01 Ein Drehbuch für Paps, Leseprobe

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01 Ein Drehbuch für Paps, Leseprobe





Drita Kalmandi
Ein Drehbuch für Paps!

Die Hiobsbotschaft war heraus, der erste Schock äusserst präsent, die Stimmung bis zum Zerreißen angespannt, aber noch saßen alle zusammen am Frühstückstisch.
   »Du hast WAS?!«, durchbrach da Ted Nola den stummen Bann. Er konnte nicht fassen, dass ihm seine Tochter so in den Rücken gefallen war. Aber noch minder, dass Helene, seine Frau, sogar auf ihrer Seite zu stehen schien.
   »Ja, richtig“, gab Celina entschieden zurück. »Ich habe mein Betriebswirtschaftsstudium hingeschmissen, mit einem Drehbuchskript an dieser Ausschreibung teilgenommen und das Stipendium für die Theaterschule gewonnen. Nächstes Jahr soll es aufgeführt werden. Mama hat das Aufnahmeformular schon unterschrieben. Jetzt fehlt nur noch deine Unterschrift.«
   „Nein“, entgegnete Ted barsch. „Ich werde nicht dabei zusehen, wie du dein Leben für einen schier lächerlichen Traum wegwirfst. Ich dachte, wir hätten das zu genüge durchgespielt. Du wirst das Studium wieder aufnehmen, beenden, einen Job in der Firma bekommen und in meine Fußstapfen treten!“
   „Nein!“, schrie Celina. „Vergiss es! Ich werde keinen Job machen, indem es nur um Macht, Geld, Macht, Geld und nochmals Geld geht. Kulturlos und familienfeindlich ist das! Da mach ich nicht mit!«
Ted rastete aus.
   »Jetzt reichts, Celina! Ich führe ein anständiges Unternehmen, wage es nicht das noch einmal in Frage zu stellen!«
   »Pah! Von wegen anständig! Du stehst kurz davor deine Familie zu verlieren und merkst es noch nicht einmal! Wach auf! Wann kamst du nach der Arbeit zuletzt heim, als noch Licht brannte oder um mit uns zu Abend zu essen? Kennst du Mamas jüngste Gemälde schon? Wann hast du zuletzt einen Fuß in ihr Atelier gesetzt oder eine ihrer Ausstellungen besucht? Und den letzten Text von mir, hast du wann gelesen? Vor fünf Jahren, da war ich gerade dreizehn. Und ich weiß das, weil es deine Worte waren, die mich damals glauben ließen, ich hätte ein Talent dafür! Und da ich schon mal so schön in Fahrt bin – kennst du auch nur ungefähr meinen miesen Notendurchschnitt? Sollte dich der nicht interessieren, bevor du mir eine Stelle in der Firma zusagst?«
Celina legte eine Pause ein, um mal tief durchzuatmen, ehe sie zornig fortfuhr.
   »Wann hast du überhaupt zuletzt etwas gemacht, was Väter sonst tun!« 
Inzwischen standen Tränen in ihren Augen.
   »Ich soll mein Leben nicht für einen Traum wegschmeißen? Gut, dann schmeiß ich es eben für NICHTS weg! Aber ich setze keinen verdammten Fuß in deine starre Firmenwelt. Lieber warte ich bis zu meiner Volljährigkeit. Danach brauch ich dein Einverständnis für gar nichts mehr!«
Sie sprang wütend auf, hinter ihr krachte der Sessel zu Boden.
   »Ich werde dieses Studium nicht wieder aufnehmen!«
Dann schnappte sie sich ihre übergroße Tasche und stürmte aus der Küche. Kurz darauf hörte man die Haustüre zuknallen und sie war weg.
Ted wollte sofort hinterher, da verstellte ihm Helene den Weg.
   »Wage es nicht“, fauchte sie. »Du hast nicht das Recht ihre Träume zu ruinieren, nur weil du keine mehr hast! Steig von deinem hohen Ross und versuch sie wenigstens zu verstehen. Könntest zum Bespiel anfangen, zuerst mal ihr Manuskript zu lesen, bevor du das nächste Mal austickst! Vielleicht erinnerst du dich dann wieder, wie gut du selbst mal schreiben konntest«.
   »Lass das!«, schnauzte Ted sie an. 
