01 Franz Kafka und sein Schaffen

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01 Franz Kafka und sein Schaffen




Es freut mich sehr, als aller ersten Artikel in unserer kleinen Kolumne, gleich mal einen kleinen Rundgang durch das Leben und Schaffen von Franz Kafka machen zu können. Er war ein großer Literat und Denker, der sich auch selbst intensiv mit Werken anderer großer Denker und Literaten auseinandersetzte, die zu seiner Zeit als äusserst populär und "en vogue" galten. Einige von ihnen, werden auch noch hier Einzug finden und verewigt werden. So hoffe ich nun, dass es  euch ebenso viel Freude macht, hier über Franz Kafka zu lesen, wie es auch mir Freude machte, diesen Artikel für SchreibElan und euch, unsere Leser, zu verfassen.  sunny  study


Kleine Biografie, in Memoriam Franz Kafka

Franz Kafka war ein deutschsprachiger Schriftsteller, bis heute sogar, einer der großartigsten aus dem deutschsprachigen Raum, deshalb gehören Kafkas Werke heute zum Kanon der Weltliteratur.

Geboren wurde er am 3. Juli 1883 in Prag, damals Österreich-Ungarn und starb einen Monat vor seinem 41. Lebensjahr, am 3. Juni 1924 in Österreich in Kierling, bei Klosterneuburg.

Die meisten seiner Werke wurden erst nach seinem Tod und wie man so hört, eigentlich auch gegen seinen letzten Willen, von Max Brod veröffentlicht, der zu Kafkas Lebzeiten ein enger und Vertrauter Freund von ihm war. So vertraut , das er ihn sogar zu seinem Nachlassverwalter bestimmt hatte.

Zu seinem Hauptwerk zählen neben drei Romanfragmenten ( Der Prozess, Das Schloss,Der Verschollene ), noch zahlreiche weitere Erzählungen wie...

Ein Damenbrevier
Gespräch mit dem Beter
Gespräch mit dem Betrunkenen
Richard und Samuel
Großer Lärm
Die Verwandlung

... und so weiter. (Alle hier angeführten Links dienen ausschließlich einer kurzen Information, über Handlung und Schaffenszeit im Überblick).

Kafkas Schulzeit und Universitätsstudium
Von 1889 bis 1893 besuchte Kafka die Deutsche Knabenschule am Fleischmarkt in Prag. Anschließend ging er, auf väterlichen Wunsch, auf das ebenfalls deutschsprachige, humanistische Staatsgymnasium "Palais Goltz-Kinskyin" in der Prager Altstadt.

Kafka war ein ausgezeichneter Schüler, dennoch quälten ihn seine gesamte Schulzeit hindurch heftige Versagensängste, woran selbst sein schulisch erfolgreiches Fortkommen nichts änderte.
Schon zu dieser Zeit beschäftigte sich Kafka auch mit Literatur. Leider gelten seine frühen Versuche als verschollen, gemutmaßt wird, das er sie wohl selbst vernichtet hat, ebenso wie seine frühen Tagebücher.

1899 wandte er sich als Sechzehnjähriger schließlich dem Sozialismus zu und blieb dieser Überzeugung treu, obwohl sein Freund und politischer Mentor, Rudolf Illowy, wegen derart sozialistischer Umtriebe, sogar von der Schule flog. Als Symbol trug Kafka auch stet‘s eine rote Nelke im Knopfloch.

1901, nachdem er die Reifeprüfung (Matura) mit einem „Befriedigend“ ablegte, verließ er mit 18 Jahren, zum ersten Mal in seinem Leben Böhmen und reiste mit seinem Onkel Siegfried Löwy nach Norderney und Helgoland.

Im selben Jahr begann Franz Kafka an der "Karl-Ferdinand-Universität" zu Prag, sein Studium zunächst mit Chemie, wechselte aber nach kurzer Zeit in eine mehr juristische Richtung. Schließlich probierte er es dann auch mit einem Semester Germanistik und Kunstgeschichte.

