07 Rendezvous mit dem Jenseits, Leseprobe

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211115

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07 Rendezvous mit dem Jenseits, Leseprobe





Evelucas
Rendezvous mit dem Jenseits
Natürlich glaube ich nicht an Geister! Das ist denen jedoch voll egal!

Samstagnacht, Samhain und meine Verabredung war geplatzt! 
Schlimme Sache für eine alleinstehende Mittzwanzigerin, die von ihrem Single Dasein die Schnauze voll hatte. 
Dabei fing alles so gut an. Ich konnte mir keinen Reim darauf machen, warum er mich versetzt hatte. Tatsache aber war, dass ich jetzt mit viel zu hohen Schuhen einsam durch die altertümlichen Gassen vergangener Wiener Zeitepochen klapperte, während nur der wolkenverhangene Sternenhimmel dieser kalten Herbstnacht mein Zeuge war. Ich schnaubte. 
   »Samhain, die Nacht in der die Grenzen zwischen Jenseits und Diesseits miteinander verschwammen? Papperlapapp!«
Fröstelnd zog ich den Gürtel meines Mantels fester zusammen, nur um mir, noch immer frierend, auch die Arme um den Oberkörper zu schlingen. Es wäre eine so verlockende Abwechslung gewesen mir vorzustellen, ich sei eine bezaubernde Magd aus dem Mittelalter auf dem Weg zu meinem Geliebten. Zugleich aber ebenso unmöglich mich dieser köstlichen Idee hinzugeben, solange da dieser unausstehliche, vom Stadtzentrum ausgehende Lärm betrunken grölender Jugendlicher an den alten Hausmauern widerhallte, während ohrenbetäubender Heavymetal durch die Gassen dröhnte. Bei aller Liebe zur Romantik, aber diese moderne Geräuschkulisse bot selbst meiner blühenden Fantasie, einen miesen Nährboden um sich zu entfalten. Vor allem nach der heutigen Abfuhr. Unter diesen Umständen machte es einfach keinen Spaß sich in das alte Wien zurückzuversetzen. 
Eine Stadt, in der Minnesänger auf den Straßen das hiesige Fußvolk unterhielten, Mägde schnatternd in Ohnmacht fielen, wenn ein edler Ritter hoch zu Pferd an ihnen vorüberritt, oder Zuckerbäcker und Krämer ihre Waren laut feilboten. 
Ich seufzte grimmig und zog mich noch tiefer in die verwinkelten Gassen und meinen viel zu dünnen Mantel zurück. Längst wusste ich nicht mehr, wo ich mich überhaupt befand, geschweige denn, wie lange ich schon mit gesenktem Kopf derart ziellos umher schlappste. Erst als ich genügend Abstand zwischen mich und den nächtlichen Partylärm gebracht hatte, lugte ich über den hochgeklappten Kragen meines Mantels und erkannte überrascht, mich scheinbar in den Wiener Stadtpark verirrt zu haben. 
Ein ungewöhnlich nebelverseuchter Stadtpark heute. 
Geisterhaft schimmerte direkt vor mir der weisse Stein des Strauss Denkmals in die Nacht hinein. 
Es war mir ein vollkommenes Rätsel, wie ich ohne Fussschmerzen in solchen, für diese Jahreszeit völlig ungeeigneten Schuhen überhaupt hier hergelangt war. Doch ein Hochgefühl der Erleichterung durchfuhr meine Beine, als ich mich nachdenklich auf eine Bank in nächster Nähe plumpsen ließ. Schade, dass sich damit nicht auch die Enttäuschung über meine geplatzte Verabredung in Luft auflöste. 
Warum war er nicht gekommen? 
Ich lies die Szene des Morgens nochmal Revue passieren.

