*Nummer 24.12.2000*

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290816

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*Nummer 24.12.2000*




*Nummer 24.12.2000*
Unsinn ohne Folgen? Das halte ich für ein Gerücht!

Vor dem Fenster ein bewölkter Himmel, ein Wirrwarr zärtlicher Flocken, ein warm prickelndes Feuer im Kamin, Berge wohin ich blicke und eine offene Nase, untermalt vom köstlichen Duft einer gebratenen Gans. Vielleicht noch ein charmanter Gentlemen in der Küche, und mein Weihnachtstag wäre perfekt! 
Ja, schön wär‘s, war‘s aber nicht!
Statt dessen war es gerade erst mittags, ich saß auf der weich gepolsterten, kalten Ledercouch im Wohnschlafraum meiner „hübschen Gemeindebau Design Räumlichkeiten“, der Himmel vor meinem Fenster war klar und es tobte dennoch ein kalter Sturm - ohne Flocken
Einen Kamin besaß ich auch nicht - nur einen teuren Fernwärmeanbieter, und die Berge, von denen ich träumte, waren realistisch betrachtet nur die grauen Mauern anderer Wohnblöcke, die dem meinem gegenüberstanden. Tja und die Gans, nun, die hatte ich wirklich eingekauft, aber dafür keine Ahnung, wie ich sie zubereiten soll. 
Hinzu hätte ich die nie gekauft, wäre ich zu diesem Zeitpunkt bei Sinnen gewesen. Also trank ich jetzt stattdessen Kaffee, der mich derzeit kaum kulinarisch ansprach, und starrte immer wieder aus nervösen Augen zu meinem Bett hinüber. 

Oh es war wirklich schön gestern. Christkindlmarkt, zu viel Punsch, ein darauf folgender Einkaufsrausch - daher auch die blöde Gans -, bittere Kälte, irgendwo die verborgene Erinnerung an einen seltsamen Mann und viele Stunden, die einfach so dahin geflogen waren. Gutgelaunt, lallend und äusserst unterkühlt, kehrte ich spätnachts Heim. 
Den Rest hatte ich schlicht vergessen. Keinerlei Erinnerung mehr, noch nicht einmal irgendwelche blassen Erinnerungsfetzen. 
Nur Leere.
Als ich heute erwachte, hämmerte mir dafür ein sehr engagierter, gemeingefährlicher Bergarbeiter gegen den Innenschädel. Für einen Augenblick dachte ich sogar ihn fluchen zu hören. 
Das war allerdings bevor ich schockiert den dunkelhaarigen Fremden neben mir anstarrte, dessen träge Stimme unverständlich murrend, starke Ähnlichkeit mit der des imaginären Bergarbeiters hatte. 
Neben mir, in meinem allerheiligsten Bett, lag ein Fremder! Ein vollkommen Fremder!
Beruhigend war nur, dass der auch nicht besser aussah, als ich mich in diesem Moment gefühlt hatte. 
Auf diesen Schock hin hob ich dann schlaftrunken, nur so auf Verdacht, meine Decke und warf einen scheuen Blick darunter. Nun ja, viel gab es da nicht zu sehen, ausser eben, was ich schon befürchtet hatte. 
In blankem Ersetzen war ich mitsamt meiner Decke aus dem Bett gesprungen, und landete in einem schier fabelhaften Haufen exquisiter Glaskugeln, unnötigem Lametta und endlos erscheinenden Weihnachtsgirlanden. 
Die Glaskugeln zersplitterten natürlich unter meinen nackten Füßen, aufdringliches Lametta heftete sich an meine Fersen und so stolperte ich dann über rotgoldene Girlanden direkt ins Badezimmer und sperrte mich ein. 
Tatsächlich hatte ich sogar mit dem Gedanken gespielt, in genau diesem Aufzug durchs kleine Badezimmerfenster Reißaus zu nehmen. Natürlich verwarf ich diesen kurz darauf auch gleich wieder. 
Immerhin wohnte ich hier. 
Und was hätten erst die neugierigen Nachbarn von mir gedacht, wenn ich ich da barfuß, nur mit der Bettdecke bekleidet plötzlich durch den feucht-kalten Schnee gerannt wäre? An das Christkind wohl kaum. 
Daher verwarf ich diese tolle Idee auch gleich wieder.
Stattdessen war mir ausserdem auch schon die nächste glorreiche Vision gekommen. 
In meinem zweiten hilflosen Ideenansatz entschied ich daher einfach, mich solange im Badezimmer zu verschanzen, bis dieser fremde Typ in hoffentlich sehr ähnlicher Panik, meine vier Wände einfach wieder verlassen hatte.
Dumm war nur - so meine darauf dann folgenden Gedanken - dass heutzutage so viele Halunken durch die Welt trampelten. 
Da konnte man nie wissen, ob einem nicht auch gleich ein paar Notebooks, Mikrowellenherde, Schmuck oder teures Silberbesteck abhanden kamen. Und nicht zu vergessen, die Brieftasche aus meinem Handgepäck. 
So gesehen erschien mir also dann auch die zweite Blitzidee mindestens ebenso dämlich, wie mein erster Geistesblitz. 
Fluchend wandte ich mich deshalb auch zuerst mal meinen Fußsohlen zu, um mir ein paar unliebe Glaskugelsplitter aus der Haut zu ziehen. Zu etwas Intelligenterem, war ich zu jenem Zeitpunkt ganz offensichtlich ohnehin nicht in der Lage. 
Danach duschte ich sogar noch. 
So gelang es auch, mir zumindest ein bisschen Alltäglichkeit vortäuschen und der Bergarbeiter in meinem Schädel kriegte sich dadurch auch wieder halbwegs ein – was ich ihm ausgesprochen hoch anrechnete.
Schlussendlich rubbelte ich mich noch trocken, schlüpfte in meinen flauschigen Bademantel, schlang mir ein Handtuch um den Kopf und bemühte mich einfach zu verdrängen, was ich da zuvor im Wohnzimmer zurückgelassen hatte. Wäre da nicht immer noch dieses lautstarke Geschnarche gewesen  – das selbst vor meiner verschlossenen Badezimmertür nicht zurückschrecke – hätte ich mich sogar wieder, wie ein ganz normaler Mensch fühlen können, der sich auf eine Weihnachtsgans freute, die er nicht zubereiten konnte. 
Doch so,... 

