Weihnachten wie damals

Vorheriges Thema anzeigen Nächstes Thema anzeigen Nach unten

191215

Beitrag 

Weihnachten wie damals




Weihnachten wie Damals
von A.C. Greeley


Das kalte Licht flackerte und zauberte schattenhafte Figuren auf die kahlen, grauen Wände.
»Die Stromversorgung scheint wieder ein bisschen gestört, Lindy. Bitte schau einmal nach, ob die Hauptstromschalter abgedreht sind.« Die brüchige Stimme klang müde, dennoch lag noch ein wenig Leben darin.
»Ja, Urgroßvater, ich schau schon. Mach dir keine Sorgen. Wir haben auch noch Wachslichter, falls unser Stromnetz wieder zusammenbricht« Eine schlanke Frau etwa Ende dreißig erhob sich und verließ den grauen Raum.
Der alte Mann nickte leicht. 
»Achja, Wachslichter sagt ihr ja dazu. Wir nannten sowas damals Kerzen.« Seufzend lehnte er sich zurück, während längst vergessene Bilder von Tannenbäumen, Schneeflocken und liebevoll gestaltete Weihnachtsbäckereien vor seinem geistigen Auge entstanden. Es musste ungefähr um diese Zeit im Jahr herum gewesen sein.
»Ja, das war herrlich, Weihnachten mit der ganzen Familie.« Doch das war schon sehr sehr lange her ... Nur schemenhafte Erinnerungen an diese schöne Zeit waren noch vorhanden. Damals, vor fast hundert Jahren, als er noch Weihnachten erleben durfte.
Ein leichtes Knarzen erklang in seiner Nähe als sich sein Urenkel Kenneth, ein kleiner stämmiger Junge, von seinem Platz am Tisch erhob. 
Zaghaft trat er an den alten Lehnstuhl, in dem die gebeugte Gestalt seines Urgroßvaters saß. 
»Schau mal, ich hab ein Buch gefunden. Ich hab da was gelesen von Schnee und Weihnachten.« Schüchtern hielt er dem alten Mann ein zerfleddertes Buch hin. 
»Und du hast gerade etwas von Weihnachten gesagt. Was ist das, Urliopa?« 
Verwundert blinzelte der Angesprochene, als er dem Jungen das uralte Zeugnis einer fröhlicheren, längst vergangenen Zeit vorsichtig aus den Fingern nahm.
»Ein Buch. Sieh mal einer an« Ein sachtes Leuchten, einer weichen Kerzenflamme gleich, erschien in den von zahlreichen Falten umrahmten Augen. 
»Na so was. Woher hat Mama denn das?« Andächtig fuhr er über das ehemals feste Cover, zog sanft die nur mehr matten, verblichenen Reste eingravierter, goldener Buchstaben nach, ehe er vorsichtig das Buch aufblätterte. Die Seiten waren teilweise eingerissen und einige fehlten komplett. Leise Wehmut schlich sich in sein Herz. Es war schon viele Jahre her, das er zuletzt so etwas gesehen hatte.
»Ich habe das in der alten Kiste gefunden. Ähm, die ... na, du, äh, du weißt schon, die verbotene Kiste«, wisperte er.
Der kleine Junge klang schuldbewusst, doch der alte Mann lächelte sachte. 
Die verbotene Kiste also. Jaja ...
»Aber Mama hat das hier vorher da raus genommen. Schau mal.« Kenneth hielt dem alten Mann etwas silbrig Glitzerndes hin. Es war klein und hatte mehrere Zacken. Ein seltsames Ding, doch irgendwie gefiel es ihm.
»Das ist ein Weihnachtsstern, mein Junge. Wie die Sterne am Himmel, die in der Ferne leuchten.« Ein sehnsuchtsvolles Leuchten in den Augen des alten Mannes machte Kenneth neugierig.
»Was ist das, ein Stern, der in der Ferne leuchtet?« Aus großen Augen starrte der Junge den alten Mann an.
»Oh, das kennst du ja auch nicht.« Urliopa streckte seine Hände nach dem schmiedeeisernen Ofen aus, der eine angenehme Wärme verströmte. Er fror immer so viel, obwohl die eigene Wärmeversorgung in dem ausgebauten Bunkerkomplex stets in Betrieb war. Aus diesem Grunde besaß er auch dieses alte Relikt einer längst vergangenen Zeit.
