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Beitrag von Evelucas am Sa 21 Nov 2015 - 17:34

Leseprobe 4

Evelucas
Nachtleben

Längst waren in allen Häusern die Lichter erloschen, unzählige Gassen in vollkommene Finsternis getaucht. Ratten huschten umher, überquerten die verlassenen Straßen. Vereinzeltes Hundegebell schlug an und ein paar streunende Katzen greinten jammervoll in die Dunkelheit hinein. 
Ein vom hohen Alter gebeugter Mann, heruntergekommen, in Lumpen und oft auch sturzbesoffen, schlurfte aus einer Seitengasse, dicht an den Hausmauern kalter Wohnblöcke entlang. In dieser Nacht war er leider nicht besoffen, sondern verdammt nüchtern.
Stetig flatterte sein verklärter Blick über den alten Flachmann in seiner Hand, nur um dann aus nervösen Augen die täuschende Idylle dieser Nacht zu durchdringen.
»Die Ruhigen sind am gefährlichsten«, murmelte er zu sich selbst. Seit drei Tagen und Nächten, von nur kurzen Ruhephasen begleitet, schlich er auf der Suche nach Nahrhaftem durch die unzähligen engen, schmutzigen Gassen.
Der alte Flachmann war sein einziges Hab und Gut. Auch sein einziger Trost, sofern dieser mit genügend Alkohol vollgetankt war. Bier, Wein, Wodka oder sonst irgendein Fusel, war ihm relativ egal. Er nahm, was er kriegen konnte. Am wirkungsvollsten war Schnaps, viel Schnaps. Der wärmte so wunderbar von innen und ließ ihn zumindest mal für ein bis zwei Nächte geradezu ohnmächtig schlafen. Da war ihm der Hunger auch egal. Diese Woche war wieder eine dieser ganz miesen Verräter. Kein Alkohol für ihn und zu Essen auch nichts. Nur Wasser, das er sich hie und da hatte erbetteln können. Wiederholt wurde er deshalb von schmerzhaften Krämpfen geschüttelt. Seine Hände zitterten heftiger und öfter als sonst. Sein Magen protestierte gnadenlos gegen die Leere. Manchmal fühlte sich das an, als verklumpe dieser inwendig zu einem sauren Knoten. Doch auch der kranke Rücken und das Rheuma in seinen schwächelnden Gliedern quälten ihn mehr denn je, so ganz ohne Betäubung. Kam er nicht bald an etwas Essbares, oder hochprozentigen Alkohol, stand es ziemlich schlecht um ihn.
Fast hätte er bei diesem Gedanken bitter gelacht.
Als ob das irgendjemanden noch interessieren würde? Er verstand ja noch nicht mal selbst, warum er an diesem erbärmlichen Dasein festhielt. Von welchem Nutzen war er noch?
Welcher Mensch war jemals oder ist überhaupt von Nutzen?
»Lässt wieder mal den Philosophischen raushängen«, sagte er da zu sich selbst und schmunzelte über sein Elend.
»Muss wohl am Alter liegen«, beschloss er dann und nahm einen kräftigen Schluck Wasser aus seinem Flachmann, während er sich den malzigen Geschmack seines genehmsten Whiskys vorstellte. Lange her, als er sich den zuletzt leisten konnte. Ebenso jene Zeit, als er noch Teil dieser Kartenhausgesellschaft war. Teil dieses erbärmlichen Wolkenschlosses, indem jetzt nur noch all die anderen wohnten – natürlich mit Ausnahme jener beiden, die mit ihm die Heimatgasse teilten. Zwei bis drei Quadratmeter pro Kopf, gleichmäßig aufgeteilt in Schlaf- und Essplätze. Selten das da untereinander geteilt wurde, beziehungsweise, irgendwas geteilt werden konnte. Auf gute Nachbarschaft sollte man bei den beiden auch nicht zählen.
Da war Marie, die auch »dumme Elster« genannt wurde. Nicht von ihm, nur von diesem anderen Kerl. Den er selbst wiederum einfach »Nazi Alf« nannte. So ganz bei Sinnen waren beide nicht. Marie, vermutlich schizophren – zumindest in psychologischen Fachkreisen würde man das wohl von ihr behaupten – liebte ihre sieben Sachen über alles, die allesamt wichtige Namen hatten. Es durften auch nie mehr, als sieben Sachen sein. Immer wenn sie ein neues, völlig wertloses Objekt auf der Straße fand, musste eines der anderen entsorgt werden, während das neue Ding den Namen des Entsorgten erbte. Daher nannte sie der »Nazi Alf« eben auch »dumme Elster«. Dumm vorallem deshalb, da sie scheinbar auch nicht mehr als diese sieben Namen kannte. Nur drei ihrer fragwürdigen Schätze wechselte sie nie aus. Da war dieses Pferdedings. Einst das Mundstück eines Pferdegeschirrs. Diesem hatte Marie den Namen Friedrich Nietzsche verpasst. Dann war da noch ein braunes, uraltes Apothekerfläschchen, noch halb mit einer undefinierbaren Flüssigkeit gefüllt und einem von schmutzigen Abdrücken übersäten, völlig zerfransten Aufkleber, auf dem in einer ziemlich alten Schrift »Curare« stand. Das hieß Immanuel Kant. Das Dritte war ein dünnes Buch mit dem Titel »gute Gedanken, gute Reden, gute Taten«. Dieses wurde von Marie mit dem Namen »Zarathustra« bedacht. Er war vermutlich der Einzige in der Heimatgasse, der sogar einen Zusammenhang, zwischen diesen Sachen und den genannten Namen herstellen konnte. Allerdings hatte er keine Ahnung, woher Marie, diese Zusammenhänge nahm. Man wusste nicht viel über sie. Und fragte man nach ihrer Herkunft oder dem Grund, dessentwegen sie auf der Straße lebte, erhielt man zur Antwort nur wirres Zeug. Durchwachsen von einer Logik, die auch nur Marie verstand. Doch wehe dem, der eines dieser drei für sie so wichtigen Dinge einfach an sich nahm. Da konnte Marie plötzlich richtig wild werden.
