Triptychon

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061215

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Triptychon




Triptychon
von Drita Kalmandi

Mariona liebte ihren Beruf über alles. Ihr leidenschaftliches Interesse für Geschichte und Kunst konnte sie bei den Museumsführungen fabelhaft einsetzen. Anfangs freute sie sich auch noch auf diesen besonderen Arbeitstag im Boijmans Van Beuningen Museum, in dem heute die Ausstellung von Hieronymus Bosch’s Lebenswerk eröffnet werden würde. Und zum ersten Mal würde so auch sie endlich das rätselhafte und in Forscherkreisen äusserst umstrittene Gemälde‚ Garten der Lüste, des einst großen niederländischen Künstlers bestaunen dürfen.
Das wollte sie vor der Eröffnung aber lieber alleine tun. Leider fiel ausgerechnet da eine dieser aussernatürlichen Führungen an sie. Eine Gruppe von drei Leuten. Darunter auch, Latricia Albiola.
Schon als Mariona zum ersten Mal in dieses künstlich geschönte, flachgepuderte weiße Antlitz der krass übergewichtigen Diva blickte, konnte sie dieses Weib nicht ausstehen. Sogar deren Schweinsaugen lagen unter einem tausendschichtigen, bunten Lidschatten-Eintopf begraben. Alles an der war jedweder Schönheitsrealität enthoben worden. Eine vulgäre Frau, die wirklich nichts Bezauberndes an sich hatte. Ganz im Gegenteil, etwas äusserst Giftiges hing ihr stattdessen an. Dafür aber besaß sie einen beispiellosen Faible für die Kleidertrends der Renaissance, was sich auch in ihrer überzogenen Kostümierung widerspiegelte. Oben umquetschte diese nämlich Latricias Fettleibigkeit und betonte dieselbe nach unten hin noch himmelschreiender. Das hochgeschlossene Dekolleté bestand sogar aus einem Wulst verstaubter Renaissance Rüschen, die bis an ihr zwölffach gefaltetes Kinn reichten. Und dann trieb ihr auch noch der Schweiß aus allen Poren, was, gelinde gesagt, so ziemlich das Hässlichste aus ihr machte, was Mariona je begegnet war. Eine wahrlich groteske Erscheinung.
Das Dumme daran, Mariona hatte die Anweisung erhalten dieser Person sowie dem Rest der Gruppe, eine Sonderbehandlung zukommen zu lassen. Nicht nur, weil Albiola mal ein Star vieler europäischer Opernbühnen gewesen war, sondern auch wegen ihrer derzeitigen Position als Stellvertretende Museumsdirektorin des Museo del Prado.
Letzteres hatte den Garten der Lüste für die Dauer der aktuellen Ausstellung hier an dieses Museum verliehen.
Nach Latricia bestand die Gruppe weiters aus einem mimikfernen Soldaten der schweizer Garde – Latricia’s Geleitschutz, wie sie noch betonte. Dann gab es noch einen unscheinbaren Bürokraten, mit runder Buchhalterbrille, in Sakko, Hemd und ganz normalen Jeans. Er gehörte nicht direkt zu Latricia, war allerdings ebenfalls im Auftrag des Museo del Prado angereist.
Er fiel Mariona auf, da er sich während der Führung um einen Tick zu offensichtlich hinter ihnen zurückfallen ließ und Latricia mit misstrauischen Blicken fixierte. Als wäre sie auch ihm nicht ganz geheuer. Gerade das machte ihn Mariona jedoch sympathisch, weswegen sie ihm dann und wann ein freundliches Lächeln schenkte und indessen immer wieder ihre Kommentare zu den Gemälden sowie deren Entstehungszeit abgab.
Leider fiel ihr Latricia mit unnötigen, primitiven und hinzu auch ziemlich ungebildeten Äusserungen ständig ins Wort. Das nervte gewaltig. Und so sehnte sie sich schon bald danach, diese Führung schnellst möglich hinter sich zu bringen.