»Pass auf, mein Junge. Setz dich her, dann erzähle ich dir, was Weihnachten ist, und was Sterne sind. Und Schnee.«
»Von Schnee hab ich schon was gelesen«, meinte der Junge altklug, während er sich auf dem kleinen Hocker zu den Füßen des alten Mannes setzte.
»Ist er wirklich so kalt wie Eis, und stimmt das, das er weiß ist?«
»Ja, Kenneth, das stimmt. Aber höre zu.«
Der alte Mann lehnte sich zurück und versuchte sich zu erinnern.
»Damals konnte man noch raus und in der Natur herumlaufen, weißt du? Die Natur war sehr schön. Da gab es im Sommer Blumen und grüne Wiesen, Bäume in allen Schattierungen. Im Herbst waren alle Blätter bunt. Gelb, rot und später braun und im Winter, da gab es Schnee, der vom Himmel fiel, und Kälte ließ unsere Wangen erröten. Wir bauten Schneemänner, fuhren mit Schlitten. Und wenn der Himmel wolkenlos war, leuchteten am Abend, wenn die Sonne verschwand, unzählige Lichter am Himmel. Das waren die Sterne.«
Aufmerksam blickte der Junge ihn an. Er konnte es kaum erwarten, mehr zu hören, und der alte Mann fuhr, ganz in seiner Erinnerung versunken, fort.
»Ja, ich sehe es noch manchmal in meinen Träumen. Da gab es einen Weihnachtsbaum, mit Kerzen darauf, und der Schnee fiel kalt vom Himmel. Er war weiß, so wie meine Haare. Es gab Zimtsterne und Kekse, die schmeckten so gut und im ganzen Haus, du weißt schon, das mit den Fenstern, wo man raussehen konnte, und den hellerleuchteten Zimmern, da duftete es herrlich. Tausende Lichter erstrahlten, und es gab rundherum nur glückliche Gesichter.« »Urliopa, was ist denn ein Weihnachtsbaum?« Der kleine Junge hoffte, das der alte Mann noch mehr erzählen würde. Das klang alles so schön.
»Der Weihnachtsbaum war sowas wie das hier.« Der Alte wies auf eine Seite im Buch, wo ein Tannenwäldchen abgebildet war. 
»Jedes Jahr wurde einer für uns gefällt und den schmückten wir mit Sternen und schimmernden Kugeln, Strohschmuck und Porzellanfiguren.«
Auf einmal fühlte sich der alte Mann beschwingt, wie schon lange nicht mehr, und in seiner Brust breitete sich ein warmes Gefühl aus.
»Damals gab es Frieden in den Herzen aller Menschen und die Familien kamen zusammen, um gemeinsam zu feiern. Weihnachen war das schönste Fest im Jahr. Wir Kinder naschten Kekse und warteten auf die Bescherung.« Er lächelte sachte bei dieser Erinnerung, und seine Augen glänzten. Niemals würde er diese glückliche Zeit vergessen.
»Was ist die Bescherung, Urliopa?«
»Ach ja, das kennst du ja auch nicht.« Andächtig fuhr der Alte mit seiner Erzählung fort.
»In Österreich nannte man es Bescherung, wenn das Christkind Geschenke brachte. Keiner von uns sah das himmlische Kind im goldschimmernden Kleid mit den langen hellen Haaren, wenn es kam. Doch wir alle mussten irgendwann an diesem Heiligen Abend, dem Weihnachtsabend, aus dem Zimmer gehen, wo der Baum aufgeschmückt bereitstand. Dann begann das Warten aufs Christkind. Und wenn das Glöckchen erklang, dann durften wir wieder zurück in den großen Wohnraum. Und siehe da, unter dem hell erleuchteten Baum lagen viele bunte Päckchen. Da war für jeden eines dabei. Und gesungen haben wir auch.« Auf einmal war dem alten Mann gar nicht mehr so kalt.
Kenneth legte eine kleine Hand auf den Arm seines Ururopas. 
»Und was habt ihr gesungen?«
»Also gesungen haben wir ... warte mal ...« Er dachte nach, ehe er endlich mit brüchiger Stimme ein Lied anstimmte.

