05 Mysteryrausch ( Mini-Anthologie Reihe)

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05 Mysteryrausch ( Mini-Anthologie Reihe)





zwei mysteriöse Ereignisse, zwei Gedichte und ein bisschen schaudern


Zuletzt von Evelucas am Di 14 Feb 2017 - 16:30 bearbeitet; insgesamt 11-mal bearbeitet

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05 Mysteryrausch ( Mini-Anthologie Reihe) :: Kommentare

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Beitrag am So 20 Aug 2017 - 17:00 von Evelucas


Agnete C.Greeley
Nichts Böses – Nur Halloween

Der Oktober des Jahres 2003 hatte es in sich. Zuerst einmal kam der Schnee, wohl proportioniert und garantiert direkt aus Alaska. Es war saukalt, und ich war heilfroh, dass ich die schneematschige Stadt samt all der mürrischen Menschen und der muffigen U-Bahn hinter mir gelassen hatte.
Glücklich betrat ich unsere Wohnung, denn ich freute mich bereits auf das Ausräuchern.
Dieses besagte Ritual kennt man womöglich von Weihnachten oder Neujahr, ich allerdings hatte mir vor Jahren schon angewöhnt, es am einunddreißigsten Oktober zu machen. Also in der Nacht zu Allerheiligen. 
Ja, genau, zu Halloween, oder besser gesagt: Samhain. 
Abergläubisch bin ich nicht wirklich, dennoch finde ich den schaurigen Aspekt einfach klasse. Der keltische Mythos, dass in dieser besagten Nacht der Schleier zwischen dem Dies- und dem Jenseits so dünn sei, dass die Geister der Ahnen zurückkehren konnten, um mit den Hinterbliebenen zu kommunizieren, gefiel mir besonders.
Ja, ich gebe es zu - ich stehe auf den gruseligen Kram.
Allerdings besagte ein Gerücht auch, dass die Seelen der im vergangenen Jahr Verstorbenen noch verwirrt auf der Erde herumirren könnten, weil sie den Weg auf die andere Seite noch nicht gefunden hatten und deshalb bei den Menschen Zuflucht suchten.
Dieser pikante Gruselmix regte meine Fantasie dazu an, an diesem Abend zu räuchern und nicht zu Weihnachten oder Neujahr. Außerdem beflügelten mich die herrlichen Kostüme der vielen Kinder, die um Süßigkeiten anstanden noch zusätzlich. Ich hatte sogar einen Spruch, den ich beim Räuchern aufsagte.
Nichts Böses kann zu uns herein.
Nur Gutes darf hier bei uns sein.
Bis zu diesem besagten Tag fand ich den wirklich gelungen und es machte mir Spaß, ihn aufzusagen.
Als ich an diesem Abend zu Bett ging, war ich also ganz zufrieden mit mir und schlief auch rasch ein. Doch irgendwann 
spätnachts schlug ich die Augen auf und da stand meine Mutter mit einem langen Nachthemd bekleidet neben mir.