Kurz darauf betraten sie endlich jenen Raum, der am Ende jeder Führung den Höhepunkt der gesamten Hieronymus Bosch Ausstellung repräsentierte. Den kleinen Saal der Triptychen Gemälde des Künstlers.
Und am anderen Ende dessen stand auch schon das Prunkstück: Der Garten der Lüste.
Einst hätte dieses monumentale, dreiteilige Gemälde den Altar der im fünfzehnten Jahrhundert angesehenen Bruderschaft unserer lieben Frau zieren sollen, weshalb es Hieronymus Bosch vermutlich in Auftrag gegeben worden war. Daraus wurde nur nichts, so die katholische Kirche der Bruderschaft keine eigene Pfarrei gestattete. Hinzu entsprachen die Darstellungen des Bildes so gar nicht den kirchlichen Gepflogenheiten.
Genau dass erzählte Mariona der kleinen Gruppe soeben, als ihr Latricia erneut ins Wort fiel.
"Absolut verständlich. Dieses Bild ist eine einzige Gotteslästerung, man hätte es verbrennen sollen. Eine Unverschämtheit, wie Hieronymus die Dreifaltigkeit der Schöpfung hier darstellt. Ekelhaft all die Nackten im Garten der Lüste und dann auch noch afrikanische Sklaven, wilde Frauen und Männer zusammen mit weißen Menschen. Manche von ihnen sogar beim Akt selbst. Als ob das Paradies ein billiges Bordell sei"
»Nun ja«, begann Mariona und bemühte sich sehr darum, nicht ihre Augen genervt zu verdrehen. »Womöglich wollte Bosch mit diesem Triptychon gar nicht die katholische Dreifaltigkeit eines Garten Eden, Paradieses und der Hölle abbilden. Denn sein Garten Eden erinnert vielmehr an den unschuldig primitiven Ursprung der Lust und Liebe des Menschen. Und im Garten der Lüste daran, was der Mensch daraus Friedvolles hätte schaffen können, aber statt dessen, wie im Flügel der musikalischen Hölle abgebildet, daraus gemacht hat. Womöglich war es ihm nur ein Anliegen der herrschenden Kirche aufzuzeigen, um wie viel weniger gotteslästerlich es wäre einen Garten der Liebe aus der Erde zu machen, anstatt gerade das zu verteufeln.«
Latricia’s Schweinsaugen verengten sich bösartig.
»Das grenzt an Blasphemie. Wie kommt ihr nur auf so etwas Dummes?«
Für einen Augenblick stand Mariona knapp davor, dieser unverschämten Fettqualle eine reinzuhauen, überlegte es sich jedoch schnell anders, antwortete aber dafür auf ihre Weise.
»Das verrate ich ihnen gerne, Señorita Albiola. Beginnen wir mit dem Bildteil Nr.1, dem Garten Eden Bosch’s. Klassisch für Altartriptychons zeigt es die Erschaffung der Menschheit im Garten Eden. Jedoch setzt der Künstler hier lediglich Eva’s Erschaffung in Szene, während Adam ziemlich unnütz, mit ausgestreckten Beinen im Rasen daneben hockt und wohlgefällig zusieht. Sein Fuß berührt aber Gottes Fuß, der wiederum Evas Hand hält, was alle drei Figuren nur durch Berührungen miteinander verbindet. Bosch bezieht sich hier auf eine Szene in der Genesis, die man in der klassisch christlichen Bibel so nicht vorfindet. Diese Darstellung entstammt der gnostischen Version, in der die Frau, insbesondere die fruchtbare Frau, den wichtigsten Part der Schöpfungsgeschichte innehat. Denn sie ist auch diejenige, deren Schicksal es sein würde, die Erde mit Menschen zu besiedeln. Das Fortleben der Menschheit liegt somit auch in ihren Händen. Die Gnostiker wussten das zu schätzen. Da gab es noch keine Verteufelung der Frau, wie es die Kirche der Renaissance jedoch forcierte. Ein biblisches Vorbild, dem auch viele sogenannte Wiedertäufer der frühen Renaissance folgten und auch lange neben der Kirche toleriert wurden, bis die Katholiken, aus