Triptychon

Vorheriges Thema anzeigen Nächstes Thema anzeigen Nach unten

061215

Beitrag 

Triptychon







Triptychon
von Drita Kalmandi

Mariona liebte ihren Beruf über alles. Ihr leidenschaftliches Interesse für Geschichte und Kunst konnte sie bei den Museumsführungen fabelhaft einsetzen. Anfangs freute sie sich auch noch auf diesen besonderen Arbeitstag im Boijmans Van Beuningen Museum, in dem heute die Ausstellung von Hieronymus Bosch’s Lebenswerk eröffnet werden würde. Und zum ersten Mal würde so auch sie endlich das rätselhafte und in Forscherkreisen äusserst umstrittene Gemälde‚ Garten der Lüste, des einst großen niederländischen Künstlers bestaunen dürfen.
Das wollte sie vor der Eröffnung aber lieber alleine tun. Leider fiel ausgerechnet da eine dieser aussernatürlichen Führungen an sie. Eine Gruppe von drei Leuten. Darunter auch, Latricia Albiola.
Schon als Mariona zum ersten Mal in dieses künstlich geschönte, flachgepuderte weiße Antlitz der krass übergewichtigen Diva blickte, konnte sie dieses Weib nicht ausstehen. Sogar deren Schweinsaugen lagen unter einem tausendschichtigen, bunten Lidschatten-Eintopf begraben. Alles an der war jedweder Schönheitsrealität enthoben worden. Eine vulgäre Frau, die wirklich nichts Bezauberndes an sich hatte. Ganz im Gegenteil, etwas äusserst Giftiges hing ihr stattdessen an. Dafür aber besaß sie einen beispiellosen Faible für die Kleidertrends der Renaissance, was sich auch in ihrer überzogenen Kostümierung widerspiegelte. Oben umquetschte diese nämlich Latricias Fettleibigkeit und betonte dieselbe nach unten hin noch himmelschreiender. Das hochgeschlossene Dekolleté bestand sogar aus einem Wulst verstaubter Renaissance Rüschen, die bis an ihr zwölffach gefaltetes Kinn reichten. Und dann trieb ihr auch noch der Schweiß aus allen Poren, was, gelinde gesagt, so ziemlich das Hässlichste aus ihr machte, was Mariona je begegnet war. Eine wahrlich groteske Erscheinung.
Das Dumme daran, Mariona hatte die Anweisung erhalten dieser Person sowie dem Rest der Gruppe, eine Sonderbehandlung zukommen zu lassen. Nicht nur, weil Albiola mal ein Star vieler europäischer Opernbühnen gewesen war, sondern auch wegen ihrer derzeitigen Position als Stellvertretende Museumsdirektorin des Museo del Prado.
Letzteres hatte den Garten der Lüste für die Dauer der aktuellen Ausstellung hier an dieses Museum verliehen.
Nach Latricia bestand die Gruppe weiters aus einem mimikfernen Soldaten der schweizer Garde – Latricia’s Geleitschutz, wie sie noch betonte. Dann gab es noch einen unscheinbaren Bürokraten, mit runder Buchhalterbrille, in Sakko, Hemd und ganz normalen Jeans. Er gehörte nicht direkt zu Latricia, war allerdings ebenfalls im Auftrag des Museo del Prado angereist.
Er fiel Mariona auf, da er sich während der Führung um einen Tick zu offensichtlich hinter ihnen zurückfallen ließ und Latricia mit misstrauischen Blicken fixierte. Als wäre sie auch ihm nicht ganz geheuer. Gerade das machte ihn Mariona jedoch sympathisch, weswegen sie ihm dann und wann ein freundliches Lächeln schenkte und indessen immer wieder ihre Kommentare zu den Gemälden sowie deren Entstehungszeit abgab.
Leider fiel ihr Latricia mit unnötigen, primitiven und hinzu auch ziemlich ungebildeten Äusserungen ständig ins Wort. Das nervte gewaltig. Und so sehnte sie sich schon bald danach, diese Führung schnellst möglich hinter sich zu bringen.
Kurz darauf betraten sie endlich jenen Raum, der am Ende jeder Führung den Höhepunkt der gesamten Hieronymus Bosch Ausstellung repräsentierte. Den kleinen Saal der Triptychen Gemälde des Künstlers.
