02 Epochenspuk ( Mini-Anthologie Reihe)

Vorheriges Thema anzeigen Nächstes Thema anzeigen Nach unten

270716

Beitrag 

02 Epochenspuk ( Mini-Anthologie Reihe)





Zwei Geschichten, zwei Gedichte und ein bisschen Spuk.


Zuletzt von Evelucas am So 20 Aug 2017 - 16:27 bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet

_________________
ich mag die Stimmen in meinem Kopf ebenso, wie deren geilen Ideen und die Hoffnung die aus ihnen spricht.  Suspect  sunny  I love you
avatar
Evelucas
Admin
Admin

Anzahl der Beiträge : 838
Punkte : 2540
Anmeldedatum : 27.11.14
Alter : 40

http://schreib-elan.forumieren.net

Nach oben Nach unten

- Ähnliche Themen
Diesen Eintrag verbreiten durch: Lesezeichen erzeugenDiggRedditDel.icio.usGoogleLiveSlashdotNetscapeTechnoratiStumbleUponNewsvineanzeigenYahooSmarking

02 Epochenspuk ( Mini-Anthologie Reihe) :: Kommentare

avatar

Beitrag am So 20 Aug 2017 - 15:33 von Evelucas


Evelucas
Rendezvous mit dem Jenseits
Natürlich glaube ich nicht an Geister! Das ist denen jedoch voll egal!

