Der gestohlene Regenbogen

Vorheriges Thema anzeigen Nächstes Thema anzeigen Nach unten

061215

Beitrag 

Der gestohlene Regenbogen







Der gestohlene Regenbogen
Eva von Kalm

Tamara saß in ihrer Wohnung und wusste mal wieder nichts mit sich anzufangen. Nichtsnutz, würde ihr Papa sie jetzt schimpfen.
Sie tigerte von der Küche ins Schlaf-Wohnzimmer und wieder zurück, setzte sich an ihr Klavier, spielte drei Töne und ließ es wieder bleiben.
Gähnende Langeweile machte sich breit. Wenn nicht bald etwas passierte, drohte sie hier zu verkümmern.
Sie wollte ein Abenteuer erleben, etwas Aufregendes, Etwas, das sonst nur in Märchen geschah.
Dummerweise war genau das ihr Problem: Es geschah deshalb auch nur in Märchen. Nicht hier in der Wirklichkeit.
Doch sie war nun mal eine hoffnungslose Träumerin und liebte Märchen einfach über alles. Stundenlang verkroch sie sich in ihren Büchern und hoffte sogar heute noch darauf, dass aus ihnen vielleicht doch mal ihr Märchenprinz heraus gehüpft käme.
Natürlich ließen sich weder Frosch noch Prinz jemals blicken.
Sie warf einen Blick auf ihre Uhr.
In einer Stunde würde sie wieder bei Aldi an der Kasse ihren öden Dienst versehen.
Tamara seufzte ergeben.
Das hatte sie nun davon ohne Abi von der Schule gegangen zu sein, um etwas anderes mit dem eigenen Leben anzufangen. 
Also nichts, um es deutlich zu sagen.
Sie zog sich noch einmal um – das hatte sie heute erst drei oder vier Mal gemacht. Dann ging sie los.
Ein weiterer Nachmittag ihres Lebens, der völlig sinnlos an ihr vorüber ziehen würde. Sie überquerte die Straße, bog um die Ecke und ... 
Perplex blieb sie stehen. Der Anblick, der sich ihr bot, konnte nur ihrer Fantasie entsprungen sein.
Eigentlich sollte hier die Straße anfangen, an dessen Ende der Aldi lag - eine zweispurige Straße, die mit einem großen Parkplatz abschloss. Doch die war futsch, ersetzt durch einen Regenbogen. Tamara konnte es nicht fassen. Sie kniff ihre Augen zusammen und kreuzte die Finger.
Oh bitte, lass ihn noch da sein, wenn ich die Augen wieder aufmache
Und tatsächlich, so war es. Immer noch schimmerte direkt vor ihr, ein Regenbogen in kräftigen Farben. Vorsichtig setzte sie einen Fuß darauf und spürte festen Boden darunter.
Es klappt!, jubelte sie innerlich und stellte auch ihren zweiten Fuß dazu. 
Sie warf einen Blick hinunter und erkannte, dass sie nun auf den Farben schwebte, nur ein paar Zentimeter über dem Boden.
Aufgeregt rannte sie los – den ganzen Regenbogen entlang – und zwang sich, nicht daran zu denken, dass jeder Regenbogen eigentlich nur eine Lichtreflektion in Kombination mit Regen war. Egal, das hier war echt, und natürlich stand am Ende ein Topf voll Gold. Wie klischeehaft
Konnte es wirklich so einfach sein? Da war ein Regenbogen und am Ende Gold? Sie kicherte. 
Ihr war, als sei sie plötzlich Teil eines Märchens geworden, dessen Autor in Schwierigkeiten steckte.
Grinsend langte sie nach dem Topf, versuchte ihn aufzuheben, doch ihre Hand glitt durch ihn hindurch. Sie versuchte es wieder und wieder, bekam ihn aber nicht zu fassen. Langsam wurde sie ärgerlich. Da war dieser wundervolle Regenbogen, der märchengerechte Topf Gold, und sie kam nicht ran.
Was nun?, überlegte sie. Sollte sie sich jetzt wie ein kleines Mädchen schmollend daneben setzen? Also nein, aus dem Alter war sie nun wirklich heraus.
Und so ließ sie den Topf einfach stehen und schlenderte stattdessen weiter über eine grosse sattgrüne Wiese.
Seltsam, die Gegend erinnerte stark an Irland – Heimat der Kobolde und Kleeblätter. Schon lange träumte Tamara davon, mal auf diese grüne Insel zu reisen. Konnte es also sein, dass der Regenbogen sie deswegen nach Irland geführt hatte?
Dieser Gedanke gefiel ihr, und schon rannte sie fröhlich drauflos – bis sie plötzlich über eine Wurzel stolperte und unsanft auf ihrem Hintern landete.