Als er im Sommersemester jedoch einer Vorlesung über „Grundfragen der deskriptiven Psychologie“, von Anton Martys beiwohnte, erwog er doch bei seinem Studium der Rechte zu bleiben, das er dann auch in München fortsetze. Nach fünf Jahren schloss er dieses dann Programmgemäß mit einer Promotion bei Alfred Weber ab. Es folgte ein obligatorisches, einjähriges und unbezahltes Rechtspraktikum am Landes- und Strafgericht.

Kafka‘s Berufsleben
Nach einer knapp einjährigen Anstellung bei einer privaten Versicherungsgesellschaft,  arbeitete Kafka von 1908 bis 1922 in der halbstaatlichen „Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt für das Königreich Böhmen“ (AUVA) in Prag.

Seinen Dienst bezeichnete er oft als reinen „Brotberuf“.
Ab 1910 gehörte Kafka als Konzipist – vergleichbar einem heutigen Referendar – sogar zur Betriebsabteilung, nachdem er sich durch den Besuch auf Vorlesungen über „Mechanische Technologie“ an der Technischen Hochschule in Prag, auf diese Position vorbereitet hatte.

In dieser Zeit stellte er Bescheide aus und brachte sie auf den Weg, wenn es alle fünf Jahre galt, versicherte Betriebe in Gefahrenklassen einzuteilen.

Von 1908 bis 1916 wurde er dadurch auch immer wieder auf kurze Dienstreisen nach Nordböhmen geschickt. Dort besichtigte er Unternehmen, referierte vor Unternehmern und nahm Gerichtstermine wahr. Als „Versicherungsschriftsteller“ verfasste er auch Beiträge für die jährlich erscheinenden Rechenschaftsberichte.

In Anerkennung seiner Leistungen wurde Kafka vier Mal befördert, 1910 zum Konzipisten, 1913 zum Vizesekretär, 1920 zum Sekretär, 1922 zum Obersekretär.

Dennoch vermerkte er zu seinem Arbeitsleben in einem Brief:
„Über die Arbeit klage ich nicht so, wie über die Faulheit der sumpfigen Zeit. Der Druck der Bürostunden, das Starren auf die Uhr, der alle Wirkung zugeschrieben wird, und die letzte Arbeitsminute als Sprungbrett der Lustigkeit“.

An Milena Jesenská schrieb er sogar mal:
„Mein Dienst ist lächerlich und kläglich leicht, ich weiß nicht wofür ich das Geld bekomme“.

Außerhalb dieses Dienstes solidarisierte er sich politisch mit der Arbeiterschaft und trug weiterhin seine rote Nelke auf Demonstrationen, denen er allerdings nur als Passant beiwohnte.

Als bedrückend empfand Kafka auch das Engagement, das von ihm in den elterlichen Geschäften erwartet wurde, zu denen 1911 die Asbestfabrik des Schwagers hinzugekommen war, die nie recht florieren wollte und die Kafka zu ignorieren suchte, obwohl er sich zu ihrem stillen Teilhaber hatte machen lassen.
Sein ruhiger und persönlicher Umgang mit den Arbeitern hob sich dabei demonstrativ vom herablassenden Chefgebaren seines Vaters ab.

Der erste Weltkrieg brachte für Franz Kafka neue Erfahrungen, als tausende, ostjüdische Flüchtlinge nach Prag gelangten. Im Rahmen der „Kriegerfürsorge“ kümmerte sich Kafka daher um die Rehabilitation und berufliche Umschulung von Schwerverwundeten. Dazu war er von der Versicherungsanstalt verpflichtet worden. Zuvor hatte ihn diese allerdings als „unersetzliche Fachkraft“ reklamiert und somit vor der Front geschützt. (im übrigen gegen Kafkas Intervention). Der wurde nämlich 1915 erstmals als militärisch „voll verwendungsfähig“ eingestuft. Die Kehrseite dieser Wertschätzung erlebte Kafka dann zwei Jahre später, als er an Lungentuberkulose erkrankte und um Pensionierung bat. Denn die Anstalt sperrte sich dagegen und gab ihn erst nach fünf Jahren am 1. Juli 1922 endgültig frei.

Kafkas Vaterbeziehung
Kafkas konfliktbehaftetes Verhältnis zum Vater gehört zu den zentralen und prägenden Motiven in fast all seinen Werken.