Einmal ging sie deswegen sogar mit einem Messer auf Nazi Alf los. Rammte ihm das Ding fest in den Oberschenkel. Hat ganz schön geblutet, war aber nicht so schlimm. 
Er half Nazi Alf sogar dabei die Wunde zu versorgen. Gern hat er es nicht getan. Immerhin wäre fast sein gesamter Fusel dafür draufgegangen. Ausserdem musste er ihm währenddessen auch noch dabei zuhören, wie dieser ständig über seinen geliebten Führer quatschte, der schon bald von den Toten auferstehen würde, um den Wiederaufbau seines germanischen Atlantis zu vollenden. Nazi Alf, so behauptete dieser zumindest, wäre dann Hitlers neuer Architekt, um die Welt in ein rassereines neues Paradies, allein dem Arier bestimmt, zu verwandeln. Erst als er Nazi Alf mit den schroffen Worten: »Halts Maul du Trottel, die Arier sind in Wahrheit Perser und Atlantis vermutlich nur die ideologische Antwort des antiken Platons, auf Homers Ilias« – zum Schweigen brachte, wurde es wieder erträglicher.
Auf einmal durchbrach zersplitterndes Glas die Nacht, der Obdachlose hielt inne, presste sich rasch an die Hausmauer am Eck einer schmalen Gasse, fernab der Straßenbeleuchtung. Eine Alarmglocke schrillte, Polizeisirenen erklangen. Dann blendete ihn für einen Augenblick das Scheinwerferlicht eines Polizeiwagens, der an ihm vorbei raste, kurz bevor ein ferner Schuss die Nacht zerriss.
Der alte Mann erschrak, da ließ ihn ein stechender Schmerz in der linken Brust zusammenfahren. Wie die scharfe Klinge eines kalten Messers, die sich langsam immer tiefer in sein schwaches Herz bohrte. Mit schmerzverzerrtem Gesicht gelang es ihm dennoch, sich wieder ein Stück aufzurichten. Doch seine Lungen brannten bei jedem Atemzug. 
In leicht gebückter Haltung verließ er sein finsteres Versteck und überquerte die autoleere Straße, um schnellst möglich in sein heruntergekommenes Zuhause zu gelangen. Es war eigentlich nicht mehr weit bis zur Heimatgasse, doch die paar Meter fühlten sich an, wie eine Ewigkeit.
Da begann es zu nieseln. Innerhalb von Sekunden erwuchs daraus ein heftiger Regenschauer und plötzlich fegten auch noch heftige Windböen über die leeren Straßen. Harte Tropfen peitschten ihm ins Gesicht und durchweichten seine zerlumpte Gewandung. Halt durch, nur noch ein kleines Stück, gleich ist es geschafft. 
Als er den aufgeweichten Riesenkarton jedoch erreichte, strahlte sein Gesicht bereits bleich und wirkte eingefallen. Als wäre er nochmals um mindestens zwanzig Jahre gealtert. Keuchend, stöhnend und natürlich äusserst erschöpft, ließ er sich in seinem bescheidenen, mittlerweile feuchtem Lager nieder. 
»Nur einbisschen Schlaf«, murmelte er wirr vor sich her. »Das wird schon wieder«, redete er sich benommen ein. 
Inzwischen tropfte es von allen Seiten auf ihn ein, davor schützte auch die alte zerschlissene Decke nicht, die er sich bis zum Kinn hochzog. Unbarmherzig kroch ihm die Kälte durch Kleidung und Haut bis in die alten Knochen. Wieder war da dieser grausame Stich in seiner Brust. Ein Schweißausbruch folgte und erneut bekam er keine Luft. 
»Zu eng, alles viel zu eng«, stöhnte er wispernd und zerrte heftig an seinem schmutzigen, längst ausgeleierten Hemdkragen herum. Doch das Atmen wurde nicht leichter. Unruhig, fast panisch wälzte er sich herum, hoffnungslos darum bemüht, irgendeine bequemere Position einzunehmen, aber dieser Schmerz, dieser schreckliche Schmerz ließ ihn einfach nicht gewähren. Er begann zu jammern, und schließlich laut zu schreien.
Wie aus dem Nichts kniete auf einmal Nazi Alf vor ihm und starrte mit finsterer Mine auf ihn herab.
»Herrgott, du erbärmliches Muttersöhnchen, hör auf zu jammern!«, brüllte er mit wutverzerrter Fratze. »Zumindest sterben könntest du wie ein richtiger Mann. Hast mir nur Schande gebracht, wegen dieser bolschewistischen Suffhure!«
Und tatsächlich verstummte der alte Obdachlose abrupt.
Was redet der alte Faschist für Stuss?, dachte er noch, war allerdings nicht fähig Nazi Alf auch laut danach zu fragen.
Plötzlich holte der aus um auf ihn einzuschlagen, da ertönte ein hysterischer Aufschrei.
»Geh weg von ihm, verdammtes Monster! Weg, du vergiftetes Nazischwein. Ihn wirst du damit nicht kaputtmachen«, brüllte sie wutentbrannt. 
Marie?, wunderte sich der Obdachlose.
Was zum Teufel passierte hier eigentlich?

Leseprobe Ende ...




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