04 Märchenstunde (Mini-Anthologie)

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04 Märchenstunde (Mini-Anthologie)





Zwei Märchen, zwei Gedichte und ein bisschen Sonnenschein

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ich mag die Stimmen in meinem Kopf ebenso, wie deren geilen Ideen und die Hoffnung die aus ihnen spricht.  Suspect  sunny  I love you
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04 Märchenstunde (Mini-Anthologie) :: Kommentare

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Beitrag am So 20 Aug 2017 - 16:44 von Evelucas


Eva von Kalm
Der gestohlene Regenbogen

Tamara saß in ihrer Wohnung und wusste mal wieder nichts mit sich anzufangen.
Nichtsnutz, würde ihr Papa sie jetzt schimpfen.
Sie tigerte von der Küche ins Schlafwohnzimmer und wieder zurück, setzte sich an ihr Klavier, spielte drei Töne und ließ es wieder bleiben.
Gähnende Langeweile machte sich breit. Wenn nicht bald etwas passierte, drohte sie hier zu verkümmern.
Sie wollte ein Abenteuer erleben, etwas Aufregendes, Etwas, das sonst nur in Märchen geschah.
Dummerweise war genau das ihr Problem: Es geschah deshalb auch nur in Märchen. Nicht hier in der Wirklichkeit.
Doch sie war nun mal eine hoffnungslose Träumerin und liebte Märchen einfach über alles. Stundenlang verkroch sie sich in ihren Büchern und hoffte sogar heute noch darauf, dass aus ihnen vielleicht auch mal ihr Märchenprinz heraus gehüpft käme.
Natürlich ließen sich weder Frosch noch Prinz jemals blicken.
Sie warf einen Blick auf ihre Uhr.
In einer Stunde würde sie wieder bei Aldi an der Kasse ihren öden Dienst versehen. Tamara seufzte ergeben.
Das hatte sie nun davon ohne Abi von der Schule gegangen zu sein, um etwas anderes mit dem eigenen Leben anzufangen.
Also nichts, um es deutlich zu sagen.
Sie zog sich noch einmal um – das hatte sie heute erst drei oder vier Mal gemacht. Dann ging sie los.
Ein weiterer Nachmittag ihres Lebens, der völlig sinnlos an ihr vorüberziehen würde. Sie überquerte die Straße, bog um die Ecke und ....
Perplex blieb sie stehen. Der Anblick, der sich ihr bot, konnte nur ihrer Fantasie entsprungen sein.
Eigentlich sollte hier die Straße anfangen, an dessen Ende der Aldi lag - eine zweispurige Straße, die mit einem großen Parkplatz abschloss.
Doch die war futsch, ersetzt durch einen Regenbogen.
Tamara konnte es nicht fassen. Sie kniff ihre Augen zusammen und kreuzte die Finger. Oh bitte, lass ihn noch da sein, wenn ich die Augen wieder aufmache. 
Und tatsächlich, so war es. Immer noch schimmerte direkt vor ihr, ein Regenbogen in kräftigen Farben. Vorsichtig setzte sie einen Fuß darauf und spürte festen Boden darunter.
Es klappt!, jubelte sie innerlich und stellte auch ihren zweiten Fuß dazu.
Sie warf einen Blick hinunter und erkannte, dass sie nun auf den Farben schwebte, nur ein paar Zentimeter über dem Boden.
Aufgeregt rannte sie los – den ganzen Regenbogen entlang – und zwang sich, nicht daran zu denken, dass jeder Regenbogen eigentlich nur eine Lichtreflektion in Kombination mit Regen war. Egal, das hier war echt, und natürlich stand am Ende ein Topf voll Gold. Wie klischeehaft.
Konnte es wirklich so einfach sein? Da war ein Regenbogen und am Ende Gold? Sie kicherte.
Ihr war, als sei sie plötzlich Teil eines Märchens geworden, dessen Autor in Schwierigkeiten steckte.
Grinsend langte sie nach dem Topf, versuchte ihn aufzuheben, doch ihre Hand glitt durch ihn hindurch. Sie versuchte es wieder und wieder, bekam ihn aber nicht zu fassen. Langsam wurde sie ärgerlich. Da war dieser wundervolle Regenbogen, der märchengerechte Topf Gold, und sie kam nicht ran.




