Frédéric (ein sehr berührendes Drama)

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240615

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Frédéric (ein sehr berührendes Drama)




Frédéric
von Eva von Kalm

Ich sah Frédéric schon von weitem, als ich den Weg zum Ufer hinunter ging. 
Wie immer saß er im Schatten der Weide und wartete auf mich. Er konnte ja auch den ganzen Tag nicht viel anderes tun, seitdem er sich vor einigen Monaten, bei der Arbeit das Bein gebrochen hatte. Und er würde verkrüppelt bleiben, denn für Menschen wie ihn, gab es in diesem Land keine behandelnden Ärzte. 
Als er mich hörte, drehte er den Kopf und lächelte dieses umwerfende Lächeln. Als würde gerade die Sonne aufgehen. Es war ein Lächeln, von dem ich wusste, dass es nur für mich bestimmt war. Dabei funkelten seine dunkelbraunen Augen. Er blieb sitzen.
Ich gesellte mich dazu, rückte ganz nah an ihn heran, küsste ihn und spürte auch die kratzigen Stoppeln auf seiner Haut. Er hatte sich ein paar Tage nicht rasiert. 
Frédérics braungebrannte Haut, seine leuchtenden, dunklen Augen und die beinahe schwarzen Haare unterschieden sich deutlich von meiner hellen Haut, meinen blauen Augen und blonden Haaren. 
Ich dürfte eigentlich gar nicht hier sein. Würden meine Eltern davon erfahren, wäre die Hölle los. 
Na und, mir doch egal. Ich liebte ihn. 
Innerlich trotzend küsste ich ihn deshalb gleich nochmal.
"Wie war es in der Schule, chérie?", fragte er. 
Ich schnitt eine Grimasse. 
"So gut?", spöttelte er. 
Ich grinste. 
"Und wie! Wir hatten heute die erste Stunde Fortpflanzungskunde." 
Ich ließ das Wort einfach zwischen uns stehen und durch die Luft schwingen. Er musterte mich prüfend.
Frédéric ging schon lange nicht mehr zur Schule. Ab seinem zwölften Lebensjahr war er vom Staat schon zur Arbeit gezwungen worden. 
Ich hingegen war sechszehn und hatte noch drei Jahre Schule vor mir. 
Ein Eignungstest würde dann darüber entscheiden, welches Studium ich danach zu absolvieren hätte, um in einem bestimmten Bereich arbeiten zu dürfen, oder zu können.
"Fortpflanzungskunde?", unterbrach Frédéric meine Gedanken. 
Ich nickte.
"Ja wir wurden heute darüber belehrt, wie wichtig die korrekte Fortpflanzung für den Staat sei. Wie das am Besten von statten zu gehen hat und so." 
Immer noch sah ich große Fragezeichen in seinen dunkelbraunen Augen. Schokoladig. Hmmm. 
"Ja, weil weißt du, dafür braucht man eigentlich gar nicht Mann und Frau." Absichtlich strengte ich mich nicht mehr an, korrektes Deutsch zu reden. 
Korrekt nervt, korrekt ist Scheiße. Alles im Leben musste korrekt sein. Und über nichts hat man zu entscheiden. Freier Wille? Wofür denn, den bestimmte ohnehin der Staat.
Frédéric runzelte die Stirn. 
"Du meinst, kein Sex? Das wäre aber schade." 
Er lachte und ich wurde ein wenig rot. 
Dabei war das alles eigentlich überhaupt nicht lustig. 
"Nein. Ich wusste es bisher nicht, ich habe nur Gerüchte gehört. Aber es ist so. Wenn wir Frauen zwanzig sind, entnehmen Sie uns Eizellen, die werden befruchtet und Leihmüttern eingesetzt. Wenn wir unsere Ausbildung abgeschlossen, einige Jahre gearbeitet haben und heiraten – natürlich nur unter unsresgleichen – bekommen wir vom Staat ein Baby zugewiesen. Oder zwei, drei, manchmal auch vier, je nachdem wie gut wir verdienen. Darum müssen wir uns dann kümmern." 
"Verstehe." Frédéric schwieg eine Weile. 
"Aber immerhin hättest du dann ein Kind oder sogar mehrere."
"Was meinst du?", fragte ich ihn. 
"Wir kriegen gar keine«, erklärte er. 
Fassungslos starrte ich ihn an.
»Was, aber ...«, ich suchte nach Worten, »... heißt das, es gibt keine Kinder unter euch?«
Frèdèric nickte traurig.