Selbst eher feinfühlig, zurückhaltend, ja sogar scheu und nachdenklich, beschreibt Franz Kafka seinen Vater einerseits, als Jemanden der sich aus armen Verhältnissen hoch gearbeitet und aus eigener Anstrengung heraus auch zu etwas gebracht hatte. Andererseits aber auch als grob polternde, selbstgerechte und despotische Kaufmannsnatur.

Regelmäßig beklagt der Vater in heftigen Tiraden seine eigene karge Jugend und die gut versorgte Existenz seiner Nachfahren und Angestellten, die er allein unter Mühen sicherstellt.

Die hingegen aus gebildeten Verhältnissen stammende Mutter, hätte dazu einen kraftvollen Gegenpol zum grobschlächtigen Vater einnehmen können. Die jedoch tolerierte dessen patriarchalen Werte und Urteile widerspruchslos.

Im Brief an den Vater wirft Kafka diesem schließlich vor, eine tyrannische Macht beansprucht zu haben:
„Du kannst ein Kind nur so behandeln, wie Du eben selbst geschaffen bist, mit Kraft, Lärm und Jähzorn und in diesem Fall schien Dir das auch noch überdies deshalb sehr gut geeignet, weil Du einen kräftigen, mutigen Jungen in mir aufziehen wolltest.“

In Kafkas Erzählungen wird der Patriarch nicht nur als mächtig, sondern auch als ungerecht dargestellt. Am einprägsamsten in der Novelle „Die Verwandlung“, in der Kafkas Hauptprotagonist Gregor, in ein Ungeziefer verwandelt, von seinem Vater mit Äpfeln beworfen und dabei tödlich verletzt wird. Die Figur des Vaters darin – mächtig und furchterregend – ist es auch, die in der Kurzgeschichte „Das Urteil“ den Sohn Georg Bendemann zum „Tode des Ertrinkens“ verurteilt. Ein Urteil, das Georg in vorauseilendem Gehorsam an sich selbst vollzieht, indem er von einer Brücke springt.


Kafkas Freundeskreis
In Prag hatte Kafka einen konstanten Kreis gleichaltriger Freunde, der sich während der ersten Universitätsjahre bildete. Dazu gehörten neben dem oben bereits erwähnten Max Brod, auch der spätere Philosoph Felix Weltsch und die angehenden Autoren Oskar Baum und Franz Werfel.

Max Brod erkannte Kafkas Genie frühzeitig und förderte daher seine erste Buchpublikation beim jungen Leipziger Rowohlt Verlag. Als Nachlassverwalter verhinderte er dann auch gegen Kafkas letzten Willen, die Verbrennung seiner Romanfragmente.

Weitere Freunde Kafkas finden sich auch in Jizchak Löwy, ein Schauspieler aus einer chassidischen Warschauer Familie, der Kafka durch seine Kompromisslosigkeit beeindruckte, mit der er seine künstlerischen Interessen gegen die Erwartungen seiner orthodox-religiösen Eltern durchsetzte.
Löwy erscheint auch als Erzähler in Kafkas Fragment "Vom jüdischen Theater".

Die engste familiäre Beziehung hatte Kafka allerdings zu seiner jüngsten Schwester Ottla. Sie war es, die dem Bruder beistand, als er schwer erkrankte und dringend Hilfe und Erholung brauchte.

Franz Kafkas Beziehungen
Kafka hatte ein zwiespältiges Verhältnis zu Frauen. Einerseits fühlte er sich zu ihnen hingezogen, floh aber andererseits auch vor ihnen. Auf jeden Eroberungsschritt, folgte eine Abwehrreaktion. In seinen Briefen und Tagebucheintragungen vermittelt er den Eindruck, sein Liebesleben habe sich im Wesentlichen als postalisches Konstrukt vollzogen.  

Dass er dennoch bis zu seinem Lebensende unverheiratet blieb, trug ihm die Bezeichnung „Junggeselle der Weltliteratur“ ein.

