Drehbuch für Paps

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061215

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Drehbuch für Paps





Ein Drehbuch für Paps!
Drita Kalmandi


Die Hiobsbotschaft war heraus, der erste Schock äusserst präsent, die Stimmung bis zum Zerreißen angespannt, aber noch saßen alle zusammen am Frühstückstisch.
»Du hast WAS?!«, durchbrach da Ted Nola den stummen Bann.
Er konnte nicht fassen, dass ihm seine Tochter so in den Rücken gefallen war. Aber noch minder, dass Helene, seine Frau, sogar auf ihrer Seite zu stehen schien.
»Ja, richtig“, gab Celina entschieden zurück. »Ich habe mein Betriebswirtschaftsstudium hingeschmissen, mit einem Drehbuchskript an dieser Ausschreibung teilgenommen und das Stipendium für die Theaterschule gewonnen. Nächstes Jahr soll es aufgeführt werden. Mama hat das Aufnahmeformular schon unterschrieben. Jetzt fehlt nur noch deine Unterschrift.«
„Nein“, entgegnete Ted barsch. „Ich werde nicht dabei zusehen, wie du dein Leben für einen schier lächerlichen Traum wegwirfst. Ich dachte, wir hätten das zu genüge durchgespielt. Du wirst das Studium wieder aufnehmen, beenden, einen Job in der Firma bekommen und in meine Fußstapfen treten!“
„Nein!“, schrie Celina. „Vergiss es! Ich werde keinen Job machen indem es nur um Macht, Geld, Macht, Geld und nochmals Geld geht. Kulturlos und familienfeindlich ist das! Da mach ich nicht mit!«
Ted rastete aus.
»Jetzt reichts, Celina! Ich führe ein anständiges Unternehmen, wage es nicht das noch einmal in Frage zu stellen!«
»Pah! Von wegen anständig! Du stehst kurz davor deine Familie zu verlieren und merkst es noch nicht einmal! Wach auf! Wann kamst du nach der Arbeit zuletzt heim, als noch Licht brannte oder um mit uns zu Abend zu essen? Kennst du Mamas jüngste Gemälde schon? Wann hast du zuletzt einen Fuß in ihr Atelier gesetzt oder eine ihrer Ausstellungen besucht? Und den letzten Text von mir, hast du wann gelesen? Vor fünf Jahren, da war ich gerade dreizehn. Und ich weiß das, weil es deine Worte waren, die mich damals glauben ließen ich hätte Talent dafür! Und da ich schon mal so schön in Fahrt bin – kennst du auch nur ungefähr meinen miesen Notendurchschnitt? Sollte dich der nicht interessieren, bevor du mir eine Stelle in der Firma zusagst?«
Celina legte eine Pause ein, um mal tief durchzuatmen, ehe sie zornig fortfuhr.
»Wann hast du überhaupt zuletzt etwas gemacht, was Väter sonst tun?!« Inzwischen standen Tränen in ihren Augen.
»Ich soll mein Leben nicht für einen Traum wegschmeißen? Gut, dann schmeiß ich es eben für NICHTS weg! Aber ich setze keinen verdammten Fuß in deine starre Firmenwelt. Lieber warte ich bis zu meiner Volljährigkeit. Danach brauch ich dein Einverständnis für gar nichts mehr!«
Sie sprang wütend auf, hinter ihr krachte der Sessel zu Boden.
»Ich werde dieses Studium nicht wieder aufnehmen!«
Dann schnappte sie sich ihre übergroße Tasche und stürmte aus der Küche. Kurz darauf hörte man die Haustüre zuknallen und sie war weg.
Ted wollte sofort hinterher, da verstellte ihm Helene den Weg.
»Wage es nicht“, fauchte sie. »Du hast nicht das Recht ihre Träume zu ruinieren, nur weil du keine mehr hast! Steig von deinem hohen Ross und versuch sie wenigstens zu verstehen. Könntest zum Bespiel anfangen, zuerst mal ihr Manuskript zu lesen, bevor du das nächste Mal austickst! Vielleicht erinnerst du dich dann wieder, wie gut du selbst mal schreiben konntest«.
»Lass das!«, schnauzte Ted sie an. Er hasste es, wenn sie ihn daran erinnerte.
Wie Seifenblasen waren all seine Träume zerplatzt, als der Vater starb. Er hatte keine andere Wahl gehabt, als die Firma zu übernehmen.
»Entschuldige..., Liebes«, lenkte er sofort resignierend ein. »Lass uns das bitte später besprechen, wenn ich aus der Arbeit zurück bin«.
Und so klaubte auch er seine Sachen zusammen, um sich auf den Weg zu machen. 
An der offenen Türe wandte er sich noch einmal um.
»Das Thema ist noch nicht vom Tisch. Ich habe nur jetzt keinen Kopf dafür«, dann ging er zum Wagen.
»Dann hoffen wir mal, dass du es heute besser bis zum Abendessen schaffst und nicht erst, wenn wir vor dem Scheidungsrichter stehen«, versetzte Helene da.
Schon knallte auch hinter ihm die Türe ins Schloss.
Ted fluchte lautstark, drauf und dran nun gegen die Fahrertür seines Wagens zu treten.
Zum Teufel! Er hasste es, so den Tag zu beginnen.
Schlechtgelaunt fuhr er los.