»Wo denn? In unserem Sklavenviertel? Dachtest du etwa der Staat lässt zu, dass sich unser schlechtes Blut vermehren kann? Ausländer? Fremde? Schau mich an! Dunkel, südländisch, braune Augen. Ich und meinesgleichen entsprechen nicht dem staatlichen Ideal«.
"Aber ...,  wieso lebst du dann?", fragte ich naiv.
Frèdèric lächelte traurig, kopfschüttelnd.
"Meine Eltern bekamen mich verbotener Weise. Haben mich versteckt. Doch als ich acht war, spürten sie uns auf.« Er schluckte. »Und dann ...", er redete nicht weiter. 
Das war auch gar nicht nötig. Ich verstand auch so. Mein Magen zog sich zusammen. Natürlich sprach man darüber nicht offen mit meiner Generation. Doch ich hatte schon Gespräche über Ausländerverfolgungen belauscht und mir heimlich Bilder davon angesehen. Ich wusste, wie diese Menschen gejagt und abgeschlachtet worden waren. Ich dachte aber auch, dass solche Zeiten längst hinter uns lägen. Dumm. Wie konnte ich nur so dumm sein?
"Wir müssen fliehen, Frédéric. Ich weiß, ich kann kein Französisch, aber du kannst es. Lass uns über die Grenze fliehen. Lass uns untertauchen. Ich liebe dich. Ich will mit dir zusammen sein." 
Er sah mich an. 
"Ma chérie." Zärtlich strich er mir über die Haare. "Wie soll das gehen?"  
"Ich nehme das Auto von meinen Eltern. Es ist von hier aus ja nicht weit bis zur Grenze. Wir treffen uns hier. Um Mitternacht."
"Und die Ausgangssperre? Wie willst du denn nachts aus dem Haus kommen. Und deine Eltern ..." 
Wieder beendete er den Satz nicht, und wieder war das auch nicht nötig. Ich sprang auf, ging ein paar Schritte und übergab mich. 
Sie waren nicht meine Eltern. Oder vielleicht ja doch. Aber wer wusste das schon? Ich war ihnen nur zugeteilt worden, wie meine kleine Schwester. Die gar nicht meine Schwester war. Alles nur für die »gute Rasse«?
Ich versuchte, mich wieder zu beruhigen. Dann kehrte ich zu Frèdèric zurück und zwang mich zu lächeln.
"Wir schaffen das. Ich hole dich hier raus und wir werden ein Leben haben!"
Ich küsste ihn zum Abschied und ging. 
Es wurde Zeit und ich wollte keine Aufmerksamkeit auf mich lenken, heute schon gar nicht. 
Frédéric hatte keinen, zu dem er gehen konnte. Er hatte nur ein Zimmer mit einer Pritsche, so erzählte er es mir irgendwann .
Da waren wir noch nicht lange zusammen. 
Dass wir uns überhaupt kennenlernten, war purer Zufall gewesen. 
Eines Abends schlich ich mich heimlich von zu Hause weg und zu unserem Baum. Damals war das noch gar nicht unser Baum, dazu wurde er erst in dieser Nacht. Denn dort unter diesem Baum hatte Frédéric gesessen, mit gebrochenem Bein und schmerzverzerrtem Gesicht. Ich war zu ihm gegangen und sah zum ersten Mal solche braunen Augen aus der Nähe.
Von einer Sekunde auf die andere, war ich ihm verfallen. Bald trafen wir uns dort regelmäßig.
Unter diesem Baum verliebten wir uns, dort fuhr ich ihm zum ersten Mal fasziniert durch seine schwarzen Haare und dort küssten wir uns auch zum ersten Mal. Es hatte beinahe etwas schicksalhaftes, dass wir genau von hier aus, dieses Land, und unser altes Leben auch hinter uns lassen würden.
Das Abendessen ging gut rum. Alles problemlos, keiner bemerkte etwas. 
Doch bevor ich schlafen ging, huschte ich noch zu meiner kleinen Schwester ins Zimmer, küsste sie auf die Stirn und wünschte ihr im Stillen noch ein paar Jahre unbeschwerte, schöne Kindheit. Sie hatte es noch gut, musste auf nichts verzichten und wusste noch nichts von den Ungerechtigkeiten dieser Welt. Sie wusste ja noch nicht einmal, dass es außer unserem Staat noch andere Länder gab. Sie war noch behütet. 
Ich umarmte sie und sie hielt mich ganz fest, als wüsste sie plötzlich, dass sie mich für sehr lange Zeit nicht mehr sehen würde, wenn nicht sogar für immer.
Auch meinen Eltern wünschte ich noch eine gute Nacht, als diese bei mir ins Zimmer schauten, um sicherzugehen, dass auch ich ebenfalls schlafen gegangen war. 