Sie schaute noch verdutzt um sich, da hörte sie auf einmal ... Tripp-Trapp.
Pferdehufe? Echt jetzt?
Sie drehte sich herum und wirklich, da kam ein Pferd - ein Schimmel. Und auf dessen Rücken saß sogar ein waschechter Traumprinz.
Als er neben ihr stehenblieb, machte ihr Herz einen kleinen Sprung.
»M‘Lady? Wer immer Ihr seid, was macht Ihr hier ohne Euren Begleitschutz? Er streckte seine Hand aus, um ihr hochzuhelfen.
»Mein Name ist Garwen und wie lautet der Eure?«
»Ich ähm ...«, stotterte sie, »... bin Tam ...Tamara«. Erst jetzt ergriff sie seine helfende Hand.
»Oh welch zauberhafter Name. Und was hat Euch nun in diese einsame Gegend verschlagen, M‘Lady Tamara?«
»Ich kam über den Regenbogen«.
Er musterte sie verwundert. »Den Regenbogen?«
»Ja, dort hinten, seht doch selbst«, sie drehte sich halb um und wies in die Richtung, aber der Regenbogen war verschwunden.
»Er ist weg«, flüsterte sie überrascht.
»Das waren Kobolde«, antwortete Garwen.
»Wie bitte?« Tamara verstand nicht ganz.
»Die Kobolde haben ihn gestohlen«, erklärte er da.
»Aber Kobolde stehlen doch keinen Regenbogen«, widersprach sie, »die verraten einem, wo der Schatz ist«.
Da lachte Garwen.
»Nein, werte Lady, die verraten einem niemals wo der Schatz ist. Die wollen das Gold behalten. Deshalb stahlen sie den Regenbogen und seither ist auch der Goldtopf verzaubert. Niemand kann ihn berühren«.
»Achso, deshalb«, murmelte Tamara nachdenklich.
»Was sagtet Ihr?« Er musterte sie neugierig.
»Na ja, ich bekam den Topf auch nicht zu fassen. Dabei hatte ich mich so darüber gefreut«.
Garwen schmunzelte. »Wer freut sich nicht darüber«.
Er musterte sie einen Moment eindringlicher. »Ich habe letzte Woche mit der alten Hexe Krenjah gesprochen, da ich schon seit geraumer Zeit versuche diese Kobolde zu schnappen. Der Regenbogen ist die einzige Verbindung zwischen den Welten. Doch seit er gestohlen wurde, ist der Weg versperrt. Die alte Hexe sagte mir aber auch: So ein Mädchen diesen Bogen trotzdem überquert, sich die Suche bald dem Ende naht. Ich wusste nicht, wie das ohne Regenbogen möglich sein sollte. Doch nun seid Ihr hier und habt vielleicht Lust mir dabei zu helfen?«
Tamara nickte aufgeregt, und während Garwen ihr auf seinen Schimmel half, musterte sie auch ihn eingehender.
Er hatte rote Haare und Sommersprossen, und seine Augen funkelten wie zwei Smaragde in der Sonne.
Kurzum, Tamara fand ihn einfach hübsch.
Gemeinsam brachen sie auf.
Nach kurzer Zeit schon tauchten sie in einen Wald ein und es dunkelte um sie herum. Etwas unheimlich, doch Tamara hatte sich noch nie wohler gefühlt. Entspannt lehnte sie sich an Garwen und schloss ihre Augen. Er hatte die Arme um sie gelegt und hielt die Zügel vor ihrem Körper. Sie spürte seine Wärme und fühlte sich geborgen.
»Nach links«, flüsterte sie da. Er folgte ihrer Anweisung, obwohl sie selber nicht wusste, wie sie darauf kam. Nach einer Weile sahen sie jedoch ein kleines Licht in der Finsternis des Waldes leuchten. 
Behutsam hielt Garwen seinen Schimmel an und hob sie vorsichtig aus dem Sattel. Geräuschlos schlichen sie näher und erkannten eine schlichte Hütte, vor der ein kleines Feuer flackerte. Ja und da standen auch schon zwei sehr verdächtig scheinende Kobolde.
»Du hast nicht aufgepasst«, meckerte der Eine.
»Ich?!«, rief der Andere aufgebracht. »Es war deine Stunde Wache zu halten. Ich trag keine Schuld daran, dass dieses Mädchen hierher gekommen ist. Niemand hätte den Regenbogen auch nur sehen dürfen«.
Den Gebärden nach, schienen sich die beiden Kobolde schon eine Weile zu streiten.
»Du kleiner Mistkerl! Bist einfach abgehauen, um einer Elfe nachzustellen. Hast mich hier allein sitzen gelassen, obwohl Du wusstest, dass so etwas passieren kann. Das lag heute Morgen schon in der Luft«.
»Aber Du hast nicht aufgepasst. Seit Tagen ist der Regenbogen schon so eigensinnig«. 