Evelucas
Märchenverkehrt

Nein, also das hier war irgendwie alles falsch. Anne wusste das es in der Märchenwelt anders sein müsste. Doch es war nicht mehr richtig. Hier in diesem Traum, da waren die Bösen plötzlich die Opfer und die anderen stattdessen böse. Das gehörte aber doch so nicht?
Anne hatte keine Ahnung, wie sie hier her gekommen war, sie wusste nur, dass sie sich nach einer schlimmen ersten Woche auf der neuen Schule, ins Bett gelegt hatte, eingeschlafen war, und das hier eigentlich nur ein komischer Traum sein konnte.
Zuerst war sie Rotkäppchen begegnet, die statt Blumen zu pflücken, wütend darauf herum getrampelt war. Dann kam der "böse" Wolf. Der aber heulte und plärrte, Rotkäppchen solle damit aufhören. Doch die drohte ihm nur, ihn mit der Großmutter gemeinsam zu verprügeln und warf mit Steinen nach ihm.
Anne hatte der Wolf leid getan und so lief sie ihm in den Wald nach, um zu fragen, was denn da los sei.
"Ach Anne", sagte er da. "Die Zeiten verändern sich, nichts macht mehr Sinn hier. Keine Ahnung was passiert ist, aber alles ist verkehrt herum".
Danach hatte er Anne zu Schneewittchens böser Stiefmutter gebracht, die eigentlich schon hätte dabei sein müssen, den vergifteten Apfel für Schneewittchen vorzubereiten. Doch die saß stattdessen niedergeschlagen in ihrem Thronsaal, da der Spiegel ihr gesagt habe, dass Schneewittchen immer hässlicher wurde und der Prinz nun lieber ihre Stiefmutter heiraten wolle. Deshalb war Schneewittchen schon auf dem Weg zu ihr, um sie mit Hilfe der Zwerge zu vergiften.
Jetzt stellte Schneewittchens "böse" Stiefmutter gerade einen Kakao vor Anne hin und seufzte besorgt.
"Ach Anne, wenn du wüsstest, es wird immer schlimmer. 
Alles hat sich verändert. Ich mach mir sorgen, Schneewittchen ist so böse geworden. Dabei war sie doch immer so ein liebes Kind".
Anne nahm einen Schluck  und grübelte laut.
"Aber wie ist das passiert?", sie stand vor einem Rätsel.
Es polterte an der Tür und plötzlich stand auch noch die böse Fee aus Dornröschens Reich im Thronsaal. Sie erzählte ihre Geschichte genauso verdreht, wie Anne es schon von den anderen beiden kannte.
Aber das konnte doch alles nicht wahr sein? 
Wenn das so weiter ging, wären ja dann bald alle Guten plötzlich böse, was bedeuten würde, dass auch nicht das Gute, sondern Böse siegen würde. Was hatte all die Guten nur so böse gemacht und die anderen so feige? 
"Gibt es denn hier keinen Märchenmeister? Der müsste doch wissen, wie man das wieder in Ordnung bringen kann."
Großes Gemurmel brach los, sodass Anne jetzt gar nicht mehr verstand was die da redeten. Und dann, so schnell wie es begonnen hatte, hörte es auch wieder auf. Da drehte sich die "böse" Dornröschen-Fee zu Anne um und antwortete.
"Aber natürlich gibt es den. Mehrere sogar. Du bist einer von ihnen." 
"Iiich!? Wie kommt ihr denn da drauf? Ich bin doch nur ein kleines Mädchen, dem eure Märchen vorgelesen werden".
