03 Triptychon, Leseprobe

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211115

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03 Triptychon, Leseprobe





Drita Kalmandi
Triptychon

Mariona liebte ihren Beruf über alles. Ihr leidenschaftliches Interesse für Geschichte und Kunst konnte sie bei den Museumsführungen fabelhaft einsetzen. Anfangs freute sie sich auch noch auf diesen besonderen Arbeitstag im Boijmans Van Beuningen Museum, in dem heute die Ausstellung von Hieronymus Boschs Lebenswerk eröffnet werden würde. Und zum ersten Mal würde auch sie endlich das rätselhafte und in Forscherkreisen äusserst umstrittene Gemälde‚ Garten der Lüste, des einst großen niederländischen Künstlers bestaunen dürfen.
Das wollte sie vor der Eröffnung aber lieber alleine tun.

Leider fiel ausgerechnet da eine dieser aussernatürlichen Führungen an sie. Eine Gruppe von drei Leuten. Darunter auch, Latricia Albiola.
Schon als Mariona zum ersten Mal in dieses künstlich geschönte, flachgepuderte weiße Antlitz der krass übergewichtigen Diva blickte, konnte sie dieses Weib nicht ausstehen. Sogar deren Schweinsaugen lagen unter einem tausendschichtigen, bunten Lidschatteneintopf begraben. Alles an der war jedweder Schönheitsrealität enthoben worden. Eine vulgäre Frau, die wirklich nichts Bezauberndes an sich hatte. Ganz im Gegenteil, etwas äusserst Giftiges hing ihr stattdessen an. Dafür aber besaß sie einen beispiellosen Faible für die Kleidertrends der Renaissance, was sich auch in ihrer überzogenen Kostümierung widerspiegelte. 
Oben umquetschte diese Latricias Fettleibigkeit und betonte dieselbe nach unten hin noch himmelschreiender. Das hochgeschlossene Dekolleté bestand sogar aus einem Wulst verstaubter Renaissance Rüschen, die bis an ihr zwölffach gefaltetes Kinn reichten. Und dann trieb ihr auch noch der Schweiß aus allen Poren, was, gelinde gesagt, so ziemlich das Hässlichste aus ihr machte, was Mariona je begegnet war. 
Eine wahrlich groteske Erscheinung.
Das Dumme daran, Mariona hatte die Anweisung erhalten dieser Person sowie dem Rest der Gruppe, eine Sonderbehandlung zukommen zu lassen. 
Nicht nur, weil Albiola mal ein Star vieler europäischer Opernbühnen gewesen war, sondern auch wegen ihrer derzeitigen Position als stellvertretende Museumsdirektorin des Museo del Prado.
Letzteres hatte den Garten der Lüste für die Dauer der aktuellen Ausstellung an dieses Museum verliehen.
Nach Latricia bestand die Gruppe weiters aus einem mimikfernen Soldaten der schweizer Garde – Latricia’s Geleitschutz – und einen unscheinbaren Bürokraten mit runder Buchalterbrille, in Sakko, Hemd und ganz normalen Jeans. Er gehörte nicht direkt zu Latricia, war allerdings ebenfalls im Auftrag des Museo del Prado angereist.
Er fiel Mariona auf, da er sich während der Führung um einen Tick zu offensichtlich hinter ihnen zurückfallen ließ und Latricia mit misstrauischen Blicken fixierte. Als wäre sie auch ihm nicht ganz geheuer. 
Gerade das machte ihn Mariona jedoch sympathisch, weswegen sie ihm dann und wann ein freundliches Lächeln schenkte und indessen immer wieder ihre Kommentare zu den Gemälden sowie deren Entstehungszeit abgab.
Leider fiel ihr Latricia mit unnötigen, primitiven und hinzu auch ziemlich ungebildeten Äusserungen ständig ins Wort. Das nervte gewaltig. Und so sehnte sie sich schon bald danach, diese Führung schnellst möglich hinter sich zubringen.
Kurz darauf betraten sie endlich den Raum, der am Ende jeder Führung den Höhepunkt der gesamten Hieronymus Bosch Ausstellung ausmachte. 
Den kleinen Saal der Triptychen Gemälde des Künstlers. Am anderen Ende dessen stand auch schon das Prunkstück: Der Garten der Lüste.
Einst hätte dieses monumentale, dreiteilige Gemälde den Altar der im fünfzehnten Jahrhundert angesehenen Bruderschaft unserer lieben Frau zieren sollen, weshalb es Hieronymus Bosch vermutlich in Auftrag gegeben worden war. Daraus wurde nur nichts, so die katholische Kirche der Bruderschaft keine eigene Pfarrei gestattete. Hinzu entsprachen die Darstellungen des Bildes auch gar nicht den kirchlichen Gepflogenheiten.
Genau dass erzählte Mariona der kleinen Gruppe soeben, als ihr Latricia erneut ins Wort fiel.
   »Absolut verständlich. Dieses Bild ist eine einzige Gotteslästerung, man hätte es verbrennen sollen. Eine Unverschämtheit, wie Hieronymus die Dreifaltigkeit der Schöpfung hier darstellt. Ekelhaft all die Nackten im Garten der Lüste und dann auch noch afrikanische Sklaven, wilde Frauen und Männer zusammen mit weißen Menschen. Manche von ihnen sogar beim Akt selbst. Als ob das Paradies ein billiges Bordell sei«
   »Nun ja«, begann Mariona und bemühte sich sehr darum, nicht ihre Augen genervt zu verdrehen. »Womöglich wollte Bosch mit diesem Triptychon gar nicht die katholische Dreifaltigkeit eines Garten Eden, Paradieses und der Hölle abbilden. Denn sein Garten Eden erinnert vielmehr an den unschuldig primitiven Ursprung der Lust und Liebe des Menschen. Und im Garten der Lüste daran, was der Mensch daraus Friedvolles hätte schaffen können, aber statt dessen, wie im Flügel der musikalischen Hölle abgebildet, daraus gemacht hat. Womöglich war es ihm nur ein Anliegen der herrschenden Kirche aufzuzeigen, um wie viel weniger gotteslästerlich es wäre einen Garten der Liebe aus der Erde zu machen, anstatt gerade das zu verteufeln.«
Latricia’s Schweinsaugen verengten sich bösartig.

- Leseprobe Ende -






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