Meine Eltern, dass ich nicht lache. 

Eltern von irgendwem vielleicht. Oder auch nicht, sofern deren Eizellen nicht überlebt hatten. 
Ob sie mich überhaupt liebten wie ihr eigenes Kind? Ich konnte es mir nicht vorstellen und blieb wach, brachte vor Aufregung sowieso kein Auge zu. 
Erst als alles still geworden war, stand ich wieder auf. 
Ich brauchte keine Sachen, ich wollte nichts mehr von hier und mein Geld konnte ich im Ausland ohnehin nicht gebrauchen.
Unser Staat hatte sich von »allen anderen«, komplett abgegrenzt.
Und so nahm ich nur ein Bild von meiner »mutmaßlichen« Schwester mit. Sie war noch klein, sie konnte nichts dafür.
Ich klaute noch die Autoschlüssel und ging.
Nur gut, dass Elektroautos nicht viel Lärm machten. Ich stieg ein und fuhr los, bis hierhin kein Problem. 
Die Nachtwächter sah ich schon von weitem, doch ohne Licht sahen die mich nicht. Zum Glück. 
Ich wartete, bis die ihre Patrouille weiterfuhren, und kam unbemerkt an ihnen vorbei, bis zum See, in dessen Nähe auch unser Baum stand. 
Doch ich konnte Frèdèric nirgends im Gras sitzen sehen. 
Hatte er sich vielleicht versteckt?
Ich stieg leicht zittrig aus dem Auto. 
Was, wenn er nicht hier war? Vielleicht war es ihm doch zu riskant? Könnte er es sich anders überlegt haben? 
Mein Frédéric, mit der weichen tiefen Stimme, immer wenn er chérie zu mir sagte.
Ich schlich lautlos weiter, doch niemand war zu sehen. 
Eine Weile wartete ich unter unserem Baum. 
Keiner da und es kam auch niemand. 

Nicht gut, meldete sich eine innere Stimme, während ich einen nervösen Blick auf meine Uhr warf. Nach Eins. 