"Ja, auch dass stimmt. Doch bestimmt hast auch du schon oft darüber geschimpft, wie dumm Schneewittchen ist und wie komisch der Prinz reagiert, weil er sich in sie verliebt, während sie in diesem Glaskasten liegt. Und hast du dir nicht auch schon öfter Gedanken dazu gemacht, dass Rotkäppchens Wolf seltsam sei, weil Wölfe im echten Leben gar nicht so reagieren, sondern mehr so, wie er jetzt reagiert? Und wie oft hast du dich auch bei Rotkäppchen gefragt, ob ein Kind wirklich mit einem Wolf sprechen würde, oder wie es sein kann, dass ein ganzes Königreich die eigene Königstochter, wie Dornröschen, nicht vor dem Fluch einer einzigen bösen Fee retten kann?"
Anne riss ihre Augen weit auf.
"Ähm ..., ja schon, aber ich mochte eure Märchen trotzdem. Was hat das jetzt damit zu tun?"
Da lächelte die Dornröschen-Fee.
"Irgendjemand muss die Märchen umgeschrieben haben. Das könnte der Grund sein, warum hier plötzlich so ein Chaos herrscht. Doch wer immer es war, hat nie verstanden, worum es in jedem dieser Märchen eigentlich geht?"
Plötzlich fiel Anne ein, was an ihrem letzten Schultag vor dem Wochenende passiert war. 
Sie hatten über Märchen gesprochen und was damit alles nicht so recht stimmte. Daraufhin sagte die Lehrerin, dass sie alle doch einfach mal versuchen sollen, übers Wochenende eines dieser Märchen umzugestalten, um zu sehen, ob die dann noch denselben Zweck erfüllen würden.
"Oh je!", rief Anne jetzt aus. "Alle Kinder aus meiner Klasse könnten das verbrochen haben", sie begann zu weinen. "Aber, wie soll ich das denn alleine wieder gut machen?", jammerte sie nun.
Da nahm Rotkäppchens Wolf sie in seine Arme und tröstete sie, während Dornröschens "böse" Fee ihr antwortete.
"Wir könnten dir beibringen, die Märchen richtig zu deuten. Vielleicht bringst du es ja fertig, sie dann so umzuschreiben, dass Kinder sie besser verstehen, sie vielleicht moderner werden, nur ohne die Rollen so verwirrend zu vertauschen. Würdest du dir das zutrauen?"
Langsam hörte Anne wieder auf zu weinen, schniefte noch 
ein paar mal und nickte.
"Ja, ich glaube schon. Aber wie sind die denn richtig zu verstehen?"
Da trat nun Schneewittchens Hexenstiefmutter aus der versammelten Runde hervor.
"Es gibt nur eine Regel zu befolgen, wenn man Märchen verstehen will. Sie alle zeigen, das Böses immer nur Böses bewirkt, während Gutes nur siegen kann, wenn es immer Gut bleibt. Ich bin "böse", weil ich nur meine Schönheit im Kopf habe, innen drin bin ich aber hässlich. Und dann ist da Schneewittchen. Sie ist viel schöner als ich und das macht mich krank, denn ich verstehe darunter nur die sichtbare Schönheit. Deshalb will ich ihr wehtun. Schneewittchen ist aber nicht schöner als ich, sondern nur jünger. Ihre wahre Schönheit kommt jedoch von innen. Sie ist warmherzig, sanftmütig, hilfsbereit und kennt keinen Neid, keine Eifersucht, keine Wut und keinen Zorn. Deshalb würde ihr nie einfallen selber Böses zu tun. Genau das bestimmt am Ende ihren Sieg über mich. Als gute und ängstliche Stiefmutter, wie ich jetzt bin, eigne ich mich aber zu gar nichts"
Dann war der Wolf an der Reihe.