Felice Bauer: 
Aus kleinbürgerlichen jüdischen Verhältnissen stammend, trafen sich Kafkas und ihre Wege am 28. August 1912 in der Wohnung seines Freundes Max Brod. Seine Produktion an Liebesbriefen für sie, steigerte sich auf bis zu drei Briefe täglich. Allerdings umkreisen diese vor allem eine Frage:
"Heiraten oder sich der selbstgewählten Askese im Schreiben widmen?“

Nach insgesamt rund dreihundert Briefen und sechs kurzen Begegnungen, kam es dann im Juni 1914 zu einer offiziellen Verlobung in Berlin, aber schon sechs Wochen später auch wieder zur Entlobung. Das Ergebnis einer folgenschweren Aussprache am 12. Juli 1914, unter Anwesenheit von Felices Schwestern, Erna und Grete Bloch.

Bei dieser Zusammenkunft wurde Kafka mit brieflichen Äußerungen gegenüber Grete Bloch konfrontiert, die ihn als Heiratsunwilligen bloßstellten.

In seinen Tagebüchern spricht Kafka dann vom „Gerichtshof im Hotel“.
Dieser lieferte, laut Reiner Stach (Franz Kafka, Biograph) somit auch die entscheidenden Bilder und Szenen, für den Roman „Der Prozess“.

Es folgte aber noch ein zweites Eheversprechen während eines gemeinsamen Aufenthalts in Marienbad im Juli 1916, bei dem beide eine engere und scheinbar auch beglückendere, intime Beziehung eingingen. Doch auch dieses Verlöbnis wurde – nach Ausbruch von Kafkas Tuberkulose (Sommer 1917) – wieder gelöst.

Julie Wohrzyek:
Nach dem Bruch mit Felice verlobte sich Kafka 1919 erneut, diesmal mit Julie Wohryzek, der Tochter eines Prager Schusters. Diese lernte er während eines Kur-Aufenthalts in der „Pension Stüdl“ im Dorf Schelesen (Želízy) kennen.

In einem Brief an Max Brod beschrieb er sie unter anderen als:
„...eine gewöhnliche und doch erstaunliche Erscheinung. Besitzerin einer unerschöpflichen und unaufhaltbaren Menge frechster Jargonausdrücke, im ganzen eher unwissend und mehr lustig als traurig“.

Auch dieses Eheversprechen blieb allerdings unerfüllt.
Im Laufe des ersten, gemeinsam verbrachten Nachkriegssommers wurde zwar ein Hochzeitstermin festgelegt, dann aber aufgrund der Schwierigkeiten bei der Wohnungssuche in Prag verschoben. Im folgenden Jahr trennten sie sich dann.

Milena Jesenskà:
Ein Grund für Franz Kafkas Trennung von Julie, könnte auch mit seiner Bekanntschaft zu Milena Jesenskà zusammenhängen. Sie war die erste Übersetzerin seiner Texte ins Tschechische. Eine lebhafte Journalistin und sehr selbstbewusste, moderne und emanzipierte Frau von 24 Jahren.

Sie lebte in Wien und befand sich gerade in einer auseinandergehenden Ehe mit dem Prager Schriftsteller Ernst Pollak.

Nach ersten Briefkontakten kam es bald zu einem Besuch Kafkas in Wien.
Voller Begeisterung berichtete er danach seinem Freund Brod von der viertägigen Begegnung, aus der sich bald eine Beziehung mit weiteren Begegnungen, aber vor allem einem umfangreichen Briefwechsel entwickelte.

Doch wie schon bei Felice und Julie, wiederholte sich auch bei Milena das alte Muster. Auf Annäherung und überzeugte Zusammengehörigkeit, folgten Zweifel und Rückzug. Schließlich beendete Kafka auch diese Beziehung im November 1920, woraufhin auch der Briefwechsel abrupt abbrach.

Der freundschaftliche Kontakt zwischen ihnen, riss allerdings selbst bis zu Kafkas Tod nie vollständig ab.

Dora Diamant
Im Inflationsjahr 1923 lernte Kafka Dora Diamant kennen. Im September 1923 zogen sie zusammen nach Berlin und schmiedeten Heiratspläne, die zunächst nur am Widerstand von Diamants Vater und dann wieder an Kafkas Gesundheitszustand scheiterten.