Und am anderen Ende dessen stand auch schon das Prunkstück: Der Garten der Lüste.
Einst hätte dieses monumentale, dreiteilige Gemälde den Altar der im fünfzehnten Jahrhundert angesehenen Bruderschaft unserer lieben Frau zieren sollen, weshalb es Hieronymus Bosch vermutlich in Auftrag gegeben worden war. Daraus wurde nur nichts, so die katholische Kirche der Bruderschaft keine eigene Pfarrei gestattete. Hinzu entsprachen die Darstellungen des Bildes so gar nicht den kirchlichen Gepflogenheiten.
Genau dass erzählte Mariona der kleinen Gruppe soeben, als ihr Latricia erneut ins Wort fiel.
"Absolut verständlich. Dieses Bild ist eine einzige Gotteslästerung, man hätte es verbrennen sollen. Eine Unverschämtheit, wie Hieronymus die Dreifaltigkeit der Schöpfung hier darstellt. Ekelhaft all die Nackten im Garten der Lüste und dann auch noch afrikanische Sklaven, wilde Frauen und Männer zusammen mit weißen Menschen. Manche von ihnen sogar beim Akt selbst. Als ob das Paradies ein billiges Bordell sei"
»Nun ja«, begann Mariona und bemühte sich sehr darum, nicht ihre Augen genervt zu verdrehen. »Womöglich wollte Bosch mit diesem Triptychon gar nicht die katholische Dreifaltigkeit eines Garten Eden, Paradieses und der Hölle abbilden. Denn sein Garten Eden erinnert vielmehr an den unschuldig primitiven Ursprung der Lust und Liebe des Menschen. Und im Garten der Lüste daran, was der Mensch daraus Friedvolles hätte schaffen können, aber statt dessen, wie im Flügel der musikalischen Hölle abgebildet, daraus gemacht hat. Womöglich war es ihm nur ein Anliegen der herrschenden Kirche aufzuzeigen, um wie viel weniger gotteslästerlich es wäre einen Garten der Liebe aus der Erde zu machen, anstatt gerade das zu verteufeln.«
Latricia’s Schweinsaugen verengten sich bösartig.
»Das grenzt an Blasphemie. Wie kommt ihr nur auf so etwas Dummes?«
Für einen Augenblick stand Mariona knapp davor, dieser unverschämten Fettqualle eine reinzuhauen, überlegte es sich jedoch schnell anders, antwortete aber dafür auf ihre Weise.
»Das verrate ich ihnen gerne, Señorita Albiola. Beginnen wir mit dem Bildteil Nr.1, dem Garten Eden Bosch’s. Klassisch für Altartriptychons zeigt es die Erschaffung der Menschheit im Garten Eden. Jedoch setzt der Künstler hier lediglich Eva’s Erschaffung in Szene, während Adam ziemlich unnütz, mit ausgestreckten Beinen im Rasen daneben hockt und wohlgefällig zusieht. Sein Fuß berührt aber Gottes Fuß, der wiederum Evas Hand hält, was alle drei Figuren nur durch Berührungen miteinander verbindet. Bosch bezieht sich hier auf eine Szene in der Genesis, die man in der klassisch christlichen Bibel so nicht vorfindet. Diese Darstellung entstammt der gnostischen Version, in der die Frau, insbesondere die fruchtbare Frau, den wichtigsten Part der Schöpfungsgeschichte innehat. Denn sie ist auch diejenige, deren Schicksal es sein würde, die Erde mit Menschen zu besiedeln. Das Fortleben der Menschheit liegt somit auch in ihren Händen. Die Gnostiker wussten das zu schätzen. Da gab es noch keine Verteufelung der Frau, wie es die Kirche der Renaissance jedoch forcierte. Ein biblisches Vorbild, dem auch viele sogenannte Wiedertäufer der frühen Renaissance folgten und auch lange neben der Kirche toleriert wurden, bis die Katholiken, aus gutem Grund, zu viele kirchliche Anhänger an sie verloren. Denn es brauchte für die Wiedertäufer keine institutionelle Kirche, um an Gott zu glauben. Daher trauten Wiedertäufer auch Paare, dessen Verbindung vor Gott, von der katholischen Kirche als Schandfleck des Christentums galten, unter freiem Himmel. Sowie es die Szene hier mit Adam, Gott und Eva unter freiem Himmel zeigt. Hinzu machten die Wiedertäufer, im Gegensatz zur damaligen Kirche, eine solche Verbindung vor Gott, von der Liebe zweier Menschen zueinander abhängig, statt von den sozialen Ständen oder etwaigen kulturellen Unterschieden.«