Zu weit über dem vereinbarten Zeitpunkt. Ich wartete dennoch. 
Weitere fünf Minuten verstrichen, dann schon zehn Minuten. Nichts geschah. 
Er kam nicht.
Eine halbe Stunde später stieg ich mit einem mulmigen Gefühl wieder ins Auto und fuhr, ohne darüber nachzudenken, einfach los. 
Ich wusste, wo er wohnte, auch wenn er mir bisher immer verboten hatte, mich dorthin zu wagen. 
Ich hielt ein Stückchen außerhalb des Sklavenviertels. 
Kaum das ich ausgestiegen war, schlug mir von der Ferne schon dieser im Sklavenviertel stets vorherrschende Gestank entgegen.
Mein ungutes Gefühl vertiefte sich, ich ging trotzdem entschieden weiter. 
Nur diese Chance. Welche hatte ich sonst? Welche hatte er? 
Plötzlich erinnerte ich mich an eine Geschichte, die man mir erzählt hatte, als ich noch ein kleines Kind war. Darin war eine Spanierin erschossen worden, da sie zu krank zum arbeiten war. Nur deshalb und aus keinem anderen Grund. 
Und wenn das nun eine wahre Geschichte sein könnte? 
Dieser Gedanke erschreckte mich. Was war nur los in diesem Land?
Im Geschichtsunterricht wurde uns eine völlig andere Sichtweise dieser Geschehnisse vermittelt. 
Da brachte man uns bei, dass sich vor vielen, vielen Jahren ein Teil der Bevölkerung zusammengetan hatte, um den Staat von allem Schlechten zu säubern. Da habe man die Ausländer, die uns alle unsere Jobs wegnahmen, angeblich nur vertrieben und gegen Terroristen gekämpft um das Volk zu beschützen. Man verteidigte die guten Menschen, besiegte die Schlechten und Bösen. Beziehungsweise, hatte sie einfach ausradiert, fand ich. 
Und Jene, die dabei nicht ums Leben kamen, wurden einfach in Sklavenviertel umgesiedelt und gesammelt. Nur dort durften sie weiter "leben« und wurden dazu gezwungen, für den Staat zu arbeiten. Und wer das nicht konnte ...
Mein Herz zog sich zusammen, ich fing an zu rennen. Meine Brust schmerzte. 
Nein, das durfte nicht sein, nicht heute. Nein, ich würde ihn da jetzt rausholen. Ihn retten, mit ihm fliehen und bald ein gemeinsames, sorgenloses und friedliches Leben führen. Wir würden gemeinsame Kinder haben, jede Menge Kinder, und für Frèdèric einen Arzt finden, der auch ihn behandeln würde oder ihm zumindest etwas gegen die Schmerzen geben konnte. 
Bestimmt gäbe es dann auch wieder eine Arbeit für ihn. Er war so unglaublich musikalisch, vielleicht konnte er Geige spielen, oder was immer er wollte. 
Ich rannte und rannte, blind vor Tränen, bis ich ausser Atem endlich das große Haus erreichte, in dem er sein Zimmer hatte. 
Oder sollte ich sagen, seinen Pferch? Was war dieses Zimmer schon anderes.
Doch dann erstarrte ich, abrupt, mitten in der Bewegung. 
Nicht mehr nötig, den leblosen grauen Kasten zu betreten. 
Ich hatte Fèdèric gefunden. 
Mein rechter Fuß stand in derselben Blutlache, in der auch er,unweit von mir lag.  Ich bekam keine Luft mehr, mein Brustkorb zog sich krampfend zusammen. Ich drohte zu ersticken. An diesem Schmerz.  
Innerlich schreiend fiel ich direkt vor ihm auf die Knie.
»Nein, nicht doch«, flüsterte ich tränenerstickt. Oder dachte ich es nur?
Mit zitternden Fingern strich ich über seine schönen, schwarzen, nun blutverkrusteten Haare und fühlte das Loch in seinem Kopf. 
Kopfschuss, man hatte ihn einfach hingerichtet. 
Keine zehn Meter weit, war er auf seinen Weg in die Freiheit gekommen. Stattdessen lag er nun hier, seine schönen Augen leblos, kein Strahlen. Kein Lächeln mehr, als würde die Sonne aufgehen. 
Ich küsste ihn und verharrte noch eine Weile. 
Dann, endlich, stand ich auf, wandte mich ab und hinterließ blutige Fußspuren auf meinem Weg zum Auto. 
Ich stieg ein, fuhr los. Konnte nichts denken, kaum atmen, sah nicht klar und wollte nichts mehr fühlen. Ich fuhr und fuhr, wie betäubt. 
Keiner verfolgte mich. 
Ich war allein, erreichte die Grenze und raste einfach durch. 
Als wäre das ganz normal. 
Die Grenzwachen schossen auf mein Auto, ich raste weiter. 
Dann war ich drüber, hörte weitere Schüsse, direkt neben mir, und sah französische Soldaten, die jetzt mein Auto verteidigten. 
Ich hatte es geschafft, war tatsächlich auf der anderen Seite. 
Benommen stieg ich aus dem Wagen, blickte innerlich erstarrt durch einen Zaun zurück in jenes Land, aus dem ich gekommen war. Das Land, in dem auch mein Herz zurückgeblieben ist. 
Eines Tages würde ich dorthin zurückkehren, kämpfend, rächend und alles verändernd.
Für ihn, Frédéric. Für seinesgleichen und für meine kleine Schwester.
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Beitrag am Di 7 März 2017 - 13:57 von Evelucas

Sodala, ich wollte einfach, dass diese Story jetzt auch mal hier präsentiert wird. Daher hab ich eben jetzt dafür gesorgt. Ich hoffe das ist auch wirklich in Ordnung für dich, Adaira. Gesprochen haben wir ja schon mal darüber.

GLG. Evelucas

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Beitrag am Di 7 März 2017 - 14:52 von SchreibElan Lektorat

Oh wie schön, auch dieses tragisch liebevolle Werk jetzt hier zu entdecken. Das war aber auch wirklich höchste Zeit. Und die Monatsstories sowie all die anderen Texte die schon in unserem Bereich stehen und auf unseren Rotstift warten, haben wir dann hoffentlich auch bald fertig.

Liebe Grüße,
eure Anonyminas (die schon wirklich sehr lange nicht mehr hier waren und sich nach vielerlei getätigten Umstellungen unserer fleißigen Admins, jetzt auch erst wieder hier etwas einlesen müssen. Wink )

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