Als er eine halbe Stunde später aus dem Wagen stieg, wollte er die Firma wie üblich durch den hinteren Eingang betreten. Da stellte er ärgerlich fest, im morgendlichen Tumult den Schlüssel dazu vergessen zu haben.
Ihm blieb also nichts anderes übrig, als den Haupteingang zu benutzen, wofür er zuerst das gesamte Firmengebäude umrunden musste.
Als er den ersten Fuß auf den Gehsteig setzte, befiel ihn jedoch ein merkwürdiger Schwindel. 
Plötzlich fand er sich inmitten einer heiter vor sich hinkichernden Schülertraube wieder, die ihn beinahe niedergerannt hätte.
»Habt ihr keine Augen im Kopf!«, schimpfte er gereizt.
Doch keiner würdigte ihn eines Blickes.
Irritiert blickte er den Jugendlichen hinterher, da erkannte er schockiert, wie verändert mit einem Mal alles war.
Die sonst stark befahrene Straße bot sich autoleer dar, stattdessen tummelten sich massenhaft Fußgänger darauf. 
Auf den Gehsteigen hatten Märkte Stellung bezogen.
Lächelnde Verkäufer unterhielten sich vergnüglich mit ihren Kunden und von der gegenüberliegenden Straßenseite, schlug Ted auch noch eine Duftwolke aromatischer Zuckerstangen, kandierter Früchte, gebratener Nüsse und frischem Süßgebäck entgegen.
Wo sich tags zuvor noch ein riesiges Industriegelände aus verdreckten Stahlbetonplatten befunden hatte und stinkende Industrie, übel riechende Abwasser sowie giftige Abgase die Luft verpesteten, schien über Nacht eine riesige Grünanlage emporgewachsen zu sein.
Eng nebeneinander gewachsene Laubbäume säumten hübsche Spazierwege. Kindergekicher, fröhliches Vogelgezwitscher und lebhaftes Hundegebell schwirrte durch die Luft.
Da waren schwebende Mary Poppins-Gestalten, die mit Regenschirmen umher surrten, lauter Roger Rabbits, die Betty Boop anhimmelten und eine My fair Lady, die die grün grünenden, blühenden Blüten Spaniens besang. Indessen blickten sogar mehrere rocklockige Annies, abgöttisch bewundernd zu ihren millionenschweren Adoptivpapas auf.
Sprachlos fiel Teds Blick auch auf mehrere Opern-Phantome, die sich gerade abmühten, ihre Lieblingsgesangstalente in eine Welt der Finsternis hinab zu locken, während bodygepaintete Na‘vi, phantastische Messen unter dem größten aller Bäume begingen.
»Was ... zum ... soll ...?«
»... zum Henker ist ...?«, er stand kurz davor, völlig überzuschnappen.
Da wandte er sich, einer seltsamen Eingebung folgend, nun auch dem Haupteingang seiner Firma zu und erstarrte. Denn da war keine Firma mehr. Fassungslos gaffte Ted stattdessen auf eine abgewrackte Ruine, in der sich haufenweise Tauben und Krähen tummelten.
»Was zum ..., Teufel!«
Ihm war, als hätte man ihm in den Bauch getreten und seine Eingeweide verknotet, dann seine Lunge zermalmt, mit einem Kübel Eiswasser übergossen und ihn mit dem Gesicht voran in glühendes Magma gequetscht. Geschockt wandte er sich wieder dem restlichen surrealen Treiben zu und wollte nur noch wissen: In wessen Albtraum bin ich hier gelandet?
Am meisten trieb Ted aber die bannende Anziehungskraft der ausladenden Bühne, am anderen Ende der Straße in den Wahnsinn. 
Ein pulsierendes Leuchten ging von ihr aus und tauchte die befremdliche Kulisse insgesamt in güldenen Schein. Doch er wollte all das gerade nur sprengen.
Beleidigender fand er daher nur noch, wie abrupt dieses Leuchten direkt vor seinen Füßen endete. Als stünde immer eine transparente Wand aus goldenem Licht, zwischen ihm und dieser anderen Welt, egal, wohin er sich gerade bewegte. Als sei er ein Aussätziger. Ein Geschöpf, das in dieser anderen bunten Welt einfach nicht willkommen war.
Was geht hier vor?, fragte er sich abermals.
»Ach, mach dir nich‘s draus!«, riss ihn plötzlich jemand aus seinen Überlegungen.
»Als ich war wie du, wollten die mich auch nich‘s haben«.
Irritiert wirbelte Ted‘s Kopf zu dieser Stimme herum, nur um sogleich wieder zurückzuschrecken, als er direkt in dieses verlebte, von roten Äderchen durchzogene, faltige sowie aufgequollene Gesicht starrte.