Mariona machte eine kurze Pause und verkniff sich ein triumphierendes Lächeln, als sie sah, wie auf Latricias ärgerlichem Gesicht rote Flecke unter der weißen Puderschicht sprossen.
»Ich bitte euch«, winkte die Diva unwirsch ab. »Woher wollt ihr das wissen? Warum sollte die Bruderschaft unserer lieben Frau ausgerechnet diese gotteslästerlichen Gnostiker und Wiedertäufer zum Vorbild haben? Da wäre die Bruderschaft bestimmt nicht von der richtigen Kirche anerkannt worden.«
Erst in diesem Augenblick fiel Mariona plötzlich auf, dass dieses Weib in dritter Person zu ihr sprach. Im einundzwanzigsten Jahrhundert wirkte das ziemlich skurril. Doch sie bemühte sich auch dieses weitere befremdende Detail, diplomatisch zu übergehen, bevor sie mit einem Lächeln fortfuhr.
»Wissen sie, Señorita, ich habe Kunstgeschichte studiert. Deswegen kann ich mich auf alte Quellen stützen. Unter anderem sogar auf private Notizen von Bosch selbst, sowohl zu diesem Bildnis, als auch über seine Zeit. Ich kann ihnen also versichern, ein sehr lebhaftes Bild seiner Epoche vor Augen zu haben.«
»Wie bitte?«, vermeldete Latricia da herablassend. »Ihr wollt studiert haben? Lächerlich. Höchstens die Bibel habt ihr auswendig gelernt. Leider die falsche, wie es scheint. Frauen studieren nicht, dafür müssten sie lesen können, wozu nur lasterhafte Damen fähig sind. Was für ein verlo ...«, plötzlich wurde Latricia von dem mutmaßlichen Bürokraten unterbrochen, dessen Stimme nun überraschend barsch klang.
»Aber gute Frau! Da könnte man ja glatt denken, ihr hättet die letzten fünfhundert Jahre Entwicklungsgeschichte seit der Renaissance verpasst? Wie habt ihr es da nur auf euren Posten des Museo del Prado geschafft?«
Er machte eine kurze Pause, um dichter zur Gruppe aufzuschließen. 
»Es sei denn natürlich, ihr seid diese neue, feurige Geliebte des eigentlichen Direktors vom Museo del Prado. Das würde natürlich einiges erklären...«, aus seinen blauen Augen maß er Latricia nun mit kritischem Blick und fügte äusserst trocken hinzu: »...nun gut, mit Ausnahme dessen, wo er da nur wieder hingesehen haben mag.«
Als Señorita Albiola daraufhin vor Wut unter ihrer Puderschicht wieder rettungslos erblasste, hätte Mariona beinahe laut aufgelacht, während der Mann der Schweizer Garde jedoch höchst alarmiert aufblickte.
Was Mariona nicht begriff, war wie absurd sich all das anhörte und wie seltsam die Reaktionen aller Beteiligten darauf ausfielen. Nichts davon passte wirklich in diese Zeit. Und da es auch der mutmaßliche Bürokrat scheinbar vorzog, sich in dritter Person mit anderen zu unterhalten, wurde Mariona langsam unheimlich zumute.
Sie bekam nur keine Gelegenheit, noch weiter darüber nachzugrübeln, da sich auch dieser seltsame Herr nun dazu verpflichtet sah, sich ihr zu erklären.
»Verzeiht mir bitte, junge Dame. Es war mir nicht möglich, mich länger aus diesem Gespräch heraus zu halten. Wie schafft ihr es nur, im Zuge solch beleidigender Behandlung, immer noch Ruhe zu bewahren?«
Die Szene wurde noch skurriler und Mariona’s Verwirrung komplett, als dieser Kerl sogar einen Handkuss andeutete.
»Ähm..., ist eben mein Job, also..., damit umzugehen lernen.«
»Bemerkenswert«, kommentierte er.
Plötzlich schrie Latricia leise auf.
»In Gottes Namen!«, geradezu anklagend zeigte die Diva jetzt auf den Bürokraten. »Ihr seid Felipe I de Austria el Hermoso! Verräter der heiligen Inquisition!«