Plötzlich knackte etwas unter Tamaras Füßen. Sie war vor Aufregung auf ein loses Stöckchen getreten.
»Halt, was war das?«, unterbrach einer der Kobolde den Streit.
Tamara hielt sich erschrocken den Mund zu, doch Garwen legte ihr beruhigend eine Hand auf den Arm. »Bleibt ruhig, ich kümmere mich darum«, flüsterte er, ehe er aus dem Dickicht hervorsprang und einen der Kobolde an den Schultern packte. 
Und sosehr der Kobold sich auch sträubte – aus dem festen Griff des Prinzen konnte er sich nicht befreien.
»Gib den Regenbogen frei«, befahl Garwen nun mit fester Stimme.
»Niemals!«, schrie der kleine Kobold da. »Lauf Gragnak! Verschwinde mit dem Regenbogen!«
Gragnak, der zweite Kobold, machte auch Anstalten loszulaufen, erstarrte aber dann mitten in der Bewegung und fiel um, wie ein Stück Holz, als ihn etwas Hartes am Kopf traf. Tamara hatte einen ihrer High-Heels geworfen, und getroffen. Gelassen grinste sie Garwen an.
»Gebt ihn raus«, befahl nun auch sie grimmig.
»Ist ja schon gut«, grummelte Gragnak. »Der macht uns sowieso nur Ärger.« 
Er langte in seine Tasche, warf ein schimmerndes Etwas auf die Erde und schon spross wieder der Regenbogen empor. Und an seinem Anfang, beziehungsweise Ende, lag auch der Goldtopf.
Sofort wollten die Kobolde danach greifen.
»Macht das ihr fortkommt«, grollte Garwen. »Sonst hetz ich euch die alte Krenjah auf den Hals. Dann werdet ihr schon sehen, was ihr davon habt. Dieses Gold gehört euch nicht.«
Der Name Krenjah ließ die beiden Kobolde erschrocken hochfahren. Hastig liefen sie davon. 
Garwen lächelte Tamara an.
»Ich danke Euch. Krenjah hat Recht behalten. Ihr wart tatsächlich die Rettung«. Da schloss er sie in seine Arme und küsste sie.
Tamara wurde schwindelig, ihre Knie ganz weich. Sie schmolz in seiner Umarmung dahin, schmiegte sich an ihn und erwiderte einfach diesen Kuss.
Nur zögernd lösten sich die beiden wieder voneinander.
Erneut lächelte Garwen sachte.
»Nehmt Euch den Topf, er gehört Euch«.
Doch da schüttelte Tamara ihren Kopf und nahm bloß ein einzelnes Goldstück heraus. »Mehr brauche ich nicht, nur diese Erinnerung«.
Garwen reagierte erstaunt. »Erinnerung? Woran?«
»Na an Dich!«, antwortete sie da kokett und betrat wieder den Regenbogen. Im Nu war sie hinüber, stand erneut auf einer Straße und blinzelte verwirrt. 
Der Regenbogen war verschwunden. Sie befand sich wieder in ihrer Welt.
Alles war so schnell gegangen. Vielleicht nur ein Tagtraum? 
Es begann zu regnen.
Ihr Blick wanderte ans Ende der zweispurigen Straße, über den großen Parkplatz und blieb am Aldi hängen. Seufzend setzte sie den Weg zu ihrer Arbeit fort. Als sie kurz darauf ihre Jacke an einem Haken im Umkleideraum deponierte, hörte sie darin etwas klimpern. Verdutzt griff sie in die Jackentasche und hielt plötzlich ein Goldstück in der Hand.
Sie lächelte und dachte an Garwen. Wie unglaublich schön wäre es, jemanden wie ihn, hier in der Wirklichkeit zu haben.
Dann steckte sie das Goldstück wieder weg und machte sich an die Arbeit.
Stück um Stück scannte sie die Waren, sammelte Geld ein und grüßte höflich jeden Kunden. Doch plötzlich schrak sie zusammen. Sie traute ihren Augen nicht, denn da an der Kassa stand Garwen mit einer Packung Gummibärchen in der Hand!
»Garwen?!«, platzte Tamara heraus. 
Doch ihr Traumprinz starrte sie nur verwirrt an.
»Ähm ..., nein. Ich bin David. Aber wir haben uns schon mal irgendwo getroffen, oder?«
Da schmunzelte Tamara nur hintergründig.
»Ach ... Britta, ich muss Pause machen!«, rief sie auch schon ihrer Kollegin an der anderen Kasse zu und schloss ihre ab.
»Hast du fünf Minuten Zeit?«, fragte sie schließlich David.
Der nickte nur überrascht und verwirrt, aber auch erfreut.
Und so gingen sie in den Hexenregen hinaus, als direkt vor ihnen ein Regenbogen am Himmel erschien.


