Frèdèric

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Frèdèric

Beitrag von Evelucas am Sa 21 Nov 2015 - 16:56

Leseprobe 1

Eva von Kalm
Frédéric

Ich sah Frédéric schon von weitem, als ich den Weg zum Ufer hinunter ging. Wie immer saß er im Schatten der Weide und wartete auf mich. 
Er konnte ja auch den ganzen Tag nicht viel anderes tun, seitdem er sich vor einigen Monaten, während der Arbeit das Bein gebrochen hatte. 
Und er würde verkrüppelt bleiben, denn für Menschen wie ihn, gab es in diesem Land keine behandelnden Ärzte. 
Als er mich hörte, drehte er den Kopf und lächelte dieses umwerfende Lächeln. Als würde gerade die Sonne aufgehen. Es war ein Lächeln, von dem ich wusste, dass es nur für mich bestimmt war. Seine dunkelbraunen Augen funkelten erfreut. Doch er blieb sitzen.
Ich gesellte mich dazu, rückte ganz nah an ihn heran, küsste ihn und spürte seine kratzigen Stoppeln auf meiner Haut. 
Er hatte sich ein paar Tage nicht rasiert. 
Frédérics braungebrannte Haut, seine leuchtenden, dunklen Augen und die beinahe schwarzen Haare unterschieden sich deutlich von meiner hellen
 Haut, meinen blauen Augen und blonden Haaren. 
Ich dürfte eigentlich gar nicht hier sein. Würden meine Eltern davon erfahren, wäre die Hölle los. Na und, mir doch egal. Ich liebte ihn. Innerlich trotzend küsste ich ihn deshalb gleich nochmal.
   »Wie war es in der Schule, Chérie?«, fragte er. 
Ich schnitt eine Grimasse. 
   »So gut?«, spöttelte er. 
Ich grinste. 
   »Und wie! Wir hatten heute die erste Stunde Fortpflanzungskunde.« 
Ich ließ das Wort einfach zwischen uns stehen und durch die Luft schwingen. Er musterte mich prüfend.
Frédéric ging schon lange nicht mehr zur Schule. Ab seinem zwölften Lebensjahr war er vom Staat zur Arbeit gezwungen worden. Ich hingegen war sechzehn und hatte noch drei Jahre Schule vor mir. Ein Eignungstest würde dann darüber entscheiden, welches Studium ich danach zu absolvieren hätte, um in einem bestimmten Bereich arbeiten zu dürfen, oder zu können.
   »Fortpflanzungskunde?«, unterbrach Frédéric meine Gedanken.
Ich nickte.
   »Ja, wir wurden heute darüber aufgeklärt, wie wichtig die korrekte Fortpflanzung für den Staat sei. Wie das am Besten von statten zu gehen hat und so.« 
Immer noch sah ich große Fragezeichen in seinen dunkelbraunen Augen. Schokoladig. Hmmm. 
   »Ja, weil weißt du, dafür braucht man gar nicht mehr Mann und Frau.« 
Absichtlich strengte ich mich nicht mehr an, korrektes Deutsch zu reden. Korrekt nervt, korrekt ist Scheiße. 
Alles im Leben musste korrekt sein. Über nichts hat man zu entscheiden. Freier Wille? 
Wofür denn, den bestimmte ohnehin der Staat.
Frédéric runzelte die Stirn. 
   »Du meinst, kein Sex? Das wäre aber schade.« 
Er lachte und ich wurde ein wenig rot. 
Dabei war das alles überhaupt nicht lustig. 
   »Nein. Ich wusste es bisher nicht, ich habe nur Gerüchte gehört. Aber es ist so. Wenn wir Frauen zwanzig sind, entnehmen Sie uns Eizellen, die werden befruchtet und Leihmüttern eingesetzt. Haben wir unsere Ausbildung abgeschlossen, einige Jahre gearbeitet und geheiratet – natürlich nur unter unsresgleichen – bekommen wir vom Staat ein Baby zugewiesen. Oder zwei, drei, manchmal auch vier, je nachdem wie gut wir verdienen. Darum müssen wir uns dann kümmern.« 
   »Verstehe.« Frédéric schwieg eine Weile. »Aber immerhin hättest du dann ein Kind oder sogar mehrere.«
   »Was meinst du?«, fragte ich ihn. 
   »Wir kriegen gar keine«, erklärte er. 
Fassungslos starrte ich ihn an.

Leseprobe Ende ...



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