Mariona war sich sicher, für einen Moment sogar Todesangst in Latricias Augen zu lesen. Dreht die jetzt völlig durch? 
Der Bürokrat aber lächelte indes höflich.
»Oh Señorita. Wie schmeichelhaft, dass ihr die Ähnlichkeit erspähtet, ansonsten aber leider zu viel der Ehre und ausserdem über fünfhundert Jahre her. Kein Mensch wird so alt. Ich bin lediglich ein Nachfahre. Welch Zufall, nicht wahr? Und nun entschuldigt bitte, denn im Gegensatz zu euch, interessiert mich doch sehr, was diese bemerkenswerte junge Dame hier, über dieses rätselhafte Triptychon so zu berichten weiß«, und damit wandte er sich erneut an Mariona.
»Beachtet sie nicht weiter«, murmelte er ihr leise zu.
Mariona war völlig verwirrt, bemühte sich aber, jetzt einfach ihren Job zu erledigen.
»Oh ähm, natürlich. Wo war ich? Ach ja. Die Darstellungen der musikalischen Hölle.«
»Hier hat Hieronymus Bosch nicht, wie manche Forscher denken, die Hölle im biblischen Sinne dargestellt, sondern das Leben auf der Erde selbst zur Hölle karikiert. Höllenhunde dienen darin der Inquisition als brutale Handlanger, die sich über unschuldige Opfer hermachen und diese bestialisch zerfetzen. So auch die verkrüppelten Höllenkreaturen, die sich eigentlich hinter der Rüstung der spanischen Inquisition verstecken und zum Teil mit blutigen Engelsflügeln ausgestattet wurden. Es scheint, als hätte Hieronymus Bosch die spanische Inquisition für diese Hölle auf Erden verantwortlich gemacht. sie geradezu angeklagt. Bemerkenswert ist daher, das man ihm erlaubte, es trotzdem fertig zu stellen. Man weiß aber heute das diese Bruderschaft auch einen Versuch darstellte, gnostisches Gedankengut innerhalb einer neuen Kirche zu etablieren. Dafür spricht auch das volle Ei im Bildnis Garten der Lüste, welches dort öfter als Symbol für die Fruchtbarkeit auftaucht. Allerdings im Teil der musikalischen Hölle als schwere und sündige Last dargestellt wird. Jene Fruchtbarkeit also, die im Garten Eden noch als Geschenk Gottes mit Eva’s Erschaffung gefeiert wird. Im Höllenbildnis werden desweiteren Monster in Mönchskutten dargestellt, Musikinstrumente zu Foltergeräten missbraucht und Menschen von den inquisitorischen Kreaturen versklavt. Manche sogar unter Zuhilfenahme ekelhaft verführerischer Gesten. Letzteres speziell abgebildet am unteren rechten Rand. Deutlich erkennt man ein Schwein im Nonnenkostüm, das auf obszöne Weise am Ohrläppchen eines Mannes schlabbert. Alles während ihm eine grauenhafte Minikreatur, wiederum in einer Rüstung der spanischen Inquisition, einen Stift reicht, um das Dokument auf seinem Schoß zu unterschreiben. Bosch stellt einen Menschen dar, der dazu verführt werden soll, entweder ein Geständnis zu unterschreiben oder Jemanden anderen zu denunzieren. Auffällig auch, dass im frivolen Garten der Lüste und der musikalischen Hölle, keine reinen Engel abgebildet sind. Nur im Hintergrund des Garten Eden. Das spricht ebenfalls dafür, das sowohl der Garten der Lüste, als auch die musikalische Hölle keine überirdischen Abbildungen sind, sondern irdischer Natur, also der Erde entsprechen. Der Künstler hat im Garten der Lüste also viel mehr abgebildet, das es des Menschen Pflicht gewesen wäre, ein Paradies auf Erden zu schaffen, sich stattdessen aber eine Lebenshölle schuf, wie es der linke Flügel darstellt. Die echten Bösen in der musikalischen Hölle, repräsentieren also in Gestalt von Monstern den inquisitorischen Terror gegen Unschuldige. Desto weniger überrascht es, warum dieses Triptychon, selbst wenn die katholische Kirche der Bruderschaft unserer lieben Frau eine Pfarrei erlaubt hätte, niemals zum Einsatz gekommen wäre. Immerhin erhielt dieselbe Bruderschaft Unterstützung von den Dominikanern, wovon viele selbst Inquisitoren waren.«