"Ich bin böse, wegen meiner Gier. Meine Rolle ist der böse Fremde, der nichts gutes im Sinn hat. Der mit dem man als Kind besser nicht sprechen sollte, auch wenn er freundlich ist. Rotkäppchen will nur zu ihrer Großmutter. Auch sie würde nie auf die Idee kommen, das ein "freundliches" Waldtier ihr böses will. Sie ist noch zu klein um zu verstehen, das auch gut scheinendes, schlimme Dinge mit ihr anstellen könnte. Deshalb ist sie unartig, sie muss erst lernen, dass es manchmal Sinn macht elterlichen Rat zu befolgen. Doch sie lässt sich vom rechten Weg abbringen und gibt damit mir Gelegenheit, meine Gier gleich doppelt zu befriedigen. Rotkäppchen ist das unerfahrene Kind, ihre Mutter die besorgte liebe Frau, die ihre Tochter warnt, ihre Großmutter die weise alte Frau und der Jäger, der gute Mann der sie beide rettet. Das gelingt ihm nur, da sie alle bis am Schluss zusammenarbeiten und Rotkäppchen aus ihren Fehlern lernt. Doch als Wolf, wie ich jetzt einer bin, erfülle ich meinen Zweck gar nicht mehr."
Als nächstes trat dann Dornröschens Fee hervor und er-klärte Anne auch ihren Zweck.
"Ich bin nicht die typische böse Fee. Aber ich zeige auch die dunklen Sachen im Leben auf oder solche, die Eltern manchmal nicht gerne sehen, wenn ein Kind größer wird. Davor fürchten sich auch Dornröschens Eltern, sie wollen ihre Tochter am liebsten in einen goldenen Käfig sperren, damit es ewig ein Kind für sie bleibt. Deshalb möchten sie verhindern, dass auch ich zum großen Fest erscheine, womit sie mich zutiefst kränken. Und so belege ich Dornröschen mit einem Fluch, um zumindest irgendwie in ihre Entwicklung eingreifen zu können. Daraufhin lassen Dornröschens Eltern jedoch alles vernichten, womit sich dieser Fluch erfüllen könnte, während Dornröschen nun unter ständiger Beobachtung der anderen Feen steht. Doch auch ich beobachte Dornröschen und sehe sie wachsen. Ich locke, sobald sie alt genug ist, den Prinz an, damit sie sich verlieben kann. Und da dieser Prinz der einzige ist, der wirklich gut, ehrlich und tapfer ist, führe ich ihn später sogar durch das Dornenlabyrinth, damit er Dornröschen mit einem Kuss der wahren Liebe aus ihrem Kindsein erweckt und zur Frau macht. Lässt man mich dass nicht tun, kann ich Dornröschen nicht helfen erwachsen zu werden. Sie bliebe ewig ein Kind, dass den Herausforderungen im Leben ohne Eltern nicht gewachsen wäre oder so verzogen wird, bis sie 
selbst grausam ist".
Anne hörte ihnen allen aufmerksam zu. Nur kurz grübelte sie noch darüber nach. Dann nahm sie ihre Tasse, trank den warmen Kakao so schnell runter wie noch nie, wischte sich ihren Mund ordentlich ab und sprang von ihrem Stuhl.
"Ich glaube jetzt hab ich alles verstanden", verkündete sie feierlich. 
"Ich werde euch einen neuen Anstrich verpassen und trotzdem wieder alles gut machen, bevor auch all die anderen Märchen kaputt werden. Versprochen. Aber ich werde mir Hilfe holen und ihr verkriecht euch derweil hier".
Dann sah sie sich kurz um und fragte: "Ähm ... wer bringt mich jetzt wieder nachhause?"
Da lachten die Anderen und zeigten auf den Spiegel. 
"Geh durch ihn hindurch und schon wachst du Morgen in deinem Bett auf, wie immer", erklärte ihr Schneewittchens Stiefmutter. Anne nickte und winkte ihnen noch zu, bevor sie in den Spiegel sprang.

- Leseprobe Ende -



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