Nachdem er sich dann im April 1924 schwerkrank, in ein kleines privates Sanatorium im Dorf Kierling bei Klosterneuburg zurückzog, wurde er dennoch bis zu seinem Tod von der mittellosen Dora gepflegt, die auch auf materielle Unterstützung aus dem Familien- und Bekanntenkreis Kafkas angewiesen war.

Als Ursachen für Kafkas Bindungsangst vermutet man in der Literatur neben seiner nahezu fanatischen Arbeitsweise (also dem Zwang, allein und bindungslos sein zu müssen, um überhaupt schreiben zu können) auch Impotenz (Louis Begley) und Homosexualität (Saul Friedländer).

Franz Kafkas Durchbruch, „Das Urteil“
In der Nacht vom 22. auf den 23. September 1912, brachte Kafka die Erzählung „Das Urteil“ in nur acht Stunden während einer Zugfahrt zu Papier. Laut einer späteren Beurteilung in der Literaturwissenschaft, fand Kafka damit thematisch und stilistisch, endlich zu seiner Mitte.

Sogar Kafka sagte dazu später selbst:
„Nur so kann geschrieben werden, nur in einem solchen Zusammenhang, mit solch vollständiger Öffnung des Leibes und der Seele“.

Auch die unverminderte Wirkung der Geschichte, nach wiederholtem Vorlesen – nicht nur auf Zuhörer, sondern auch auf ihn selbst – bestärkte Kafka in seiner Überzeugung, wirklich Schriftsteller zu sein.

Damit leitete "das Urteil" auch Kafkas erste längere Kreativphase ein. Rund zwei Jahre später folgte dann auch die Zweite. In der Zeit dazwischen litt Kafka allerdings volle eineinhalb Jahre, wie später auch, unter einer Periode literarischer Dürre. Deshalb blieb für ihn auch zeitlebens eine mögliche Existenz als „bürgerlicher Schriftsteller“, womit er sich und noch eine eigene Familie dazu ernähren könnte, in unerreichbarer Ferne.

Seine beruflichen Verpflichtungen können aber nicht allein als Schreibhindernisse für ihn gesehen werden. Denn er hatte seine kreativsten Hochphasen oftmals ja gerade in Zeiten schlimmster, äußerer Krisen oder eben bei Verschlechterungen der allgemeinen Lebensverhältnisse (wie z.B. auch 1914 durch den Kriegsausbruch). Ausserdem wusste Kafka mit seiner „Manöver Strategie des Lebens“ die da lautete: Vormittags Büro, nachmittags schlafen und nachts Schreiben – was es bedeutete, seinen kreativen Freiraum zu verteidigen.

Einer anderen gängigen These zufolge war Kafkas Leben und Schreiben nach der Entstehung des Urteils auch dadurch gekennzeichnet, dass er dem gewöhnlichen Leben zu entsagen versuchte, um sich ganz dem Schreiben zu widmen. Für diese stilisierte Opferung liefert er sogar selbst in den Tagebüchern und Briefen reichlich Material.

Anders als beim "Urteil" war sein künftiges Schaffen leider häufig eher quälend und stockend.

Folgendes Tagebuchzitat spiegelt das auch deutlich wieder:
„Kein Wort fast, das ich schreibe, passt zum anderen, ich höre, wie sich die Konsonanten blechern aneinanderreihen und die Vokale singen dazu wie Ausstellungsneger. Meine Zweifel stehen um jedes Wort im Kreis herum, ich sehe sie früher als das Wort, aber was denn! Ich sehe das Wort überhaupt nicht, das erfinde ich.“

Kafkas Konfrontation mit der Judenfrage
Durch seinen Bekanntenkreis, vornehmlich aber durch Max Brods Engagement für den Zionismus, wurde Kafka auch häufig mit der Frage zum Judentum und den Kontroversen über die Assimilation der westlichen Juden konfrontiert.