Samstagnacht, Samhain und meine Verabredung war geplatzt!
Schlimme Sache für eine alleinstehende Mittzwanzigerin, die von ihrem Single Dasein die Schnauze voll hatte.
Dabei fing alles so gut an. Ich konnte mir keinen Reim darauf machen, warum er mich versetzt hatte. Tatsache aber war, dass ich jetzt mit viel zu hohen Schuhen einsam durch die altertümlichen Gassen vergangener Wiener Zeitepochen klapperte, während nur der wolkenverhangene Sternenhimmel dieser kalten Herbstnacht mein Zeuge war. Ich schnaubte.
»Samhain, die Nacht in der die Grenzen zwischen Jenseits und Diesseits miteinander verschwammen? Papperlapapp!«
Fröstelnd zog ich den Gürtel meines Mantels fester zusammen, nur um mir, noch immer frierend, auch die Arme um den Oberkörper zu schlingen. Es wäre eine so verlockende Abwechslung gewesen mir vorzustellen, ich sei eine bezaubernde Magd aus dem Mittelalter auf dem Weg zu meinem Geliebten. Zugleich aber ebenso unmöglich mich dieser köstlichen Idee hinzugeben, solange da dieser unausstehliche, vom Stadtzentrum ausgehende Lärm betrunken grölender Jugendlicher an den alten Hausmauern widerhallte, während ohrenbetäubender Heavymetal durch die Gassen dröhnte. Bei aller Liebe zur Romantik, aber diese moderne Geräuschkulisse bot selbst meiner blühenden Fantasie, einen miesen Nährboden um sich zu entfalten. Vor allem nach der heutigen Abfuhr. Unter diesen Umständen machte es einfach keinen Spaß sich in das alte Wien zurückzuversetzen.
Eine Stadt, in der Minnesänger auf den Straßen das hiesige Fußvolk unterhielten, Mägde schnatternd in Ohnmacht fielen, wenn ein edler Ritter hoch zu Pferd an ihnen vorüberritt, oder Zuckerbäcker und Krämer ihre Waren laut feilboten.
Ich seufzte grimmig und zog mich noch tiefer in die verwinkelten Gassen und meinen viel zu dünnen Mantel zurück. Längst wusste ich nicht mehr, wo ich mich überhaupt befand, geschweige denn, wie lange ich schon mit gesenktem Kopf derart ziellos umher schlappste. Erst als ich genügend Abstand zwischen mich und den nächtlichen Partylärm gebracht hatte, lugte ich über den hochgeklappten Kragen meines Mantels und erkannte überrascht, mich scheinbar in den Wiener Stadtpark verirrt zu haben.
Ein ungewöhnlich nebelverseuchter Stadtpark heute.
Geisterhaft schimmerte direkt vor mir der weisse Stein des Strauss Denkmals in die Nacht hinein.
Es war mir ein vollkommenes Rätsel, wie ich ohne Fussschmerzen in solchen, für diese Jahreszeit völlig ungeeigneten Schuhen überhaupt hier hergelangt war. Doch ein Hochgefühl der Erleichterung durchfuhr meine Beine, als ich mich nachdenklich auf eine Bank in nächster Nähe plumpsen ließ. Schade, dass sich damit nicht auch die Enttäuschung über meine geplatzte Verabredung in Luft auflöste.
Warum war er nicht gekommen?
Ich lies die Szene des Morgens nochmal Revue passieren.
Da war dieser freundliche Fensterplatz im kleinen Universitätscafè. Ich schlürfte gelassen meinen Morgenkaffee und las die Zeitung, in der ich gerade einen spannenden Artikel über einen schrecklichen Autounfall überflog. Da trat plötzlich dieser attraktive Kerl an meinen Tisch und erkundigte sich, ob der Platz gegenüber noch frei sei. Ich sah kurz auf, bejahte und er nahm Platz. Er bestellte ebenfalls Kaffee, wie das in Wiener Kaffeehäusern ja auch durchaus üblich war. Zufällig landete in seinem Kaffee dieselbe Menge Zucker, die zuvor auch den meinen versüßte. Und selbst daran, dass er schließlich zur selben Zeitung griff, war nichts Aussergewöhnliches – soviel Auswahl hatten Wiener Kaffeehäuser ja nicht. Allerdings lag etwas Seltsames in der Art, wie er die Stirn in Falten legte, während auch er las. Das hielt meinen Blick gefangen, trotzdem ich mir schrecklich unverschämt vorkam, ihn so verstohlen über den Rand meiner eigenen Zeitung hinweg anzustarren. Klar ertappte er mich dabei. Unsere Blicke trafen sich und schon war es um mich geschehen.
Wow! Der Mann hatte vielleicht Augen!
Nervös griff ich sofort nach meiner Tasse, so wie er. Wir lachten und das Eis war gebrochen. Bald stellten wir auch fest, denselben Artikel gelesen zu haben, kamen ins Gespräch und Minuten darauf entdecken wir noch so manch andere Gemeinsamkeiten. Darunter auch jene, zufällig dieselbe Universität zu besuchen, ohne uns bisher begegnet zu sein. Wir beschlossen diesen Zustand zu ändern und verabredeten uns für heute Abend. Treffpunkt: Universitätscafè, am selben Fensterplatz. 

