Maskenballspezialitäten

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Maskenballspezialitäten

Beitrag von Evelucas am Sa 21 Nov 2015 - 18:36

Leseprobe 2

Evelucas
Maskenballspezialitäten


Was tun, wenn in der Krise plötzlich Casanova vor dir steht?

Ich war in ein Land gereist, das sich Irland nannte, und an einem abgelegenen Ort gestrandet, von dem aus man das Ende der Welt schon sehen konnte. Im Grunde genauso, wie ich das auch wollte, da ich mitten in einer gröberen Ehekrise steckte. Das böse Wort Scheidung, schwang wie ein finsteres Damoklesschwert über meinem Schädel und durchschnitt die angespannte Luft zu Hause. Eine Auszeit war nötig, ich musste mir Klarheit verschaffen, denn eines war sicher: Auf keinen Fall wollte ich die Scheidung! 
Es musste eine andere Lösung geben und die hoffte ich hier zu finden. Dennoch warnte ich meinen Mann in einem Anflug von trotzigem Wahnsinn - unter diesen Umständen einem Urlaubsflirt nicht abgeneigt gegenüberzustehen. Typisch wieder für mich, wenn der Zorn überhand gewann. Wie bescheuert! 
Obschon diese Möglichkeit, wenn ich mich hier so umsah, ohnehin schnell zu schwinden begann. Was man mir im Reisebüro nämlich aufs vorzüglichste verschwiegen hatte, war die Tatsache, dass dieser wundervolle Ort weit außerhalb von Dublin, in einer kleindörfischen, fast menschenleeren Hügeleinöde lag, von der noch kein sterbliches Wesen je gehört zu haben schien. Ein namenloser Ort, der zwar irgendwie hieß, mir jedoch in unaussprechlichem Ur-Gällisch, leider im Halse stecken blieb. Und zwar jedes Mal, wenn ich ihn auszusprechen versuchte. 
Da stand ich also nun, inmitten tauender Nebel und feuchter Luft, umzingelt von guten Freunden, die mich zu dieser Reise überredet hatten. 
Bekannte, die ich gerade nicht erkannte. Was wiederum daran lag, dass mich all die bunten venezianischen Kleider der Damen, als auch die hübsch aufgeplusterten, grünen, blauen und violetten Kniehosen der Männer aus Samt und Seide verblendeten. So auch deren Masken. 
Die einzigen kostümierten Wesen, die ich erkennen konnte, aber im Moment eigentlich nicht erkennen wollte, obgleich sie auch zu meinen Freunden zählten, waren die halb nackten, mit durchsichtigen, weiß flatternden Fetzen bedeckten kleinen Hexen, die um ein überdimensioniertes Feuer herum tanzten. Pseudo rituell riefen sie die griechische Liebesgöttin Aphrodite an. Oder so. 
Nun, meine liebste Freundin hatte nicht geflunkert. Sie versprach mir einen Maskenball der besonderen Art. Das Dumme an solchen Bällen – selbst wenn diese in irländischen Einöden, unter freiem Himmel und bei mystischen Nebeln sowie magischen Lagerfeuern inklusive Wienerwürstchen mit süßem Senf stattfanden - waren die lächerlichen Kleidungsvorschriften. 
Renaissance meets Antique - wehe dem, dem ich diese bescheuerte Idee zu verdanken hatte.
Vor einer Stunde dachte ich noch, wenn schon verkleidet, so genügt bestimmt ein luftig leichtes Faschingskostüm um diesen skurrilen Abend zu überstehen. Ganz sicher aber hätte ich nicht mit einem Renaissance authentischen Theaterkostüm, das meine Taille einschnürte und sich erschreckend steif, eng und echt anfühlte gerechnet. Vermutlich gab es deshalb nur Würstchen zu essen, denn alles andere hätte ernährungstechnisch wohl kaum Platz in meinem Magen gefunden. 
Unfassbar, dass Frauen jemals solche Kleider hatten tragen können und dabei auch noch höflich zu lächeln im Stande waren.
Meine Lippen hatten damit gerade keine Ähnlichkeit. Die glichen eher einer zähnefletschenden Bulldoggendame, kombiniert mit dem Charme einer hungrigen Mittdreißigerin. 
Ich hätte meine beste Freundin und bezeichnenderweise auch Organisatorin dieses Festes, für ihren verfluchten Perfektionismus jetzt gerne erwürgt. Nur konnte ich sie derzeit nirgends erspähen. Vermutlich glänzte sie auch nur deswegen mit ihrer Abwesenheit. Sie kannte mich gut, wofür ich sie gerade umso mehr verfluchte. 
Mir blieb somit nichts anderes übrig, als mich für den Moment in mein trauriges Schicksal zu fügen und dennoch das Beste daraus zu machen. 
Welch rührenden Optimismus ich doch besaß. 
Damit schritt ich also nun auf den Spuren von Veronica Franco (einst Venedigs berühmteste Dichterin und Kurtisane), vorsichtig auf die edlen Herren und Damen der höfischen Elite dieser dekadenten Vergangenheit zu. Und das, ausgerechnet inmitten dieses irischen Hügelhochlandes. 
Ich hob mein pompöses Kleidchen und warf einen skeptischen Blick auf meine Füße. Dankenswerterweise ließ man mir die Turnschuhe, womit ich es nun wesentlich besser als viele andere hier zuwege brachte, über den aufgeweichten Wiesenboden zu schreiten
Die Frage: Wie konnte ich nur hier landen?, verdrängte ich inzwischen. 
Ich mischte mich in nächster Nähe zum Feuer unter die Würstchen fressende Meute, ohne meine Maske vom Gesicht zu nehmen. Denn jetzt wollte auch ich besser nicht erkannt werden. 
Ich stand allerdings nicht lange einsam herum, da schob sich eine stattliche Männergestalt vor meine leerträumenden Augen - die gerade noch verklärt ins Feuer gestarrt hatten - und hüllte mich in unstet tanzende Schatten. Es war Casanova - zumindest der Verkleidung nach. Weiters sah ich sehr dunkle, durchdringende Augen durch die Schlitze einer rabenschwarzen Maske schimmern, die an einer Seite mit ferrarieroten Federn ausgeschmückt worden war. 
Na ganz wunderbar! Die venezianische Kurtisane, hinter deren Maske eine Frau in der Ehekrise steckt und vor ihr ein Typ, der sich fröhlich mit einem der berüchtigtsten Schürzenjäger der ausklingenden Renaissance zu identifizieren schien und mir nun übertrieben galant, zwei Wienerwürstchen auf einem umweltfreundlichen, nicht gebleichten Pappteller, mit süßem Senf unter die Nase hielt. 
Wie romantisch!

Leseprobe Ende ...



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