Der Bürokrat lächelte zufrieden.
»Ganz wunderbar. Das habt ihr schön erklärt. Und so war es vom Künstler auch wahrhaft gedacht. Deshalb beinhaltet gerade dieser Höllenflügel eine der wertvollsten Zeitkritiken der frühen Renaissance. Es ist der von einem berühmten Zeitzeugen bestätigte Beweis, einer grausamen Kirchenmacht, vor der kommende Generationen gewarnt werden sollten. Ein Gemälde, das als Werkzeug der Aufklärung dient. Hieronymus wollte darstellen, welch schuld die Kirche und Inquisition an dieser Hölle auf Erden trug. Und das sie die wirklichen Sünder seien. Es gab ausserdem für die Inquisition, Kirche, als auch für die Stadt, sowie viele abgeschottete Dörfer und kleinere Städte nichts lukrativeres, als Jemanden aus den höheren Schichten der Hexerei anzuklagen und zu verurteilen. Danach ging ein Drittel dessen Besitzes, an den Bürgermeister der Stadt, ein weiteres an die Inquisition und das letzte Drittel an die dort vertretenen Kirchenobrigkeiten selbst. Diese Verfolgungen waren nichts anderes als politische Propaganda um Geld zu erbeuten. Nicht ein einziges Opfer der Inquisition, aus dieser Epoche, war somit je der Gotteslästerung schuldig. Die wahren Sünder waren tatsächlich die Verfolger selbst, einschließlich ihrer verbündeten Dirnen und Konkubinen. Letztere setzten sie gezielt als Denunzianten ein, um neue lukrative Opfer zu verurteilen. Die Bruderschaft unserer lieben Frau wurde ins Leben gerufen um diese gefährdeten Schichten vor solcherlei Übergriffen zu schützen. Natürlich nur inoffiziell. Niemals hätten sie ansonsten den Rückhalt der Dominikaner erhalten. Dieses Gemälde war jedoch nicht als Altarbild für die geplante Pfarrei, sondern für eine geheime Kapelle vorgesehen, die unter dem privaten Anwesen von Felipe I de Austria el Hermoso, auch Phillip I. von Habsburg oder der Schöne genannt, bereits errichtet worden war.«
Da war es nun an Mariona große Augen zu machen.
»Phillip der Schöne? Aber ja natürlich! Gleich kam mir dieser Name so bekannt vor. Er entstammte der spanisch habsburgischen Linie und war Hieronymus Bosch’s Hauptauftraggeber. Vermutlich auch für dieses Bild. Er herrschte von 1478 - 1506 über den burgundischen Teil der Niederlande.«
Da nickte der seltsame Bürokrat wohlwollend und beeindruckt zugleich.
»Ein Verräter war er, sonst nichts!«, fauchte da plötzlich Latricia Albiola, woraufhin Mariona und der Bürokrat erschrocken zu ihr herumfuhren. 
»Genug der Lügen!«, schnauzte sie und wandte sich ihrem Geleitgardisten zu. »Sperrt sofort die Türen Soldat!«
Dieser tat wie ihm befohlen.
Da bekam es Mariona mit der Angst zu tun. Was ging hier vor? Latricia schleuderte ihr aufeinmal mörderische Blicke entgegen und kurz darauf tobte plötzlich ein schier unerklärlich kalter Sturm durch den Raum.
»Schaut ihr jetzt auf gar keinen Fall in die Augen!«, gab der Bürokrat ihr da laut zu verstehen, während er seinen Körper vor Mariona schob, um sie vor der Diva abzuschotten. Erstere versuchte immer noch verzweifelt zu begreifen, was hier überhaupt geschah, da lachte Latricia plötzlich boshaft auf.
»Ihr glaubt, mich aufhalten zu können? Wer immer ihr seid, aus dem Weg! Ihr habt keine Ahnung womit ihr euch hier anlegt. Ich werde dieses Bild und das Mädchen mitnehmen. Sie wird auf dem Scheiterhaufen brennen und dieses Bild in Savonarola’s Feuern vom Februar 1497 in Florenz landen. Das ist mein Auftrag im Namen der spanischen Inquisition, und ich werde ihn zu Ende bringen. Die Frage ist nur, wollt ihr selbst dabei sterben oder überleben?«