Seine Sympathie für die ostjüdische Kultur ist mehrfach dokumentiert. Als Schriftsteller belegte er somit alles „explizit Jüdische", mit einem Tabu. Der Begriff kommt daher in seinen literarischen Werken nicht vor.
Dennoch interpretiert sein Biograph Reiner Stach, die Lufthunde in Kafkas Parabel Forschungen eines Hundes, als das jüdische Volk in der Diaspora.

Zeitlebens war Kafka sogar entschlossen, nach Palästina auszuwandern und lernte zu diesem Zweck sogar intensiv Hebräisch. Doch sein, sich stetig verschlechternder Gesundheitszustand hinderte ihn 1923 abermals daran, seine ernsthaft geplante Übersiedlung nach Palästina tatsächlich umzusetzen.  

Reiner Stach resümiert daher:
„Palästina blieb ein Traum, den sein Körper zunichte machte.“

Franz Kafka, Krankheit und Tod
Im August 1917 erlitt Kafka einen nächtlichen Blutsturz. Daraufhin stellte man eine Lungentuberkulose fest. Unheilbar zur damaligen Zeit.

Doch zunächst besserten sich die Symptome wieder. Im Herbst 1918 erkrankte Kafka allerdings auch an der „Spanischen Grippe“, die schlussendlich eine mehrwöchige Lungenentzündung nach sich zog, was seinen Gesundheitszustand nachträglich verschlechterte.

1923/24, während seines Aufenthaltes in Berlin, griff seine Tuberkulose dann auch den Kehlkopf an, wodurch Kafka allmählich sein Sprechvermögen verlor und bald nur noch unter starken Schmerzen Nahrung und Flüssigkeit zu sich nehmen konnte. Ein operativer Eingriff war ausserdem wegen seines schlechten Allgemeinzustands nicht mehr möglich.

Am 3. Juni 1924 erlag er im Sanatorium Kierling/ bei Klosterneuburg, schlussendlich einem Herzversagen.

Einflüsse auf Franz Kafkas literarisches Schaffen
In Grillparzer, Kleist, Flaubert und Dostojewski glaubte Franz Kafka seine literarischen „Blutsbrüder“ gefunden zu haben.

Gustave Flaubert übte den größten stilistischen Einfluss auf Kafka aus. Denn wie er, habe auch Kafka wohlgefällige Prosa verabscheut. Stattdessen benutzte er lieber die Sprache als Werkzeug.

„Gern entnahm er seine Begriffe dem Wortschatz der Juristen und Naturwissenschaftler und verlieh ihnen eine gewisse ironische Genauigkeit, ein Verfahren, mit dem auch Flaubert eine einzigartige dichterische Wirkung erzielt hatte.(Zitat: Nabokov)

Ausserdem beschäftigte sich Kafka auch sehr intensiv mit Friedrich Nietzsche.

Im Besonderen dessen Hauptwerk: Also Sprach Zarathustra, schien ihn immer sehr gefesselt zu haben.

Über den dänischen Philosophen Søren Kierkegaard (Dessen Antrieb und Basisthema stets der "Schwermut" gewidmet war), schreibt Kafka in seinem Tagebuch  sogar:
„Er bestätigt mich wie ein Freund.“

Über umfangreiche Lektüre hat sich Kafka besonders intensiv auch mit der jüdischen Religion auseinandergesetzt. Besonders interessierten ihn darin, die religiösen Sagen, Geschichten und Handlungsanleitungen, welche ursprünglich nur mündlich überliefert worden waren.

Quellenangaben

Wer noch mehr über ihn wissen möchte; Hier die Hauptquelle;
Franz Kafka

Weitere Quellen:
Peter-Andrè: Franz Kafka - Der ewige Sohn
Luise Begley: Die ungeheure Welt die ich im Kopfe habe. Über Franz Kafka.

Wünsche euch allen noch einen angenehmen Abend und einen tollkühnen Literaturrutsch ins neue Jahr!

GLG. Evelucas


Zuletzt von Evelucas am Do 7 Sep 2017 - 12:11 bearbeitet; insgesamt 2-mal bearbeitet

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01 Franz Kafka und sein Schaffen :: Kommentare

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Beitrag am Mo 17 Okt 2016 - 18:44 von Jascha

Ich freue mich sehr, dass Franz Kafkas Leben und Wirken hier in dieser ausführlichen Weise gewürdigt wurde. Vielen Dank, Evelucas. 