Ich seufzte abermals auf meiner einsamen Bank im Stadtpark und schenkte damit der kalten Umgebungsluft noch ein paar traurige Dunstwölkchen dazu. Dankbar vereinigten sich diese mit den dramatischen Nebeln um mich herum.
Irgendetwas stimmte hier nicht. Er hätte mich nie absichtlich versetzt. Das spürte ich einfach. Was könnte da passiert sein?
Allein der Gedanke ließ mich erschaudern.
»Möchtest du das wirklich wissen?«
Neben mir stand plötzlich eine Fremde, die milde lächelnd auf mich hinunter blickte. Woher sie gekommen war? Ich hatte keine Ahnung. Ich hatte sie von nirgendwo her kommen sehen. Auch war mir völlig entgangen, meine Frage laut ausgesprochen zu haben. Doch so muss es gewesen sein, woher sonst hätte sie wissen können, was mich gerade beschäftigte?
Ich musterte die Dame misstrauisch und schätzte sie wesentlich jünger als mich selbst. In ihren dunklen Augen lag jedoch ein Glanz fortgeschrittener Weisheit. Ihre Haut schimmerte in dunklem Teint und ein dünnes Baumwolltuch in warmen, freundlichen gelben sowie orangen Tönen zierte ihr Haupt. Darunter hing ihr ein geflochtener, dicker, schwarzer Zopf über die Schultern. An ihren Ohrläppchen baumelten schwere Creolen und ihre dünnen Arme schmückten goldene Reifen. Ihr kurzes Kleid wirkte dagegen schäbig, es war verschmutzt und bereits an die hundert mal geflickt. Die schlanken Beine darunter wiesen viele Narben auf und ihre dreckigen Füße steckten in flachen Sandaletten, die ebenfalls den Eindruck machten, als fielen sie bald auseinander.
Eigentlich hätte sie sich in diesem Aufzug hier draußen den Tod holen müssen, doch da war nicht die kleinste Erhebung auf ihrer Haut. Diese seltsame Frau erinnerte mich an eine Zigeunerin aus früheren Epochen. Sie passte so gar nicht in diese Zeit, geschweige denn, in meine Welt.
Machte mir die Kälte der tristen Samhainnacht langsam zu schaffen? Diese These beruhigte mich etwas, änderte allerdings nichts an dem mysteriösen Bann, in den mich diese fremden Augen dennoch zogen.
»Möchtest du nun wissen, warum dein Freund nicht gekommen ist?«
In ihrer schleppenden Stimme schwankte ein stark südländischer Akzent mit. Ich nickte abwesend. Ein wissendes Lächeln erschien auf ihren Lippen, als hätte sie auch keine andere Antwort erwartet.
»Nun gut«, meinte sie da und hielt plötzlich ein abgegriffenes Kartenset in ihren Händen, mischte es durch und wandte sich mir wieder zu.
»Bereit, Vanessa?«




