutter antwortet: „Warum gibst du es denn dann nicht zur Adoption frei. Es gibt so viele Paare, die keine Kinder bekommen können. Die würden sich über so ein Baby sehr freuen. Bei Adoptiveltern, hätte es das Kind bestimmt gut.“
Mutter denkt nach.
„Auf diese Idee bin ich noch gar nicht gekommen. Im Mutter-Kind Heim hat auch niemand etwas davon gesagt.“
„Hast du denen gesagt, dass du das Baby nicht haben willst?“, fragt die Andere.
„Nein, ich habe auch daran nicht gedacht.“ Die Mutter springt vom Barhocker, ohne auf ihren Babybauch zu achten. Das Menschlein spürt wieder einen harten Schlag. Sie wankt betrunken und benebelt zurück in das Heim. Dem Baby zuliebe wird sie wieder aufgenommen.

Hoffnung
Das Menschlein ist zwar skeptisch, aber es hat Hoffnung doch noch ein schönes Leben zu haben. Es überlegt, wie die Adoptiveltern sein würden. Bestimmt sind sie ganz lieb zu ihm. Es fängt wieder an, sich zu freuen. Es hat nicht mehr so viel Angst, geboren zu werden. Einige Tage später spürt die Mutter ein heftiges Ziehen im Bauch. Sie weiß, dass die ersten Wehen eingesetzt haben. Sie hat schon alles für die Geburt hergerichtet. Eine Decke für das Baby, Handtücher und Laken für die Geburt als Unterlage und einen großen, durchsichtigen Plastiksack für die Nachgeburt. Sie sperrt die Tür ab, denn Sie will bei der Geburt alleine sein. Sie geht in das Bad, um in der Wanne ihr Kind zu bekommen. Selbst als die Wehen fast unerträglich heftig sind, holt sie keine Hilfe. Sie will das Baby unbedingt alleine zur Welt bringen. Dann geht es plötzlich schnell. Denn das Menschlein will einfach nur raus hier. Es hat keine Lust mehr in diesem kalten Bauch zu bleiben. Voller Hoffnung drängt es hinaus. Endlich, es ist geboren. Das Menschlein ist klein, viel kleiner als andere Babys und es ist nicht besonders kräftig. Trotzdem, es macht den ersten Schrei. Ganz alleine, ohne den berühmten Klaps auf den Popo. Jetzt wird alles besser. Es kommt zu lieben Eltern, das wird sicher schön. So denkt das Menschlein, das noch keinen Namen hat. Die Mutter wickelt ihr Baby sorgfältig in die vorbereitete Decke. Die Nachgeburt, die inzwischen auch schon da ist, steckt sie in den großen, durchsichtigen Sack. Er ist sehr groß. Nachdem sie sich gewaschen hat, stopft sie auch die blutigen Tücher hinein.
Nun nimmt sie ihr Baby und schaut es zufrieden an. Sie lächelt.
Sie nimmt ihr Kind, wickelt es noch fester in die Decke ein.
Sie steckt es in den Großen durchsichtigen Sack zu dem Abfall.
Sie macht ihn fest zu.
Das Menschlein versucht zu schreien, reißt seine Äuglein weit auf. Entsetzt und voll Todesangst.
Die Mutter schaut ihr Kind noch immer an. Und grinst. Nur wenigen Minuten später bewegt sich das Baby nicht mehr. Es hat den Kampf und die Hoffnung auf sein Leben vollends aufgeben.
Das kleine Menschlein ist tot.
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