»Ich bin schon lange tot, Señorita Albiola!«, gab ihr jetzt der Bürokrat zu verstehen. »Hier könnt ihr mir nichts anhaben. Und meine Aufgabe ist es im Namen der Wächterschaft für Aufklärung, euch aufzuhalten! Und auch ich werde diesen Auftrag zu Ende bringen!«
Aufeinmal schien es, als ob der Bürokrat den inzwischen tobenden Sturm aus dem Raum in seine Handflächen sog, nur um denselben wiederum gezielt gegen Latricia und ihren schweizer Gardisten einzusetzen. 
Plötzlich wurden beide in hohem Bogen gegen die Wand geschleudert, fielen jedoch nicht zu Boden sondern blieben dort kleben.
Mariona konnte nicht fassen, was da geschah, duckte sich aber instinktiv hinter dem Bürokraten.
»Ich weiß sehr genau, wer ihr seid«, ließ der Wächter die Zwei an der Wand jetzt wissen und folglich zählte er auch auf. »Als Hexe Latricia seit ihr der Inquisition bekannt, als Hure Babylon’s bereits in der Bibel verewigt und als verführerische Inanna Ishtar, habt ihr schon dem sumerischen König Gilgamesh den Kopf zu verdrehen versucht. Sowie vielen anderen vor und nach ihm. Doch er war der Erste, der sich euch widersetzte, nicht wahr? Er zeigte euch auf, wie sich starke Charaktere eurer Verführungskunst zu entziehen verstehen. Deshalb war es euch stets ein großes Anliegen weitere Menschen von ähnlich hinterfragendem Geiste auszurotten. Die Hab- und Machtgier etwaiger Hoher Priester und anderer abergläubischer Religionsfanatiker verstandet ihr euch zu Nutze zu machen. Selbst die Gelehrten der Tora – während sie die Hure Babylons noch verteufelten – erkannten nicht, wie sie euch damit schon längst zu Diensten waren. Seit Jahrtausenden treibt ihr euer Spiel mit der Menschheit und dessen Religionen. Religiöse Lehren, die ihr selbst der Welt als verführerisches Gottesgeschenk stiftetet um Völker gegeneinander aufzubringen und Kriege zu verursachen. Ein langes Leben habt ihr euch gesichert, solange es nur Menschen gibt, die hassen. Angst und Hass, eure Lebensspender. Dumm nur das ein einziger Philosoph einst erkannte, das es Gottheiten wie jene, die ihr der Welt gestiftet habt, nicht gibt. Er lehrte vielen Menschen Geist und Herz rechtens zu nutzen, gesund zu halten und zu stärken, um gegen das Gift der sündigen Schlange des Bösen immun zu werden. Gegen euch! So entstanden die Wächter, die ihr Wissen wiederum von Generation zu Generation weitergaben. Weshalb auch wir in allen Epochen vertreten sind. Die Bruderschaft unserer lieben Frau, waren wir in der Renaissance von Flandern und Spanien. Aufgeteilt in hochrangige Aristokraten, einflussreiche Zoroastrier, Gnostiker und bescheidene Wiedertäufer. Hieronymus Bosch war einer von uns und deswegen sind wir verpflichtet sein Erbe, bis in alle Ewigkeit zu schützen. Schutzpatrone über Zeit und Geist, werden wir nach unserem Tod genannt. Wir sind Jäger, die euch und eures Gleichen dingfest machen. Wir tauchen auf, wenn ihr versucht, wichtige Zeugnisse zu vernichten, um die Wahrheit zu vertuschen, die seit jeher der Aufklärung der Menschen diente. Doch nun werdet ihr in meine Zeit zurückkehren, um zumindest innerhalb dieser Epoche, selbst auf dem Scheiterhaufen zu brennen. Mein vergangenes Ich wird euch höchstpersönlich an die dominikanischen Verbündeten ausliefern. Euer Fehler gute Frau war, zu unterschätzen, wie gering eure Macht in dieser, inzwischen besser aufgeklärten Epoche der Moderne ist, dank der Wächter noch viel früherer Epochen!«, es folgten beschwörende Worte.