Nachtleben
Evelucas

Längst waren in allen Häusern die Lichter erloschen. Unzählige Gassen in vollkommene Finsternis getaucht.
Ratten huschten umher, überquerten die verlassenen Straßen. Vereinzeltes Hundegebell schlug an und ein bisschen Katzenjammer greinte hier und da durch die Dunkelheit. 
Ein von hohem Alter gebeugter Mann, heruntergekommen, in Lumpen und oft auch sturzbesoffen, schlurfte in einer Seitengasse dicht an den Hausmauern kalter Wohnblöcke entlang. 
In dieser Nacht war er nicht besoffen, sondern leider verdammt nüchtern.
Stetig flatterte sein verklärter Blick über den alten Flachmann in seiner Hand, nur um dann aus nervösen Augen die täuschende Idylle dieser Nacht zu durchdringen. 
»Die ruhigen Nächte sind am gefährlichsten«, murmelte er zu sich selbst. 
Seit drei Tagen und Nächten, nur von kurzen Unterbrechungen begleitet, um sich auch mal kleine Verschnaufpausen zu genehmigen, schlich er auf der Suche nach Nahrhaftem durch diese unzähligen engen, schmutzigen Gassen. Auch solche von denen die meisten Leute nichts wussten.
Der alte Flachmann war sein einziges Hab und Gut. Auch sein einziger Trost, sofern dieser mit genügend Alkohol vollgetankt war. Ob nun Bier, Wein, Wodka oder sonst irgendein Fusel, war ihm relativ egal. Er nahm, was er haben konnte. 
Am wirkungsvollsten war Schnaps, viel Schnaps. Der wärmte so wunderbar von innen und ließ ihn zumindest mal für ein bis zwei Nächte geradezu ohnmächtig schlafen. Da war ihm der Hunger auch egal. 
Diese Woche war wieder eine dieser ganz miesen Verräter. 
Kein Alkohol für ihn und zu Essen auch nichts. Nur Wasser, das er sich hier und da hatte erbetteln können. Wiederholt wurde er deshalb von schmerzhaften Krämpfen geschüttelt. Seine Hände zitterten heftiger und öfter als sonst. Sein Magen protestierte gnadenlos gegen die Leere. Manchmal fühlte sich das an, als verklumpe dieser inwendig zu einem sauren Knoten. 
Doch auch der kranke Rücken und das Rheuma in seinen schwächelnden Gliedern quälten ihn mehr denn je, so ganz ohne Betäubung. 
Kam er nicht bald an etwas Essbares oder hochprozentigen Alkohol, stand es ziemlich schlecht um ihn.
Fast hätte er bei diesem Gedanken bitter gelacht.
Als ob das noch irgend Jemanden interessieren würde. 
Er verstand ja noch nicht einmal selbst, warum er an diesem erbärmlichen Dasein noch festhielt. Von welchem Nutzen war er denn noch? Welcher Mensch war jemals oder ist überhaupt von Nutzen?
»Lässt wieder mal den Philosophischen raushängen?«, sagte er da zu sich selbst und schmunzelte über sein Elend.
»Muss wohl am Alter liegen«, beschloss er dann und nahm einen kräftigen Schluck Wasser aus seinem Flachmann, während er sich den malzigen Geschmack seines genehmsten Whiskys vorstellte. 
Lange her, als er sich den zuletzt leisten konnte.
Ebenso jene Zeit, als er noch Teil dieser Kartenhausgesellschaft war. Teil dieses erbärmlichen Wolkenschlosses indem jetzt nur noch all die anderen wohnten – natürlich mit Ausnahme jener beiden, die mit ihm gemeinsam die Heimatgasse teilten. 
Zwei bis drei Quadratmeter pro Kopf, gleichmäßig aufgeteilt in Schlaf- und Essplätze. Selten das da untereinander geteilt wurde, beziehungsweise, irgendwas geteilt werden konnte. 
Auf gute Nachbarschaft sollte man bei den Beiden auch nicht zählen.
Da war Marie, die auch »dumme Elster« genannt wurde. Nicht von ihm, nur von diesem anderen Kerl. Den er selbst wiederum einfach »Nazi Alf« nannte. So ganz bei Sinnen waren die nicht. 
Marie, vermutlich schizophren – zumindest in psychologischen Fachkreisen würde man das wohl von ihr behaupten – liebte ihre sieben Sachen über alles, die allesamt wichtige Namen hatten. Es durften auch nie mehr als sieben Sachen sein. Immer wenn sie ein neues, völlig wertloses Objekt auf der Straße fand, musste eines der anderen entsorgt werden, während das neue Ding den Namen des Entsorgten erbte. Daher nannte sie der »Nazi Alf« eben auch »dumme Elster«. 
Dumm vor allem deshalb, da sie scheinbar auch nicht mehr als diese sieben Namen kannte.
Nur drei ihrer fragwürdigen Schätze wechselte sie nie aus. 
Da war dieses Pferdedings. Einst das Mundstück eines Pferdegeschirrs. 
Diesem hatte Marie den Namen Friedrich Nietzsche verpasst. 
Dann war da noch ein braunes, uraltes Apothekerfläschchen, noch halb mit einer undefinierbaren Flüssigkeit gefüllt und einem von schmutzigen Abdrücken übersäten, völlig zerfransten Aufkleber, auf dem in einer ziemlich alten Schrift »Curare« stand. 
Das hieß Immanuel Kant.
Das Dritte war ein dünnes Buch mit dem Titel »gute Gedanken, gute Reden, gute Taten«. 
Dieses wurde von Marie mit dem Namen »Zarathustra« bedacht. 
Er selbst war vermutlich der Einzige in der Heimatgasse, der sogar einen Zusammenhang zwischen diesen Sachen und den genannten Namen herstellen konnte. Allerdings hatte er keine Ahnung woher Marie diese Zusammenhänge nahm. Man wusste nicht viel über sie. Und fragte man nach ihrer Herkunft oder dem Grund, dessentwegen sie auf der Straße lebte, erhielt man zur Antwort nur wirres Zeug, wenngleich von einer gewissen Logik, die halt auch nur Marie verstand.
Doch wehe dem, der eines dieser drei für sie so wichtigen Dinge einfach an sich nahm. Da konnte Marie plötzlich richtig wild werden.
Einmal ging sie sogar mit einem Messer auf Nazi Alf los. Rammte ihm das Ding fest in den Oberschenkel. Hat ganz schön geblutet, aber zum Glück war die Fleischwunde nicht sehr tief. 
Er half Nazi Alf sogar dabei diese zu versorgen. 
Gern hat er es nicht getan. Immerhin wäre fast sein gesamter Fusel dafür draufgegangen. Und dann musste er dem Kerl währenddessen auch noch dabei zuhören, wie dieser ständig über seinen geliebten Führer quatschte, der bald schon wieder von den Toten auferstehen würde, um endlich seine Pläne zum Wiederaufbau eines germanischen Atlantis zu vollenden. 
Nazi Alf, so behauptete dieser zumindest, wäre dann Hitlers neuer Architekt um diese Welt in ein rassereines, neues Zeitalter, allein dem Arier bestimmt zu verwandeln. 
Erst als er Nazi Alf mit den schroffen Worten – »Halts Maul du Trottel, die Arier sind in Wahrheit Perser und Atlantis vermutlich nur die ideologische Antwort des antiken Platons auf Homers Ilias« – zum Schweigen brachte, wurde es wieder erträglicher.

Plötzlich störte zersplitterndes Glas die Ruhe der Nacht, der Obdachlose hielt inne, presste sich rasch an die Hausmauer am Eck einer anderen schmalen Gasse fernab der Straßenbeleuchtung. 
Eine Alarmglocke schrillte, Polizeisirenen erklangen. 
Dann blendete ihn für einen Augenblick sogar das Scheinwerferlicht eines Polizeiwagens der an ihm vorbei raste. 
Kurz darauf zerriss ein knallender Schuss die Nacht.
Der alte Mann erschrak, da ließ ihn auch noch ein stechender Schmerz in der linken Brust zusammenfahren.

- Leseprobe Ende -



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