Für den Bruchteil einer Sekunde war ihm, als stünde der Geist seines Vaters leibhaftig vor ihm. Die Ähnlichkeit war verblüffend.
Erst als er in diesen traurigen, doch leuchtenden Augen auch Reue und Güte erspähte, wusste er - nein, das konnte nicht sein Vater sein.
»Hab aber dieselben Fehler gemacht«, kommentierte dieser Kerl plötzlich Ted‘s Gedanken.
»Wie bitte?«, jetzt, wurde ihm etwas unheimlich zumute.
»Ja doch, hast mich schon verstanden. Vater hat viele Fehler gemacht. Statt Talent zu fördern, hat er‘s verknetet, verformt, solange bis alles in seine Welt passte. Is doch so, oder?«
Ted rang um Fassung.
»Ich habe keine Ahnung wovon sie sprechen«, behauptete er schroff.
»Das würd ich mich nich‘s sagen getrauen. Wüsstest du, wer ich bin, hättest es auch nich‘s getan. Is aber auch nich‘s meine Aufgabe zu sagen. Steht nich‘s im Drehbuch so«, erklärte der Obdachlose da.
Wirres Zeug dachte Ted herablassend und maß den in Lumpen gekleideten Fremden mit arroganten Blicken.
Als ob das Leben in einem Drehbuch stünde.
Da grinste der Kerl zahnlos.
»Is so bei mir. Wäre sonst nie Teil von besonderer Welt da worden. Hab gesagt, als ich noch war wie du, sie mich auch nich‘s wollten«, erklärte der wieder und unterstrich seine Behauptungen mit einer etwas hölzernen, doch zugleich einladenden Geste in Richtung des bunten Film Szenarios.
Ted musterte ihn verständnislos. Doch er sprach ja auch mit einem bekloppten Obdachlosen, was hatte er also erwartet.
Dummerweise fühlte sich dieser trotzdem verpflichtet näher auszuführen, was er meinte.
»Ganze Welt is in Drehbüchern. Jede in‘nem and‘ren. Alles was hier siehst, is aus Drehbüchern. Du auch. Aber Drehbuch gefällt denen nich‘s so, wie es jetzt is. Noch nich‘s. Doch ohne Drehbücher, alles nich‘s wäre. Mir haben‘s böse Vorgeschichte umgehängt. Dafür nach lebendem Vorbild. Soll ich erzählen?«
Sofort hob Ted abwehrend beide Hände. 
Da packte ihn der Obdachlose überraschend fest am Arm.
»Besser, du hörst«, zischte er da und grinste erneut zahnlos.
»Setz dich gleich hier. Is schöne Geschichte, passiert nich‘s. Nur Geschichte, tut nich‘s weh, bisschen tragisch, aber am Schluss wieder  hübsch.“
Und noch bevor Ted wusste, wie ihm überhaupt geschah, saß er in seinem dunklem, teuren Anzug auch schon mitten auf dem verdreckten Gehsteig.
Ihm gegenüber nahm der Heimatlose Platz.
»Geschichte beginnt so. War erfolgreicher Geschäftsmann, wäre lieber Schriftsteller worden, wollt der Welt sinnvolles für‘s nachdenken geben. Hab sogar Frau und Kind gehabt. Tochter wars. Liebte Familie sehr. Konnte ihnen mit den Jahren aber nich‘s mehr zeigen. Weil kreatives Herz bald hin, kalt, hart. Seele litt. Ging soweit, bis mir alles egal. War für Kohle bereit über Leichen zu gehen. Als Tochter älter war, begann‘s mich zu hassen. War kein Vorbild mehr, nur noch Mensch, der sie nie werden wollt. Auch Frau hatte Schnauze bald voll vom wichtigtuerischen Gehabe. Hat zu lange geschaut, wie ich vergaß, wer bin, im Vergleich was aus mir geworden. Geld genug, aber in den anderen Augen, von denen die ich liebte, war ich nich‘s mehr, den sie mal liebten. Gaben mir warnende Signale deswegen, behielt aber Weg stur, der von scheußlichem Vater angezwungen. Weg, den ich nur zur Überbrückung tun wollt, bis richtiger Zeitpunkt da, um zu werden, wovon immer geträumt. Doch Vater starb, und da ich erkannte, richtigen Zeitpunkt verpasst. Konnt nich‘s mehr raus aus der dummen Sache. Geschäft war zu Fluch geworden. Nahm keine Zeit mehr für das Wichtigste. Familie und so. Bis bald nich‘s mehr übrig von mein Selbst. War nur noch wie Geschäft, statt Teil davon. Hab probiert mit Tochter auch zu machen. Spielte aber nich‘s mit und ich dann nich‘s mehr für sie tat. Aber sechs Monate nur. Da kamen die Einbrecher. Drogenkranke Freunde von Tochter. Danach plötzlich alles tot. Tochter, Frau. Nur ich noch da und auch wieder nich‘s. Hab selbst versucht tot werden. Fünftes Stockwerk und so,«