   Da war dieser freundliche Fensterplatz im kleinen Universitätscafè. Ich schlürfte gelassen meinen Morgenkaffee und las die Zeitung, in der ich gerade einen spannenden Artikel über einen schrecklichen Autounfall überflog. Da trat plötzlich dieser attraktive Kerl an meinen Tisch und erkundigte sich, ob der Platz gegenüber noch frei sei. Ich sah kurz auf, bejahte und er nahm Platz. Er bestellte ebenfalls Kaffee, wie das in Wiener Kaffeehäusern ja auch durchaus üblich war. Zufällig landete in seinem Kaffee dieselbe Menge Zucker, die zuvor auch den meinen versüßte. Und selbst daran, dass er schließlich zur selben Zeitung griff, war nichts Aussergewöhnliches – soviel Auswahl hatten Wiener Kaffeehäuser ja nicht. Allerdings lag etwas Seltsames in der Art, wie er die Stirn in Falten legte, während auch er las. Das hielt meinen Blick gefangen, trotzdem ich mir schrecklich unverschämt vorkam, ihn so verstohlen über den Rand meiner eigenen Zeitung hinweg anzustarren. Klar ertappte er mich dabei. Unsere Blicke trafen sich und schon war es um mich geschehen.
Wow! Der Mann hatte vielleicht Augen! 
Nervös griff ich sofort nach meiner Tasse, so wie er. Wir lachten und das Eis war gebrochen. Bald stellten wir auch fest, denselben Artikel gelesen zu haben, kamen ins Gespräch und Minuten darauf entdecken wir noch so manch andere Gemeinsamkeiten. Darunter auch jene, zufällig dieselbe Universität zu besuchen, ohne uns bisher begegnet zu sein. Wir beschlossen diesen Zustand zu ändern und verabredeten uns für heute Abend. Treffpunkt: Universitätscafè, am selben Fensterplatz. 
   
   Ich seufzte abermals auf meiner einsamen Bank im Stadtpark und schenkte damit der kalten Umgebungsluft noch ein paar traurige Dunstwölkchen dazu. Dankbar vereinigten sich diese mit den dramatischen Nebeln um mich herum. 
Irgendetwas stimmte hier nicht. Er hätte mich nie absichtlich versetzt. Das spürte ich einfach. Was könnte da passiert sein?
Allein der Gedanke ließ mich erschaudern.
   »Möchtest du das wirklich wissen?«
Neben mir stand plötzlich eine Fremde, die milde lächelnd auf mich hinunter blickte. Woher sie gekommen war? Ich hatte keine Ahnung. Ich hatte sie von nirgendwo her kommen sehen. Auch war mir völlig entgangen, meine Frage laut ausgesprochen zu haben. Doch so muss es gewesen sein, woher sonst hätte sie wissen können, was mich gerade beschäftigte? 
Ich musterte die Dame misstrauisch und schätzte sie wesentlich jünger als mich selbst. In ihren dunklen Augen lag jedoch ein Glanz fortgeschrittener Weisheit. Ihre Haut schimmerte in dunklem Teint und ein dünnes Baumwolltuch in warmen, freundlichen gelben sowie orangen Tönen zierte ihr Haupt. Darunter hing ihr ein geflochtener, dicker, schwarzer Zopf über die Schultern. An ihren Ohrläppchen baumelten schwere Creolen und ihre dünnen Arme schmückten goldene Reifen. Ihr kurzes Kleid wirkte dagegen schäbig, es war verschmutzt und bereits an die hundert mal geflickt. Die schlanken Beine darunter wiesen viele Narben auf und ihre dreckigen Füße steckten in flachen Sandaletten, die ebenfalls den Eindruck machten, als fielen sie bald auseinander. 
Eigentlich hätte sie sich in diesem Aufzug hier draußen den Tod holen müssen, doch da war nicht die kleinste Erhebung auf ihrer Haut. Diese seltsame Frau erinnerte mich an eine Zigeunerin aus früheren Epochen. Sie passte so gar nicht in diese Zeit, geschweige denn, in meine Welt. 
Machte mir die Kälte der tristen Samhainnacht langsam zu schaffen? Diese These beruhigte mich etwas, änderte allerdings nichts an dem mysteriösen Bann, in den mich diese fremden Augen dennoch zogen.
   »Möchtest du nun wissen, warum dein Freund nicht gekommen ist?«
In ihrer schleppenden Stimme schwankte ein stark südländischer Akzent mit. Ich nickte abwesend. Ein wissendes Lächeln erschien auf ihren Lippen, als hätte sie auch keine andere Antwort erwartet. 
   »Nun gut«, meinte sie da und hielt plötzlich ein abgegriffenes Kartenset in ihren Händen, mischte es durch und wandte sich mir wieder zu.
   »Bereit, Vanessa?«
- Leseprobe Ende -







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