»In Blitzeseile ist die Gegenwart entflogen! 
Starr und grau steht die Vergangenheit. 
Die Zukunft naht in ungewissen Wogen, 
denn dreigeteilt verläuft die Zeit. 
So zieht der Weise klüger - Vergangenheit zu Rat, 
doch macht sie nicht Kopf über, zum Übel seiner Tat. 
Es nutzt der Weise klüger - sein Jetzt, um schlau zu walten. 
Statt unbedachter Lüge, an Scheinstrukturen zu halten. 
Nur dann fliegt diese Gegenwart 
nicht rücksichtslos an uns vorüber. 
Nur so wird die Vergangenheit
uns nicht zum bitteren Betrüger 
und nicht zum unbekannten Feind, 
der Zukunft ungewisse Lieder!«

Latricia und ihr Leibgardist wanden sich bei diesen Worten unter scheinbar heftigen Qualen, während Mariona angstbebend hinter dem Bürokraten kauerte und sich wie gelähmt fühlte. Da stob auch noch ein Feuersturm durch die Wand und hinterließ ein klaffendes Loch, das Latricia samt Begleitung plötzlich in sich hinein sog. Fassungslos erblickte Mariona für den Bruchteil einer Sekunde jedoch nicht den Raum dahinter, sondern eine andere Welt. Eine Welt wie sie Hieronymus Bosch symbolhaft in seinem Hölle auf Erden - Bildnis auf Holz verewigt hatte. Nur in echt und viel schlimmer, als es sich Mariona jemals hätte ausmalen können. 
Da versagten ihr alle Sinne den Dienst. Das war’s! Sie fiel in Ohnmacht.