Drita Kalmandi
Triptychon

Mariona liebte ihren Beruf über alles. Ihr leidenschaftliches Interesse für Geschichte und Kunst konnte sie bei den Museumsführungen fabelhaft einsetzen. Anfangs freute sie sich auch noch auf diesen besonderen Arbeitstag im Boijmans Van Beuningen Museum, in dem heute die Ausstellung von Hieronymus Boschs Lebenswerk eröffnet werden würde. Und zum ersten Mal würde auch sie endlich das rätselhafte und in Forscherkreisen äusserst umstrittene Gemälde‚ Garten der Lüste, des einst großen niederländischen Künstlers bestaunen dürfen.
Das wollte sie vor der Eröffnung aber lieber alleine tun.
Leider fiel ausgerechnet da eine dieser aussernatürlichen Führungen an sie. Eine Gruppe von drei Leuten. Darunter auch, Latricia Albiola.
Schon als Mariona zum ersten Mal in dieses künstlich geschönte, flachgepuderte weiße Antlitz der krass übergewichtigen Diva blickte, konnte sie dieses Weib nicht ausstehen. Sogar deren Schweinsaugen lagen unter einem tausendschichtigen, bunten Lidschatteneintopf begraben. Alles an der war jedweder Schönheitsrealität enthoben worden. Eine vulgäre Frau, die wirklich nichts Bezauberndes an sich hatte. Ganz im Gegenteil, etwas äusserst Giftiges hing ihr stattdessen an. Dafür aber besaß sie einen beispiellosen Faible für die Kleidertrends der Renaissance, was sich auch in ihrer überzogenen Kostümierung widerspiegelte. Oben umquetschte diese Latricias Fettleibigkeit und betonte dieselbe nach unten hin noch himmelschreiender. Das hochgeschlossene Dekolleté bestand sogar aus einem Wulst verstaubter Renaissance Rüschen, die bis an ihr zwölffach gefaltetes Kinn reichten. Und dann trieb ihr auch noch der Schweiß aus allen Poren, was, gelinde gesagt, so ziemlich das Hässlichste aus ihr machte, was Mariona je begegnet war.
Eine wahrlich groteske Erscheinung.
Das Dumme daran, Mariona hatte die Anweisung erhalten dieser Person sowie dem Rest der Gruppe, eine Sonderbehandlung zukommen zu lassen.
Nicht nur, weil Albiola mal ein Star vieler europäischer Opernbühnen gewesen war, sondern auch wegen ihrer derzeitigen Position als stellvertretende Museumsdirektorin des Museo del Prado.
Letzteres hatte den Garten der Lüste für die Dauer der aktuellen Ausstellung an dieses Museum verliehen.
Nach Latricia bestand die Gruppe weiters aus einem mimikfernen Soldaten der schweizer Garde – Latricia’s Geleitschutz – und einen unscheinbaren Bürokraten mit runder Buchalterbrille, in Sakko, Hemd und ganz normalen Jeans. Er gehörte nicht direkt zu Latricia, war allerdings ebenfalls im Auftrag des Museo del Prado angereist.
Er fiel Mariona auf, da er sich während der Führung um einen Tick zu offensichtlich hinter ihnen zurückfallen ließ und Latricia mit misstrauischen Blicken fixierte. Als wäre sie auch ihm nicht ganz geheuer.
Gerade das machte ihn Mariona jedoch sympathisch, weswegen sie ihm dann und wann ein freundliches Lächeln schenkte und indessen immer wieder ihre Kommentare zu den Gemälden sowie deren Entstehungszeit abgab.
Leider fiel ihr Latricia mit unnötigen, primitiven und hinzu auch ziemlich ungebildeten Äusserungen ständig ins Wort. Das nervte gewaltig. Und so sehnte sie sich schon bald danach, diese Führung schnellst möglich hinter sich zu bringen.
Kurz darauf betraten sie endlich den Raum, der am Ende jeder Führung den Höhepunkt der gesamten Hieronymus Bosch Ausstellung ausmachte.
Den kleinen Saal der Triptychen Gemälde des Künstlers. Am anderen Ende dessen stand auch schon das Prunkstück: Der Garten der Lüste.
Einst hätte dieses monumentale, dreiteilige Gemälde den Altar der im fünfzehnten Jahrhundert angesehenen Bruderschaft unserer lieben Frau zieren sollen, weshalb es Hieronymus Bosch vermutlich in Auftrag gegeben worden war. Daraus wurde nur nichts, so die katholische Kirche der Bruderschaft keine eigene Pfarrei gestattete. Hinzu entsprachen die Darstellungen des Bildes auch gar nicht den kirchlichen Gepflogenheiten.
Genau dass erzählte Mariona der kleinen Gruppe soeben, als ihr Latricia erneut ins Wort fiel.
»Absolut verständlich. Dieses Bild ist eine einzige Gotteslästerung, man hätte es verbrennen sollen. Eine Unverschämtheit, wie Hieronymus die Dreifaltigkeit der Schöpfung hier darstellt. Ekelhaft all die Nackten im Garten der Lüste und dann auch noch afrikanische Sklaven, wilde Frauen und Männer zusammen mit weißen Menschen. Manche von ihnen sogar beim Akt selbst. Als ob das Paradies ein billiges Bordell sei«
»Nun ja«, begann Mariona und bemühte sich sehr darum, nicht ihre Augen genervt zu verdrehen. »Womöglich wollte Bosch mit diesem Triptychon gar nicht die katholische Dreifaltigkeit eines Garten Eden, Paradieses und der Hölle abbilden. Denn sein Garten Eden erinnert vielmehr an den unschuldig primitiven Ursprung der Lust und Liebe des Menschen. Und im Garten der Lüste daran, was der Mensch daraus Friedvolles hätte schaffen können, aber statt dessen, wie im Flügel der musikalischen Hölle abgebildet, daraus gemacht hat. Womöglich war es ihm nur ein Anliegen der herrschenden Kirche aufzuzeigen, um wie viel weniger gotteslästerlich es wäre einen Garten der Liebe aus der Erde zu machen, anstatt gerade das zu verteufeln.«
Latricia’s Schweinsaugen verengten sich bösartig.

- Leseprobe Ende -



__________________

Nach oben Nach unten

Vorheriges Thema anzeigen Nächstes Thema anzeigen Nach oben


 
Befugnisse in diesem Forum
Sie können in diesem Forum nicht antworten