Er hasste es, wenn sie ihn daran erinnerte. Wie Seifenblasen waren all seine Träume zerplatzt, als der Vater starb. Er hatte keine andere Wahl gehabt, als die Firma zu übernehmen.
   »Entschuldige..., Liebes«, lenkte er sofort resignierend ein. »Lass uns das bitte später besprechen, wenn ich aus der Arbeit zurück bin«.
Und so klaubte auch er seine Sachen zusammen, um sich auf den Weg zu machen. 
An der offenen Türe wandte er sich noch einmal um.
   »Das Thema ist noch nicht vom Tisch. Ich habe nur jetzt keinen Kopf dafür«, dann ging er zum Wagen.
   »Dann hoffen wir mal, dass du es heute besser bis zum Abendessen schaffst und nicht erst, wenn wir vor dem Scheidungsrichter stehen«, versetzte Helene da.
Schon knallte auch hinter ihm die Türe ins Schloss.
Ted fluchte lautstark, drauf und dran nun gegen die Fahrertür seines Wagens zu treten.
Zum Teufel! Er hasste es, so den Tag zu beginnen.
Schlechtgelaunt fuhr er los.
Als er eine halbe Stunde später aus dem Wagen stieg, wollte er die Firma wie üblich durch den hinteren Eingang betreten. Da stellte er ärgerlich fest, im morgendlichen Tumult den Schlüssel dazu vergessen zu haben.
Ihm blieb also nichts anderes übrig, als den Haupteingang zu benutzen, wofür er zuerst das gesamte Firmengebäude umrunden musste.
Als er den ersten Fuß auf den Gehsteig setzte, befiel ihn jedoch ein merkwürdiger Schwindel. 
Plötzlich fand er sich inmitten einer heiter vor sich hinkichernden Schülertraube wieder, die ihn beinahe niedergerannt hätte.
   »Habt ihr keine Augen im Kopf!«, schimpfte er gereizt.
Doch keiner würdigte ihn eines Blickes.
Irritiert blickte er den Jugendlichen hinterher, da erkannte er schockiert, wie verändert mit einem Mal alles war.
Die sonst stark befahrene Straße bot sich autoleer dar, stattdessen tummelten sich massenhaft Fußgänger darauf und 
auf den Gehsteigen hatten Märkte Stellung bezogen.
Lächelnde Verkäufer unterhielten sich vergnüglich mit ihren Kunden und von der gegenüberliegenden Straßenseite, schlug Ted auch noch eine Duftwolke aromatischer Zuckerstangen, kandierter Früchte, gebratener Nüsse und frischem Süßgebäck entgegen. Wo sich tags zuvor noch ein riesiges Industriegelände aus verdreckten Stahlbetonplatten befunden hatte und stinkende Industrie, übelriechende Abwasser sowie giftige Abgase die Luft verpesteten, schien über Nacht eine riesige Grünanlage emporgewachsen zu sein. Eng nebeneinander gewachsene Laubbäume säumten hübsche Spazierwege. Kindergekicher, fröhliches Vogelgezwitscher und lebhaftes Hundegebell schwirrte durch die Luft. Da waren sogar schwebende Mary Poppins-Gestalten, die mit Regenschirmen umher surrten, lauter Roger Rabbits, die Betty Boop anhimmelten und eine My fair Lady, die die grün grünenden, blühenden Blüten Spaniens besang. Indessen blickten sogar mehrere rocklockige Annies, abgöttisch bewundernd zu ihren millionenschweren Adoptivpapas auf. Sprachlos fiel Teds Blick auch auf mehrere Opern-Phantome, die sich gerade abmühten, ihre Lieblingsgesangstalente in eine Welt der Finsternis hinab zu locken, während bodygepaintete Na‘vi, phantastische Messen unter dem größten aller Bäume begingen.
   »Was ... zum ... soll ...? ... zum Henker ist ...?«, er stand kurz davor, völlig überzuschnappen.
Da wandte er sich, einer seltsamen Eingebung folgend, nun auch dem Haupteingang seiner Firma zu und erstarrte. 
Denn da war keine Firma mehr.
 - Leseprobe Ende -



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