Nach diesem vorübergehend letzten Satz, wandte sich der Obdachlose schließlich der Firmenruine zu. 
Er zeigte auf einen Gebäudebrocken, der wohl mal ein übergroßes Fenster der oberen Stockwerke dargestellt hatte. 
Dann zuckte der Kerl seine Schultern und starrte auf einen imaginären Fleck am Gehsteig.
Ted musterte den Obdachlosen bestürzt.
Etwas leiser fuhr der Fremde dann leerträumend fort. 
»Hat nich‘s geklappt. Bettenlager Transporter mich abgefangen. War verletzt. Krankenhaus mich wieder gesund gemacht. Nur Körper, nich‘s mein Kopf oder Herz.«
Unwillkürlich erschauderte Ted, als ihm plötzlich der Gedanke kam, dass er diesen Mann einmal gekannt haben könnte. 
Damals, als diese Firma noch dem Vater gehörte.
Sein Vater hatte ihn schon als Kind zu Firmenmeetings mitgenommen. Sogar in Jene, bei denen Kinder nichts zu suchen gehabt hätten. Da verstand er noch nicht, was die grauen Firmeneminenzen und Vorstandsmitglieder so redeten. Doch er freute sich immer sehr, dass ihm die Sekretärin an solchen Tagen Notizblock und Stifte brachte, damit er zeichnen konnte, was er nie machte. Er schrieb lieber Geschichten auf den Block. 
Da erinnerte sich Ted plötzlich, wie verächtlich ihn der Vater dafür auch oft ausgescholten, den Notizblock weggenommen und in den nächsten Mülleimer befördert hatte.
»Geschichten sind was für Versager. Für Menschen mit nichts im Hirn, die in eine andere Welt flüchten. Realität schaut anders aus. Je früher du das begreifst, desto besser«, pflegte er dann gern zu sagen.
Erschrocken schüttelte Ted seinen Kopf. Verflucht! Warum wurde er ausgerechnet heute so oft an seinen verpfuschten Traum erinnert?
Angestrengt versuchte er sich wieder auf den Obdachlosen zu konzentrieren. Doch auch dessen Geist befand sich inzwischen fern dieser Welt, in einer fremden Vergangenheit.
»Alles verloren“, murmelte er abwesend. „Mich besoffen. Lange gesoffen. Wollte Geschäft auch nich‘s mehr. Hab‘s gezündet. Abgefackelt und wurde eingesperrt. Restliches Geld hab ich Schule geschenkt, die mein Tochter so gern besuchen wollt. Blieb auf der Straße daheim, bis Park kam, wo Drehbücher lebendig gemacht. Seither jeden Tag hier«.
Obwohl er Ted nicht mehr hätte erklären müssen, was er mit »hier« meinte, deutete er zur Grünanlage gegenüber.
»Jeden Tag erzähle dort anderen Kindern Geschichten jetzt. Solche, die ich Tochter nich‘s mehr erzählen kann oder Vater nie wollt. Bin berühmt inzwischen. Bezahlen mit Essen und was zu trinken. Manchmal auch mit Süßem oder duftenden Seifen. Viel glücklicher wieder. Kann jetzt trösten, unterhalten und zum lachen bringen. Is schön. Aber sicher schwer zu verstehen, für dich. Wird besser, wirst sehen. Wenn dir einfach vorstellst, ich du und du bald wie ich. Na ja, wer weiß schon«.
»Ähm... was?«, stutzte Ted.
»Och, nur so Gedankenspiel. Nich‘s vergessen, war mal wie du, bevor Drehbuch passierte. Deines vielleicht noch nich‘s richtig geschrieben. Musst verbessern. Geh jetzt. Anderen aufwarten mich.«
Schon war der Fremde auch aufgesprungen. 
Noch einmal schenkte er Ted sein zahnloses Lächeln, wandte ihm den Rücken zu, trat auf die Straße und damit auch in diesen güldenen Lichtschimmer. Wie ein Gespenst, das durch eine transparente Goldwand schlüpft.
Ted sprang auf und wollte dem Fremden hinterher, ohne zu begreifen warum. 
Doch als er auch seinen Fuß in dieses Licht setzte, überkam ihn derselbe Schwindel wie zuvor und plötzlich herrschte nur noch tiefe Nacht um ihn herum. 
Da passierte es.
Hysterisches Gehupe zuerst, Scheinwerferlicht, das in der Finsternis aufblitzte, ihn blendete, quietschende Reifen, und schon wurde er mit unvorstellbarer Wucht von den Füßen geschleudert. Lautes Gepolter stob durch seinen Schädel. Sein Körper rumpelte über eine Motorhaube, nur um dann hart auf dem kalten Gehsteig aufzuschlagen. Er stöhnte, hörte in weiter Ferne zwei Autotüren schlagen, hektische Schritte und eine entsetzte weibliche Stimme, die verzweifelt seinen Namen brüllte.