***

»Mariona!«, eine empörte Männerstimme drang aus der Ferne in ihren Geist. Jemand rüttelte energisch an ihren Schultern.
Sie fuhr erschrocken hoch, schrie und schlug wild um sich.
»Mariona! Was zum Teufel ist mit ihnen los?! Seit wann schlafen sie in der Garderobe? Was ist denn das für eine neue Angewohnheit?«
Plötzlich stand der vorwurfsvoll dreinblickende Museumsdirektor vor ihr. Völlig verwirrt wurde sie sich ihrer Umgebung bewusst, trotzdem es noch immer diese anderen Bilder waren, die ihre Erinnerungen schier beherrschten.  
»Was...? Ich..., versteh nicht ganz. Was ist los?«
»Eine private Führung wartet da draussen, während sie hier ein Nickerchen halten! Das ist los«, entgegnete ihr Chef da.
»Oh nein. Bitte sagen sie jetzt nicht, dass es sich um eine Gruppe von drei Personen handelt.«
»Wie bitte? Nein. Nur ein Kunde.« 
Er musterte sie besorgt. »Sind sie krank?«
Innerlich aufatmend bemühte sich Mariona jetzt, nicht allzu erleichtert dreinzuschauen.
»Aber nein. Alles in Ordnung. Nur ein böser Traum. Ähm, tut mir leid das ich eingenickt bin. Kommt nicht wieder vor, versprochen. Ich ähm..., bin schon weg.« Schnell verließ sie die Umkleideräumlichkeiten.
Kurz darauf betrat sie die Empfangshalle des Museums und sah sich nach diesem einen, von ihrem Chef erwähnten Kunden um. 
Als sie ihn entdeckte, erstarrte sie von Neuem.
Der blauäugige Mann mit buchhalterbrille in Hemd und Jeans trat hingegen sehr erfreut auf sie zu.
»Ich bin froh euch wohlauf wiederzusehen.«
Mariona wich wie vor den Kopf gestoßen, erschrocken zurück.
»Dann ... war es doch kein Traum?«
Bestätigend schüttelte der Herr seinen Kopf und musterte sie wachsam.
»Ab..., das ist doch nicht mög...! Verdammt wer seid ihr? Ich habe immer noch Angst«, zischte Mariona jetzt.
Der Bürokrat lächelte entschuldigend.
»Man nannte mich einst Phillip den Schönen. Latricia erkannte das schon richtig. Ich musste jedoch meine Tarnung aufrechterhalten, bis sie mich angriff. Nur so konnte ich sie besiegen und zugleich verhindern, dass der Garten der Lüste und ihr, Opfer der Feuer eines wütenden Bußpredigers werdet. Es war mein Auftrag, dies zu erledigen und dann wieder in meine Zeit zurückzukehren. Dazu gehörte auch, euch im Glauben zu lassen, es hätte sich nur um einen Alptraum gehandelt. Doch als ich auf euch traf und in den Genuss eures derart klugen, aufgeklärten und schönen Wesens kam, entschied ich, nochmals hierher zurückzukehren, um euch ein außergewöhnliches Angebot zu unterbreiten. Doch vorab verspreche ich euch, dass es keinen Grund mehr gibt, euch noch zu ängstigen. Was geschah, ist nie passiert und wird auch nicht mehr geschehen. Einerlei, welche Wahl auch immer ihr gleich treffen werdet, euch wird nichts Böses widerfahren, darauf habt ihr mein Wort. Ich möchte nur wissen – wollt ihr vergessen, oder mehr über mich und meine Sippe erfahren. Beides bin ich befugt euch zu erfüllen. Letzteres würde allerdings voraussetzen, dass ihr euch den Wächtern der Aufklärung und Wahrheit anschließt, um eines Tages selbst zu werden, was ich heute bin. Ein Geist der Aufklärung. Zu diesem Zwecke wäre es mir nun eine Ehre, zusammen mit euch, Hieronymus Bosch’s Garten der Lüste, einen weiteren Besuch abzustatten um dort, welchen Weg auch immer ihr einzuschlagen gedenkt, eure Entscheidung entgegenzunehmen«.

Mariona schluckte beklommen. Das war alles so unwirklich. Als würde ihr widerwillen plötzlich die Hauptrolle in einem mysteriösen Filmepos angeboten werden, das es gar nicht geben dürfte. Doch schließlich siegte die Neugierde sowie ihr innerer Drang, all das auch verstehen zu wollen. Sie nickte. Und so brach sie zum zweiten-ersten Mal an diesem Tag auf, um an der Seite des schönen Geistes von Phillip I. von Habsburg, erneut den legendären Garten der Lüste zu bestaunen.


Zuletzt von Evelucas am Di 8 Nov 2016 - 21:00 bearbeitet; insgesamt 4-mal bearbeitet

_________________
ich mag die Stimmen in meinem Kopf ebenso, wie deren geilen Ideen und die Hoffnung die aus ihnen spricht.  Suspect  sunny  I love you
avatar
Evelucas
Admin
Admin

Anzahl der Beiträge : 850
Punkte : 2580
Anmeldedatum : 27.11.14
Alter : 40

http://schreib-elan.forumieren.net

Nach oben Nach unten

Diesen Eintrag verbreiten durch: diggdeliciousredditstumbleuponslashdotyahoogooglelive

Triptychon :: Kommentare

Keine Kommentare.

Vorheriges Thema anzeigen Nächstes Thema anzeigen Nach oben


 
Befugnisse in diesem Forum
Sie können in diesem Forum nicht antworten