Immer noch auf der Couch hockend warf ich jetzt einen weiteren nervösen Blick zu meinem Bett. 
Teufel, der schlief aber lange
Dabei konnte ich es inzwischen kaum erwarten ein paar Antworten zu erhalten. 
Als daraufhin jedoch ein erneutes lautstarkes Schnarchen durch den Raum stob, schrak ich richtig zusammen. 
Jetzt war aber mal endgültig genug mit Rücksicht
Die mickrigen Reserven meines bis dahin noch recht leidensfähigem Kontingents an "gutem Benehmen" waren hiermit nun offiziell aufgebraucht. Und so stellte ich meine Kaffeetasse hart ab, sprang auf und marschierte entschieden zu meinem Bett, packte den Fremden an seinen Schultern und rüttelte ihn grob wach. 
„Hey! Aufwachen! Sie schulden mir eine Menge Erklärungen!“
Sein Schnarchen verstummte, grantiges Murren trat an dessen Stelle. 
„Oh Gott! Bitte, nicht so laut!“
Dankbare Wut überrollte mich. 
„Was heißt hier nicht so laut! Sie liegen hier in meinem Bett, das sich zufällig auch noch in meiner Wohnung befindet! Ich habe also das verdammte Recht, jetzt und hier so laut zu werden, wie ich es gerade will!“ 
Endlich öffnete dieser Kerl seine Augen und sah mich schlaftrunken an. Schließlich folgte tatsächlich ein strahlendes Lächeln auf schlanken Lippen.
„Wow! Sogar mit diesem Handtuch am Kopf sehen sie noch hübsch aus. Nur diese funkelnden, bösen Augen? An die kann ich mich jetzt gerade nicht mehr erinnern. Hab wohl zuviel getrunken“.
Sogleich rückte ich zwei Schritte von ihm ab. Nur um zu vermeiden ihm jetzt auch noch eine reinzuhauen. 
„Ach, und woran erinnern sie sich dann?“, fragte ich sogleich gespielt selbstsicher. 
Er musste ja nicht wissen das ich die Antwort darauf selber nicht so genau kannte.
Ein Grinsen malte sich in sein Gesicht.
„An alles andere. Wie könnte ich das vergessen haben? Wie stet‘s bei ihnen?“
Ich erblasste, oder zumindest fühlte es sich so an. 
„Shit!“, stieß ich ertappt aus und wandte mich von ihm ab.
„Oh, alles klar“, konstatierte er da trocken.
Ich versuchte mich indessen wieder zu beruhigen, schloss meine Augen und band den Gürtel meines Bademantels sicherheitshalber noch fester zusammen. 
„Ok, nur ruhig“, versuchte ich meine überzogenen Nerven nun doch etwas positiver zu beeinflussen, wandte mich mit viel Überwindung wieder ihm zu und eröffnete ihm kurz angebunden: „Wir müssen reden“.
Er grinste schon wieder. „Ja, scheint mir auch so“. 
Und in diesem Augenblick begann ich, die weißen Zähne in seinem gelassenen, braungebrannten Gesicht langsam zu hassen.


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Leseprobe Ende


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