Zuletzt von Evelucas am So 20 Aug 2017 - 17:31 bearbeitet; insgesamt 3-mal bearbeitet

_________________
ich mag die Stimmen in meinem Kopf ebenso, wie deren geilen Ideen und die Hoffnung die aus ihnen spricht.  Suspect  sunny  I love you
avatar
Evelucas
Admin
Admin

Anzahl der Beiträge : 850
Punkte : 2580
Anmeldedatum : 27.11.14
Alter : 40

http://schreib-elan.forumieren.net

Nach oben Nach unten

- Ähnliche Themen
Diesen Eintrag verbreiten durch: diggdeliciousredditstumbleuponslashdotyahoogooglelive

Der gestohlene Regenbogen :: Kommentare

avatar

Beitrag am So 6 Dez 2015 - 1:12 von Evelucas

... veröffentlicht auch in unserer erster SchreibElan Anthologie [Sie müssen registriert oder eingeloggt sein, um diesen Link sehen zu können] zu finden.

Und weitere Leseproben zu den Geschichten aus dem Buch, als auch in personalisierter Variante in unserem "Shop-Textgarten" erhältlich, auch hier: 
[Sie müssen registriert oder eingeloggt sein, um diesen Link sehen zu können]
[Sie müssen registriert oder eingeloggt sein, um diesen Link sehen zu können]
[Sie müssen registriert oder eingeloggt sein, um diesen Link sehen zu können]
[Sie müssen registriert oder eingeloggt sein, um diesen Link sehen zu können]
[Sie müssen registriert oder eingeloggt sein, um diesen Link sehen zu können]

Nach oben Nach unten

Vorheriges Thema anzeigen Nächstes Thema anzeigen Nach oben


 
Befugnisse in diesem Forum
Sie können in diesem Forum nicht antworten