In einem Brief an Oskar Pollak schrieb Franz Kafka 1904 unter anderem:
" ... Mein Gott, glücklich wären wir eben auch, wenn wir keine Bücher hätten, und solche Bücher, die uns glücklich machen, könnten wir zur Not selber schreiben. Wir brauchen aber Bücher, die auf uns wirken wie ein Unglück, das uns sehr schmerzt, wie der Tod eines Menschen, den wir lieber hätten als uns, wie wenn wir in Wälder verstoßen würden, von allen Menschen weg, wie ein Selbstmord, ein Buch muß wie die Axt sein für das gefrorene Meer in uns".

Ein Buch - eine Axt für das gefrorene Meer in uns ... Schreiben war kein Hobby für Kafka, es war "Lebensrettung". Als ich im letzten Jahr in Prag im Kafka-Museum war, versuchte ich nachzufühlen, wie es wohl sein muss unter diesem "Motto" zur Feder zu greifen. Es ist mir nicht leicht gefallen. Was ich mir aber gut vorstellen konnte, war, dass er sich von den geliebten Frauen zu sehr ablenken ließ, dass ihm das Sorgen bereitete, ihn viel Kraft kostete, die er doch für das Schreiben so dringend brauchte.

Für mich ist Kafka einer der bedeutendsten Schriftsteller, auch wenn oder gerade weil seine Texte "beißen und stechen" - wie er anderer Stelle fordert.

Liebe Grüße, Jascha

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Beitrag am Di 18 Okt 2016 - 15:56 von Evelucas

Wow, vielen, vielen herzlichen Dank Jascha, für dieses tolle Kommentar.
Ich mag Kafka, also zumindest aus dem literarischem Auge heraus betrachtet. 
Wie er natürlich privat war, darüber lässt sich nur spekulieren. Ich glaube er war ein sehr, sehr anstrengender Mensch, launisch und oftmals vermutlich auch unberechenbar. Zugleich bin ich aber auch überzeugt davon, dass er ebenfalls ein sehr "empfindsamer Geist" war, was sich für mich dann eben auch in seinem Verhalten gegenüber dem weiblichen Geschlecht ausdrückt. Und ich glaube, es war eben dieses eher zurückhaltende und doch eher verschlossene in seinem Wesen, dass ihn überhaupt erst so unberechenbar machte. Er war ja irgendwie auch kein so recht "mutiger" Mensch, den meisten Frauen hat er brieflich mitgeteilt, dass er sie nun doch nicht heiraten will. Very Happy

Als Literat jedoch, war er wirklich ein einzigartiger Mann. Ja, schreiben war für ihn eher eine Therapie, eine die er dringend brauchte, ein Stützpfeiler in seinem Leben, da er in seinen Texten oftmals alles herausschreiben und in fiktive Geschichten packen konnte, was immer ihn gerade belastete und musste darin aber auch zugleich nicht unbedingt "gesellschaftlich funktionieren". Ich schätze, es war eben genau das, wovon er sich beim Schreiben befreien konnte. Das es ihm dennoch oftmals so schwer fiel, seine Geschichten, Gedanken usw. zu Papier zu bringen, hatte auch etwas mit seinem dennoch stark ausgeprägten "gesellschaftlichen und privatem Pflichtbewusstsein" zu tun, dass ihm ja in vielerlei Hinsicht auch schon innerhalb seiner Erziehung (strenger, jähzorniger Vater – liebende, jedoch eher passive Mutter uvm.), mitgegeben wurde. Und niemals aus dem Auge verlieren, darf man hinzu noch die Zeit, in dieser Kafka lebte. Da war so vieles los, dass wir uns heute so gar nicht mehr vorstellen können und auch ganz und gar nicht wieder zurück wünschen würden.