»Stille Nacht, Heilige Nacht,

alles schläft,
einsam wacht, nur das traute hochheilige Paar, Holder Knabe im lockigen Haar, schlaf in himmlischer Ruh‘, schlaf in himmlischer Ruh ...«

Dem Jungen wurde eigenartig warm ums Herz, als er die feierlich klingenden Worte aus dem Munde seines Urliopas hörte und er fühlte sich auf einmal traurig und glücklich zugleich. Das war so schön, wieso sangen sie hier nicht noch viel mehr? Singen konnte man doch immer, oder nicht?
»Ja, das war das Lied, es erzählt vom Jesus Kind.« Betrübt hielt der Alte inne.
Kenneth spürte die Stimmung seines Ururopas.
»Wieso wird das nicht mehr gefeiert? Also das Weihnachten?«
Für einen Augenblick wurde es ganz ruhig im Raum. Das brennende Zeug im alten Ofen seines Urliopas knackte leise und Kenneth hörte die sachten Schritte seiner Mama, die soeben vom Stromaggregat zurückkehrte.
Leise seufzend fuhr der alte Mann fort. 
»Da gab es einmal einen ganz großen Krieg. Und die Bombe ist hinuntergefallen, diese große Atombombe. Damals haben wir alle hier runter müssen. Und hier leben wir jetzt. Nichts mehr mit Schnee oder mit Zimtsternen. Nichts mit den glücklichen Gesichtern und den vielen Sternen und nichts mehr mit ... mit Weihnachten.«
Kenneth war nun auch traurig.
»Ich ... ich glaube, ich würde gerne Weihnachten feiern, so wie du damals ...«
Lindy war zu ihrem Uropa getreten und umarmte ihn. Kleine Tränen stahlen sich in ihre Augenwinkel. Kenneth sah auf einmal so traurig aus, aber zuvor war er doch noch glücklich gewesen.
Ein unbekümmertes Kind ...
Leise begann sie das Lied weiterzusingen, das sie damals noch von ihrer Urgroßmutter gelernt hatte ...

»Stille Nacht, Heilige Nacht ...
Hirten erst kundgemacht ...«


Zuletzt von A.C.Greeley am Do 24 Dez 2015 - 22:12 bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet
avatar
A.C.Greeley
Admin
Admin

Anzahl der Beiträge : 207
Punkte : 1171
Anmeldedatum : 27.11.14
Ort : Wien

http://www.aceyw-greeley.eu/

Nach oben Nach unten

- Ähnliche Themen
Diesen Eintrag verbreiten durch: diggdeliciousredditstumbleuponslashdotyahoogooglelive

Weihnachten wie damals :: Kommentare

avatar

Beitrag am Mo 21 Dez 2015 - 12:53 von Drita1

Super Geschichte, sehr berührend und, nun ja, wohl auch nicht soo weit weg von der Realität unserer Zukunft, wenn das hier auf der Welt so weitergeht wie bisher. 
Keine so tolle Vorstellung.
Aber, genau deshalb verdräng ich das jetzt einfach und erfreu mich daran, dass es noch nicht so ist. 
Meine Votestimme hast du jedenfalls liebe Agnete C. Greeley, denn diese Geschichte finde ich wirklich richtig, richtig "Wunderschön".

Liebe Grüße,
Drita

Nach oben Nach unten

Vorheriges Thema anzeigen Nächstes Thema anzeigen Nach oben


 
Befugnisse in diesem Forum
Sie können in diesem Forum nicht antworten