Erst Stunden später erwachte er aus tiefer Bewusstlosigkeit.
Inzwischen lag er in einem Krankenhausbett. 
Es dauerte etwas, bis ihm klar wurde wo er sich jetzt befand. 
Da setzten auch schon diese schrecklichen Kopfschmerzen ein und er stöhnte laut fluchend auf.
»Oh großer Gott, hab Dank!«, hörte er da Helenes zutiefst erleichterten Ausruf, noch bevor ihr Gesicht sein Blickfeld ausfüllte.
Als sie ihm eine Hand auf den Kopf legte, wurde er sich auch des Verbandes gewahr, den man ihm um den Schädel herum angelegt hatte. Folglich ebenso der Halsstütze, die ihm nur eingeschränkt erlaubte den Kopf zu drehen. Sowie zu guter Letzt noch seines verbundenen Armes, den man in einer festen Schlinge unter seiner Brust fixiert hatte.
»Was...?«, krächzte er mit trockener Kehle... ist denn passiert, wollte er fragen.
Da fiel ihm Helene mit bebender Stimme ins Wort. 
»Ich hab dich angefahren verflucht nochmal«, jammerte sie schuldbewusst drauflos.
Völlig aufgelöst berichtete sie ihm, wie er plötzlich mitten auf der Straße gestanden habe, doch da war es auch schon zu spät. Erst als er bereits leblos auf dem Gehsteig lag, hätte sie überhaupt begriffen, was da wirklich gerade passiert war. 
»Dabei wollten wir dich doch nur abholen. Dich notfalls zwingen nachhause zu kommen, mit wütenden Drohungen oder so. Ich habe im Büro angerufen, zuerst ging Niemand ran. Dann meldete sich Sam, deine Assistentin. Sie sagte, sie hätte dich den ganzen Tag noch nicht gesehen und dachte, du hättest dir einen freien Tag gegönnt. Ich hielt das für einen schlechten Witz. Dachte du hättest sie angewiesen, dass zu sagen und war stinksauer. Dann kam Celina, sie sah, dass du es wieder nicht zum Abendessen geschafft hattest und plötzlich konnte ich ihren zornigen Blick nicht länger ertragen. Ihr wart doch mal unzertrennlich! Also ließ ich alles liegen und stehen, holte unsere Jacken und erklärte, das wir dich jetzt einfach abholen würden. Dein Vater hat dir mit dieser verdammten Firma keinen Gefallen getan, Ted. Ich hasse ihn! Heute noch mehr, als zu seinen Lebzeiten. Aber deshalb wollte ich doch nicht dich... , oh Gott...!«, sie brach mitten im Satz ab und begann leise an Ted‘s Brust zu weinen. Sofort zog er sie mit seinem gesunden Arm an sich.
»Schon gut. Ist ja glimpflich ausgegangen.«
Da rückte Helene wieder von ihm ab und sah ihn aus tränennassen Augen ungläubig an.
»Glimpflich? Ted! Ich hab dich angefahren verdammt! Du bist über meine Motorhaube gerumpelt und auf den Gehsteig geknallt. Scheiße, ich dachte, du wärst tot! Wie kannst du da glimpflich sagen! Hast du sie nicht mehr alle?«
Doch bevor Ted darauf hätte antworten können, legten sich wie aus dem Nichts auch noch zwei gepflegte Hände mit kunterbunt bemalten, halblangen Fingernägeln, beruhigend auf Helenes Schultern.
»Mama, das meinte er doch mit glimpflich. Du dachtest nur, er sei tot. Er war‘s aber nicht, stimmt‘s Paps?«
Da schob sich auch Celinas bezauberndes Gesicht in Teds Blickfeld. Und auch in ihren Augen standen Tränen, obwohl sie tapfer lächelte.