Schade finde ich nur, dass ich oftmals viele Passagen innerhalb seiner Texte, wirklich kaum verstehe oder seine plötzlichen Erzählsprünge nicht nachvollziehen kann. Meistens wird es besser, wenn ich ein und denselben Text von ihm, einfach öfter im Zuge einer Woche nochmal und nochmal lese. So ganz jedoch gelingt es mir nie, dass Geheimnis oder den ganzen Sinn (mit Ausnahme jener Erzählungen, die sich eindeutig mit seinem komplizierten Vater-Sohn Verhältnis befassen), seiner Texte zu ergründen. Gerade das fasziniert mich allerdings auch an seinem literarischen Schaffen, drum starte ich jedes Jahr wieder von neuem einen mindestens eine Woche andauernden Versuch, wieder einmal in seine Schaffenswelten einzutauchen.

Er ist für mich einfach eine jährlich, immer wiederkehrende literarische Herausforderung. Nur deshalb hielt ich es auch für so derart wichtig, ihm auch hier ein "kleines, literarisches Denkmal" zu setzen und finde es unglaublich toll, dass dieses nun auch wirklich mal mit einem solchen Kommentar gewürdigt wird. 
Also nochmals vielen Dank, Jascha.

GLG. Evelucas

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Beitrag am Mi 19 Okt 2016 - 9:51 von A.C.Greeley

Ich finde es bewundernswert, wenn man sich tatsächlich die Zeit nimmt, um sich mit solch großen Denkern wie Kafka auseinanderzusetzen.
Er war nie mein Fall, dennoch wagte ich mich ständig über seine Werke, nur um wiederholt festzustellen: Er ist nicht mein Fall. Laughing Dennoch war er ein herausragender, großartiger Literat, der in seinen Werken immer derart zum Denken anregt, dass bis heute jeder Leser (auch die widerwilligen) sehr viele Interpretationsmöglichkeiten seiner oftmals verworren wirkenden Geschichten haben.
Die Geschichte, die mich am meisten 'beschäftigt' hat, war 'Der Prozess', eines von den drei unvollendeten und postum veröffentlichen Werken Kafkas. Dieses Werk passt sowohl zu der damaligen Zeit um 1914/15 wie auch in die Gegenwart, also wenn man möchte.
Die Geschichte ist an und für sich furchtbar: furchtbar anstrengend, furchtbar psychoanalytisch und sehr wohl auch furchtbar politisch, aber sie hat auch viele furchtbar komische Details - man beachte ein Loch im Boden eines Gerichtsaales, die Mädels, die so quasi 'auf dem Silbertablett' serviert werden - den Richter, der Pornohefte statt Gesetzesbücher studiert, oder die 'Vollstrecker' die eher wie alte Herren aus der entwachsenen Sängerknabenliga wirken. Dann wäre da noch die Charlie Chaplin-Einlage, als ein alter Beamter die ankommenden Anwälte (Advokaten) genervt über die Stufen hinunterwirft. Und die armen Schweine wollen sich nicht öffentlich gegen den Herrn stellen, sondern lassen sich immer und immer wieder vom Beamten über die Stufen werfen, bis dieser endlich irgendwann ermüdet (na, klingt doch sehr nach dem heutigen Behördenkram, oder nicht?)
Man kann jedenfalls, wie so viele Werke von ihm, auch dieses unter verschiedenen Aspekten betrachten, und dass ist eigentlich das, was Kafka für mich ausmacht. Laughing

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Beitrag am Mi 16 Nov 2016 - 9:27 von Jascha

Seine Parabeln sind es, die mein Interesse für Kafkas Texte geweckt und wach gehalten haben, so zum Beispiel "Kleine Fabel" oder "Aufbruch" ... das Gefühl, eigentlich keine Wahl zu haben und dennoch weiter zu laufen, bzw. weggehen zu wollen, ohne das Ziel wirklich formulieren zu können, weil einen eh keiner versteht/ verstehen kann ...

Ich mag Texte, die mich immer wieder wegstoßen, mich zum Nachdenken zwingen, mir aber auch Anregungen liefern, mich aufwecken ...

Unter den Parabeln gibt es einige, die ich immer wieder lese, auch die "Strafkolonie" und die "Verwandlung" sind anregend für mich.

Den "Prozess" habe ich nur begonnen zu lesen und abgebrochen, vielleicht sollte ich es erneut versuchen?

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