gutem Grund, zu viele kirchliche Anhänger an sie verloren. Denn es brauchte für die Wiedertäufer keine institutionelle Kirche, um an Gott zu glauben. Daher trauten Wiedertäufer auch Paare, dessen Verbindung vor Gott, von der katholischen Kirche als Schandfleck des Christentums galten, unter freiem Himmel. Sowie es die Szene hier mit Adam, Gott und Eva unter freiem Himmel zeigt. Hinzu machten die Wiedertäufer, im Gegensatz zur damaligen Kirche, eine solche Verbindung vor Gott, von der Liebe zweier Menschen zueinander abhängig, statt von den sozialen Ständen oder etwaigen kulturellen Unterschieden.«
Mariona machte eine kurze Pause und verkniff sich ein triumphierendes Lächeln, als sie sah, wie auf Latricias ärgerlichem Gesicht rote Flecke unter der weißen Puderschicht sprossen.
»Ich bitte euch«, winkte die Diva unwirsch ab. »Woher wollt ihr das wissen? Warum sollte die Bruderschaft unserer lieben Frau ausgerechnet diese gotteslästerlichen Gnostiker und Wiedertäufer zum Vorbild haben? Da wäre die Bruderschaft bestimmt nicht von der richtigen Kirche anerkannt worden.«
Erst in diesem Augenblick fiel Mariona plötzlich auf, dass dieses Weib in dritter Person zu ihr sprach. Im einundzwanzigsten Jahrhundert wirkte das ziemlich skurril. Doch sie bemühte sich auch dieses weitere befremdende Detail, diplomatisch zu übergehen, bevor sie mit einem Lächeln fortfuhr.
»Wissen sie, Señorita, ich habe Kunstgeschichte studiert. Deswegen kann ich mich auf alte Quellen stützen. Unter anderem sogar auf private Notizen von Bosch selbst, sowohl zu diesem Bildnis, als auch über seine Zeit. Ich kann ihnen also versichern, ein sehr lebhaftes Bild seiner Epoche vor Augen zu haben.«
»Wie bitte?«, vermeldete Latricia da herablassend. »Ihr wollt studiert haben? Lächerlich. Höchstens die Bibel habt ihr auswendig gelernt. Leider die falsche, wie es scheint. Frauen studieren nicht, dafür müssten sie lesen können, wozu nur lasterhafte Damen fähig sind. Was für ein verlo ...«, plötzlich wurde Latricia von dem mutmaßlichen Bürokraten unterbrochen, dessen Stimme nun überraschend barsch klang.
»Aber gute Frau! Da könnte man ja glatt denken, ihr hättet die letzten fünfhundert Jahre Entwicklungsgeschichte seit der Renaissance verpasst? Wie habt ihr es da nur auf euren Posten des Museo del Prado geschafft?«
Er machte eine kurze Pause, um dichter zur Gruppe aufzuschließen. 
»Es sei denn natürlich, ihr seid diese neue, feurige Geliebte des eigentlichen Direktors vom Museo del Prado. Das würde natürlich einiges erklären...«, aus seinen blauen Augen maß er Latricia nun mit kritischem Blick und fügte äusserst trocken hinzu: »...nun gut, mit Ausnahme dessen, wo er da nur wieder hingesehen haben mag.«
Als Señorita Albiola daraufhin vor Wut unter ihrer Puderschicht wieder rettungslos erblasste, hätte Mariona beinahe laut aufgelacht, während der Mann der Schweizer Garde jedoch höchst alarmiert aufblickte.
Was Mariona nicht begriff, war wie absurd sich all das anhörte und wie seltsam die Reaktionen aller Beteiligten darauf ausfielen. Nichts davon passte wirklich in diese Zeit. Und da es auch der mutmaßliche Bürokrat scheinbar vorzog, sich in dritter Person mit anderen zu unterhalten, wurde Mariona nun langsam unheimlich zumute.

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Leseprobe Ende




Zuletzt von Evelucas am Di 8 Nov 2016 - 21:00 bearbeitet; insgesamt 4-mal bearbeitet

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