»Ja«, nickte Ted und sein Herz machte einen freudigen Sprung.
Erst da kullerte eine einzelne Träne über Celina‘s Wange. Schnell wischte sie diese fort. Die Erleichterung stand ihr deutlich ins Gesicht geschrieben.
Es folgte kurzes Schweigen.
Und dann blitzte doch wieder dieser vorwitzige Schalk aus ihren Augen.
»Dafür hat dir Mama ein Schleudertrauma und eine deftige Gehirnerschütterung, mit einer ziemlich ekelhaften Platzwunde am Kopf verpasst. Sowie eine ausgekugelte Schulter, zwei angeknackste Rippen und diese hässliche Schürfung im Gesicht. Aber keine Brüche«, fügte sie dafür sacht grinsend hinzu.
»Vielen Dank Herzchen, das war jetzt sehr hilfreich«, grummelte Helene daraufhin trocken, wenngleich noch schuldbewusster als zuvor. 
Da musste Ted plötzlich lachen.
Helene und Celina brauchten ein paar Sekunden, um glauben zu können, was da gerade passierte, stimmten aber dann mit ein. Allerdings nur bis Helene sich bemüßigt fühlte, Ted, aufgrund der auffallenden Mehrzahl an Schmerzenslauten wieder einzubremsen.
»Scheint, als müsse die Firma wohl für länger auf dich verzichten«, warf sie vorsichtig ein.
»Ja«, brachte Ted etwas angeschlagen hervor. »Du kannst ausserordentlich überzeugend sein«, fügte er dennoch hinzu und hätte beinahe wieder gelacht.
»Das ist nicht witzig«, antwortete Helene schmollend, obgleich auch ihre Mundwinkel schon wieder verräterisch zuckten.
»Aber..., ähm Paps, na ja, vielleicht könnte ich, anstatt dir..., so ab und an eben...«, warf Celina da ein. »Mal nach dem Rechten sehen. In der Firma meine ich.«
Man sah ihr an, dass es ihr ernst war, trotzdem sie nicht sehr überzeugend wirkte.
Da horchte Ted überrascht auf und für den Bruchteil einer Sekunde dachte er sogar daran, Celina‘s Angebot in Betracht zu ziehen, verwarf es aber auch sofort wieder.
»Nein Celina, lass nur. Sam schafft das schon.«
Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu. 
»Ich werde das Unternehmen bald verkaufen.«
Verblüfftes Schweigen folgte. Zwei Augenpaare weiteten sich ungläubig.
»Ab..., Ted, wa... ?«
»Paps? Wie ...?«
Die unausgesprochenen Fragen blieben offen im Raum stehen, als eine Schwester das Zimmer für eine Routineuntersuchung betrat.
Und danach kam dieses Thema auch nicht mehr zur Sprache.
Als Helene und Celina jedoch im Aufbruch begriffen waren, schmuggelte Letztere ihr Drehbuchskript auf den Nachttisch neben Ted.
Längst waren die Beiden fort, ehe er es bemerkte und lächelnd an sich nahm. Er begann zu lesen. 
Nach nur wenigen Seiten, weiteten sich aber seine Augen.
Denn da offenbarte sich Ted nun, bis ins letzte Detail ausgearbeitet und in sehr lebendigen, klaren Szenenbildern, das zu gleichen Teilen erschütternde als auch einfühlsame Portrait eines Obdachlosen, der Aufgrund tragischer Umstände seine Familie verlor. Insbesondere am Tod seiner Tochter, gab er sich allein die Schuld. Zum Ende seiner Geschichte hin jedoch, findet er immer mehr Trost darin, anderen Kindern im Park gegen Almosen, all jene Geschichten zu erzählen, die er seiner Tochter nicht mehr erzählen konnte.

Schlussendlich wurde Ted noch auf die drei, mit Bleistift nachträglich hinzugefügten Notizen, am Ende des Drehbuchs aufmerksam.

Kulissen: Helene Nola (Mama) 
Vorbild Hauptrolle: Ted Nola (Paps)
Drehbuch: Celina Nola

Fassungslos, aber zugleich beeindruckt, ließ er das Skript in seinen Schoß sinken. Versuchte zu begreifen, wofür es keine Erklärung gab und spielte diesen Tag in all seinen mysteriösen Facetten nochmals durch.
»Er war wie ich, hat er gesagt«, murmelte Ted nun, konnte es noch immer nicht glauben, entschied aber dennoch ... 
»Höchste Zeit mein Drehbuch zu verbessern«.
Mit diesem Gedanken tauchte er wenig später in einen neuen Traum ab. 
Hautnah wohnte er darin der Uraufführung dieses Stückes bei. Präsentiert auf einer Bühne von pulsierendem Licht, inmitten einer blühenden Grünanlage, gegenüber seiner Firma.
In diesem Traum war Letztere keine Ruine mehr, sondern die in goldenes Licht gebettete Replik, eines viktorianischen Hauses -
Kulisse, Galerie und Filmmuseum in einem.


Zuletzt von Evelucas am So 10 Apr 2016 - 13:29 bearbeitet; insgesamt 2-mal bearbeitet

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Drehbuch für Paps :: Kommentare

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Beitrag am So 6 Dez 2015 - 1:12 von Evelucas

... veröffentlicht auch in unserer erster SchreibElan Anthologie [Sie müssen registriert oder eingeloggt sein, um diesen Link sehen zu können] zu finden.

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